Umgang mit dem deutschen Trauma - auf pragmatische Art
Der Hitlerbiograph Ian Kershaw in Marburg (21. 10. 2000)
Die dicksten Bücher kommen zur Zeit aus England: Vier Bände Harry Potter (bislang) und zwei Bände der umfangreichsten Hitler-Biographie, die je geschrieben wurde.
Das Buch des 1943 geborenen, in Sheffield lehrenden Historikers Ian Kershaw erreicht nicht ganz den Gesamtumfang der bis jetzt erschienenen Harry-Potter-Bücher, ist aber mit über 2.000 Seiten doch eine massive Summe der Gelehrsamkeit, derart, daß das Werk zugleich zum Lesen einlädt und vom Lesen abschreckt. In englischer Literatur gibt es ebenso eine Tradition der fantasy wie in englischer Wissenschaft einen alten Hang zum Pragmatismus und zur Empirie. Für die Geschichtsschreibung galt das nicht immer so deutlich wie für andere Wissenschaften (man denke an Gibbons Decline and Fall of the Roman Empire), auf die Hitler-Biographie des Ian Kershaw trifft die Charakterisierung "pragmatisch" jedenfalls zu.
Der Aufenthalt des Autors auf der Frankfurter Buchmesse bot die Gelegenheit, ihn am 21. Oktober 2000, einem Samstagabend, auch nach Marburg zu bitten. Mehrere Veranstalter hatten sich zusammengetan: Das Hessische Landesinstitut für Pädagogik, die Buchhandlung Roter Stern, die Marburger Geschichtswerkstatt e.V. und die Kulturinitiative Strömungen e. V. luden ein in den historischen Rathaussaal, und der Saal faßte die Menge der Interessierten nicht, einige Dutzend Zuhörer konnten dann aber - ohne bezahlen zu müssen - im Foyer einer Tonübertragung lauschen (und durch die geöffnete Tür das Lächeln des Historikers erspähen).
Angekündigt waren eine Lesung aus dem abschließenden zweiten Band der Biographie (Hitler 1936 - 1945) und ein anschließendes Gespräch mit dem Bochumer Geschichtsprofessor Norbert Frei. Tatsächlich aber verzichtete Kershaw darauf, aus seinem Buch vorzulesen, was wohl auch nur einen kleinen Eindruck von der überwältigenden Genauigkeit und Detailtreue hätte verschaffen können; vielmehr hielt er einen gut halbstündigen Vortrag, der die Grundlinien seiner Interpretation der Person Hitlers und der Geschichte des NS-Staates in großer Dichte präsentierte.
Das nachfolgende Gespräch fand zunächst zwischen den beiden Historikern statt und litt ein wenig am Mangel an Differenzen in der Anschauung. Der nur ganz leicht gebrochen Deutsch sprechende Brite war dabei dem Deutschen an Klarheit der Gedanken und des Ausdrucks übrigens weit überlegen: Hier trat ein bestimmter Mentalitätsunterschied, der sich auch in der Wissenschaft bemerkbar macht, klar zutage.
Dieser zweite Gesprächsgang stellte die Arbeit Kershaws in den Kontext der Geschichte der Erforschung des Nationalsozialismus in den letzten vierzig Jahren. Im dritten Teil des Abends konnten die Zuhörer ihre Fragen stellen, wobei sich Prof. Frei aus Bochum nun als recht geschickter Moderator entpuppte. Das (ganz überwiegend junge) Publikum, das sich zu guten Teilen bereits eine halbe Stunde vor Beginn der Veranstaltung seine Plätze gesichert hatte, hielt ohne Zeichen von Ermüdung bis nach 22 Uhr durch und zollte am Ende großen Beifall für einen gelungenen Abend, nicht zuletzt natürlich für den Autor, der trotz seiner Beanspruchung durch die Buchmesse und eine vorangegangene Fernsehaufzeichnung in Frankfurt mit seinem freundlichen Lächeln und seinem britischen Humor sehr sympathisch und gewinnend wirkte.
Norbert Frei hob an Kershaws monumentaler Arbeit hervor, daß sie ganz ohne Metaphysik auskomme, Hitler also nicht dämonisiere, wie manche frühere Biographie, etwa auch noch die vor siebenundzwanzig Jahren erschienene von Joachim C. Fest. In dem in den 1970er Jahren aufgekommenen Streit zwischen Intentionalisten" und Strukturalisten" in der Geschichtsschreibung des III. Reiches vertritt Kershaw eine mittlere Position. Natürlich sei der Holocaust ohne Hitler nicht möglich gewesen, führte er aus, aber faktisch habe es über weite Strecken gerade in der Innenpolitik viel weniger persönliche Entscheidungen und Führerbefehle gegeben, als man oft annehme. Vielmehr habe Hitler seine Macht entfaltet durch ein System von blindem und manchmal sehr hellsichtigem, vorauseilendem Gehorsam, der darauf bedacht war, dem Führer entgegenzuarbeiten".
Auf direkte Nachfrage räumt Kershaw zwar ein, Hitler sei eine Verkörperung des Bösen, aber das erkläre schließlich noch nicht die Tatsache, daß ein Drittel der Deutschen 1932 seine Partei gewählt habe. Und daß Hitler seinen Weg bis zum Ende gehen und sein Volk und Land mit in den Abgrund der totalen militärischen Niederlage reißen konnte, habe natürlich auch mit der Schwäche des Widerstandes zu tun. Schließlich sei aber auch Glück" ein Faktor der Geschichte, wie Kershaw im Blick auf die Attentatsversuche von Georg Elser und Graf Stauffenberg ausführt.
Sein Grundsatz sei, daß man das Wie" verstehen müsse, um auf die Frage nach dem Warum?" antworten zu können. Dieser Anspruch hat im wahrsten Sinne des Wortes ein opus magnum hervorgebracht, in dessen Materialfülle und Detailreichtum der Leser leicht versinken kann. Kershaw hat Archivstudien in vielen Ländern Europas betrieben. Das Quellenmaterial, das er verarbeiten konnte, ist sehr viel umfangreicher als das bei früheren Darstellungen der Fall war. Besonders hervorzuheben sind natürlich die vor einigen Jahren in Moskau aufgefundenen vollständigen Goebbels-Tagebücher, eine Quelle erster Ordnung aus dem unmittelbaren Umkreis Hitlers, ein laufender Kommentar der Ereignisse".Man merkt dem britischen Historiker an, daß er versucht, komplexe Zusammenhänge nie zu vereinfachen. Vor dem Erklären stehen die Erfassung der Fakten und Vorgänge, sodann das nachvollziehende Verstehen: Die Lage Deutschlands in den 20er Jahren muß genau verstanden werden, und das aus ihr resultierende Gefühl nationaler Erniedrigung mit der unbestimmten Sehnsucht nach Erlösung" und neuer Größe, das Hitler und seiner Partei überhaupt so viele Stimmen zuführen und in den 30er Jahren so treue Solidarität sichern konnte.
Natürlich waren Hitlers politische Grundsätze von Anfang an nicht auf Politik der üblichen Art einzugrenzen. Er war durchdrungen von einem Erlösungsmythos und dem z. T. messianisch zu nennenden Selbstbewußtsein, vom Schicksal gesandt zu sein, um Deutschland zu erretten. Aber seine politischen Ideen von Deutschlands Größe und der Notwendigkeit der Ausweitung des Lebensraumes sind nicht nur Ausgeburten einer kranken Psyche, sondern grundgelegt in den Tendenzen und Strömungen, die schon im deutschen Kaiserreich mächtig waren, der Ideologie der Alldeutschen, dem Antisemitismus usw.
Zugleich war Hitlers Gedankenwelt nicht von Anfang ein fertiges Programm, das in den Jahren des NS-Staates nur ausgeführt wurde. Kershaw zeichnet in seinen Büchern auch die Entwicklungsgeschichte einer Person, einer Ideologie und eines charismatischen, pseudoreligiös überhöhten Herrschaftssystems, das sich so nur in der damaligen Weltlage und nur in Deutschland entfalten konnte.
Kershaw legt auch Wert auf die Feststellung, daß Hitler keineswegs von Anfang an den Genozid an den Juden als Ziel im Kopf gehabt habe. Zwar war seine Erlösungsideologie immer auch bestimmt vom Gedanken des Kampfes gegen das Weltjudentum", das er hinter Kapitalismus und Bolschewismus gleichermaßen witterte, aber der Gedanke einer organisierten Vernichtung der Juden reifte doch erst in den Kriegsjahren. Das Thema blieb selbst im engsten Umkreis Hitlers bis zuletzt eine Art Tabu.
Das charismatische Herrschaftssystem sieht Kershaw vor allem gegründet auf eine relativ kleine Anhängerschar in den Spitzen der Partei. Daß dieses System über zwölf Jahre funktionierte, lag natürlich nicht nur an der Schwäche der Westmächte, an der Zersplitterung des Widerstandes oder an der Unentschlossenheit und Obrigkeitstreue der Spitzen der Reichswehr, sondern vor allem an der Gefolgschaft der Deutschen, die, in den 30er Jahren durch den propagandistisch aufbereiteten Hitlermythos quasi-religiös überhöht, letztlich zum gehorsamen Gang in Krieg und Untergang führte. Und diese Gefolgschaft reichte weit hinaus über die Kreise ideologisch überzeugter Nationalsozialisten. Kershaw erzählt im Gespräch von einem Interview mit einer alten Frau, das im Rahmen eines der von ihm mitbetreuten Filmprojekte entstanden sei: Sie hatte ihre Nachbarin denunziert, nur weil sie jüdisch aussah. Von den Nazis habe sie ansonsten nichts gehalten...
Die Rezeption der Hitler-Biographie ist in verschiedenen Ländern naturgemäß sehr perspektivisch: In England interessieren vor allem die Jahre des Krieges, in Frankreich die Jahre ab 1940, in Italien der Vergleich mit Mussolini, in den USA (zumal an der Ostküste) der Holocaust.
In Deutschland aber ist nach Kershaws Meinung das Trauma des Nationalsozialismus auch nach über fünfzig Jahren noch nicht überwunden. Für einen Samstagabendvortrag über Hitler würde in England auch eine Telefonzelle ausreichen, meint Kershaw mit augenzwinkerndem understatement. Und darin steckt natürlich Anerkennung für sein Publikum, das ihm so interessiert zuhört.
Auf Nachfragen stimmt der Autor zu, es sei ihm als einem Nicht-Deutschen sicher leichter gefallen, dieses Buch (und seine anderen zahlreichen Bücher zum NS-Staat) zu schreiben.
Am Ende des Abends dann die Frage nach den Kontinuitäten der deutschen Geschichte: Hat es überhaupt eine ernsthafte Entnazifizierung gegeben? Und droht uns - angesichts pöbelnder Neonazis und der FPÖ Jörg Haiders - nicht ein Rückfall in die Barbarei? Die ruhige Souveränität des Historikers bringt eine gelassene Antwort hervor: Die Zeiten sind andere, die Demokratie gefestigt, und der Horden mit den Baseballschlägern müßte ein demokratischer Staat doch Herr werden können.
Das Publikum verläuft sich nur langsam, die Gesichter sind ernst, angestrengt vom konzentrierten Zuhören. Nachgespräche schließen sich an, der Büchertisch macht gute Geschäfte: Das Thema Hitler ist mit Kershaws Biographie nicht erledigt, wie sollte es auch? Kershaws Verdienst und Bedeutung bestehen in dem Beharren darauf, daß weder eine einseitige Dämonisierung Hitlers noch eine pauschale Verurteilung der Deutschen (Goldhagen) dem komplexen System des NS-Staates gerecht wird.
Beim Hinuntersteigen der Treppe das Gefühl, einem wichtigen Abend beigewohnt zu haben. Auf dem Marktplatz hat sich mit Kerzen und Transparenten eine Mahnwache gegen Atommülltransporte etabliert. Ich merke, wie mich das beruhigt.
Übrigens: Die deutsche Startauflage des vierten Bandes von Harry Potter beträgt eine Million, die des zweiten Bandes der Hitler-Biographie von Ian Kershaw 50.000. Immerhin.
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