R.: Eric Till D.: Ulrich Tukur, Robert Joy, Johanna Klante, Ulrich Noethen 90 Min. Ab 6 Jahren
In den fünfziger Jahren kam das Kino als moralische Anstalt auf die Dörfer und in die Stadtrandsiedlungen. In Kirchen und Gemeindehäusern wurden von kirchlichen Stellen handverlesene, wertvolle Filme gezeigt, die von guten Menschen handelten. Diese Filme waren ethisch hochstehend und garantiert jugendfrei.
Der beim 40. Internationalen TV-Festival in Monte Carlo, dem wichtigsten Filmfest für den Fernsehfilm in Europa, mit der "Goldenen Nymphe" ausgezeichnete Film über Dietrich Bonhoeffer ist ein Spätling jener Gattung. Da die Zeiten und die ästhetischen Maßstäbe sich geändert haben, sind Lichtspieltheaterkopien nur in wenigen Städten Deutschlands zu sehen. Auf einen Erfolg beim deutschen Publikum rechnete der Verleih offensichtlich nicht. Die kirchlichen Medienzentralen haben die Videofassung aber sogleich ins Programm aufgenommen.
Der Film wurde (vielleicht im Hinblick auf internationale Vermarktung) in englischer Sprache gedreht (der originale Untertitel lautet: Agent of Grace), freilich z. T. an Originalschauplätzen. In deutschen Kinos zu sehen ist eine mit einigen Mühen synchronisierte Fassung. Das Drehbuch ist um Authentizität bemüht, erlaubt sich aber doch einige Freiheiten.
Im Mittelpunkt des Films steht der ethische Konflikt eines evangelischen Theologen in der Entscheidung zwischen Gehorsam gegen die Obrigkeit und dem Recht auf Widerstand. Zum evangelisch-lutherischen Weltbild gehörte, im Anschluß an Paulus (Röm. 13) und eingeübt in Jahrhunderten landesherrlichen Kirchenregiments, der Gehorsam gegen die Obrigkeit, die nach Luthers Lehre letztlich im Namen Gottes auf Erden regiert. Bonhoeffers notvoller Weg aus dem Zweifel zur Beteiligung am Widerstand gegen Hitler (als Kurier einer Widerstandsgruppe innerhalb der deutschen Abwehr des Admiral Canaris) wird im Film mit vielen Nuancen behutsam entwickelt. Herausragend ist dabei die Leistung des Hauptdarstellers Ulrich Tukur, der im Laufe des Films immer glaubhafter eins wird mit Dietrich Bonhoeffer. Spätestens im zweiten Teil des Films - Bonhoeffer als Gefangener im Tegeler Gestapogefängnis, schließlich auf dem letzten, abenteuerlichen Weg ins KZ - sind alle Bilder des historischen Bonhoeffer eingeschmolzen in das Gesicht dieses Ulrich Tukur.
Es sei ihm schwer gefallen, einen ganzen Film lang einen so guten Menschen zu spielen, hat Tukur geäußert. Aber er hat die Aufgabe gemeistert. Sein Gesicht (häufig in Nahaufnahme zu sehen), aber auch seine Körperhaltungen erzählen die innere Geschichte so dicht, so deutlich, daß man auf einige der langen Zitate aus Bonhoeffers Werken und Aufzeichnungen durchaus hätte verzichten können.
Ulrich Tukur trägt den Film, auch da, wo das Drehbuch zu viel voraussetzt. Für den Zuschauer, dem Bonhoeffer bislang nur ein Name war, fällt die Erzählstrategie des Films allzu karg aus, so daß einige Unklarheiten bleiben und manches falsch verstanden werden muß: Zum Beispiel wurde der Treueid der Theologen und Pfarrer auf den Führer keineswegs von den Nazis verlangt, sondern von den Kirchenleitungen, es handelte sich also um einen innerkirchlichen Konflikt. Auch der unvermittelte Einsatz des Films mit Bonhoeffers Amerikaaufenthalt ist verwirrend, die Vorgeschichte bleibt völlig im Dunkel, und die weiteren Stationen des Weges sind zwar psychologisch, kaum aber in ihren historischen Verknüpfungen nachvollziehbar.
Der Film setzt auf Bilder und spart insgesamt mit Dialogen, ich habe seit langem keinen neueren Film mehr gesehen, in dem so wenig gesprochen wird.
Die ausgesprochen vorsichtige, langsame Kameraführung sperrt sich bewußt gegen die Ästhetik heutiger Kinofilme. Landschaftspanoramen mit betörenden Farben liefern einen starken Kontrast zu der bedrückenden Handlung.
Nicht nur die Rolle des Titelhelden, sondern auch die übrigen Rollen sind brillant besetzt. Hervorzuheben ist hier Robert Joy als Bonhoeffers Gegenspieler (Kriegsgerichtsrat Manfred Roeder). Bonhoeffers Verlobte Maria von Wedemeyer wird in verführerischer Unschuld verkörpert von Johanna Klante. Es gibt Stellen, an denen der Film ins Melodram abzugleiten droht, (wozu auch die eigens komponierte dramatische Filmmusik beiträgt), aber Drehbuch und Kamera können das Schlimmste verhindern.
Der Film schildert die letzten sechs Jahre Bonhoeffers von seiner Rückkehr aus Amerika bis zum Tod im Konzentrationslager Flossenbürg, vier Wochen vor Kriegsende. Die letzte Stufe (der deutsche Untertitel) ist die der Treppe zum Galgen, zu dem sich der Verurteilte nackt emporschleppt. Mit diesem Bild werden die Zuschauer nach 90 Minuten nicht entlassen, sondern vielmehr gefesselt. In der (schwach besuchten) Nachmittagsvorstellung, der ich in Kassel beiwohnte, blieben die Zuschauer zunächst völlig erschüttert in ihre Sitze gepreßt, als sei es streng verboten, während des Abspanns sich auch nur aus dem Kinosessel zu erheben. Erst als die Leinwand ganz dunkel geworden war, gingen sie hinaus, langsam und in absolutem Schweigen.
Sie hatten einen guten Menschen gesehen. Das ist selten geworden, sogar im Kino.
Eric Tills Film über Dietrich Bonhoeffer ist mit seinem heiligen Ernst ohne jede ironische Brechung ein eindrucksvolles Beispiel eines nahezu ausgestorbenen Genres, des moralischen Kinofilms. Wie Drehbuch und Regie mit dem Titelhelden umgehen, ist ganz und gar unzeitgemäß, und genau das ist ergreifend. Zu den kanonischen Heiligen des deutschen Protestantismus zählt Dietrich Bonhoeffer schon seit langem; die filmische Aufbereitung wird dieser Verehrung zweifellos starken, neuen Auftrieb geben.