Sehen statt verstehen

Gedanken eines Besuchers der EXPO

von Uwe Kühneweg

Die Geschichte der Weltausstellungen umfaßt eineinhalb Jahrhunderte. Imperialismus, zwei Weltkriege und nicht zuletzt der Nationalsozialismus haben dazu geführt, daß die Weltausstellung des Jahres 2000 die erste auf deutschem Boden ist. Ein Ereignis? Zweifellos, und das nicht nur in den Medien. Vor allem aber auch ein Meilenstein für Deutschland, ein politischer Erfolg. Doch dieser Aspekt tritt kaum in den Vordergrund. Und vielleicht ist es gerade die Selbstverständlichkeit, die Anlaß zur Genugtuung gibt: Endlich ist Deutschland ein würdiger Gastgeber dieses unregelmäßig stattfindenden Großereignisses.

Die Weltaussstellungsidee ist aber ursprünglich eine Frucht des Imperialismus. Eine Leistungsschau der Technik und der Wissenschaft - so präsentierte sich die Weltausstellung im 19. Jahrhundert. Später zeigte sie ein anderes, friedlicheres Gesicht. Aber auch eines mit weniger scharfen Konturen. Auf einer Weltausstellung gibt es heute keine „Dicke Berta" zu sehen, aber es fehlt auch an herausragenden Symbolen. Kein Eiffelturm, kein Atomium - die Weltausstellung in Hannover zeigt viel interessante Architektur, aber vermutlich wird sich kein Gebäude der Nachwelt ins Gedächtnis einprägen, wohl auch nicht das „Fromme Tier", der walgestaltige Pavillon der evangelikalen Christen.

Ökonomisch um den Komplex der Hannover-Messe herum angelegt, zeigt sich die EXPO dem Besucher insgesamt sachlich zurückhaltend. Den ärmeren Nationen, die sich keinen eigenen Pavillon leisten können oder wollen, wird Unterschlupf in den traditionellen Messehallen geboten, um die herum sich weitere neue Hallenbauten und natürlich die eigens errichteten Pavillons der reicheren Nationen gruppieren.

Ein Besuch der EXPO ist eine Augenolympiade. Der beherrschende Eindruck nach zwei Besuchstagen ist der, daß wir aus dem Zeitalter der Schrift bereits endgültig hinausgetreten sind in die Welt der Bilder, zumal der bewegten. Kaum ein Pavillon der reicheren Länder kommt ohne aufwendige Videoshows aus, die ärmeren Nationen zeigen eher Folklore, Menschen, Basare. Eine kleine Weltreise - das ist die Weltausstellung allemal - und über weite Strecken fühlt man sich wie auf einer Tourismus-Messe. Dann aber auch wieder wie in einem Vergnügungspark. Und tatsächlich vervollständigen einige typische Jahrmarktattraktionen das EXPO-Gelände, ein „Sky-Jumper" und ein sehr altmodisches Riesenrad, das offenbar hilft, die Lücke zu schließen, die durch die Absage der Vereinigten Staaten von Amerika entstanden ist.

Deutschland präsentiert sich weltoffen. Und die Besucher geben sich international. Die disziplinierte Geduld der Besucher in den Warteschlangen ist bewundernswert. Kein böses Wort fällt, nicht einmal, wo die Wartezeit nahezu 2 Stunden beträgt, wie vor der Halle, die den verheißungsvollen Titel „Planet of Visions" trägt, aber die damit verbundenen Versprechungen kaum einlösen kann.

Fast keine Warteschlangen gibt es bei den Themenparks. Der Mensch, die Zukunft der Gesundheit - das ist alles mehr oder weniger gewollt inszeniert, aber die Zuschauer lockt es kaum.

Zeitungsberichte und Mundpropaganda lenken die Besucherströme gezielt zu bestimmten Pavillons, die ihre Vorplätze schon mit Warte-Mäandern schmücken. Die Vereinigten Arabischen Emirate („Wann kommt man sonst schon mal dahin?"), die Niederlande und Finnland zählen zu den Favoriten. (Die aktuelle Hitliste der Wartezeiten wird über kleine Displays auf dem ganzen Gelände kundgetan.) Bemerkenswert, daß manche europäischen Länder sehr gezielt Natur vorführen, mitunter etwas entfremdet (tanzende Tannen auf dem estländischen Pavillon), dann aber auch einfach originalgetreu: Die Birken im finnischen Pavillon erinnern mit ihrem intensiven Duft an die Schaubühnenaufführung von Gorkis „Sommergästen" im Jahr 1975.

Es geht um das Erlebnis, nicht um das Verstehen, um den Eindruck und das, was sich der Erinnerung einprägt: Der Wasserfall am norwegischen Pavillon, der künstliche Geysir bei den Isländern, der aus Papier erbaute Pavillon Japans.

Immerhin wird etwas von der Weite der Welt und der Verschiedenheit der Mentalitäten deutlich. Aus der vorderorientalischen Halle hinüberzuwechseln in die lateinamerikanische, das ist ein Sprung in eine andere Welt. Geographie zum Anfassen. Bilderfluten ergießen sich, Gebirge von Eindrücken begraben den Besucher. Und natürlich die Panik, ob man denn alles Sehenswerte gesehen habe für sein Geld...

Das Verstehen bleibt weithin auf der Strecke. In manchen Pavillons fallen die Erklärungen aus oder geraten allzu dürftig oder uneindrücklich. Ein besonderes Problem scheinen nach wie vor die Übersetzungen darzustellen, sogar bei unseren französischen Nachbarn. In nicht wenigen Pavillons hätte die Hinzuziehung eines deutschen native speakers das Schlimmste vielleicht verhindern können. Gelegentlich gibt es Faltblätter, die den Aufbau eines Pavillons oder die Konzeption einer Themenhalle erläutern. Mitunter ist das hilfreich, manchmal nachgerade notwendig. Im Themenpark „Mensch" ist die innere Konzeption nur mit Hilfe des gedruckten Begleiters zu erahnen. Und auch dann wirkt sie noch reichlich künstlich.

Die Welt ist Event geworden. Wo eine Schlange steht, muß es etwas zu sehen geben, das man gesehen haben muß. Daß die Länge einer Warteschlange semantische Signifikanz besitzt, mag in der DDR ja noch gestimmt haben: Da gab es dann Zitronen, Orangen oder Bananen. Auf der EXPO gibt es allenfalls Videos. Und wenn es hochkommt, ein paar echte Jemeniten, die vielleicht auch noch einen Volkstanz aufführen.

Die Welt ist bunt, ein begehbarer Katalog, mit vielen wunderbaren Möglichkeiten, aber fast ohne Probleme. Die dunkle Seite des Daseins auf dieser Welt, Not, Elend und Vertreibung, Krieg und Angst und Folter und Diktatur - das alles kommt kaum irgendwo vor. Eine rühmliche Ausnahme bildet Albanien, das die Vergangenheit unter Enver Hodscha eindrücklich mit einem langen Propagandafilm in einem Bunker dokumentiert. Ansonsten aber bilden die Probleme dieser Welt nur den blaßdunklen Hintergrund, vor dem sich die wunderbaren Lösungsmöglichkeiten um so strahlender abheben können.

Wenn man die gesammelten Videos zusammenschnitte, würde ein Besucher von anderen Planeten wohl kaum darauf kommen, daß es irgendwo auf der Erde auch einmal regnet.

Die EXPO ist auch jugendfrei. Hat manch ein Zeitgenosse vielleicht Probleme damit, seine Kinder mit in die Bahnhofsbuchhandlung zu nehmen - auf der EXPO sind sie vor jeder Art von sexueller Darstellung nahezu sicher.

Auch sonst ist diese Weltausstellung eine saubere Sache. Überall Behälter für die Müllentsorgung (natürlich getrennt nach Wertstoffen), auch das ein Punkt auf der Visitenkarte des Gastgeberlandes.

Die Welt ist ein virtuelles Kunstwerk. Das Video im deutschen Pavillon entläßt die Besucher ratlos. Immerhin ist man froh, daß nun an den Brücken, auf denen die Besucher stehen (und von denen in den ersten Wochen zwei Besucher hinunterstürzten), höhere Schutzgitter angebracht sind. Im nächsten Saal, dem Hauptattraktionspunkt des deutschen Pavillons aber sind schon wieder Videos zu sehen, auf festen und beweglichen Bildschirmen, die im Raum herumkreisen und an ein Planetarium erinnern: Planet Deutschland?

Eine Weltausstellung ist ein Spiegel ihrer Zeit. Natürlich ist da immer noch viel Nationalstolz: Im französischen Pavillon erhält man den Eindruck, die Eroberung des Weltraums sei allein eine Angelegenheit der Grande Nation gewesen. Aber das sind Relikte. Ein Abbild unserer Zeit ist die visuelle Ausrichtung der Ausstellung. Und der Sieg des Mediums über die Botschaft. Nicht Inhalte zählen, sondern ihre Vermittlung und Inszenierung. Insofern ist die Weltausstellung ein Spiegel unserer Gegenwart.

Jeremy Rifkin behauptet, daß heute der Zugang (die Möglichkeit des Zugangs) wichtiger geworden sei als Wissen und Besitz. Die Hannoveraner Weltausstellung ist ein guter Beleg für diese These.

Vielleicht läßt sich sogar allgemeiner sagen: Wir leben in einer Welt, in der Möglichkeiten grundsätzlich mehr zählen als Wirklichkeit. Die Versteigerung der UMTS-Lizenzen in diesem Sommer bestätigt das. Für eine Summe, für die man ganze Konzerne hätte kaufen können, wurden Rechte an bestimmten Frequenzbereichen verkauft.

An der Schwelle des neuen Jahrtausends hatte sich die Weltausstellung vor allem der Zukunft zugewandt. Das ist sehr einsichtig. Die Zukunft ist das Reich der Möglichkeiten. Aber Zukunft ist kein Wert an sich. Und Möglichkeiten sollten uns nicht ablenken von den Fragen, die die Wirklichkeit aufwirft.

Sollte man die EXPO besuchen? Ich denke ja. Ihr Wert besteht in der Konzentration der Gegenwartstendenzen. Die Eindrücke zu verarbeiten, ist kaum möglich, aber auch nicht gewünscht. Wo die Welt Event ist, zählt der Unterhaltungswert. Und Unterhaltung bekommt man für sein Geld, Reize für Augen und Ohren und nicht zuletzt eine Weltreise im Taschenformat. Das ist seinen Eintrittspreis wert, der übrigens kaum höher liegt als der mancher Vergnügungsparks.

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