philoSOPHIA-aktuell: Homosexualität - Ehe – Familie (14. 9. 2000)

Bericht über eine Veranstaltung

von Max Lorenzen

Das Herbstprogramm von philoSOPHIA begann mit einer Diskussionsveranstaltung zu einem philosophisch wie politisch aktuellen Thema. Der Abend war dem Gespräch über die - auch rechtliche - Situation von Minderheiten, in diesem Fall der Homosexuellen, in Staat und Gesellschaft gewidmet. Das Einleitungsreferat hielt Dr. Dr. Joachim Kahl. Der überarbeitete Text wird in Kürze im Marburger Forum zu lesen sein, sodass hier von einer ausführlichen Inhaltsangabe abgesehen werden kann. Nur soviel sei gesagt, dass Kahl von einem biologischen Vorrang der heterosexuellen Ehe und Familie ausging, der sich auch im rechtlichen Status bekunden müsse. Eine gesetzgeberische Gleichstellung der homosexuellen Lebensgemeinschaft mit derjenigen der Mehrheit in unserer Gesellschaft lehne er folglich ab.

Diese These stieß nicht nur bei den anwesenden Betroffenen auf Unverständnis. Kahl präzisierte jedoch, dass mit seiner Ansicht eine Diskriminierung von Schwulen oder Lesben, in welcher Form auch immer, unvereinbar sei. Die anfängliche Spannung, ja Aggressivität, unter nicht wenigen der ca. 35 Zuhörer ließ nach, als diese Überzeugung des Referenten im weiteren Verlauf seiner Ausführungen deutlich und glaubhaft wurde.

Dennoch kam es nach dem 45-minütigen Vortrag zu einer lebhaften Debatte, die erst um 22:15 vom Diskussionsleiter angesichts der fortgeschrittenen Zeit beendet wurde. Erörtert und in Frage gestellt wurde vor allem die These Kahls, der biologische Vorrang der heterosexuellen Ehe, der sich darin zeige, dass sie letztlich (der Möglichkeit nach) auf die Zeugung von Nachkommen angelegt sei, müsse auch entsprechende rechtliche Auswirkungen haben. Kahl insistierte und führte aus, Kinder bräuchten beide Elternteile, Vater und Mutter, um sich umfassend entwickeln zu können; deswegen sei er auch gegen ein Adoptionsrecht für schwule oder lesbische Paare.

Hierauf bezweifelten einige Teilnehmer/Innen der Veranstaltung, dass heterosexuelle Paare nur auf Grund ihres unterschiedlichen Geschlechts auch schon bessere Eltern seien. Kahl entgegnete, wegen der unter Umständen defizitären Realität sei doch die Leitbildfunktion der Familie nicht aufzugeben. Ihm wurde entgegengehalten, sein Begriff von Familie sei angesichts der vielfältigen Formen des Zusammenlebens heute zu eng und gewissermaßen überholt.

Vielleicht bleibt dies als Eindruck der Veranstaltung: In ihr trafen zwei Vorstellungen von menschlicher Gemeinschaft aufeinander, deren eine, die des Referenten, mehr von der Idee der Einheit, und deren andere von der Möglichkeit pluraler Lebensformen, auch im familiären Bereich, geprägt war.

Um so wichtiger schien es, dass beide Seiten, ohne die Unterschiede zu verwischen, zunehmend einen wirklichen Dialog führten. Hierfür eine Plattform zu bieten, ist das erklärte Ziel von philoSOPHIA.