Willi Oelmüller: Negative Theologie heute. Die Lage der Menschen vor Gott, München: Wilhelm Fink 1999 ISBN 3-7705-3429-8 136 S. Franz. Broschur DM 38,-
Der Schüler Joachim Ritters, der zunächst an der Pädagogischen Hochschule Paderborn, später an der Ruhr-Universität Bochum lehrte, hat sich in den letzten Jahren verstärkt mit Problemen der Religionsphilosophie, insbesondere der Theodizeefrage befaßt. In dem schmalen Band Negative Theologie heute legt er nun den Entwurf einer eigenen Religionsphilosophie vor. Oelmüller entwickelt sein "Verständnis des philosophischen Sprechens der negativen Theologie heute" (7) im Gespräch mit der philosophischen Diskussion der letzten fünfzig Jahre und in Aufnahme der Christentum, Judentum und Islam gemeinsamen Tradition des Bilderverbotes. Er geht davon aus, daß die drei abrahamitischen Religionen die aufklärerische Kritik an anthropomorphen Gottesbildern und Gottesvorstellungen vorweggenommen haben und immer schon in sich tragen und - jedenfalls in einem Teil ihrer Überlieferung - in Gestalt der negativen Theologie aufbewahrt haben. Hier liegt der eine Ausgangspunkt des Verfassers.
Der andere ist die gegenwärtige Lage der Menschen, die der Verfasser, ob "mit oder ohne Gott" (9 in der Kapitelüberschrift) doch versteht als "vor Gott" (so im Untertitel des Buches). Dieses Vor-Gott-Sein des Menschen aufzuweisen und neu zur Sprache zu bringen ist wenigstens Absicht und Ziel: "Philosophisches Sprechen der negativen Theologie kann auch heute Menschen konfrontieren mit ihrer gegenwärtigen Lage vor Gott." (127, im Original kursiv). Als Beispiele "für Menschen, die heute nicht mehr auf Gott setzen können" (20), nennt Oelmüller die Positionen von Hans Blumenberg, Jan Assmann und Arnold Künzli (Gotteskrise, 1998).
Die "gegenwärtige Lage" ist bestimmt von Auschwitz einerseits, andererseits aber von den fortwährenden Verstrickungen "von Menschen und Staaten" (als Täter und Opfer) im Kampf um den Frieden und bei der Verteidigung der Menschenrechte. Schließlich stellen der Umgang mit Leid, Katastrophen und Tod den Menschen heute wie zu allen Zeiten vor offene letzte Fragen, die aber heute immer häufiger zur Verabschiedung Gottes führen: "Vor allem die Konfrontationen mit Leiden und Katastrophen sind der Grund dafür, daß Menschen heute glauben, nicht mehr auf den einen Gott setzen zu können." (105) Die Zukunft der menschlichen Entwicklung beurteilt Oelmüller sehr skeptisch: Das Bedenken der Möglichkeiten von Wissenschaft und Technik evoziert doch immer wieder nur die Einsicht des Sophokles in die ungeheure Ungeheuerlichkeit des Menschen.
Ein Ausweg aus dieser Lage ist nach Oelmüller die "Arbeit an den Menschenrechten". Im Streit um die Definition von Menschenrechten und Menschenwürde kann die philosophische negative Theologie das Motiv der Gottesebenbildlichkeit einbringen, das dem Bilderverbot zur Seite steht: "Weil der Mensch das Ebenbild Gottes ist, dürfen wir uns weder von Gott noch von dem Menschen, auch nicht von uns selbst und von dem Anderen, dem Nächsten und Fremden, dem Feind ein Bild machen." (91).
Mit dem Begriff der negativen Theologie stellt Oelmüller seinen Versuch philosophischer Rede von Gott in eine lange Tradition, deren Ursprung mit dem Namen des Dionysius Areopagita verknüpft ist. Oelmüller grenzt sich aber ausdrücklich ab von den Begriffen "Mystik" und "Mythos", die er als "Kompensate des verlorenen Gottes" (121) vermeiden will. Desgleichen soll sich das philosophische Sprechen über Gott herkömmlich besetzter Begriffe (z. B. Wahrheit oder Hoffnung) enthalten, vor allem aber der überkommenen Dualismen (wie Diesseits und Jenseits, Immanenz und Transzendenz). (119).
Was bleibt dann? Was kann ein philosophisches Sprechen über Gott noch zur Sprache bringen? Zum einen "die Anwesenheit dieses Gottes in seiner Abwesenheit sowie (...) seine Abwesenheit in seiner Anwesenheit" (7), zum anderen den "unaufhebbaren Unterschied von Gott und Mensch" (9). Angesichts des Theodizeeproblems wird sie die Frage offenhalten, ohne eine Antwort geben zu können. Negative Theologie ist philosophisch verantwortetes Schweigen, allenfalls vorsichtig andeutende Rede. Es ist kein Zufall, daß Oelmüller seinen programmatischen Schlußteil (Konsequenzen für das philosophische Sprechen der negativen Theologie über die Lage der Menschen vor Gott) enden läßt in einem kleinen Kapitel "Nachdenklich machende Erzählungen an den Grenzen des Sprechens", das drei chassidische Geschichten aufnimmt. "Gemeinsam ist ihnen eine Wahrnehmung der gegenwärtigen Lage der verschiedenen Menschen vor Gott an der Grenze menschlichen Sprechens." (127).
Negative Theologie begegnet in den drei abrahamitischen Religionen immer als eine Ausdrucksform des Glaubens, als ein Nebenstrom der Religionsauffassung, die auf Offenbarung setzt. Wie weit sie, philosophisch isoliert, trägt, ist dem Rezensenten fraglich. Daß Oelmüllers philosophische Theologie "einige religiöse und nichtreligiöse Menschen kritischer, selbstkritischer und nachdenklicher machen" kann (129), ist nicht zu bezweifeln, aber die Frage bleibt: Was ist das für ein Gott? Sie offenzuhalten, ist das Anliegen des Autors. Dieses andeutende Buch ist zugleich ein Vermächtnis. Der Verfasser ist im September 1999 gestorben.