Bernard Williams, Ethik und die Grenzen der Philosophie. Aus dem Englischen von Michael Haupt. Rotbuch-Verlag, Rotbuch Rationen, hrsg. von Otto Kallscheuer, Hamburg 1999, ISBN 3-434-53036-3, 303 Seiten, 32.00 DM

Bernard Williams, Der Wert der Wahrheit. Aus dem Englischen von Joachim Schulte. IWM-Vorlesungen zur modernen Philosophie. Passagen-Verlag, Wien,1998, ISBN 3-85165-277-0,97 Seiten, 25.00 DM

Die Rezension dieser beiden Bücher stellt mich vor große Schwierigkeiten, weil sie mich mit einer Art des Philosophierens konfrontiert, die von denjenigen, die mir vertraut sind und die ich schätze, sehr verschieden ist. Eine erste, fast instinkthafte Reaktion hierauf ist einfache Ablehnung: aber sie ist immerhin die Antwort auf ein Interesse, das sich getäuscht sieht. Es wurde hervorgerufen durch die Lektüre von Sätzen wie: "Es ist ein Fehler der Moral, dass sie versucht, alles in Pflichten zu verwandeln" (S. 250), oder: "Die Moral befördert die Auffassung, dass nur eine Verpflichtung eine Verpflichtung außer Kraft setzen kann" (S. 251). Williams erläutert: "In diesem Stadium kann tatsächlich nur eine Verpflichtung eine Verpflichtung verdrängen, und also brauche ich, um das zu tun, was ich möchte, ein so arglistiges Ding wie eine Pflicht mir selbst gegenüber. Wenn man der Pflicht gestattet, das ethische Denken zu beherrschen, dann gibt es genügend natürliche Methoden, mittels derer sie bald das ganze Leben beherrscht" (S. 252f).

Das scheint hochinteressant, weil sich hier offenbar andeutet, es gebe - oder sollte geben - eine Ethik ohne den überkommenen Pflichtbegriff. Aber leider denkt Williams gar nicht in diese Richtung. Überhaupt fällt es mir schwer, anzugeben, worin denn der eigenständige Beitrag Williams‘, der die Veröffentlichung eines immerhin dreihundertseitigen Buches rechtfertigte, zur Ethikdebatte besteht. Hingegen liest man immer wieder, um nicht zu sagen, so gut wie nur, Stellen wie die folgende:

"Die von uns bis jetzt erörterten Pflichten umfassen (in negativer Hinsicht) das, was grundlegend wichtig und (in positiver Hinsicht) das, was wichtig und unmittelbar ist. Beide Typen beruhen letztlich auf der Konzeption, dass jede Person ihr Leben führen muss. Menschen benötigen Hilfe, aber (sofern sie nicht sehr jung, sehr alt oder stark behindert sind) nicht ununterbrochen. Sie dürfen allerdings zu keinem Zeitpunkt getötet, körperlich angegriffen oder auf willkürliche Weise beeinträchtigt werden. Eine Stärke des Kontraktualismus liegt darin, dass er bemerkt, dass solche positiven und negativen Pflichten aus diesen grundlegenden Interessen folgen" (S. 259).

Wahrscheinlich sucht der Autor in solchen Passagen, deren Leitfaden mir ihre ungewollte Komik zu sein scheint, nach einer wirklichen Grundlage für die elementaren Regeln des menschlichen Verhaltens. Der Argumentationsweg, den er verfolgt, ist jedoch weder zwingend, noch besonders interessant. Man wartet etwa nach dem folgenden Satz: "In Wahrheit liegt fast das gesamte lebenswerte menschliche Leben zwischen den Extremen, die die Moral uns bietet" (S. 270) vergeblich sowohl auf eine Ausführung, was denn das "lebenswerte menschliche Leben" sei, als auch auf eine Begründung des "fast". Williams fährt vielmehr fort: "Unbeugsam beharrt sie auf einer Reihe von Gegensätzen: Zwischen Macht und Vernunft, zwischen Überredung und rationaler Überzeugung, zwischen Scham und Schuld, zwischen Abneigung und Missbilligung, bloßer Ablehnung und Schuldzuweisung. Was die Moral zur Betonung all dieser Gegensätze veranlasst, wird ihre Reinheit genannt" (ebda.). Es ginge also doch wohl um die Konzeption einer Ethik, dir ohne dieses Gegensatzdenken auskäme. Immerhin beendet Williams das letzte Kapitel seines Buches: "Und über all das hinaus lässt die Moral die Menschen glauben, ohne ihre sehr spezifische Pflicht gäbe es nur Neigungen; ohne ihre vollendete Freiwilligkeit nur Zwang; ohne ihre in letzter Hinsicht reine Gerechtigkeit keine Gerechtigkeit. Ihre philosophischen Irrtümer sind jedoch nur der abstrakteste Ausdruck einer grundlegend falschen Auffassung vom Leben" (S. 272).

"Der Wert der Wahrheit" bringt den Text der von Williams am "Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IWM )" 1996 gehaltenen Vorlesung. Mir ist unverständlich, wie man, nach einem Jahrhundert Forschungsarbeit über das Lernen, in einer Gegenwartspublikation Sätze wie den folgenden finden kann: "Das Lernen muss bei einer Art von einfachem Vertrauen ansetzen, und es ist, wie wir sehen werden [aber dazu kommt nichts Erhebliches mehr], von einem später erreichten sozialen und politischen Standpunkt betrachtet, kein Zufall, dass das Lernen in der Familie beginnt" (S. 18).

Wiederum möchte Williams eine Grundsituation konstruieren, in der wahre Aussagen ihren Platz finden: "Ich beginne mit den Grundtugenden, die wir mit der Wahrheit in Verbindung bringen. Um sie zu lokalisieren, werde ich eine Geschichte über den "Naturzustand" erzählen. Die Schilderung beginnt mit einem fiktiven Bericht, einer drastisch vereinfachten Darstellung, ... Der Ausgangspunkt der Geschichte ist die grundlegende Situation des Lernens einer Sprache, des allmählichen Verstehens von Gesagtem" (S. 16). Natürlich geht es hier nicht um die reale Betrachtung empirischer Lernvorgänge, sondern um die Konstruktion einer philosophischen Struktur. Und in ihr siedelt Williams nun seine beiden Grundtugenden an: "Sobald wir diese Vorstellung besitzen, verfügen über den Platz für zwei Tugenden der Wahrheit, und da der Platz für diese Tugenden so früh in unserer Geschichte zum Vorschein kommt, dürfen wir sie die Grundtugenden der Wahrheit nennen. Es handelt sich um die Genauigkeit (GEN) und die Ehrlichkeit (EHRL). Die GEN trägt dazu bei, grob gesagt, dass die Wahrheit mit der Überzeugung des Sprechers übereinstimmt, während die EHRL die Aufgabe hat, dass das vom Sprecher Gesagte das von ihm Geglaubte ausdrückt" (S. 17f).

Nun haben wir etwas gelernt, nämlich dass "GEN" und "EHRL" "also potenziell schon in der Grundsituation angelegt" (sind). Ich gestehe offen, dass es mir schwer fällt, dergleichen ernst zu nehmen. Die Geduld des Lesers wird aber auf eine noch härtere Probe gestellt, gelangt er an Stellen wie die folgenden: "Wenn jemand ernsthaft die Wahrheit über eine Frage herauszufinden wünscht, dann ist das, wie wir sagen können, gleichbedeutend mit seinem Wunsch, in den folgenden Zustand zu gelangen: Sofern P, zu glauben, dass P, und sofern nicht P, zu glauben, dass nicht P", und: "Will man zur Wahrheit über ein Thema gelangen, bedarf es dazu unter anderem vielleicht solcher Dinge wie Beharrlichkeit, Bemühung und so weiter [!]. Die Wahrheit ist womöglich verborgen oder schwer zu finden - das heißt, es könnte schwerfallen, zu einer Überzeugung zu gelangen, die man mit gutem Grund für wahr hält. Das wird, so könnte man sagen, an äußeren Hindernissen liegen" (S. 40), "und so weiter".

Erhellender sind Williams Bemerkungen zu Rortys Interpretation der Folterszenen in George Orwells Roman "1984":"Vielmehr untergräbt sie [die Folter] wahre Überzeugungen, um auf diese Weise die Beziehung des Opfers zur Welt überhaupt zu zerstören und die Unterscheidungen zwischen Einbildung und Wirklichkeit aus den Angeln zu heben" (S. 58f). Die wichtige Schlussfolgerung lautet: "Fehlt das [der Gedanke, dass einige Überzeugungen des Opfers wahr sind], haben wir weder eine angemessene Vorstellung von seiner Freiheit noch letzten Endes von dem, was als Demütigung dieser Person gilt. (...) Diese Feststellung [des Folterers: "Der Zweck der Folter ist die Folter"] bedeutet in 1984 ebenso wie in der Wirklichkeit, dass der Zweck der Folter darin besteht, die Macht geltend zu machen" (ebda.).

Im Kapitel "Wahrheit, Redefreiheit und Kritik" folgen nun Äußerungen, die mir wiederum schwer verständlich sind. Ich gebe ein Beispiel: "Es gibt aber auch noch andere Argumente, die weniger zweckrational sind, so zum Beispiel das folgende Argument, das sich auf den Demokratiebegriff stützt: Das Volk ist die Quelle der Regierungsautorität und (sofern einige maßgebliche Einschränkungen gemacht werden) auch der Regierungspolitik. Das Regieren ist in gewissem Sinne eine treuhänderische Tätigkeit. Zwischen Regierung und Volk besteht eine spezielle Beziehung, und es verstößt gegen diese Auffassung, wenn sich Heimlichkeiten und Unwahrheiten störend zwischen den Treuhänder und das Volk stellen" (S. 62). Soll, oder kann, man das nun eine Theorie der Politik nennen?

Im Grunde ist mir, und das betrifft nicht nur Williams, sondern etwa auch Rawls, das ganze Verfahren der Konstruktion von Modellen suspekt. Ich belege das: "Es ist aber tatsächlich möglich, ein Modell der demokratischen Legitimität zu konstruieren, bei dem man sagen kann, "das Volk" autorisiere die Handlungen der Regierung (selbst wenn viele - häufig sogar die meisten - Bürger gegen diese Handlungen wären). Dieses Modell lässt sich formulieren, indem man von einer Beziehung ausgeht, die zwischen einer Regierung und einer fiktiven Instanz namens "Volk" bestehen soll, und sagt, das Handeln der Regierung werde genau dann vom Volk autorisiert, wenn diverse komplizierte Bedingungen erfüllt sind [!], die sich auf Handlungen wirklicher Staatsbürger beziehen. [...] Eine Bedingung, die wir in das Modell aufnehmen wollen, besagt, die Regierung dürfe das Volk nicht täuschen. Was immer das im einzelnen heißen mag, so muss es doch die beruhigende Folgerung beinhalten, normale [!] Staatsbürger dürften nicht - jedenfalls nicht regelmäßig [ich unterlasse nun das Setzen von Ausrufezeichen, obwohl es mir schwerfällt], es sei denn aus besonderen Ursachen und so weiter [das steht hier wirklich] - von der Regierung betrogen werden" (S. 63f). Ich frage mich, ob solche Absätze, von denen es auch in diesem Buch viele gibt, nicht den Namen "Geschwafel" verdienen.

Williams rutscht endgültig, wenn er sich den neuen Medien stellt, in bloßes Herumschwadronieren ab: "Vielerorts haben sich die wichtigsten Fernsehsender ein gewisses Verantwortungsbewusstsein bewahrt und wollen relevante sowie wahre Informationen liefern. Die internationale Vervielfachung der Fernsehkanäle kann diese Wirkung jedoch nur vermindern. Die meisten Kanäle werden überhaupt keine Nachrichtensendungen mehr bieten, während diejenigen, die noch Meldungen bringen, wahrscheinlich in immer höherem Maße unstrukturierte, lokale oder langweilige Nachrichten senden werden. Darüber hinaus scheint das Internet nun zum ersten Mal das globale Dorf Wirklichkeit werden zu lassen ... Das wird dadurch möglich, dass der Hauptpfeiler jeglichen Dorflebens - der Klatsch - nunmehr in globalem Maßstab geliefert wird. Das Internet wird einen wirklich freien und unstrukturierten Austausch von Botschaften bieten und damit eine immer größere Zahl von - je nachdem unterhaltsamen, abergläubischen, skandalträchtigen oder bösartigen - Behauptungen, Hirngespinsten und Verdächtigungen. Die Chance, dass viele dieser Meldungen wahr sein werden, ist gering; die Wahrscheinlichkeit, dass das System zur Auswahl der wahre Nachrichten beitragen wird, ist gleich Null. In diesen wie in vielen anderen Hinsichten wird uns die postmoderne Welt auf dialektischem Wege zu einer verwandelten Form der vormodernen Welt zurückbringen; und die Aussichten auf den Erwerb wahrer Überzeugungen werden - außer in bestimmten privilegierten Bereichen des Expertenwissens - nicht viel anders sein als im Mittelalter" (S. 69).

Ich habe diesen Absatz in voller Länge zitiert, weil er ein merkwürdiges Gemisch von banalsten Vorurteilen und Kritik enthält. Offensichtlich haben wir es hier mit einer konservativen Weltsicht zu tun, die durchaus ihre Vorteile hat - es liegt mir fern, sie in Bausch und Bogen zu verurteilen - , den nachmodernen gesellschaftlich-technischen Entwicklungen jedoch nicht gerecht wird. Insgesamt bietet Williams eine spätanalytische, angelsächsisch-demokratische Haltung des Philosophierens, deren Argumentationsweise ich selten akzeptieren kann, obgleich ich sie, durch meine Kritik, anerkennen möchte. Glücklicherweise gibt es keinen Kampf der Schulen mehr, und für mich zeigt sich eine neue Situation der Philosophie darin, dass das Streben nach universeller Gültigkeit von Erklärungsmustern überflüssig wird. Was das für den Wahrheitsbegriff heißt, bedarf trotz der Arbeiten von Williams weiterer Untersuchung.

Max Lorenzen