"Natürlich habe ich noch viele Chancen..."

Wiedergeburt und andere Hoffnungen über den Tod hinaus - und was sie bedeuten

Vortrag für philoSOPHIA , Philippshaus Marburg, 16. 7. 1998

Uwe Kühneweg

1 Vorbemerkung

Der Titel meines Vortrages steht in Anführungszeichen. Es handelt sich um eine Äußerung einer Realschülerin (ich meine, mich zu erinnern, der 9. Klasse), die mir vor einigen Jahren in einem Unterrichtszusammenhang begegnete, in dem es um Tod und Jenseits ging. "Natürlich habe ich noch viele Chancen, denn selbstverständlich werde ich noch viele Male, immer wieder geboren werden, neue Leben haben." Das war keine isolierte Sondermeinung, sondern sie fand breite Zustimmung in der Klasse. Seither bin ich dieser festen Gewißheit der Wiedergeburt bei Jugendlichen und auch Erwachsenen immer häufiger begegnet und habe mich auch, als Theologe, intensiver mit dieser und anderen Jenseitserwartungen beschäftigt, so in diesem Semester in einer Übung am Fachbereich Theologie hier in Marburg.

Im folgenden möchte ich das Feld alter und neuer Jenseitsvorstellungen abschreiten, dabei besonders auf die Lehre von der Reinkarnation eingehen. Dabei sollen Grenzziehungen versucht werden. Es geht also um die Klärung von Vorstellungen und um die Bestimmung ihrer Verhältnisse zueinander.

In meinem Vortrag behandle ich Jenseitsvorstellungen und Hoffnungen über den Tod hinaus als menschliche Strategien der Sinnstiftung, des Trostes und der Bewältigung des Todes. Die Frage nach dem möglichen realen Anhalt der einen oder anderen Vorstellung lasse ich unberührt, wohl wissend um die Grenzen unserer Vernunft. Wenn ich nach ihrer Bedeutung frage, so meine ich damit ihren Sinngehalt und das, was die Zustimmung zu diesen Vorstellungen bedeutet.

 

2 Hinführung: Der Tod als Menschheitsfrage

Es handelt sich um ein Thema auf der Grenze, und das in mehrfacher Hinsicht: Die Frage nach einer Zukunft jenseits des Todes gehört, wenigstens in der Gegenwart, nicht mehr zu den Fragen, mit denen die Philosophie als Wissenschaft sich befaßt. Schauen wir in die Geschichte der Philosophie zurück, so wird aber schnell deutlich, daß traditionellerweise die Frage nach dem Jenseits durchaus zu den klassischen philosophischen Themen gehörte. Heute freilich liegt die Frage nach dem, was uns nach dem Tod erwartet, irgendwo in einem Niemandsland zwischen Philosophie, Theologie, Religion, Parapsychologie. Streng genommen ist die Frage ausgeschieden aus dem Fragehorizont der Wissenschaft, der Philosophie, aus dem der Naturwissenschaft ganz und gar.

Das liegt nun zweifellos an ihrem inneren Grenzcharakter: Die Frage nach dem, was jenseits des Todes liegt, das Nachdenken darüber, ob es eine nachtodliche Zukunft für den Menschen gibt, entzieht sich nach verbreiteter Auffassung (die freilich Okkultisten, Spiritisten und viele Esoteriker nicht teilen) aller möglichen Erfahrung. Trotzdem ist aber das Jenseits lange Zeit ein Thema der abendländischen Philosophie gewesen (dem man sich nur durch Schließen und Spekulation annähern konnte). Für die moderne Philosophie (in ihren meisten Ausprägungen) und die Naturwissenschaft ist aber die Frage nicht mehr sinnvoll zu bearbeiten.

Anders steht es im Bereich der Religion: In nahezu allen Religionen gibt es Antworten auf die Frage nach dem Jenseits, die Erkenntnisquelle ist dabei - allgemein gesagt - göttliche Offenbarung. Dabei sind die Aussagen von sehr unterschiedlicher Deutlichkeit. Unter den drei großen monotheistischen Religionen westlichen Zuschnitts sind die Jenseitserwartungen des Islam und die des Christentums am klarsten. (Anders verhält es sich im Judentum.)

Die Kultur Europas (und auch die Philosophie) ist durch viele Jahrhunderte geprägt gewesen durch das Christentum (in seinen vielen Gestalten und Erscheinungsformen). Seit etwas mehr als zweihundert Jahren ist diese Prägung ins Wanken geraten und verschwindet mehr und mehr. Die große geistige Bewegung der Aufklärung hat im 18. Jahrhundert in der Geschichte Europas vielfältige Veränderungen ausgelöst. In der Philosophie vollzog sich mit Immanuel Kant eine Epochenwende, die das endgültige Aus der klassischen Metaphysik bedeutete: Gott, Seele und Unsterblichkeit sind seither allermeist keine Themen der Philosophie mehr.

Die Bedeutung des Christentums in Europa unterliegt im Gefolge der Aufklärung und der wissenschaftlich-technischen Entwicklungen der letzten 150 Jahre einem Erosionsprozeß, der gewöhnlich mit dem Begriff "Säkularisierung" bezeichnet wird. Die Bindekraft der Kirchen ließ und läßt wohl auch immer noch nach. Themen und Fragen des Glaubens verlieren an Bedeutung. Eine fortschreitende Diesseitsorientierung scheint die Frage dem Jenseits endgültig überflüssig zu machen.

Tatsächlich ist aber festzustellen, daß bestimmte Fragen (Die Fragen im Umkreis des menschlichen Todes gehören dazu) auch heute noch gestellt werden, aber die Antworten werden häufig nicht mehr bei Wissenschaft oder Kirchen gesucht. Hier zeigen Umfragen, daß die Bereitschaft, an ein Leben nach dem Tode zu glauben, in Westdeutschland bei über 50 % der Befragten gegeben ist. Das heißt, die Zustimmung wenigstens zur Möglichkeit der Vorstellung eines Jenseits oder einer wie immer verstandenen nachtodlichen Zukunft ist bemerkenswert hoch und nimmt sogar zu. Die Zustimmung zur Vorstellung eines "Himmels" ist übrigens tendenziell deutlich schwächer.

 

 

2.1 Der Mensch ist das Wesen, das um den eigenen Tod weiß, aber nur um das "Daß" des eigenen Sterbenmüssens.

Ein Hund

der stirbt

und der weiß

daß er stirbt

wie ein Hund

 

und der sagen kann

daß er weiß

daß er stirbt

wie ein Hund

ist ein Mensch.

 

"Definition" hat Erich Fried dieses Gedicht überschrieben. Und für Martin Heidegger ist dieses Wissen um die eigene Sterblichkeit geradezu die Definition des Menschen: Menschliches Sein ist in ausgezeichneter Weise ein Sein zum Tode.

Der Mensch weiß um seine Sterblichkeit. Aber wir wissen nichts über den eigenen Tod, bevor wir es denn erfahren haben. Was wir wissen, ist das reine "Daß" unseres Sterbenmüssens.

Was der Tod eigentlich bedeutet, ist eine bleibende Frage. Was wir beobachten können, ist der Tod der anderen. Die Feststellungen, die wir treffen können, sind - medizinisch-naturwissenschaftlich - nur negativer Art: Aufhören der Funktionen des Organismus.

Der Tod begegnet uns zunächst als der Tod der anderen. An ihrem Tod lernen wir unser eigenes Sterbenmüssen, das sich im Laufe des Lebens durch Krankheit und Abnahme der Kräfte immer mehr zur Gewißheit verfestigt.

Ich werde sterben, aber was bedeutet das? Daß der Mensch im Gedanken an den Tod nur seine eigene Nichtung denken soll, ist seit alters her als Herausforderung erlebt worden.

Wie wir Menschen ein Bewußtsein von der eigenen Sterblichkeit haben, so ist andererseits unser Denken derart strukturiert, daß es keine prinzipiellen Schranken kennt: Unser Geist ist wenigstens in dem Sinne potentiell unendlich, daß wir immer über Gegebenes hinaus fragen können. Wenn der Tod eine Grenzerfahrung und eine Grenze der Erfahrung ist, so bleibt die Frage nach dem, was hinter der Grenze liegt, doch sehr wohl möglich und wurde und wird auch gestellt.

An den Toten entzündet sich die Frage nach dem Tod als solchem und nach dem, was danach kommt: In der Betrachtung des Leichnams ist ja die negative Feststellung vom Aufhören des Lebens, soweit es mit Mitteln der Medizin meßbar ist, nicht die einzige Perspektive: Wenn wir den Leichnam betrachten, erkennen wir ja den gestorbenen Menschen durchaus wieder. Er ist es - und er ist es auch wieder nicht. Was ist mit ihm?

Zugleich stellt auch die menschliche Fähigkeit zur Erinnerung die Frage nach dem Jenseits des Todes: Die Toten, derer wir gedenken, leben in unserer Erinnerung. Leben sie nur da? Sie sind nicht mehr unter den Lebenden, aber unter den Lebenden in spezifischer Weise doch noch gegenwärtig.

Positive Deutungen des Todes ("Was ist er eigentlich?") sind prinzipiell unendlich variabel, aber natürlich nur in einer gewissen kulturellen Bandbreite. Sie sind mitbestimmt von weltanschaulich und religiösen Voraussetzungen, insbesondere auch von Antworten auf die Frage nach dem Jenseits. Wie Menschen über den Tod denken, hängt stark ab von ihren Vorstellungen über das nachtodliche Geschick.

 

 

3 Historischer Überblick

Wir werden nicht fehlgehen, wenn wir feststellen, daß Religion und die Frage nach dem nachtodlichen Schicksal von Anfang an sehr eng miteinander verknüpft waren. Die ältesten archäologisch faßbaren Zeugnisse von prähistorischer Religion sind Gräber. Paläoanthropologisch gesehen, unterscheidet eben dies den Menschen von höheren Primaten, daß er seine Toten begrub. Und nicht nur das: Schon die Menschen der Vorzeit gaben ihren Toten Grabbeigaben mit, die auf die Vorstellung eines Fortlebens im Grabe oder einer Jenseitsreise hindeuten. Kurz gesagt: Die Vorstellung vom Fortleben nach dem Tode ist die älteste erhebbare religiöse Vorstellung der Menschheit

Schon sehr früh ranken sich in den meisten Hochkulturen Mythen sich um das nachtodliche Schicksal. Und selbst eine ganz anders ausgerichtete Kultur wie die des Alten Testaments weiß um einen Aufbewahrungsort der Toten, die Scheol. Wenngleich keine eigentliche Jenseitshoffnung besteht, sind die Toten doch aufgehoben in Gottes Hand.

Ganz ähnliche Vorstellungen finden wir in den ältesten griechischen Dichtungen, etwa bei Homer: Die Toten bewohnen das Schattenreich des Hades, das noch wenig verheißungsvolle Züge trägt. Daneben gibt es aber auch erste eher paradiesische Motive wie die von den Inseln der Seligen oder den elysäischen Feldern.

Die klassische Unsterblichkeitsvorstellung treffen wir um die Mitte des ersten vorchristlichen Jahrtausends zuerst bei den Orphikern, einer der sogenannten Mysterienreligionen. Platon ist in seinem Denken von dieser Richtung stark beeinflußt, und seit dieser Zeit haben die Ideen von Seele und Unsterblichkeit einen festen Platz in der abendländischen Denkwelt bis in die Neuzeit.

"Das Bewußtsein des Gegensatzes zwischen Leib und Seele und die tiefe Überzeugung, daß die Seele göttlicher und daher unsterblicher Natur ist, läßt die Orphiker den Leib als ‘Gefängnis’ und ‘Grab’ der Seele empfinden, in das sie eines Tages aus ihrem überirdischen Dasein verbannt wurde. Daher die ethisch-religiöse Forderung des Orphizismus, die Seele von den Fesseln des Leibes zu befreien."

Bemerkenswerterweise ist also die Vorstellung der Unsterblichkeit der Seele anfangs verbunden mit dem Gedanken wiederholter Einkörperungen in Menschen- oder Tierleiber. Wiedergeburt ist also in der ältesten westlichen Fassung, ganz ähnlich den östlichen Religionen, mit dem Gedanken von Schuld und Strafe verbunden. Das letzte Ziel ist die Befreiung der Seele vom Zwang der Einkörperungen. Vieles erinnert hier an indische Religiosität. Verbindungen sind zu vermuten, historisch aber nicht sicher belegbar.

Zum anderen ist die Unsterblichkeitsvorstellung ursprünglich verbunden mit dem Motiv des Totengerichts, das auch bei Platon (wenigstens im Mythos) begegnet.

Platon kennt beide Motive, aber seine Argumente für die Unsterblichkeit der Seele (vor allem im Phaidon) haben die europäische Metaphysik eindeutig auf den Pfad der Unsterblichkeitsidee gedrängt.

Unsterblichkeit, Totengericht, Wiedergeburt: Jede einzelne dieser Vorstellungen impliziert den Begriff einer Seele, die die persönliche Identität über den Tod hinaus verbürgt und "Trägerin" der Unsterblichkeit ist im Gegensatz zum Körper, der vergeht.

Wiedergeburt schließt Unsterblichkeit ein, umgekehrt ist aber Unsterblichkeit sehr gut denkbar ohne den Gedanken an wiederholte Erdenleben.

Die christliche Auferstehungsvorstellung ist ursprünglich von anderer Art, konnte sich aber doch mit der Unsterblichkeitsidee leicht verbinden.

In neutestamentlicher Zeit hatte sich im Judentum, wohl unter persischem Einfluß, eine Hoffnung auf Totenauferstehung schon fast allgemein durchgesetzt. Die Auferstehungshoffnung wird in den Evangelien nur von den Sadduzäern bestritten, ist ansonsten kein besonderes Thema, auch nicht in Jesu Verkündigung. Christlicher Auferstehungsglaube rechnet ursprünglich nicht mit einer unsterblichen Seele, sondern sieht die Auferstehung (bzw. Auferweckung) der Toten als ein schöpferisches Handeln Gottes, dem allein Unsterblichkeit zukommt. Die Idee einer unsterblichen Seele, die quasi natürlich die menschliche Identität über die Grenze des Todes hinaus bewahrt, ist dem ältesten Christentum fremd.

Schon sehr früh, seit dem 2. Jahrhundert bedient sich aber die Theologie der Ausdrucks- und Denkweisen des Platonismus, und so verschmilzt bald die christliche Auferstehungshoffnung mit der Idee einer unsterblichen Seele, die aber von Gott für dieses eine Menschenleben geschaffen und nicht etwa präexistent ist. In der christlichen Fassung gleicht also die Unsterblichkeit der Seele (mathematisch gesprochen) einem Strahl, nicht einer Geraden.

In der jüngeren Theologiegeschichte, vor allem der evangelischen Theologie (heute aber auch in der katholischen) ist diese platonische Überfremdung der Lehre von den letzten Dingen erkannt. Auch der Begriff der unsterblichen Seele ist fragwürdig geworden.

Die alte Lehre von der Wiedergeburt hatte im kirchlich-christlich geprägten Hauptstrom des abendländischen Denkens keinen Ort. Sie begegnet bei dem großen alexandrinischen Theologen Origenes, der nicht zuletzt um dieser Idee willen im 6. Jahrhundert von der Kirche verurteilt wurde. "Die Vorstellung von der Reinkarnation war bis über die Mitte des 20. Jahrhunderts hinaus im Kulturraum Westeuropas und Nordamerikas eine Randerscheinung." Wie Umfragen belegen, verbreitet sich die Erwartung der Reinkarnation in den westlichen Industrienationen in den letzten Jahrzehnten immer stärker. Tatsächlich hat sie aber eine abendländische Vorgeschichte, auf die ich im folgenden zunächst kurz eingehen möchte.

Gotthold Ephraim Lessing entwickelt am Ende seiner kleinen Schrift "Die Erziehung des Menschengeschlechts" den Gedanken der Reinkarnation: "Aber warum könnte jeder einzelne Mensch auch nicht mehr als einmal auf dieser Welt vorhanden gewesen sein?" [§ 94] Die Leitidee ist dabei diejenige der göttlichen Pädagogik: "Warum sollte ich nicht so oft wiederkommen, als ich neue Kenntnisse, neue Fertigkeiten zu erlangen geschickt bin?" [§ 98] Lessing sieht den Einzelnen, wie das ganze Menschengeschlecht, auf dem Weg zur Vollkommenheit. Darum ergibt sich ihm der Wiedergeburtsgedanke mit denkerischer Notwendigkeit aus dem Paradigma der Entwicklung zur Vollkommenheit. Lessings - mehr angedeutete als ausgeführte - Ideen zur Wiedergeburt stehen beispielhaft für eine Entwicklungslinie der Reinkarnationsvorstellung, gewissermaßen für den moderneren "westlichen" Typus: Das wiederholte Erdenleben (nun immer als Mensch) wird hier nicht als Strafe, sondern als Chance gesehen.

Während den östlichen Religionen die Wiedergeburt unter dem Karma-Aspekt von Schuld und Strafe gedeutet wird und das letzte Ziel die Erlösung aus dem Rad der Wiedergeburten (das Eingehen ins Nirwana) ist, reformuliert Lessing die Reinkarnationsidee im Sinne einer humanistischen Pädagogik.

Was ist eigentlich so anziehend am Gedanken der Wiedergeburt? Was spricht für die Annahme der Reinkarnation, was dagegen? Hören wir einen Zeugen aus älterer Zeit, Johann Peter Hebel, der in einem Entwurf mit dem Titel "Haben wir schon einmal gelebt?" das Für und Wider gegeneinander abwägt:

"Das Leben ist so süß, und doch so beschränkt. Wir hoffen ein zweites. – Haben wir vielleicht auch schon ein früheres gehabt?

 

1.

Gründe für die Verneinung

 

1) Wir haben gar keine Ursache es anzunehmen.

Keine Erinnerungen,

Zeugnisse oder

Erscheinungen, die so rätselhaft wären, daß sie einzig dadurch erklärbar würden.

2) Wir haben sogar Ursache, es zu bezweifeln. Man betrachte das neugeborene Kind und seinen Zustand, sein spät eintretendes Bewußtsein. Wie neu ihm alles! Wie mühsam das Lernen! Wie viele Fragen!

 

2.

Vermutungsgründe für die Bejahung

 

Es ist doch möglich. Hier oder anderswo. – Müssen wir für alles Erfahrung haben? – Wir hätten aus einer süßen Schale der Lethe getrunken, und es wartete auf uns eine süßere der Mneme.

Wie vieles vergessen wir aus diesem Leben!

2) Es ließen sich sogar sehr vernünftige Zwecke dabei denken:

a) Wir waren in einem unvollkommenen Zustand. Sukzessives Steigen; - die Leiter ist groß;

b) Oder in einem ähnlichen, - vielleicht höhern. – Vielseitigkeit der Erfahrungen; Weisheit ist die Frucht der Erfahrungen; aber wie wenig bietet ein Leben!

3) Und hätten wir denn so gar keine Erinnerungen oder Erscheinungen? Wir bemerken doch:

a) Leichte Entwickelungen, gewisse Anlagen: Kunstsinn, Musik, Mechanik. Wie, wenn wir diese Fertigkeiten schon einmal besessen hätten?

b) Gedächtnis für manches.

Wie, wenn es Erinnerung wäre? Was ist schwerer zu erlernen als eine Sprache? Und das Kind lernt sie!

c) Vorherrschende Neigungen von Kindheit an.

Haben wir sie vielleicht mitgebracht?

d) Unerklärbare Sympathie. Vorliebe für die Geschichte einzelner Zeitalter, Männer, Gegenden.

Sind wir vielleicht einmal dagewesen und mit jenen in Verbindung gestanden?

e) Leichtigkeit des Sterbens und schwärmerisches Sehnen des Jünglings nach dem Tode.

Ist es ein Heimweh, das in dem Busen des Mannes die Zeit geheilt hat?

Es ist wahr, dies alles läßt sich auch sonst anders erklären. Körperliche Beschaffenheiten; - Blutmischungen; - Gehirnbau; - Erziehungen; - erste dunkle Eindrücke. – Der Mensch ist sich in so vieler Hinsicht ein Geheimnis. Aber

4) der Gedanke ist doch so anziehend, so einladend zu süßen Phantasien.

Zum Beispiel: Ich lebte schon zur Zeit der Mammute, - der Patriarchen, - war arkadischer Hirte, - griechischer Abenteurer, - Genosse der Hermannsschlacht, - half Jerusalem erobern.

Ich habe mit meinen Freunden schon ein Leben und seine Freuden und Leiden geteilt.

Oder: ich bin ein angesessener Bürger des Sirius auf Reisen, dort wohl bekannt und sehnlich erwartet.

Wenn ich dereinst den goldenen Becher der Mneme getrunken habe, wenn ich sie vollendet habe, so viele Wanderungen, wenn ich mein Ich gerettet habe aus so vielen Gestalten und Verhältnissen, - mit ihren Freuden und Leiden vertraut, - gereinigt in beiden, - welche Erinnerungen, - welche Genüsse – welcher Gewinn!"

 

Im 19. Jahrhundert wird das Reinkarnationsthema unter verschiedenen Aspekten aufgegriffen. Goethe pflegt gelegentlich den Gedanken an wiederholte Leben unter dem Aspekt einer gewissen Daseinsvergewisserung: Er kann schicksalhafte Wahlverwandtschaften erklären, hilft also, die Kontingenz des eigenen Lebens besser zu deuten. Auch dieses Motiv spielt in der Gegenwart eine Rolle.

Arthur Schopenhauer hat sicher dazu beigetragen, den Gedanken der Reinkarnation einem breiteren Publikum näherzubringen. Er ist bei ihm allerdings merkwürdig gebrochen, insofern er nur eine Reinkarnation ohne persönliche Kontinuität kennt. Was sich letztlich reinkarniert, ist der Lebenswille selbst.

Das 19. Jahrhundert ist die große Zeit des Spiritismus und des Okkultismus. Während die Welt von der Technik erobert und von der modernen Wissenschaft zunehmend durchforscht wird, während andererseits die traditionellen Antworten des Christentums an Kraft verlieren, wird die Frage nach dem Jenseits für viele Menschen immer reizvoller und interessanter. Ein Beispiel für viele ist Rudolf Steiner. In seiner Anthroposophie ist die Lehre von der Wiedergeburt ein integraler Bestandteil des Systems, andererseits eben auch eingebunden in ein geschlossenes Weltbild, das mit "höheren Welten" rechnet. Vom Typus her ist Steiners Auffassung der Wiedergeburt einerseits karmisch, am Gedanken von Schuld und Strafe orientiert, andererseits auch wieder pädagogisch-hoffnungsvoll: Jede Wiedergeburt ist eine Chance zu weiterem spirituellem Wachstum.

 

 

4 Wandlungen im Todesverständnis der Gegenwart

Die Gegenwartslage ist in Bezug auf das Problem des Todes einerseits bestimmt von einer Reduktion des Diskurses.

Philosophisch ist die Behandlung des Todesproblems im nachmetaphysischen Zeitalter stark reduziert. "Vor Heidegger hatte auch die philosophische Thanatologie die Hoffnung auf eine Unsterblichkeit noch bewahrt. Mit Heidegger ist sie preisgegeben. Und seit Heidegger ist sie mit Mitteln der Philosophie nicht mehr zu restaurieren."

Im Reden der christlichen Kirchen über die Fragen der Eschatologie macht sich eine bemerkenswerte Sprach- und Bildlosigkeit bemerkbar. Die traditionell stark ausgemalten Jenseitsvorstellungen sind völlig zurückgetreten. Als Beispiel für viele sei der Schweizer Theologe Heinrich Ott zitiert, der für sich persönlich formuliert: "Ich werde nach dem Tode nicht nichts sein. Was ich sein werde, weiß ich nicht. Aber mein Sein wird eine Vollendung meines (jetzigen) Verhältnisses zu Gott (...) sein." Es ist leicht einzusehen, daß eine solche abstrakte Sprechweise keine Antwort ist, die eine religiöse Neugier irgendwie befriedigen wollte oder könnte.

Die Soziologie hat lange angenommen, mit der Veränderung der Sterbekultur (Menschen sterben nicht mehr zu Hause, sondern in Institutionen: Krankenhäusern, Heimen usw.) und im Gefolge der Säkularisierung werde das Problem des Todes und der Sterblichkeit in den modernen Industriegesellschaften immer mehr verdrängt.

Diese Verdrängungshypothese scheint den Befund aber tatsächlich nicht mehr zu treffen und wird immer weniger vertreten.

Tatsächlich zeigt sich ein neues Interesse am Thema Tod, freilich verlagert auf die Probleme der Trauerarbeit, des Umgangs mit den Toten usw. Aber im vermehrten Umgehen mit dem Thema Tod begegnen auch alte und neue Deutungsmuster, bei denen auffällt, daß sie immer weniger mitbestimmt sind durch bestimmte Milieus und Familienmentalitäten, sondern zunehmend privatisiert und individualisiert auftreten. Wie ich mich zum Tode verhalte, ist meine Privatsache.

Aufgrund der Universalität des Todes ist grundsätzlich jeder Mensch zu einer Deutung herausgefordert. Vorsichtiger gesagt: Jeder Mensch verhält sich immer schon in bestimmter Weise zum Tod und zum eigenen Sterben. Selbst ein bewußtes Nicht-Verhalten (z. B. im Sinne einer Verweigerung der Stellungnahme, einer Verdrängung der Frage, einer rein materialistischen Betrachtung oder einer Deutung der Hoffnungslosigkeit) ist als Ausdruck einer bestimmten Strategie im Umgang mit der Frage nach dem Tod zu begreifen. Damit ist aber nicht gesagt, daß diese Deutungen und Strategien dem betreffenden Menschen auch bewußt sind oder gar von ihm in bestimmten Worten oder Bildern ausgedrückt würden oder werden könnten.

Weit verbreitet ist die Deutung des Todes als des natürlichen Endes des Lebens ohne weitere Hoffnung: "Mit dem Tod ist alles aus." Diese Einstellung, die den Tod als biologisches Ereignis von natürlicher Notwendigkeit betrachtet, kann sich verbinden mit einem ausgeprägt naturwissenschaftlichen Denken, auch mit einem groben Materialismus. Sie begegnet freilich auch unter dem Vorzeichen des Daseinsüberdrusses, der die Vorstellung eines wie immer gearteten Jenseits als Zumutung empfindet und von sich weist. Diese natürlich-materialistische Deutung ist dann durchaus nicht im Sinne der Hoffnungslosigkeit, sondern viel mehr im Sinne einer Befreiung zu verstehen: Der Tod wird begriffen als das große Ausruhen, als Erlösung von den Sorgen und Qualen (auch den Schmerzen) des Lebens.

Eine neue Deutung des Todes begegnet in der "natürlichen Eschatologie" oder "Thanatologie", die sich insbesondere auf die Todesnähe- und Sterbeerlebnisse von Menschen stützt, die einmal klinisch tot waren und mit medizinischen Mitteln ins Leben zurückgeholt wurden (Raymond A. Moody, Elisabeth Kübler-Ross). So bemerkenswert die in dieser Literatur geschilderten Todesnähe- und Sterbeerfahrungen auch sein mögen, sind sie - wie auch Moody selbst einräumt - doch nicht geeignet, den Beweis für ein Leben nach dem Tod zu führen, denn alle befragten Personen waren ja nicht wirklich gestorben. Die weite Verbreitung der Literatur, die sich mit Todesnäheerlebnissen befaßt, ist ein deutlicher Beleg für ein zunehmendes Interesse an einer Hoffnungsperspektive über den Tod hinaus.

So wenig sich die Todesnäheerlebnisse in ein einheitliches und stimmiges Bild zusammenfassen lassen, bleibt die Nähe der Beschreibungsmuster und Bilder zur mystischen Visionsliteratur und auch zur spiritistischen Literatur bemerkenswert. Neben der Thanatologie ist auch das wiederum stärker erwachte (oder heute leichter kommunikable) Interesse an Parapsychologie und okkulten oder spiritistischen Phänomenen eine Quelle der "natürlichen Eschatologie", die mit einem Fortleben nach dem Tode rechnet. Gemeinsam sind dabei die dualistischen Tendenzen: Basieren Parapsychologie und Spiritismus fundamental auf der Vorstellung eines Fortlebens des vom Leibe getrennten Geistes, so spielt in den Sterbeerlebnissen unter anderem die Erfahrung einer Trennung der Seele vom Körper eine wichtige Rolle.

Während im Spiritismus mit unterschiedlichen nachtodlichen Schicksalen der Seelen ("der Geister") gerechnet wird, ist in vielen modernen Sterbeerfahrungsvisionen ein Universalismus der Gnade vorausgesetzt: Von dem göttlichen Licht oder dem namenlosen Lichtwesen, das die Seele in Empfang nimmt, geht bedingungslose Liebe aus. In diesem Punkt herrscht allerdings keine Übereinstimmung, es wurden auch "höllische" Sterbeerfahrungen beschrieben.

Daneben gibt es eine große Konjunktur des Wiedergeburtsgedankens.

In der modernen abendländischen Fassung gewinnt die Wiederverkörperungslehre in Verbindung mit dem Gedanken unendlicher Reifung ein positiveres, hoffnungsvolleres Profil: Die Reinkarnation der Seele ist nicht Strafe, sondern Chance zu weiterem spirituellen Wachstum. Diese Auffassung findet sich in Theosophie und Anthroposophie, aber auch in einigen abendländischen Neuoffenbarungsreligionen

In einer eher säkularisierten Variante wird die Wiederverkörperung nicht so sehr unter religiösen oder spirituellen Vorzeichen, sondern als gewissermaßen natürliche Gegebenheit betrachtet, die am ehesten als "narzistische Selbstvervielfältigung" (Werner Thiede) anzusprechen ist: "Das Leben geht immer wieder vor vorne los. Ich habe noch unendlich viele Chancen." Die Frage der Identität und der Kontinuität der Person wird dabei unterschiedlich beantwortet. "Reinkarnationstherapien" und Tranceerlebnisse konfrontieren angeblich mit Identitäten in früheren Leben, die gewissermaßen das Spektrum der Selbsterfahrung erweitern. Letztlich ist diese vulgäre Form der Reinkarnationslehre aber vor allem eine Strategie der Überspielung des Todesproblems, die auch ohne religiöse Implikationen auskommt.

 

5 Systematischer Versuch der gegenseitigen Abgrenzung der verschiedenen Jenseitserwartungen

5.1 Unsterblichkeit

Was meint Unsterblichkeit? Ein verbreitetes philosophisches Wörterbuch definiert den Begriff so: Unsterblichkeit sei "ein negativer Begriff für den positiven des ewigen Lebens, eine über das irdische Leben hinausreichende, mit der Erhaltung des Wesenskerns des Menschen verbundene Seinsweise." Die Unsterblichkeitsvorstellung ist zunächst wesentlich bestimmt vom Begriff der unsterblichen Seele. Es ist etwas in uns, das den Tod überlebt. Die Jenseitserwartung kann ganz verschieden aussehen: Ein Totengericht, vor dem Mensch zur Verantwortung gezogen wird, oder auch ein Eingehen in Gott.

Aber das ist nur die eine, von herkömmlicher Metaphysik bestimmte Art von Unsterblichkeit. Ein anderer (banalerer) Begriff von Unsterblichkeit begegnet uns in einer recht billigen Variante der Trosterzeugung: "Unsterblichkeit" durch Eingehen in die Natur oder durch Erinnerung. In diesen Vorstellungen treffen wir auf eine Unsterblichkeitsvorstellung, die ohne Seelengedanken auskommt.

Da gibt es zum einen ein unter ganz naturalistischen Vorzeichen gedachtes Eingehen in den Kosmos. Ich löse mich auf; wenn ich tot bin, geht mein Körper ein in den Kreislauf der Natur. Wenn ich gestorben bin, trage dazu bei, daß neues Leben entsteht. Gerade in diesen Varianten hat die Unsterblichkeitsvorstellung auch heute noch eine gewisse Verbreitung, selbst in Kinderbüchern (Pele und das neue Leben).

Eine andere Idee ist die der Fortdauer, vielleicht gar Verewigung durch Erinnerung: Solange man meiner gedenkt, bin ich lebendig.

 

5.2 Auferstehung

Im Gegensatz zur Unsterblichkeitsvorstellung, rechnet die alte christliche Auferstehungshoffnung, wie wir sie etwa bei Paulus antreffen, nicht damit, daß irgend etwas im Menschen aus eigener Kraft den Tod überlebt. Die erhoffte Auferstehung ist eine von Gott bewirkte Auferweckung: Eine einmalige Verwandlung. Gott allein ist der Garant der Zukunft und der Personkontinuität.

Die moderne Theologie entdeckt diese einfache alte Auferstehungsvorstellung neu. Sie kommt ohne den Gedanken einer unsterblichen Seele aus, verlegt dafür die Personkontinuität allein in das Gedächtnis Gottes. Während in Theologie und Kirche die bildhaften Jenseitsvorstellungen immer mehr verblassen oder nur noch symbolisch verstanden werden, zeigt sich andererseits eine radikale theistische Konzentration. Jenseitshoffnung begründet sich mit keiner uns Menschen innewohnenden Überlebensfähigkeit einer unsterblichen Seele, sondern allein durch und in Gott. Auferstehung ist Gnade.

So sehr der Gedanke an ein Jenseits als Ort unter dem Eindruck der naturwissenschaftlichen Weltsicht auch in der Theologie dahinschwindet, es bleibt im Christentum die eine metaphysische Voraussetzung der Existenz eines Gottes als Weltgrund und Weltgedächtnis. Auf dieser einen Voraussetzung ruht die christliche Auferstehungshoffnung. Gemessen an den traditionellen eschatologischen Bildern ist dies freilich eine für viele Menschen wenig anziehende Erwartung.

 

5.3 Reinkarnation

Grundsätzlich zu unterscheiden sind bei der Reinkarnationsvorstellung der karmische Typus und ein moderner, westlicher Typus, der eher angelehnt ist an das Paradigma von Erziehung und Entwicklung.

Beide Typen sind freilich in ihren konkreten Ausprägungen oft nicht klar voneinander abzugrenzen. Im allgemeinen wird man sagen können, daß im Gegensatz zu den östlichen Religionen das Ziel nicht das Aufhören der Kette der Wiedergeburten sondern gerade ihre unendliche Perpetuierung ist. Nicht das Eingehen in das Nirwana ist die Hauptperspektive (obwohl auch das in vielen weltanschaulichen Überbauten begegnet), sondern gerade die künftigen Geburten, sie sind nicht Grund zur Verzweiflung, sondern Quelle der Hoffnung.

Dieser grundsätzliche Unterschied zwischen westlichen und östlichen Reinkarnationslehren entspricht einem Unterschied in der Weltwahrnehmung: Tatsächlich wird ja in abendländischer Tradition das Menschenleben i. a. nicht als schweres Schicksal erlebt, sondern durchaus positiv gesehen, jedenfalls spätestens seit der Aufklärung: Leben ist nicht Leiden, sondern Chance.

Reinkarnation ist letztlich auf das Diesseits ausgerichtet: Es geht ja um neue Erdenleben. Insofern ist Reinkarnation eine Deutung des nachtodlichen Schicksals, die sich relativ gut verträgt mit einem ansonsten rational-wissenschaftlichen Weltbild.

 

5.3.1 Was ist hilfreich, tröstlich, anziehend an der Reinkarnation?

Die Reinkarnationsidee wird in der gegenwärtigen Theologie überraschend positiv beurteilt. Ich zitiere den Theologen Rüdiger Sachau: "Ein Bündel von Leistungen der Reinkarnationsvorstellungen läßt ihren Erfolg begreiflich werden. Sie vermitteln Sinn, wo dieser bedroht ist. (...) Die Ausschaltung des Zufalls durch das Karmaprinzip, ebenso wie die Ablehnung einer transzendenten Machteinwirkung, lassen das Sein in der Welt sicherer und gerechter erscheinen. Die rational erscheinenden Prinzipien von Reinkarnation und Karma fördern das Gefühl der Durchschaubarkeit kontingenter Lebenserfahrungen und erhalten das Gefühl von Autonomie und Selbstgestaltung des ‘Schicksals’."

Tatsächlich scheint der Reinkarnationsidee eine gewisse Binnenrationalität innezuwohnen. Sie kann bestimmte individuelle Fragen besser beantworten als andere weltanschauliche Modelle. Etwa in der Theodizeefrage des Individuums (Warum muß gerade mir dieses Schicksal auferlegt sein?) hat die Theologie keine probate Antwort, von der Philosophie ganz zu schweigen.

Auffallend ist die starke Individualperspektivität des Reinkarnationsgedankens. Er muß sich gar nicht mit bestimmten weltanschaulichen Überbauten verbinden, sondern bleibt oft ein ganz isoliertes Motiv innerhalb der Selbst- und Weltdeutung.

Die moderne westliche Reinkarnationsidee erweist sich als besonders anziehend, aus verschiedenen Gründen: Sie entspricht dem Grundmuster des Entwicklungsparadigmas und steigert das Prinzip des lebenslangen Lernens durch Verunendlichung.

Der Reinkarnationsgedanke kommt z. T. ohne eine deutliche Jenseitsvorstellung aus. Wenn christliche Theologie sich mit den Aussagen über die jenseitige Welt immer schwerer tut, so umgeht die Reinkarnationshoffnung das Problem, sie richtet den Blick ganz auf das (wiederholte) Diesseits.

Sie kommt dem Autonomiestreben des modernen Menschen entgegen. Er ist für sein Leben selbst verantwortlich, er ist der Natur unmittelbar. Die Reinkarnationsidee kommt ohne die Idee eines persönlichen Gottes aus, in manchen Fassungen sogar ganz ohne Gottesgedanken. "Die Lehre von der Wiedergeburt ist eine Lehre von der kosmischen Gerechtigkeit, von einem Weltsinn, der zugleich Gott ist."

Die Reinkarnationslehre scheint dem Suchen nach dem persönlichen Lebenssinn entgegenzukommen: "Wiedergeburtsvorstellungen haben wohl deshalb eine besondere Bedeutung erlangt, weil sie Antwort zu geben scheinen auf die Frage: Wer bin ich, woher komme ich? Es geht um das Leben, das eigene Leben, das individuelle Leben. Wiedergeburt heißt ja nicht nur wiedergeboren werden, sondern jetzt wiedergeboren sein."

Alle Hoffnungen über den Tod hinaus sind Strategien der Sinnstiftung, vor allem aber der Bewältigung (oder Verkleinerung) des Todesproblems. Die Frage des Realitätsgehaltes ist für die psychologische Wirkung recht unerheblich.

Für die Anhänger der Reinkarnationslehre gibt es aber für ihre Überzeugung Hinweise oder sogar Erfahrungsbeweise: Déjà-vu-Erlebnisse oder in Hypnose erlebte Regressionen in frühere Leben.

Die aus Therapieerfahrungen gespeiste Überzeugung, schon einmal oder viele Male gelebt zu haben, stärkt die Identität, macht das eigene Leben interessanter. Andererseits kann sie natürlich auch zu einer Persönlichkeitsdissoziierung beitragen.

Die Reinkarnationsvorstellung wirkt anziehend aufgrund einer gewissen Exotik: Sie findet sich in den Religionen des Ostens, gehört aber auch zum ältesten Traditionsbestand des Westens und kann sich daher einer neu suchenden synkretistischen Religiosiät, die sich an überkommenen religiösen Anschauungen nicht genügen läßt, als uralte Weisheit interessant werden. Die Verbreitung des Reinkarnationgedankens heute ist gewiß auch der informationellen Globalisierung zuzuschreiben.

"Reinkarnationsvorstellungen indizieren die ungebrochene Bedeutung der Religion, auch in der Moderne. Säkularisierung erweist sich als Produkt einer bestimmten, eingeengten Betrachtungsweise, und die Reinkarnationskonzeption ist keine Folge von Religionsverlust durch Zweckrationalität, sondern gerade eine Form der Religion unter den Voraussetzungen der herrschenden Rationalitätsstrukturen."

 

5.3.2 Zur Kritik der Reinkarnationslehre

Jenseitsvorstellungen sind in der Gegenwart kein Gegenstand eines philosophischen oder allgemeingesellschaftlichen Diskurses mehr, sondern - wie auch andere religiöse und quasireligiöse Überzeugungen - ganz und gar privatisiert. Sie haben ihren Ort in geschlossenen Gruppen, Sekten, Kirchen, in den Zeiten der wildwuchernden nichtinstitutionalisierten Religion aber auch einfach in der Privatsphäre.

Die Verbreitung esoterischer und okkulter Gedanken befriedigt ein Bedürfnis, für das die institutionalisierten Kirchen das Monopol verloren haben und mit ihren Aussagen offenbar immer weniger entsprechen können.

Der Himmel der Theologie ist leer oder verblaßt immer mehr. Die Reinkarnationshoffnung denkt Zukunft im Diesseits, wobei die Konkretion (in welchem Leben, in welchem Zeitalter?) natürlich offen bleibt. Zukunft als solche ist in unserem Zeitalter der Möglichkeit eine Hoffnungsperspektive, Zukunft als reine Möglichkeit.

Die Reinkarnationslehre ist die Hoffnung auf ewig perpetuierte Gegenwart. Insofern ist sie ein Spiegel unserer postmodernen Verfaßtheit, der es nicht mehr wirklich um ein Sinnprojekt geht, in der auch das Ganze des eigenen Lebens nur noch in der Brechung vielfältiger Rollen, Selbst- und Fremdwahrnehmungen erlebt wird. "Unsterblichkeit ist keine anzunehmende Herausforderung mehr, keine zu erfüllende Aufgabe, keine zu verdienende Belohnung. Auch ist sie kein Projekt, die [das] dem In-der-Welt-Sein einen Sinn verleiht." Das Erdenleben ist nur noch eines unter vielen, ein Bruchstück an einem individuellen Ganzen, das aber doch in der Unendlichkeit verschwimmt.

Die Reinkarnationsidee als unendliche Vervielfältigung von Gegenwart ist ein Spiegel der Welt der Reproduzierbarkeit, in der alles beliebig zu werden scheint. Insofern ist zu fragen, ob der Glauben an Wiedergeburt wirklich sinnstiftend wirkt. Daß er für seine Anhängern subjektiv eine Lösung des Problems des Todes und der Sterblichkeit darstellt, ist kaum zu bezweifeln. Sie ist freilich erkauft dadurch, daß der Tod denkerisch einfach übersprungen wird. Der Reinkarnationsglaube vermag seinen Anhängern ohne Frage eine große Gelassenheit gegenüber dem Tod zu vermitteln, möglicherweise aber auch eine gewisse Gleichgültigkeit gegenüber dem Leben. Die ethischen Konsequenzen des Wiedergeburtsglaubens sind nicht eindeutig zu fassen. Neben ernsthaftem Bemühung um Reifung (im Hinblick auf kommende Leben) läßt sich auch eine gleichgültige Gelassenheit gegenüber der Gegenwart denken.

Vielleicht liegt gerade darin die besondere Kraft, daß die Idee der Wiedergeburt in ganz verschiedenen Kontexten gedacht werden kann, daß sie nicht unbedingt eines bestimmten Überbaus bedarf.

Der ernstlich spirituell suchende Anthroposoph hängt im Prinzip der gleichen Idee an wie der arbeitslose Jugendliche, der durch den Reinkarnationsgedanken seine trostlose Gegenwart bewältigt.

 

6 Schluß

Ein Schlußgedanke: Die vorgestellten Jenseitserwartungen, so fremdartig oder seltsam sie uns im einzelnen auch erscheinen mögen, sind Zeugnisse einer produktiven Auseinandersetzung mit unserer Sterblichkeit. Auch in einer durch Naturwissenschaft und Technik geprägten Welt läßt das Problem des Todes viele, vielleicht die meisten Menschen nicht los. Das ist angesichts der These von der weitgehenden Säkularisierung der modernen Welt bemerkenswert. Es ist aber m. E. auch ein Hoffnungszeichen.

Der Tod stellt uns eine Aufgabe. Es gehört zu einem ganzen, gelingenden Leben, dieser Aufgabe nicht auszuweichen. Eine Strategie der Verdrängung des Todesproblems hat Martin Heidegger der entfremdeten Seinsweise des "Man" zugeordnet: "Was sich gemäß dem lautlosen Dekret des Man ‘gehört’, ist die gleichgültige Ruhe gegenüber der ‘Tatsache’, daß man stirbt. Die Ausbildung einer solchen ‘überlegenen’ Gleichgültigkeit entfremdet das Dasein seinem eigensten, unbezüglichen Seinkönnen."

Oder anders, mit einem alten deutschen Sprichwort, gesagt: Wer an den Tod denkt, fängt an zu leben.

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