Rüdiger Safranski, Nietzsche. Biografie seines Denkens. Carl Hanser Verlag München Wien, 2000, 399 Seiten, ISBN 3-446-19938-1, DM 49.80
Der Untertitel überrascht ein wenig: man vermutet, ihn unrichtig lesend, nach den Büchern Safranskis über E.Th.A. Hoffmann, Schopenhauer und Heidegger, auch dieses Mal eine überwiegend biografisch ausgerichtete Darstellung. Diese Erwartung wird jedoch nicht erfüllt. Safranski unternimmt es vielmehr, Nietzsches Denkweg zu verfolgen und arbeitet Bezüge zum Leben nur ein, wenn sie sich diesem Ziel unterordnen. Breiteren Raum nehmen folglich die zwiespältige Neigung zu Lou Salomé, oder auch die Freundschaft zu Richard Wagner ein, wobei hier besonders auf Safranskis Ausführungen über den "Ring der Nibelungen" hingewiesen sei (S. 88ff).
Das in diesem Buch durchgeführte Vorhaben zielt folglich auf eine breite Darlegung der Nietzscheschen Gedankenwelt; also gilt es, auch den Kontext, Zeitumstände oder andere philosophische Richtungen, mitzuberücksichtigen. Der Autor ordnet sich seinem Zweck in der Regel unter. Es ist nicht seine Absicht, von einem philosophischen Standort der Gegenwart - etwa seinem eigenen - einen Zugang zu Nietzsche zu suchen. Umso mehr überraschen an manchen Stellen eingestreute Bemerkungen, die sich unter Umständen zu höchst interessanten Kurzessays ausweiten können. Ich gebe ein Beispiel:
"Vielleicht ist sie [die Musik] überhaupt jenes mythische Residuum, das sich bis in unsere Gegenwart kraftvoll behauptet hat, bis hin zu der durch die technologische Entwicklung ermöglichten Allgegenwart der Musik. (...) Sie ist inzwischen zum Grundrauschen unserer Existenz geworden. Wer mit dem Walkman im Ohr in der U-Bahn sitzt oder durch den Park joggt, der lebt in zwei Welten. Apollinisch fährt oder joggt er, dionysisch hört er. Die Musik hat das Transzendieren vergesellschaftet und zu einem Massensport gemacht. Die Diskotheken und Konzerthäuser sind die Kathedralen von heute. Ein erheblicher Teil der Menschheit zwischen dreizehn und dreißig lebt heute in den nichtsprachlichen und prälogischen dionysischen Räumen von Rock und Pop. Die Musikfluten kennen keine Grenzen, sie unterspülen die politischen Terrains und Ideologien, was sich in den Umwälzungen von 1989 gezeigt hat. (...) Der Hörraum vermag den Einzelnen einzuschließen und die Außenwelt zum Verschwinden zu bringen, und doch schließt die Musik, auf einer anderen Ebene, die Hörenden zusammen. Sie mögen zu fensterlosen Monaden werden, aber sie sind nicht einsam, wenn in ihnen allen dasselbe erklingt. Die Musik ermöglicht eine soziale Tiefenkohärenz in einer Schicht des Bewusstseins, die früher mythisch genannt wurde" (S. 97).
Dass die Musik einen prälogischen Raum der Gemeinschaft zu schaffen vermag, ist kein neuer Gedanke - aber der von Safranski hier hergestellte Bezug zur Terminologie Nietzsches (und vielleicht auch zu derjenigen Durkheims) schafft einen, wie ich meine, neuen Durchblick: wenn es denn noch das "Residuum" (mehr kann es nicht sein) eines mythisch-kollektiven gesellschaftlichen Zusammenhangs gibt, so wird er jedenfalls nicht mehr durch die Religion oder einen an ihre Stelle getretenen Vernunftglauben gestiftet, sondern eher durch die Omnipräsenz der Musik in einem quasi-mythischen Raum, in dem sich jeder von uns, auch ohne es direkt wahrzunehmen, bewegt. Der tiefste Zusammenhang von Einzelnem und Gemeinschaft war ein rhythmischer. Sein Echo ist heute noch die durch die Medien vermittelte Musik. In ihrem Fließen und Pulsieren werden dem, wie man sagte, atomisierten Individuum Gehalte vermittelt, die auf eine wortlose, aber abstrakt bildhafte Weise einen mythischen Charakter annehmen. Ist der Gedanke, dass der Grundton des Alls heute aus Lautsprechern klingt und auf diese Weise immer noch die vereinzelten Menschen zu einem Kollektiv zusammenschließt, nicht unheimlich, weil er beinhaltet, dass wir kaum zu ahnen vermögen, was in dieser Tiefenschicht mit uns geschieht? Wenn es noch einen Sinn des Ganzen - der Gesellschaft - gibt, dann bildet er sich, logisch scheinbar widersprüchlich, als Relikt (ich komme darauf später zurück) in einer vorsprachlichen Zone.
Es ist Nietzsches Philosophie, die uns, mit Safranskis Hilfe, solche Einsichten bringt. Wie wir mit ihnen umgehen, ist damit noch nicht gesagt. Denn Nietzsche selbst hat ein gegenläufiges Element in den Anspruch der Vernunft, allgemeingültige Erkenntnisse zu gewinnen, implantiert. Er hat damit ein logisches Paradoxon geschaffen, das kennzeichnend für die Moderne ist: alles ist perspektivisch - also auch dieser Satz ? Safranski beschreibt dieses Problem sehr genau: "Auf jeden Fall aber, sagt Nietzsche ist es falsch, die Gewalt der Triebe im Erkennen (zu) leugnen und überhaupt die Vernunft als völlig freie, sich selbst entsprungene Activität zu fassen (3,470;FW [ = Friedrich Nietzsche: Sämtliche Werke. Studienausgabe in 15 Bänden. Hrsg. von Colli/Montinari. München 1980. Die fröhliche Wissenschaft]). In der Tat: der Triebgrund in der Erkenntnis ist nicht zu leugnen. Aber das ändert nichts daran, dass man zum Beispiel bei diesem Satz über die Macht der Triebe die triebunabhängige Wahrheitsgeltung in Anspruch nimmt. Wenn der Satz nur Ausdruck eines Triebes wäre, wäre er nicht wahr; wenn er aber nicht wahr wäre, wäre er folglich nicht Ausdruck eines Triebes, was ja der Satz behauptet. Dann also fiele dieser Satz, wie jeder andere Wahrheitsgeltung beanspruchende Satz auch, ins Bodenlose. Er wäre unsinnig. Also muss es doch ein Wahrheitskriterium geben, das noch etwas anderes als die Triebgründe ins Spiel bringt" (S. 249).
Die Unauflöslichkeit dieses logischen Paradoxons ist kennzeichnend für die Moderne. Nietzsche schafft dessen Struktur mit, innerhalb derer er sich nun bemüht, den philosophischen Abgrund, wenn nicht zu schließen, so doch zu überwinden, um ihn solchermaßen, und das ist seine eigentliche philosophische Intention, in seiner Tiefe erst entstehen zu lassen. Weil alles Leben Wille zur Macht ist, gilt auch: dass die Art des Seins nicht auf eine causa prima zurückgeführt werden darf, dass die Welt weder als Sensorium, noch als Geist eine Einheit ist, d i e s e r s t i s t d i e g r o ß e B e f r e i u n g (Götzen-Dämmerung, Colli/Montinari, Bd. 6, S. 97, zit. nach Safranski, S. 301).
Safranski bezieht die zwei Seiten des Problems folgendermaßen aufeinander: "Und weil Nietzsche das Ungeheure und Unheimliche des Seins nicht verdecken will, deshalb kämpft er so vehement gegen das metaphysische Prinzip einer einheitlichen Substanz am Grunde der Welt. (...) Nun spricht aber auch Nietzsche von seinem Willen zur Macht, wie die Metaphysiker von ihrem Grundprinzip sprechen. Diesem letztlich metaphysischen Prinzipalismus kann sich Nietzsche tatsächlich nicht entziehen, aber dann darf das Prinzip wenigstens nicht zum Ruhepunkt werden. Es muss das Herz der Unruhe, vielleicht sogar ein Herz der Finsternis sein. (...) Außerdem gibt es den Willen zur Macht nicht im Singular, sondern nur im Plural. Auch das geht gegen die metaphysische Obsession für das Eine. Die Philosophie des Willens zur Macht ist die Vision einer agonalen, dynamischen Pluralität am Grunde des Seins. Es gibt nur, notiert Nietzsche, Willens-Punktationen, die beständig ihre Macht mehren oder verlieren (13,36f.)" (S. 300).
Das grundlegende, mithin unauflösliche logische Problem der Moderne besteht darin, mit einem allgemeinen Satz, der folglich Anspruch auf universelle Geltung macht, zu behaupten, dass es solche Sätze nicht mehr gebe. Weil beide Seiten dieser Konstellation gleich notwendig sind, hebt jede vorgebliche Lösung des Problems nur dessen Spannungsbeziehung auf. Sie ist, so scheint es mir heute, der eigentliche Grund des Nihilismus. Die Entlarvungen: der Moral, des Glaubens, überhaupt der Ideen und Ideale, die Nietzsche vornimmt, kommen mir eigentümlich kraftlos vor, und bis auf den Begriff des Ressentiments ist wohl von diesen Analysen im zwanzigsten Jahrhundert nicht allzu viel übrig geblieben. Im einundzwanzigsten können wir ohne weiteres akzeptieren, dass die Basis der Moral kein moralisches Prinzip, womöglich gar göttlicher Herkunft, ist. Mögen wir vernunftbegabte Tiere sein: mit dieser Einsicht gelangen wir philosophisch bis zum Materialismus des neunzehnten Jahrhunderts, aber nicht bis zum Nihilismus Nietzsches. Wenn wir jedoch im lebendigen Akt unseres Erkennens im Kreis herumgeschickt werden und solchermaßen sehen und erleben, wie das Bedingte und das Unbedingte sich ineinander verschränken und das Bild eines "Unheimlichen und Ungeheuren" erzeugen, einer Mitte, die sich selber verliert, einer hierarchischen Struktur, die unmittelbar auch "dynamische Pluralität" ist, dann entsteht in und vor uns ein Sein ohne Sein, eine Unendlichkeit, die gleichermaßen das Nichts ist, etwas, das sich nach Art eines Gottes selber erzeugt, ohne jemals die Ruhe der Existenzweise einer Substanz zu gewinnen. Steigt dieses Bild des Daseins vor uns, also in uns, herauf, so erschüttert und zerschmettert es jede Vorstellung von dem, was wir sind. Das Nihil des Alls erfahren bedeutet, der Erscheinung eines blinden und tauben, ja eines unsinnigen Gottes beizuwohnen. Das Erhabene (das nicht von ungefähr bei Adorno und Lyotard das Nichtidentische im Identischen retten soll) zeigt sein Schreckliches. Man kann vor ihm flüchten, oder ihm standhalten. Wer die Kraft hat, es anzuschauen, wird von ihm durchdrungen und verwandelt. Er wird selber zum "Rätsel des erkenntnislosen Seins" (S. 174), dem Inbegriff des Sinnlosen, dessen "ewiger Wiederkehr" er vorbehaltlos zustimmt.
Der Nihilismus Nietzsches beinhaltet, dass Göttliches und Nichts identisch sind. Er ist mithin keine fertige Erkenntnis eines objektiven Zustandes, sondern die Inspiration, das sprudelnde, sich selbst erzeugende Schöpferische der Moderne selber. Es ohne Pathos aussprechen zu wollen, hieße, es schon im Ansatz zu verfehlen. Safranski erkennt diesen Zusammenhang: "Doch worin soll das Schöpferische bestehen, wenn wir doch von den Gesetzen der Natur bestimmt sind? Nietzsches Antwort ist überraschend und, lässt man ihr Pathos beiseite, ziemlich dürftig: schöpferisch sind wir, wenn wir die Vorstellung eines durchgehend naturgesetzlich determinierten Seins aushalten und sogar bejahen können, ohne daran zu zerbrechen" (S. 302f). Der Akt des Bejahens entfesselt gleichsam einen Sturm und die Ruhe seiner Betrachtung. Vor diesem Hintergrund ist zu sehen, was Safranski zur spezifisch Nietzscheschen Erkenntnisweise sagt: "Man wird Nietzsche nie begreifen, wenn man sich nicht immer wieder klar macht, dass für ihn Gedanken tatsächlich eine geistig-leibliche Wirklichkeit waren von einem Realitätsgrad, den sonst nur leidenschaftliche Empfindungen besitzen. Wie sollten - würde Nietzsche gesagt haben - seine Gedanken nicht wahr sein, wenn sie ihn doch, wie er in der "Fröhlichen Wissenschaft" schreibt, in eine ganz außerordentliche Bewegung hineinziehen, in ein beständiges Wie-auf-Treppen-steigen und zugleich Wie-auf-Wolken-ruhen (3,529;FW [= Die fröhliche Wissenschaft]) (S. 249f).
Die sich selber fortwährend transzendierende Erkenntnis steigt und ruht im selben Akt. So stiftet sie das Bild eines in sich ungleichartigen Seins, in dem die Logik des ausgeschlossenen Dritten, die Hierarchie der "Macht-Punktationen" und die Mittelosigkeit eines Daseins ohne causa prima gleichermaßen existieren. Was so entsteht, ist der Raum des Schöpferischen der Moderne. In ihm begegnen sich ein noch geradezu monarchistisches Avantgarde-Denken - Safranski zitiert ausführlich die keineswegs unsignifikativen Aphorismen zur "Entartung" und "Züchtung" - und ein anderer Impuls, der die pluralistischen Ansätze der Postmoderne vorgestaltet. Insofern beide Richtungen sich noch ausschließen, bilden sie gemeinsam, in ihrem Zusammenhang, das mythisch-nachmythische nihilistische Ungeheure.
Die Philosophie Nietzsches stellt ein Geflecht unterschiedlicher, sich aber dennoch bedingender Strömungen und Motive dar. Insofern wäre es ebenso unangemessen, ihr mit nur einer einzigen Haltung gegenüberzutreten, wie sich das gerade Passende herauszuklauben. Mein Eindruck ist, dass sie eine der Grundschichten der Moderne, aber nicht länger der Nachmoderne ausmacht. Ihr Spannungsbezug, auch der zwischen dem elitären Avantgarde-Denken und den pluralistischen Ansätzen, bestimmt uns nicht mehr. Insofern betreffen manche Einsichten, zu denen sie uns heute verhilft, wie zum Beispiel die oben vorgestellte in eine echohaft mythisch-kollektive Ganzheitserfahrung, tatsächlich in unserer Gesellschaft nur die Rudimente der ihr vorhergehenden. Andere Elemente ihrer Struktur sind allerdings mittlerweile zum unbezweifelbaren Rahmen unserer kommunikativen Akte geworden, so etwa die Aufgabe des Anspruchs auf die eine Wahrheit. Das logische Paradoxon, in dem Nietzsche sich kämpfend bewegt, macht nunmehr, in spezifischer Transformation, den demokratischen Raum unserer Erkenntnis aus (darauf kann hier nur hingewiesen werden). Für Jaspers, Heidegger, Adorno und Horkheimer, sowie Foucault, um nur diejenigen zu nennen, deren Beeinflussung durch Nietzsche Safranski im letzten Kapitel seines Buches untersucht, stellt die Philosophie des "Willens zur Macht" mit ihrer Analyse der gesellschaftlichen Moral jeweils eine Herausforderung dar, der sich zu stellen eine Notwendigkeit der eigenen Theorie impliziert. Für ein heutiges Philosophieren existiert diese Zwangsläufigkeit nicht mehr. Die Begegnung mit Nietzsche wird zunehmend zu der mit unserer Vorvergangenheit - ob sich aus der Lektüre seiner Schriften neue Impulse für die Nachmoderne ergeben, wird sich zeigen.
Safranskis Buch ist eine solide Arbeit, die in jedem Fall zu dieser Begegnung anregt. Sie bietet für denjenigen, der Nietzsche noch nicht selber gelesen hat, eine verlässliche Einführung, für den, der die hauptsächlichen Werke bereits kennt, eine Fülle von interessantem Material, das zur Voraussetzung für vertieftes Nachdenken werden kann. Der Stil ist an manchen Stellen ein klein wenig salopp, man könnte auch sagen feuilletonistisch, überwiegend aber durchaus präzise und sachgerecht. Wir haben ja nicht gerade viele Autoren, denen es gegeben ist, gleichermaßen für ein interessiertes Laien- , wie für ein Fachpublikum zu schreiben. Wie wäre es, lieber Herr Safranski, wenn Sie sich, nach Nietzsche, zum Beispiel mit Goethe befassen würden? Einer breiteren Leserschicht den Dichter der deutschen Klassik wieder nahe zu bringen, wäre doch eine wichtige Aufgabe.
Max Lorenzen Diese Rezension als Word-Dokument herunterladen