Ein ironischer Skeptiker Decher.jpg (57478 Byte)

Gespräch mit Dr. Friedhelm Decher                                       

Jahrgang 1954, Studium der Philosophie und Germanistik, lehrt Philosophie an der Universität Siegen.

Bücher:

Wille zum Leben, Wille zur Macht, 1984        

Die Ästhetik Solgers, 1994

Bertrand Russell, 1996  

Die Signatur der Freiheit, Ethik des Selbstmords in der abendländischen Philosophie, 1999 (siehe die Rezension im Forum)

Besuch vom Mittagsdämon. Philosophie der Langeweile, 2000


Marburger Forum: Herr Decher, Sie haben bereits mehrere Bücher veröffentlicht, aber jetzt soll die Rede von der "Signatur der Freiheit" sein, Ihrer Darstellung der philosophischen Beurteilungen des Selbstmords. Wie sind sie zu diesem Thema gekommen?

Decher: Einer geläufigen Formel zufolge gilt Schopenhauer als ein Selbstmörder, der am Leben blieb - und zwar deswegen, weil es ihm gelang, die eigene Melancholie und den tief in seiner Persönlichkeitsstruktur verankerten Pessimismus in ein philosophisches Werk zu transformieren. Analog dazu könnte ein gut durchpsychologisierter Mensch von heute versucht sein zu behaupten: der Decher hat seine suizidalen Neigungen sublimiert zu einem Buch über den Selbstmord. Das jedoch wäre nicht nur arg kurzschlüssig, sondern würde auch jeder realen Grundlage entbehren.

Auch bin ich zu dem Buch - wie gelegentlich vermutet worden ist - nicht durch einen Selbstmord im Freundes- oder Bekanntenkreis inspiriert worden. Obwohl mich die Schattenseiten der menschlichen Existenz sehr interessieren, so war der Anlass, dieses Buch zu schreiben, doch eher ein "akademischer".

Mir fiel nämlich im Zuge der Beschäftigung mit zeitgenössischen Ethikkonzepten auf, dass es um das Thema Selbstmord - zumindest im deutschsprachigen Raum - in den letzten zwei Jahrzehnten eigentümlich still geworden ist. Die letzten Stimmen, die sich hierzu deutlich und unmissverständlich vernehmen ließen, stammen aus den späten siebziger Jahren (Jean Améry und Wilhelm Kamlah). Das erschien mir umso befremdlicher, als eben seit den siebziger Jahren geradezu ein Ethik-Boom zu verzeichnen ist: Zu so gut wie allen Problemen, die es in irgendeiner Weise mit Ethik zu tun haben, schwillt die Literatur mehr und mehr an - nur nicht zum Problem des Suizids. Hier lautet der Befund - von wenigen marginalen Hinweisen abgesehen - Fehlanzeige.

In der Psychologie hingegen sieht die Sachlage völlig anders aus: hier biegen sich die Regale geradezu unter der Last von Titeln, die sich mit der Motivationslage der Suizidanten und entsprechenden prophylaktischen Maßnahmen beschäftigen. Nur, wie gesagt, die ethische Problematik dieses finalen Akts wird weitgehend ausgeklammert.

Aber das war natürlich nicht immer so - gehörte doch die Frage nach der ethischen Erlaubtheit des Freitods von jeher zu den klassischen Themen der philosophischen Ethik. So nahm ich also diese Diskrepanz zum Anlass, das Problem des Selbstmords unter dem Aspekt seiner ethischen Erlaubtheit und des Wechsels von Pro und Contra im Laufe unserer abendländischen Geistesgeschichte einmal etwas näher unter die Lupe zu nehmen. Herausgekommen ist die Signatur der Freiheit - wobei klar sein dürfte, dass der Titel bereits eine These enthält.

MF: Sie sprechen davon, dass die Gegner, also diejenigen, die den Suizid ethisch verurteilen, gewisse Grundargumente verwenden. Welche sind das?

Decher: Bei meiner Durchmusterung der Argumentationsfiguren, die entweder für oder aber gegen die ethische Erlaubtheit entwickelt und zum Einsatz gebracht worden sind, kristallisierte sich recht schnell heraus, dass sich insbesondere die Plädoyers gegen die ethische Erlaubtheit des Selbstmords auf einige wenige Standardargumente zurückführen lassen. Bei diesen handelt es sich, kurz gesagt, um die folgenden: Der Selbstmörder verlässt unerlaubt seinen Platz, auf den Gott ihn gestellt hat, er verstößt gegen das Gebot der Selbsterhaltung, und er verletzt seine Pflichten gegen Gott, gegen seine Nächsten bzw. die Gesellschaft und gegen sich selbst.

MF: Halten Sie diese Argumente für triftig? Was glauben Sie steht hinter dieser vehementen Ablehnung? - Sind die Argumente der "Befürworter" für Sie philosophisch überzeugender? - Welches ist Ihre Position?

Decher: Ich möchte auf diese Fragen zusammenhängend antworten, da sie sich ja auf den einen und selben Komplex beziehen. Zunächst: Ich denke, mein Buch lässt kaum Zweifel daran, dass meine Sympathien den Befürwortern der ethischen Erlaubtheit des Selbstmords gelten. Aber da es hier ja nicht um Geschmacksfragen geht, sollte ich das vielleicht kurz begründen. Die Argumente, mit denen Denker vom Schlage etwa eines Augustinus oder Thomas von Aquin die Nichterlaubtheit des Selbstmords demonstrieren wollen, geben sich zwar den Anschein von Rationalität, im Dunkel dahinter jedoch glimmen verräterisch die grünen Augen der theologischen Katze (wie ein Freund von mir das einmal mit einem wunderschönen Bild ausgedrückt hat). Weniger metaphorisch gesprochen: Im Hintergrund der Verdammung des Selbstmords stehen religiöse Moralvorstellungen und Ansichten vom Menschen und seinem Weltbezug, die ihrerseits nicht hinterfragt, sondern als fraglos in Geltung begriffen akzeptiert werden. So gesehen haben die vorgebrachten Argumente primär den Zweck, das letztlich religiöse Interesse, das hinter der Ablehnung des Selbstmords steht, zu rationalisieren. Und genau das setzt ihre Überzeugungskraft in meinen Augen herab.

Diejenigen, die gegen die Erlaubtheit des Selbstmords mit dem Argument Stellung beziehen, derjenige, der sich umbringe, verstoße gegen das natürliche Gebot der Selbsterhaltung, verschließen meines Erachtens die Augen vor dem Sachverhalt, dass Menschen in Situationen und Lebenslagen geraten können, in denen ihnen ihre Selbsterhaltung eben nicht mehr als ‚der Güter höchster‘ erscheint, in denen, anders gesagt, der Wunsch, dass die Schmerzen, die Qualen und die Leiden endlich ein Ende haben mögen, den Wunsch nach Weiterleben bei weitem überwiegt.

Ähnlich stellt sich die Sachlage hinsichtlich des - natürlich mit Abwandlungen - u.a. von Kant, Fichte, Hegel oder Durkheim vorgebrachten Arguments dar, der Mensch dürfe sich deshalb nicht töten, weil er sich dadurch als "Person" bzw. als "Subjekt der Moralität" vernichte. Ich denke, jemand, der ernsthaft mit sich zu Rate gegangen ist und dem jegliches Weiterleben - aus welchen Gründen auch immer - sinnlos erscheint, wird sich von einem solchen Argument wohl am wenigsten von seiner Tat abhalten lassen. Und versuchsweise möchte ich die Frage aufwerfen, ob nicht letzten Endes auch hinter solchen Argumentationsfiguren eine religiös motivierte Verdammung des Selbstmords lauert. In diesem Zusammenhang verweise ich auf Schopenhauer, der diesbezüglich den Nagel auf den Kopf getroffen haben dürfte, wenn er ausführt, das Eifern gegen die Erlaubtheit der Selbsttötung habe seinen wahren Grund darin, dass der Selbstmord offensichtlich ein schlechtes Kompliment ist für den, der, wie es in der Genesis (1. Moses 1,31) heißt, gesagt hat: "Alles war sehr gut". So wäre es denn - mit Schopenhauer gesprochen - "der obligate Optimismus" monotheistischer Religionen, "welcher die Selbsttötung anklagt, um nicht von ihr angeklagt zu werden".

Und was schließlich die Ansicht anbetrifft, der Selbstmörder verstoße gegen seine Pflichten, die er gegenüber seinen Nächsten bzw. der Gesellschaft habe, so finde ich David Humes Argument recht überzeugend, demzufolge - kurz zusammengefasst - derjenige, der freiwillig aus dem Leben scheidet, der Gesellschaft durchaus keinen Schaden zufügt - im besten Fall hört er lediglich auf, ihr Gutes zu tun. Wenn das aber ein Unrecht sei, dann sei es sicherlich eins der geringsten Art.

Meiner Ansicht nach gelingt es denjenigen, die für die ethische Erlaubtheit des Selbstmords eintreten, Argumente wie die hier kurz vorgestellten zu entschärfen. Darüber hinaus entwickeln sie differenzierende Perspektiven, die es nicht nur ermöglichen, den Selbstmord als eine verstehbare Handlung zu begreifen, sondern ihn auch in einem ethisch positiven Licht erscheinen lassen. Ich denke hier beispielsweise an die Stoiker, an Hume, Schopenhauer, Améry, Kamlah und Cioran. Und um von hier aus ganz klar auf ihre fünfte Frage zu antworten: deren Überlegungen sind für mich allein schon deshalb philosophisch überzeugender, weil sie ohne religiöse bzw. theologische Prämissen und Rückversicherungen auskommen - denn wie heißt es doch einmal so schön bei Schopenhauer: Nur philosophische, nicht hingegen theologische Gründe sind von unbedingter Gültigkeit.

MF: Wenden wir uns nun vom Buch zu seinem Autor. Welche sind Ihre besonderen philosophischen Interessengebiete?

Decher: Meine Hauptarbeitsgebiete liegen in den Bereichen Anthropologie, Ethik und Ästhetik. Meine darüberhinausgehenden Interessen betreffen insbesondere die Philosophie des Geistes, die Erforschung des Bewusstseins (auch im Kontext der Hirnforschung), Politische Philosophie, Kulturphilosophie, Literatur sowie philosophische Fragen, die sich im Zusammenhang mit naturwissenschaftlichen Problemen stellen.

MF: Welche Philosophen sind für Sie besonders wichtig und warum?

Decher: Mein, wenn ich einmal so sagen darf, erster Philosoph, war Nietzsche. Ich weiß nicht mehr genau wann, aber es war in früher Jugendzeit, als mir ein in der Fischer-Bücherei erschienener, von Karl Löwith herausgegebener Nietzsche-Auswahlband in die Finger geraten ist. (Ich habe ihn heute noch, allerdings ist er in einem beklagenswerten Zustand) Ich war sofort fasziniert, in der Hauptsache von der Sprache. Vom Inhalt mag sich mir damals wohl nur wenig erschlossen haben. Durch Nietzsche wurde ich auf Schopenhauer geführt. Obwohl ich selbst alles andere sein dürfte als ein Pessimist in seinem Sinn, zog mich dieser düstere Genius mit seinen eindrucksvollen Schilderungen der finsteren Seiten des menschlichen Lebens und seinem Sarkasmus enorm in seinen Bann (und er tut es heute noch). Mit der Zeit machte die bloße Faszination einer differenzierteren Betrachtung Platz. Und so war es wohl naheliegend, dass mein erstes Buch den Zentralbegriffen dieser beiden Denker - Wille zum Leben/Wille zur Macht - nachspürte.

Im Laufe der Zeit wurde ein weiterer Denker für mich immer wichtiger, nämlich Bertrand Russell. An ihm beeindruckte mich besonders, dass sein Denken wie bei kaum einem anderen Philosophen aufs engste mit praktischem Engagement verknüpft war. Sein Leben dokumentiert eindrucksvoll, dass er sich nicht zu schade war, das, was der Philosoph in ihm auf Grund reiflicher Überlegung als richtig erkannte und für gut befand, in die Tat umzusetzen. Darüber hinaus schätze ich ihn wegen seines Humors, seiner feinen Ironie und seiner literarischen Qualitäten. Letzteres gilt gleicher Weise auch für Schopenhauer und Nietzsche. Und so konnte ich von allen dreien lernen, dass es - entgegen einer geläufigen Meinung - durchaus möglich ist, selbst schwierige Gedanken in einer literarisch ansprechenden Weise zu präsentieren.

Natürlich gibt es eine Reihe weiterer Figuren, denen ich nachhaltige Einflüsse verdanke, aber befragt, welche Philosophen für mich besonders wichtig geworden sind, so würde ich in erster Linie diese drei nennen.

MF: Welche Bilder sehen Sie gern?

Decher: Sehr zugeneigt bin ich dem Impressionismus, ferner Cézanne, Gaugin und dem "rheinischen Expressionisten" August Macke, besonders den aus seinem letzten Lebensjahr stammenden Nordafrikabildern. Ein Bild, das aus dieser Reihe jedoch ziemlich herausfällt, gehört seit langem zu meinen ganz großen Favoriten: Caravaggios "Enthauptung Johannes des Täufers" aus dem Jahr 1608. Es hängt in der Sakristei der St. John’s Co-Cathedral in Valetta/Malta. Die Sakristei ist nicht eben lichtdurchflutet - das verstärkt den düsteren Eindruck, der von diesem Bild des nackten Dramas ohnehin schon ausgeht.

MF: Welche Schriftsteller/Innen schätzen Sie?

Decher: Ich fürchte, hier muss ich mich beschränken; daher nur eine Auswahl (ohne Anspruch auf Vollständigkeit; und: die Aufzählung ist völlig willkürlich, ist also nicht im Sinne einer Rangordnung zu lesen): Djuna Barnes, Saul Bellow, T. Coraghessan Boyle, Georg Büchner, Heinrich Heine, Anthony Burgess, Dostojewski, Max Frisch, John Fowles, Peter Carey, Ken Kesey, Aldous Huxley, John Irving, Camus, Patricia Highsmith, Vladimir Nabokov, Shakespeare, Christian Morgenstern, Stanislaw Lem, Thomas Edward Lawrence, D.H. Lawrence auch, Italo Calvino, Virginia Woolf, John Updike, Gerold Späth - und all die anderen, die sich jetzt bitter beklagen werden, dass ich sie übergangen habe.

MF: Könnten Sie Ihre philosophische Grundeinstellung skizzieren (eine schwierige Frage)?

Decher: Bei einer solchen Frage ist die Versuchung groß, mit einem "ismus" zu antworten. Da ich allem widerstehen kann - außer der Versuchung -, antworte ich: am ehesten lässt sich meine philosophische Grundeinstellung vielleicht als einer Art ironischer Skeptizismus bezeichnen. Der gute alte Kant pflegte Skeptiker als Nomaden des Geistes zu bezeichnen, die jeden beständigen Anbau des Bodens vereiteln. Auch wenn da bei ihm ein Tadel mitschwingt, so ist mir der Vorwurf, ein Nomade des Geistes zu sein, gar nicht so unangenehm. Im Gegenteil! Denn solches Nomadentum eröffnet die Möglichkeit, das Für und Wider gleichmäßig zu erwägen. Und das, denke ich, schließt die Dinge eher auf als ein allzu schnell gefälltes, vermeintlich eindeutiges Urteil. Denn diese Haltung eröffnet, da sie gedankliche Umwege und Abirrungen gestattet, unerwartete Perspektiven, lässt scheinbar Selbstverständliches in oft neuem Licht erscheinen, lässt Erstaunliches an den Dingen hervortreten, das von einem Denken, das auf schnelle Gewissheiten aus ist, leicht übersehen werden kann.

Und "ironisch" nenne ich diese Einstellung, weil ich mich hierbei selbst nicht zu ernst nehme und immer wieder einmal in Distanz zu mir selber trete - schließlich wissen wir spätestens seit Plessner, dass wir Menschen Wesen "exzentrischer Positionalität" sind, dass wir, anders gesagt, über einen hinter uns liegenden Fluchtpunkt der eigenen Innerlichkeit verfügen. Und von dort aus lässt sich das, was man so alles treibt, trefflich beobachten. Und dann stellt sich immer mal wieder die Einsicht ein (die wohl ursprüngliche Wiener Herkunft sein soll): Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst.

MF: Welche philosophischen Strömungen oder Autoren/Innen der Gegenwart finden Sie besonders wichtig?

Decher: Die Kulturphilosophie Baudrillards, die "Verzweiflungsphilosophie" Ciorans (ich erlaube mir, sie so zu nennen), Ethnologie und Mythen (Lévy-Strauß), Paul Feyerabends Wissenschafts- und Philosophiekritik, die Auseinandersetzung zwischen Liberalismus (z. B. John Rawls) und Kommunitarismus, John Searles "Philosophie des Geistes" (und die ganze Debatte um die Erforschung des Bewusstseins/des Geistes im Kontext von Hirnforschung und "Naturwissenschaft des Geistes").

Vermissen Sie möglicherweise deutsche Autoren? Hat das vielleicht damit zu tun, dass die Philosophie in Deutschland zu "akademisch" ist, will sagen, dass sie bei ihrer vorrangigen Beschäftigung mit der Auslegung sogenannter klassischer Texte der Tradition in der Gefahr steht, zu bloßer Philologie zu verkommen - was die Konsequenz mit sich bringt, das von ihr wenig oder gar keine neuen Impulse ausgehen?

MF: Kann man heute ein philosophisches Leben führen, oder es versuchen?

Decher: Das ist insofern eine schwierige Frage, als ich nicht weiß, was Sie genau unter einem "philosophischen Leben" verstehen. Die diesbezüglichen Vorstellungen sind in unserer Geistesgeschichte sehr verschieden. Für Epikur etwa bestand ein philosophisches Leben in einem Leben, das sich im Verborgenen abspielte: hinter hohen Hecken, nur dem Nachdenken über eine glückliche Lebensführung gewidmet, abhold jeglicher politischer, in der Öffentlichkeit stehender Tätigkeit. Für den Platon der "Politeia" hingegen war ein philosophisches Leben in hohem Maße ein politisches und damit in der Öffentlichkeit stehendes Leben - schließlich bestand der Gipfel seiner Wünschbarkeit darin, die Philosophen möchten Könige und die Könige Philosophen sein.

Aber vielleicht dringen Sie mit Ihrer Frage auch gar nicht auf solch diffizile Überlegungen. Ich erlaube mir daher, Ihre Frage so zu verstehen: Ist ein philosophisches Leben möglich im Sinne einer Lebenskunst? Und: Kann man Philosophie so anwenden, dass man von ihr Anstöße und Anregungen erhält, wie man sein Leben selbst in die Hand nehmen kann? Darauf antworte ich: In der Antike war das möglich - und heute ist es das immer noch. Ähnlich wie ein Künstler ein Werk gestaltet, so meinte man in der Antike, kann auch der Einzelne frei sein Leben gestalten, es selbst aufbauen, ihm Form und einen selbst verantwortbaren Sinn geben. Zugleich damit kann man anderen Menschen Verhaltensregeln an die Hand geben, ihr Leben entsprechend einzurichten. Seneca, ein prominenter Vertreter einer Philosophie als Lebenskunst, hat dafür die schöne Wendung vom artifex vitae, vom Künstler des Lebens, geprägt. Jüngst hat Wilhelm Schmid versucht, Philosophie wieder als Theorie der Lebenskunst zu etablieren. Obwohl sein Versuch einer Grundlegung manches enthält, was man geneigt sein könnte als Gemeinplätze und allzu bemühte Ratschläge abzutun, erfüllt es aufs Ganze gesehen doch durchaus den Zweck, darzulegen, wie ein " philosophisches Leben " aussehen könnte. Entsprechend den Wegmarken, die sich bei Schmid finden, scheint mir auch heute ein "philosophisches Leben" durchaus möglich.

MF: Woran arbeiten Sie gerade?

Decher: Diesbezüglich stehen im Moment vor allem zwei Sachen im Zentrum. Zum einen schreibe ich zusammen mit einem Freund an einem Aufsatz, in dem es darum geht, dass und warum in der in Deutschland in den letzten zwei, drei Jahrzehnten geführten Ethik-Debatte (z. B. Hans Jonas, Karl-Otto Apel, Jürgen Habermas, Hans Krämer) das Problem des Freitods weitgehend ausgeblendet bleibt. Das ist insofern - gelinde gesagt - seltsam, als die Entwurfe von Autoren wie etwa den genannten den Anspruch erheben, praktische Philosophie für das Handeln von Menschen sein zu wollen - was konkret heißt uns Orientierungen bezüglich unseres moralischen Handelns vermitteln und Hilfestellung bei Entscheidungen geben zu wollen, die ethisch relevant sind. Und wir versuchen die Gründe für die weitgehende Ausblendung des Problems des Freitods - das ja nicht nur von eminent ethischer, sondern auch von fundamentaler existenzieller Relevanz ist - in den erwähnten (und einigen anderen) Ethik-Entwürfen aufzuspüren.

Zum zweiten bin ich an der Vorbereitung eines Sammelbandes beteiligt, in dem die Beiträge einer Tagung zu K.W.F. Solger veröffentlicht werden sollen, die im März 2000 an der Ecole Normale Supérieure in Paris stattgefunden hat und auf der ich einen Vortrag über den mystischen Grundzug der Solgerschen Philosophie gehalten habe.

Den Text dieses Gespräches als Word-Datei herunterladen