Sándor Márai: Die Glut, Piper Verlag 1999 (Erstausgabe 1942)

von Gisela Böckler

Der General (Henrik) erhält eine Nachricht. Ein alter Freund (Konrád) will ihn besuchen, 41 Jahre und 43 Tage nach einem entscheidenden Tag - Konrad war damals plötzlich verschwunden.

Ort: Das elterliche Schloß in Ungarn, die Eltern sind tot. Außer dem General wohnen dort noch das Personal und Nini, seine 16 Jahre ältere Amme.

Zeit: Etwa 1940. Der General ist 75 Jahre alt. Die äußere Handlung spielt an einem Tag, vom Vormittag, als er die Nachricht erhält - bis zur Nacht, als der Freund das Schloß wieder verlässt.

Der Titel: Die Glut - die Lebensglut. Was ist es, das sie erhält - auch wenn das Fegefeuer der Zeit herabgebrannt ist? Was erhält die Bindungen zwischen den Menschen, auch wenn diese schon nicht mehr das tägliche Leben teilen? Gegen Ende wird in die Glut des Kaminfeuers das Tagebuch von Krisztina geworfen.

Themen:

1) Es verschiedene Arten von Liebe.

a) zwischen Henrik und seiner Amme: "Sie waren Geschwister, nicht Liebende... Es gibt ein Verwandtsein, das stärker und enger ist, als die Verbindung von Zwillingen im Mutterleib. Das Leben hatte ihre Tage und Nächte vermischt, sie wussten um den Körper des anderen, und auch um seine Träume." (16)

b) zwischen Henrik und Konrád: Sie lernen sich im Alter von 10 Jahren in der Wiener Kadettenanstalt kennen. "Ihre Freundschaft war so eng und so wortlos wie alle großen Gefühle, die für ein Leben gelten. Und wie alle großen Gefühle enthielt auch dieses Scham und Schuldbewußtsein. Man nimmt einen Menschen den anderen nicht ungestraft weg." (37)

c) zu Krisztina, der Frau des General und Geliebten seines Freundes, "eine schillernde, unruhige Seele". (166)

d) in Nebenrollen, z. B. Eltern des Konrád: Der Vater ein Beamter, die Mutter mit Ambitionen. Sie ersparen für ihren Sohn das standesgemäße Schulgeld, Trinkgeld, Zaumzeug, Theaterkarten.

2) Das Anderssein des geliebten Menschen - ist die Regel.

Was macht den anderen anziehend - dass er anders oder dass er gleichartig ist? Kein entweder - oder!

Das eine treibt voran, das andere heilt. Das eine erhält die Lebensglut, das andere ist ein großes, ganz seltenes Geschenk des Lebens. "So wie nur zwei Menschen der gleichen Blutgruppe einander in der Gefahr beistehen können, so vermag eine Seele der anderen nur dann zu helfen, wenn diese nicht ‚anders‘ ist ..." (177)

Aus der Perspektive des Henrik ist die Menschheit in zwei Parteien gespalten. Krisztina, Konrád und die eigene Mutter gehören gleicher Ordnung an in ihrem Wesen, Temperament, Lebensrhythmus, Charakter, Neigung. Was für sie die Musik bedeutet, ist ihm verhasst. Sie löst die Weit herum auf und die Gesetze der künstlichen Einigkeit. Henrik dagegen - und sein Vater - lieben den Dienst des Gehorsams und sind überzeugt, dass alles an seinem Ort ist.

Doch auch, wenn der eine etwas von dem Anderssein des anderen hätte, unabwendbar ist das Schicksal, das mit eherner Gesetzmäßigkeit aus dem Wesen eines Menschen folgt (174).

3) Metaphysik der Dinge und Körper

Die toten Gegenstände im Schlosszimmer sind an einem einzigen Abend vor 41 Jahren mit lebendigem Sinn erfüllt - und können wiedererweckt werden durch die Erinnerung der Anwesenden. (73)

4) Daseinsschuld oder persönliche Schuld

Nachdem verschiedene Schuldfragen beantwortet oder überflüssig wurden, bleibt noch die der beiden Männer gegenüber Krisztina. "Der Überlebende hat kein Recht auf Anklage, er ist der Stärkere, Schlauere, Hartnäckigere geblieben." (185)

"Wer jemanden überlebt, ist immer ein Verräter. Wir haben das Gefühl, wir müssten am Leben bleiben, und das lässt sich nicht beschönigen, denn sie ist darüber gestorben." (214)

5) Das Altern ist die Antwort und die Sühne

Als die beiden Alten sich wieder treffen, gibt es das Kaiserreich nicht mehr, Henrik war im Krieg, jetzt ist wieder Krieg. Der Automatismus der Rache. Und die beiden? Gefühle vergehen mit der Zeit. Man altert schrittweise: erst der Körper, die Augen oder Beine oder das Herz; die Seele hat noch ihre Sehnsüchte und Erinnerungen, noch sucht sie. Dann vergeht auch die Sehnsucht nach Freude. Aber es bleibt die Erinnerung. Selbst darin kann noch ein Lebensziel wach sein, z.B. jemanden wiedersehen und ihm eine Frage stellen wollen. Ist diese beantwortet, dann bedeutet das Alter und Tod. (200)