Aufbruch zur Moderne: Ein Besuch der neuen Marburger Kunsthalle

Marburg ist eine Mittelstadt in Oberhessen, eine Fachwerkstadt mit einer Universität. In einer traditionsreichen Buchhandlung ist eine Postkarte erhältlich, die ein Zitat aus einem ansonsten zu Recht vergessenen Roman des 19. Jahrhunderts bringt: „Göttingen hat eine Universität . Marburg ist eine Universität".

Marburg liegt im Abseits. Und das schon seit langem. Die großen Straßen verlaufen woanders, und die bezaubernde kleine Universitätsstadt fällt auch durch die Maschen des Intercity-Netzes. Es läßt sich indes gut denken in dieser Abgeschiedenheit. Es läßt sich vielleicht auch gut hier leben.

Die Marburger Kultur lebt von der Kunst, die nicht viel kostet. Ein Landestheater, ein rühriger Konzertverein und allerlei geistliche Chöre sind die herausragenden Erscheinungen des örtlichen Kulturlebens, das ansonsten wesentlich von alternativer Kleinkunst zehrt.

Nun aber hat Marburg, als neue Heimstatt für den örtlichen Kunstverein, eine Kunsthalle bekommen. Nicht., daß es nicht schon ein Museum gäbe: Ein Universitätsmuseum für bildende Kunst, das nicht nur wesentliche Werke von lokalen Meistern, eine bedeutende Sammlung von gußeisernen Ofenplatten auch andere Erzeugnisse des heimischen Kunstgewerbes sein eigen nennt, sondern auch sonst eine recht ansehnliche, wenngleich zufällig zusammengewürfelte Sammlung besitzt. Das Highlight ist ein Spitzweg. Der Platz für Wechselausstellungen ist dort knapp. Das Geld sowieso.

Was braucht eine Stadt wie Marburg? Vielleicht einen Autobahnanschluß. Sicher bessere Zugverbindungen. Ganz gewiß keine Kunsthalle. Oder vielleicht doch?

Nun ist die Kunsthalle da, entstanden im Zuge der Neubebauung des ehemaligen Schlachthofgeländes, einen Katzensprung vom altehrwürdigen Universitätsmuseum entfernt, ein beeindruckender Bau, aber ein Museum ohne eigene Sammlung. Die Kunsthalle findet sich - gewissermaßen als Feigenblatt höherer Kultur - in einem Gebäude mit dem neuen Multiplex-Kino, in bester Citylage. Während die Inbetriebnahme der schönen neuen Kinos noch aussteht, wurde die Kunsthalle vor kurzem mit einigem Rummel (Sammlung heimischer Erde fürs Berliner Nationaldenkmal) eröffnet und zeigt nun ihre erste Ausstellung. Unter dem Titel „das erste mal" und dem Motto „Aller Anfang ist Kunst" präsentieren Studierende der Kunsthochschule Kassel ihre Arbeiten.

Das Gebäude ist von außen ebenso ansehnlich wie einladend, im Inneren besticht es durch seine Großzügigkeit, ein Eindruck, der vor allem durch die Raumhöhe von 4,80 hervorgerufen wird.. Zwei große Ausstellungsräume, verteilt auf zwei Etagen, dazu ein großes Foyer bieten insgesamt über 500 m² Ausstellungsfläche. Man kann dem Marburger Kunstverein zu seinem neuen Domizil nur gratulieren.

Der Rahmen aber ist überzeugender als der Inhalt, die erste Ausstellung. Kassel ist als Heimat der alle fünf Jahre stattfindenden documenta eine erste Adresse für Moderne Kunst, im Ausbildungsbereich gilt das vielleicht nicht gleichermaßen. Aber die Kasseler Kunsthochschule, gegründet 1777, hat sich lange gegen das völlige Aufgehen in der Gesamthochschule gewehrt, feierte im Jahr 1998 mit der Vereinigung der Fachbereiche Kunst und Visuelle Kommunikation eine Art Wiederauferstehung und pflegt ihr eigenes, leicht verspieltes Profil, mit den Worten des Informationsprospekts der Hochschule: „Ein Tag ohne Strich ist ein verlorener Tag."

Gezeigt werden in der Ausstellung (und dem gegenüberliegenden [alten] Kino) Arbeiten aus der Film- und Trickfilmklasse, vor allem aber solche aus dem Studiengang Produkt Design.

Um es kurz zu machen: Die Exponate der zwei Dutzend Beteiligten sind von sehr ungleicher Qualität, in ihrer Vielfalt auch schwer miteinander zu vergleichen. Das Spektrum der vorgestellten Techniken, Materialien und Konzepte ist weit, von der Videoinstallation über conceptual und object art bis hin zu Fotoprojekten. Einiges sei hervorgehoben: Die träumerisch bewegten Schattenrisse in der DVD-Installation von Candela 2 haben großen ästhetischen Reiz, ebenso die großformatigen Aquarelle von Milen Mitchev. Beachtenswert, wenngleich relativ traditionell, fand ich die Fotoserie „Ein Seil" von Kathrin Krüger. Vieles andere bleibt sperrig, fremd, reizt zum Stirnrunzeln oder Lächeln eher als zum Schauen oder Nachdenken. Natürlich ist das alles auch ein bißchen documenta im Kleinen, aber der Eindruck des Schülerhaften, des Experimentell-Unfertigen läßt sich doch schwer unterdrücken. Im Faltblatt zur Ausstellung wird eben dies Unabgeschlossene zum Programm, nicht nur dieser Ausstellung, sondern der künftigen Arbeit des Kunstvereins erklärt, der sich „zu einem aktuellen Kunstbegriff" bekennt, „der mit neuesten künstlerischen Ausdrucksmitteln und ungewöhnlichen Organisationsformen die künftige Arbeit ... prägen wird."

Zum Design der Ausstellung gehört natürlich auch ein Katalog (gestaltet vom Studiengang Graphik-Design), der modern und darum nur noch auf CD-ROM erhältlich ist. Außerdem kann man ihn sich freilich unter der Adresse des Marburger Kunstvereins auch im Internet anschauen, was aber aufgrund der verspielten Machart (Jagd mit der Maus nach den flüchtig hin- und herwandernden Links!) kein reines Vergnügen ist.

Die Ausstellung, die noch bis zum 30. November zu sehen ist, bietet nicht nur Kunst im weiteren Sinne, sondern - an den Wochenenden - auch Gelegenheit zum Gespräch mit den beteiligten Kunststudierenden, die als Design-vor-Ort-Projekt einen künftigen Museumsshop planen und gestalten. Die Begegnung mit den Menschen hinter den ausgestellten Arbeiten ist angenehm, frischer als viele der „Werke" selbst.

Der schönste Anblick, den man in der neuen Kunsthalle haben kann, hat mit der Ausstellung nichts und mit dem Gebäude nur indirekt zu tun: Die Alte Universität zeigt sich beim Blick aus dem Fenster eines Nebenraums im Obergeschoß in ungeahnter, neuer Perspektive.

Ein kleine Universitätsstadt sucht Anschluß an die Moderne. Man darf auf künftige Ausstellungen in der Marburger Kunsthalle - doch wohl nicht nur mit Schülerarbeiten - gespannt sein. Dem Kunstverein bieten sich in den neuen Räumen interessante Möglichkeiten. Hoffentlich reichen die finanziellen Mittel, das neue Ausstellungsgebäude mit Leben zu erfüllen - und mit wirklicher Kunst.

Wer eine Kunstausstellung besuchen will, die diesen Namen verdient, der wird auch in Zukunft nach Kassel oder Frankfurt oder Düsseldorf oder München fahren müssen. Eine bessere Bahnanbindung würde Marburg eben doch gut tun.

Uwe Kühneweg

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