Steven Pinker: Wie das Denken im Kopf entsteht. Aus dem Amerikanischen von Sebastian Vogel und Martina Wiese. Kindler-Verlag, München 1998, ISBN 3-463-40341-2, 768 S., DM 78,-
Ein Buch des Jahrzehnts ist Steven Pinkers Wie das Denken im Kopf entsteht". Der bescheidene Titel verspricht weit weniger, als das Buch hält. Wir bekommen einen umfassenden Überblick über den gegenwärtigen Stand der Kognitionswissenschaft. Hierbei handelt es sich um einen neuen Wissenschaftszweig, der u.a. Psychologie, Hirnforschung, Evolutionslehre, Informatik integriert. Pinker, von Hause aus Psychologe, ist einer der weltweit führenden kognitionswissenschaftlichen Fachleute, und dennoch versteht er zu schreiben wie ein guter Wissenschaftsjournalist: leicht lesbar, allgemeinverständlich, unterhaltsam, informativ.
Pinker bietet uns eine Fülle faszinierender Einblicke in die Psychologie des Wahrnehmens, Denkens, Fühlens und Wollens, der sozialen Interaktionen. Das erste Kapitel zeichnet den Geist als ein System aus Rechenorganen, die durch natürliche Selektion so gestaltet wurden, dass unsere entwicklungsgeschichtlichen Vorläufer damit die Probleme ihres Jägerlebens lösen konnten." Der Informationsverarbeitung und der Evolution sind sodann jeweils eigene Kapitel gewidmet. Es folgen Kapitel über Wahrnehmung, Vernunft, Gefühle und zwischenmenschliche Verhältnisse (Familie, Liebesbeziehungen, Konkurrenz, Freundschaft, Bekanntschaft, Bündnisse und Feindschaften). Schließlich ist ein Kapitel der kognitionswissenschaftlichen Analyse der Phänomene Kunst, Musik, Literatur, Humor, Religion und Philosophie gewidmet. In den Zusammenhang würde auch ein Kapitel über Sprache passen; hierüber hat Pinker ein eigenes, ebenfalls inzwischen berühmt gewordenes Buch geschrieben (Der Sprachinstinkt").
Die von Pinker referierten Forschungsbefunde sind vielfach bei den Experten anderer Fachrichtungen noch nicht angekommen, geschweige denn im Alltagsbewusstsein. Gerade Philosophen sollten diese Befunde zur Kenntnis nehmen, denn es ergeben sich daraus oft weit reichende Konsequenzen für die verschiedensten philosophischen Fragestellungen.
Zur Anregung des Lesers möchte ich ohne Anspruch auf Vollständigkeit und Repräsentativität ein paar Informationen herausgreifen bzw. wörtlich zitieren (letzteres durch Kursivdruck kenntlich gemacht), die mich besonders interessiert bzw. fasziniert haben:
Der Irrglaube, Intelligenz sei ein höheres Ziel der Evolution, ist ein Teil desselben Irrglaubens, der in ihr eine göttliche Essenz oder ein allumfassendes mathematisches Prinzip sieht. Der Geist ist ein biologischer Apparat. Wir besitzen ihn, weil seine Konstruktion Ergebnisse ermöglicht, deren Nutzen im Leben afrikanischer Primaten im Plio-/Pleistozän schwerer wog als ihre Kosten. Um uns selbst zu verstehen, müssen wir das Wie, Warum, Wo und Wann dieser historischen Episode kennen."
Die ökologische Nische, die die Menschen in der Biosphäre besetzt haben, kann als die kognitive Nische" charakterisiert werden.
Selbst die alltäglichsten geistigen Tätigkeiten, die uns ganz simpel vorkommen, bewältigen riesige technische Probleme. Erst die Kognitionsforschung und die Künstliche-Intelligenz-Forschung haben dies in aller Deutlichkeit gezeigt.
Zu den Bedingungen geistiger Tätigkeit gehören angeborene Annahmen (Ideen) und Kategorien. Der Geist muss aus spezialisierten Teilen aufgebaut sein, weil er ganz unterschiedliche Probleme zu lösen hat. Nur ein Engel könnte ein allgemeiner Problemlöser sein; wir Sterblichen müssen aus bruchstückhaften Informationen fehleranfällige Annahmen ableiten. Jedes unserer mentalen Module löst sein unlösbares Problem, indem es in einem Akt des Glaubens auf die Funktionsweise unserer Welt vertraut: Es macht Annahmen, die unverzichtbar sind, aber nicht begründet werden können - die einzige Rechtfertigung lautet: Diese Annahmen haben sich in der Welt unserer Vorfahren bewährt." Z.B. ist es unmöglich, die wirkliche Form eines Gegenstandes allein aus dem Netzhautbild zu rekonstruieren. Vielmehr setzt unser Mechanismus zur Formenanalyse auf die größte Chance und lässt uns den auf der Grundlage des Netzhautbildes wahrscheinlichsten Zustand der Welt sehen. Manchmal aber sind unwahrscheinlichere Zustände gegeben. Dann entstehen charakteristische Wahrnehmungsirrtümer, nämlich die optischen Täuschungen. Analoge Irrtümer entstehen überall, wo wir von sozusagen angeborenen Ideen" ausgehen (müssen), auch auf der Ebene des Denkens. Pinker berichtet viele spannende Einzelheiten über die heute schon erstaunlich detailliert bekannte komplizierte und äußerst raffinierte Arbeitsweise des visuellen Systems.
(Wir haben nicht) weniger Instinkte als andere Tiere; wir besitzen mehr davon. Unsere vielgerühmte Flexibilität erwächst aus einer Fülle von Instinkten, die zu Programmen zusammengesetzt sind und sich in Konkurrenz gegenüberstehen." Wenn alles klappt, verflechten sich unsere Vernunftinstinkte zu komplizierten Programmen für rationale Analysen, aber das liegt nicht daran, dass wir uns irgendwie mit einem Bereich der Wahrheit und Vernunft beraten würden. Die gleichen Instinkte kann man mit Sophisterei hinters Licht führen oder auf Paradoxa (wie Zenos spitzfindigen Nachweis, dass Bewegung unmöglich ist) stoßen lassen. Sie können uns auch benommen machen, wenn sie sich mit Rätseln wie Empfindungsfähigkeit und freiem Willen befassen. Genau wie ein Verhaltensforscher, der die Instinkte der Tiere mit klugen Experimenten entlarvt und beispielsweise eine mechanische Biene in einen Bienenstock setzt oder einen Jungvogel im Planetarium großzieht, können Psychologen auch die menschlichen Instinkte des Denkens aufdecken." Wenn diese Instinkte des Denkens auch eine Quelle philosophischer Irrungen und Wirrungen sein können, hat dann nicht die Philosophie allen Grund, diese Forschungsbefunde ab sofort in ihre Überlegungen einzubeziehen?
Im Gegensatz zu der verbreiteten Ansicht, Eigenschaften von Kulturen könnten willkürlich und unbegrenzt variieren, zeigt eine Übersicht über die ethnologische Literatur, dass den Völkern der Welt eine allgemeine psychische Struktur gemeinsam ist, die erstaunlich weit ins Detail geht." Hierin wurzeln u.a. die moralischen Universalien.
Bei der Ergründung von Kooperation und Konflikt können mathematische Spieltheorie und wirtschaftswissenschaftliche Modelle von großem Erkenntniswert sein.
Viele als störend empfundene Denk-, Verhaltens- und Empfindungsweisen haben einen verborgenen biologischen Sinn. Z.B. ist Schwangerschafts-Übelkeit anscheinend ein Mechanismus, um den empfindlichen Embryo vor Vergiftungen zu schützen. Frauen bevorzugen in der Schwangerschaft instinktiv Nahrungsmittel, die dem Embryo nützen und meiden solche, die ihm schaden. Notfalls führt die Übelkeit sie auf den rechten Weg. Frauen mit besonders starker Schwangerschafts-Übelkeit bekommen seltener Kinder mit Geburtsfehlern!
Viele gängige Theorien über den schädlichen Einfluss elterlicher Erziehung sind falsch. Zum Beispiel: Widersprüchliche Haltung führt nicht zur Schizophrenie, Gefühlskälte führt nicht zu Autismus, Dominanz führt nicht zur Homosexualität, fehlendes Setzen von Grenzen führt nicht zur Magersucht, Übernahme der Babysprache durch die Mutter führt nicht zu Sprachstörungen.
Bei dieser Aufzählung merke ich, dass ich fast alle von Pinker vorgetragenen Befunde und Überlegungen interessant und wichtig finde. Deshalb breche ich jetzt einfach ab, mittendrin sozusagen, und hoffe, den Leser schon neugierig genug gemacht zu haben. Wer jetzt aber immer noch keine Lust bekommen hat, das ganze Buch zu lesen, dem empfehle ich die in der Neuen Zürcher Zeitung erschienene Rezension von Michael Hampe, die insbesondere die philosophischen Aspekte beleuchtet. Hampes Resümee lautet: Kein einschlägiges Buch der letzten zehn Jahre zeugt wohl von vergleichbarer Informiertheit in der empirischen Forschung, ähnlicher analytischer Scharfsinnigkeit und ebensolchem philosophischem Takt." Dem kann ich mich nur anschließen. Etwaigen Interessenten sende ich Hampes Rezension auf Anforderung gern per E-Mail zu.