Zur Rehabilitation der Könige Laios und Ödipus
oder: Die Lüge der Iokaste
Von Klaus Schlagmann (Saarbrücken)
Einleitung
Immer wieder wird die Frage nach der Schuld" des Ödipus aufgeworfen, in jüngerer Zeit z.B. von Egon Flaig (1998), Professor für Altertumswissenschaft in Greifswald, der den thebanischen Helden als herrschsüchtigen, selbstherrlichen Tyrannen zu entlarven trachtet. Dem möchte ich meine völlig gegenteiligen Thesen gegenüberstellen: Ödipus ist das Opfer familiärer Verstrickung. Er re-agiert lediglich auf die Beziehungsdefinitionen, die von seinen Eltern ausgehen. Sein Problem besteht darin, dass er schon früh einer Misshandlung ausgesetzt ist. Maßgeblich dafür verantwortlich zeichnet eine Person, die in den traditionellen Deutungsmustern dieses Mythos seit Jahrhunderten so gut wie völlig unbeachtet geblieben ist: seine Mutter, Iokaste. Mit ihrer Verantwortung für die Aussetzung des Säuglings trägt sie auch die Verantwortung für die daraus resultierende Entfremdung vom Vater, und damit für den tödlichen Vater-Sohn-Konflikt, der nur unter der Voraussetzung dieser Entfremdung denkbar ist.
Wie komme ich zu dieser Deutung? Ausgangspunkt sind für mich u.a. folgende Fragen:
Was hat es zu bedeuten, wenn Iokaste selbst zu Beginn des Stückes den verstorbenen Laios beschuldigt, dieser habe das Kind von den Händen anderer" ins Gebirge werfen lassen, während der mit der Aussetzung betraute Hirte am Ende des Stückes bezeugt, er hätte das Kind von Iokaste zur Aussetzung übergeben bekommen?
Was hat Ödipus vor, wenn er - nach dieser Aufklärung - in den Palast stürzt und in Raserei danach fragt, wo sich Iokaste aufhielte, und gleichzeitig nach seinem Schwert verlangt? Zweifellos möchte er also hier seine Gattin und Mutter umbringen. Was bedeutet es aber in der griechischen Mythologie, einen Muttermord" zu begehen?
Das delphische Orakel des Apollo erweist in diesem Stück seine überaus gewaltige Aussagekraft. Aber wird denn auch dem Gebot Apollos Rechnung getragen, dass zur Sühne für den Tod des Laios Tod mit Tod" zu vergelten sei?
Wie ist es möglich, dass Ödipus in Kolonos höchste göttliche Ehren zuteil werden, dass er als ein Heiliger der also anderen Menschen Heil bringt leibhaftig in die Unterwelt aufgenommen wird?
Wie ist die Darstellung bei Sophokles mit anderen Versionen des Geschehens (Homer, Euripides) in Deckung zu bringen?
Im folgenden möchte ich auf diese und andere Fragen eine Antwort zu geben versuchen.
Die falsche Beschuldigung des König Laios
In der Literatur, die sich mit König Ödipus auseinandersetzt, existiert eine weit verbreitete Verwirrung über ein Detail, das m.E. den Dreh- und Angelpunkt des ganzen Dramas bildet. Es geht um die Antwort auf die von dem Betroffenen selbst dringend gestellte Frage (V.1037), wer denn eigentlich für seine Aussetzung an seinem dritten Lebenstag verantwortlich sei.
Immer wieder wird fälschlich König Laios die Verantwortung dafür zugeschoben:
Als Iokaste trotzdem einem Sohn das Leben schenkt, läßt ihm Laios die Knöchel durchbohren und auf dem Berge Kithairon aussetzen" (Hunger, 1953, S. 251).
Da das Orakel Laios den Tod durch Sohneshand prophezeit hatte, ließ er Ö. nach der Geburt mit durchstochenen Füßen aussetzen" (Brockhaus, 1955, Ödipus").
Dem König Laios war die Schicksalskunde geworden, er werde von seines Sohnes Hand sterben. Darum durchstach er dem neugeborenen Kinde die Füße und setzte es in unwegsamer Gegend aus" (Dirlmeier, 1964, S.13).
Ödipus (Schwellfuß) aus Theben, von Vater Laios ausgesetzt" (Lurker, 1988, Ödipus").
Als sie (Iokaste; K.S.) ... von einem Sohn entbunden wurde, entführte ihn Laios aus den Armen der Amme, durchbohrte seine Füße mit einem Nagel und band sie zusammen. Dann setzte er ihn auf dem Berg Kithairon aus" (Ranke-Graves, 1990, S.337).
... einem ersten Zornausbruch ... muß der Entscheid des Vaters zugeschrieben werden, sich ... dieses Sohnes zu entledigen" (Girard, 1994, S.105).
als seine Frau Iokaste ihm einen Sohn gebiert, gibt er (König Laios; K.S.) diesen Säugling mit gefesselten Fußgelenken - wahrscheinlich auch mit durchbohrten Füßen - einem seiner Hirten, der das Kind im Wald aussetzen soll" (Flaig, 1996).
In allerjüngster Zeit hat es einen Versuch gegeben, die Geschichte von Ödipus in Form eines Familienkrimis darzustellen (Lamaison, 1997). Auch hier, obwohl sich der Text sehr stark am Drama des Sophokles orientiert, lautet die Antwort auf die Frage nach dem Urheber der Tat - im glatten Gegensatz zur Vorlage:
(Ödipus; K.S.) Wer war dieser grausame Herr?
(Hirte; K.S.) Ihr wißt es, Majestät! Ich habe nie einen anderen gekannt!
Was? Laios?
Euer Vater, ja ..." (Lamaison, S.109).
Die Liste dieser falschen Versionen ließe sich noch ziemlich lange fortsetzen.
Gustav Schwab (1994) macht immerhin beide Eltern für die Aussetzung verantwortlich:
Als das Kind zur Welt gekommen war, fiel den Eltern der Orakelspruch wieder ein, und um dem Spruch des Gottes auszuweichen, ließen sie den neugeborenen Sohn nach drei Tagen mit durchstochenen und zusammengebundenen Füßen in das wilde Gebirge Kithairon werfen" (Schwab, S. 255f).
Aber auch diese Sichtweise ist noch nicht völlig korrekt, sofern man sich jedenfalls an Sophokles orientiert, von dem uns die älteste geschlossene Version der Geschichte des Ödipus überliefert ist. Dazu ist der Höhepunkt des Stückes einmal genauer zu betrachten.
Der Kulminationspunkt liegt in meinen Augen da, wo der Hirte auftritt. In der unmittelbar vorangegangenen Szene hatte der Bote aus Korinth dem thebanischen Herrscher mitgeteilt, dass er, der Bote selbst, den wenige Tage alten Ödipus von diesem Hirten im Kithairon übergeben bekommen und an Merope und Polybos zur Adoption weitergegeben hatte. Dieser Hirte hatte den Auftrag gehabt, den Säugling in der Wildnis mit durchstochenen und gebundenen Fersen auszusetzen. Sofort will Ödipus diesen Hirten sprechen, denn dieser Mann kann ihn über seine eigentliche Identität aufklären. Und, mehr noch: er wird ihm sagen können, wer ihn derartig jämmerlich zugrunde gehen lassen wollte. Es ist der Chor, der Ödipus darauf hinweist, dass dieser Mann identisch ist mit dem einzigen Augenzeugen des Überfalls auf König Laios (V.1051-1053), der in wenigen Momenten auftreten wird. Ursprünglich war der Mann auf Drängen von Ödipus - gegen die massiven Einwände der Iokaste (V.838, V.848-854) - gerufen worden, um über die Umstände des Todes von Laios auszusagen. Ödipus möchte sich nach dem Hinweis aus dem Chor - bei seiner Gattin ausdrücklich über die Identität dieses Zeugen versichern (V.1054), doch Iokaste gibt auf die präzise Frage keine Antwort.
Der kurz darauf auftretende Hirte weigert sich zunächst, das Schreckliche zu offenbaren, das er miterlebt hat. Nur die Androhung von Gewalt bringt ihn zum Reden (V.1167-1174):
HI: Aus dem Hause Laios also denn ein Sprößling wars!
ÖD: Ein Sklave? Oder irgendwie mit ihm verwandt?
HI: Weh mir! Dicht am Schrecklichen bin ich, es zu sagen!
ÖD: Und ich zu hören! Doch gehört sein muß es!
HI: Sein Sohn denn also wurde es genannt ... doch die drinnen
könnt am besten sagen, deine Frau, wie sich das verhält.ÖD: Gab sie es dir?
HI: Ja, Herr!
ÖD: Um was damit zu tun?
HI: Vernichten sollt ich es!
ÖD: Die Mutter bracht es über sich ...?
Einige Zeit zuvor hatte Iokaste gegenüber Ödipus von König Laios noch behauptet (V.717-719):
IO: Seit der Geburt des Knaben waren drei Tage kaum
vergangen, da schnürte jener ihm die Fußgelenke ein
und ließ ihn - von den Händen anderer - ins unzugängliche Gebirge werfen.
Wer von den beiden lügt - der Hirte oder Iokaste? Ist das Kind vom Vater oder von der Mutter zum Aussetzen übergeben worden?
Ich behaupte, dass hier eindeutig Iokaste der Lüge überführt ist. Sie allein hat hierfür ein Motiv. Der Hirte sagt als neutraler Zeuge die Wahrheit. Die Mutter gab den Mordauftrag!
Es ist ein zusätzliches Detail, dass Iokaste zu ihrem Selbstmord in den Palast stürzt (nach V.1072), kurz bevor der Hirte auftritt. Das unterstreicht, dass sie weiß, dass mit diesem Mann als Augenzeugen die Wahrheit über sie und ihre Lüge ans Licht kommen wird! Durch ihre bei ihrem Abgang ausgestoßene Warnung an Ödipus: Unglückseliger! Daß niemals du erkenntest wer du bist!" (V.1068) wird überdeutlich, dass Iokaste schon längst um die Zusammenhänge weiß, dass sie die Identität von Ödipus kennt. Damit muss ihr auch schon längst, wenn nicht von Anfang an, klar sein, dass sie im Inzest mit ihrem Sohn lebte.
An dieser Stelle erkennt Ödipus, dass Iokaste, seine Ehefrau, auch seine Mutter ist. Sie war diejenige, die ihn an seinem dritten Lebenstag mit durchbohrten und gefesselten Füßen aussetzen lassen wollte. Und König Laios war sein eigener Vater. Dass er ihn getötet hat, nimmt er an dieser Stelle als erwiesen an, ohne noch auf irgendeine Zeugenaussage hierzu Wert zu legen - auf die gewünschte Entlastung kann er jetzt nicht mehr hoffen. Für einen Moment wird dem Ödipus vollkommen klar, dass seine Mutter Iokaste das ganze dramatische Geschehen ins Rollen gebracht hat!
Ein Diener berichtet, was sich kurz darauf im Palast zugetragen habe. Ödipus sei schreiend hereingestürzt, habe nach einem Schwert verlangt und gefragt, wo seine Frau, nein, nicht die Frau, vielmehr das zweifach mütterliche Saatfeld" (V.1256 f) zu finden sei. Keiner der Umstehenden habe gewagt, dem Tobenden einen Hinweis zu geben. Der habe sich dann schließlich zielsicher auf das Schlafgemach zubegeben, habe dort die Tür aus den Angeln gewuchtet, hinter denen er dann die erhängte Iokaste vorgefunden habe. Bei der Erzählung des Dieners bleibt mir kein Zweifel: Ödipus hätte nicht gezögert, einen Muttermord zu begehen, wäre ihm Iokaste nicht bereits durch Suizid zuvorgekommen!
Lassen Sie mich ein wenig ausführlicher auf zwei andere Fälle von Muttermord verweisen:
1) Orest rächt seinen Vater Agamemnon, der nach der Heimkehr aus Troja von Mutter Klytaimnestra ins Bad gelockt wird, dort von ihr ein Netz übergeworfen bekommt und von seinem Nebenbuhler Aigisthos dann ermordet wird (Ranke-Graves, 1990, S.377 ff). Orest - damals noch ein Knabe - entgeht nur knapp der Ermordung durch den Mörder seines Vaters. Ob er selbst als junger Erwachsener seine Mutter umbringt, oder aber in einer Gerichtsverhandlung nicht vehement genug Einspruch gegen ihr Todesurteil erhebt, dies sind zwei verschiedene Versionen der Geschichte (Ranke-Graves, S.386 f). Der Tod der Mutter wird ihm jedenfalls angelastet. Von den Rachegöttinnen verfolgt, ergreift allerdings Apollo für ihn Partei und hält eine flammende Verteidigungsrede (S.392, 394). So kann er schließlich in Frieden weiterleben.
2) Alkmaion rächt seinen Vater Amphiaraos, dessen Frau Eriphyle mit einem magischen Halsband, das ewige Schönheit verleiht, bestochen worden ist, ihren Mann, gegen dessen Willen, in einen Krieg zur Eroberung Thebens zu schicken. Bei diesem gescheiterten Unternehmen kommt Amphiaraos zu Tode (Ranke-Graves, 1990, S.341-352). Aus ihrer Erfahrung hat diese Frau anscheinend nichts dazugelernt, denn durch eine weitere Bestechung - diesmal durch ein Zauberkleid, das wiederum besondere Schönheit verleiht - schickt sie Jahre später auch noch ihren Sohn in den diesmal erfolgreichen Krieg um die gleiche Sache. Zufällig hört Alkmaion ein Gespräch, in dem sich der Bestecher seiner Tat rühmt. So erfuhr Alkmaion zum ersten mal, dass die Eitelkeit Eriphyles den Tod seines Vaters verursacht hatte und ebensogut seinen hätte herbeiführen können" (Ranke-Graves, S.349). Apollo ist es, der Alkmaion im Orakel zu Delphi mitteilen lässt, dass seine Mutter den Tod verdient hätte. So tötet er sie. Er wird danach von den Erinnyen verfolgt und in den Wahnsinn getrieben. Wieder zur Ruhe gekommen, stirbt er später durch die Brüder seiner Ehefrau, der er untreu geworden ist.
In beiden Fällen geht es darum, dass Frauen den Tod der Ehemänner zu verantworten haben,
ja sogar beinahe noch die Söhne auf dem Gewissen hätten. Die Söhne rächen dann jeweils
mit einem Muttermord den Tod der Väter. Orest und Alkmaion werden in ihrer Tat
ausdrücklich von Apollo moralisch entlastet.
Die gleiche Logik lässt sich bei Ödipus ablesen: Iokaste ist insofern schuld" am Tod des Laios, als sie die Aussetzung des Ödipus als Kleinkind veranlasst hat, denn dadurch wurden Vater und Sohn einander entfremdet", womit der tödliche Konflikt erst möglich wurde. Hätte Ödipus seinen Vater erkannt", er hätte sich selbst im Zorn nicht dazu hinreißen lassen, ihn umzubringen. Apollo hatte auch im Fall des Ödipus dafür gesorgt, dass die Umstände des Todes von Vater Laios untersucht wurden. Schließlich hatte er für die Tat eine Sühne verlangt, die Tod mit Tod vergilt" (V.100). Durch Iokastes Tod, den Ödipus notfalls selbst herbeigeführt hätte, ist genau dem Genüge getan worden.
Ich möchte hier zunächst beiseite lassen, dass Ödipus kurz darauf anscheinend in Selbstblendung verfällt, wenn er sich selbst für einen vollkommen verworfenen Menschen hält und seine Verbannung wünscht. Er scheint überwältigt zu sein von den aktuellen Enthüllungen und dem Suizid der Gattin und Mutter.
Sehen wir uns an, wie er aus einiger Distanz das Geschehen beurteilt.
Ödipus auf Kolonos" von Sophokles
Im Ödipus auf Kolonos" (Uraufführung 401 v.Chr.) erleben wir die Rückschau des Königs auf das Geschehen. Sophokles liefert uns ca. 25 Jahre nach dem König Ödipus" und nach dem Tod des Autors (406 v.Chr.) hier quasi eine Deutung nach.
Der gealterte Ödipus ist durch die Verbannung in großes Elend geraten. Nur mit Hilfe der Tochter Antigone hat er sich zu einer ihm geweissagten letzten Zufluchtsstätte begeben - nach Kolonos, einem Außenbezirk von Athen. Er betritt ein Heiligtum, das den Eumeniden (= den Wohlmeinenden"; Steinmann, 1996, S.92) geweiht ist. Dort bittet er um Schutz und Aufnahme bei Athens Herrscher Theseus, der ihm diesen Schutz auch gewährt.
Ödipus äußert sich hier ganz klar zu seiner (Un)Schuld. Schon in der ersten Szene, als er sich einigen anwesenden Bewohnern von Kolonos vorstellt, sieht er sich genötigt, das Entsetzen seiner Zuhörer über seine Identität zu mildern, indem er zu seiner Vergangenheit Stellung bezieht (V.258 ff). Dabei sagt er klar, dass er seine Taten mehr erlitten als verübt" hatte: Wie wäre wesenhaft ich schlecht, der ich vergalt, was ich erlitt?... Nun kam ich ahnungslos, wohin ich kam, doch sie, durch die ich litt, sie suchten meinen Tod bewußt."
Diese Sätze unterstreichen die bisher vorgetragenen Deutung des Geschehens. Wenn von Schuld die Rede ist, dann trifft sie seine Eltern: v.a. die Mutter, die mit der Aussetzung seinen Tod gewollt hatte, und den Vater, der ihn ohne ihn zu erkennen - viele Jahre später beinahe am Dreiweg getötet hätte.
Durch die nun plötzlich auftauchende Tochter Ismene erfährt Ödipus von dem Streit in Theben um die Herrschaft zwischen seinen Söhnen Eteokles und Polyneikes. Sowohl Kreon und Eteokles - als gegenwärtige Herrscher Thebens -, als auch Polyneikes - als der aus seiner Herrschaft Vertriebene - wollen Ödipus nun wieder bei sich aufnehmen, denn das Orakel habe demjenigen Heil prophezeit, der Ödipus eine letzte Zuflucht gewähre (V.385 ff). Diesmal wird Ödipus zweifelsfrei ein Glückslos zuteil. Er muss sich also durch seine Taten besonders ausgezeichnet haben!
Kreon habe geplant, so weiß Ismene, Ödipus nur in der Nähe Thebens eine Unterkunft zu gewähren, da er eine offizielle Rehabilitation scheue. Der Makel des Verwandtenmordes, der an ihm hafte, mache dies erforderlich. Ödipus ist entsetzt über diese Heuchelei, die ihm die Bestattung in Theben versagen würde, aber von der prophezeiten Gunst profitieren möchte.
Nicht zuletzt im Bewusstsein der Auszeichnung durch die Götter stellt Ödipus Reflexionen darüber an, was ihm dereinst widerfahren ist. Über seine beiden Söhne, die ihn in der Bedrängnis allein gelassen haben, spricht er den Fluch (V.425ff). Darin ist eine wichtige Passage enthalten:
ÖD: ... An eben jenem Tage nämlich (dem Tag der Enthüllungen; K.S.), da
das Herz mir wild aufbrauste und als größtes Glück
das Sterben mir erschien, der Tod durch Steinigung,
da war nicht einer da, der dieser Sehnsucht half;
doch später, als schon alles Leid gemildert war
und ich begriff, daß schlimm entgleist war mir mein Zorn
und mehr mich hatt gestraft, als ich zuvor gefehlt,
da erst verstieß die Stadt mich mit Gewalt
von ihrem Grund nach langer Zeit, doch sie, imstand,
des Vaters Söhne, ihrem Vater beizustehn,
sie tatens nicht - ein Wörtchen nur aus ihrem Mund:
ich irrte nicht als flüchtger Bettler stets umher.
Sehr deutlich sagt Ödipus, dass er, nachdem der erste Affekt verflogen war, gemerkt hatte, dass er sich durch das Ausstechen der Augen mehr gestraft, als er selbst gefehlt hatte! In Ruhe betrachtet ist ihm deutlich geworden, dass Selbstblendung und Verbannung unangemessen waren. Andernfalls wäre die göttliche Ehrung ja auch völlig unverständlich. Und noch einmal stellt er den Sachverhalt klar (V.521 f), dass er weder den Inzest mit der Mutter, noch den Tod des Vaters verschuldet habe.
Ödipus wird hier durch die Ankunft des Theseus unterbrochen, der ihm ausdrücklich seinen Schutz zusichert, daraufhin die Szene wieder verlässt. Kurz darauf taucht Kreon auf und versucht zunächst, Ödipus durch Vortäuschen einer Anteilnahme an seinem Elend für die Heimkunft zu gewinnen. Da Ödipus bereits über die Hintergründe informiert ist, lässt er sich darauf nicht ein. Nun offenbart Kreon sein wahres Gesicht und setzt kurzerhand die Verschleppung von Antigone und Ismene ins Werk, womit er den so völlig hilflos gemachten Ödipus zur Rückkehr erpressen möchte. Der Raub der Töchter kann nur in letzter Minute durch das beherzte Eingreifen des zurückkehrenden Theseus verhindert werden. Ödipus attackiert scharf Kreons Heuchelei und führt dabei seine vorigen Überlegungen zum Tod des Vaters fort (V.991 ff):
ÖD: Auf eines nur antworte mir, was ich dich frag:
Wenn zu dir (Kreon; K.S.), dem Gerechten, sofort einer hier
heranträt, um zu töten dich, fragtest du wohl,
ob er dein Vater, oder rächtest du dich gleich?
Ich glaube, wenn du gerne lebst, so wirst am Schuldigen
du Rache nehmen, unbekümmert um das Recht.
Genau in solche Übel stürzt ich selbst,
geführt von Göttern; und sogar des Vaters Seele,
falls sie noch lebte, glaub ich, widerspräch mir nicht.
Klarer lässt es sich wohl nicht mehr formulieren. Selbst die Seele des Vaters würde ihm wohl in der Rückschau das Notwehrrecht für die Situation am Dreiweg zubilligen! Ödipus hat im Konflikt mit König Laios nichts anderes gemacht, als sein Leben zu verteidigen.
Und in diesem Zusammenhang macht Ödipus eine aufschlussreiche Bemerkung zum Handlungsanteil seiner Mutter am Inzest (V.983f):
ÖD: ... - und sie, die mich
geboren, schenkte dann, zur eignen Schmach, mir Kinder.
Dass Ödipus äußert, Iokaste habe ihm zur eignen Schmach" Kinder geboren, unterstreicht ein weiteres mal, dass Iokaste - im Gegensatz zu Ödipus - um den Inzest wusste. Sie trägt die Verantwortung für diese Schmach" wie niemand anderes.
Nachdem Kreon mit seinem Erpressungsversuch gescheitert ist und unverrichteter Dinge abziehen muss, taucht Polyneikes auf. Der ist mittlerweile von Kreon und Eteokles vom thebanischen Thron vertrieben worden, hat aber sieben Heere um sich geschart, um diejenigen, die ihn aus der Heimat vertrieben haben, seinerseits zu verjagen. Für dieses Unternehmen würde er Ödipus gerne in seinen Reihen sehen, denn - wie bereits erwähnt: wer Ödipus Zuflucht gewähre, dem sei das Schicksal hold. Wenngleich Polyneikes keine Schwierigkeit damit hat, Ödipus für den Fall des Sieges einen Wohnsitz in Theben selbst anzubieten, ist Ödipus jedoch seinerseits keineswegs geneigt, sich für die Eroberungspläne seines Sohnes zu engagieren. In klaren Worten beschuldigt er seinen Sohn, ihm in seiner Not keinerlei Rückhalt geboten zu haben. Durch die Unterstützung der Verbannung habe er den Tod des Vaters in Kauf genommen: und nie vergesse ich: mein Mörder, der bist Du! Denn Du bist schuld, daß ich in diesem Elend leb" (V.1361 f). So muss auch Polyneikes abziehen, ohne sein Ziel erreicht zu haben.
Interessant ist, wie die Situation des Ödipus in diesem Stück gerade vor den Göttern in gutem Licht erscheint: Ihm ist offenbar besondere göttliche Gnade zuteil geworden, weil das Gewähren von Zuflucht dem Beschützenden besondere Macht verleiht. Und es geht noch weiter: das Stück endet damit, dass Ödipus leibhaftig in die Unterwelt aufgenommen wird. Dass Ödipus nun den Kindern als neuer Führer" (V.1543) auf dem Weg zu seinem Grab voranschreitet, lässt anklingen, dass der Makel der Blindheit jetzt von ihm genommen ist.
Schon zuvor hat Ödipus übrigens noch einmal ganz ausdrücklich dem Gott Apollo, der ja mit seinem Orakel so nachhaltig sein Los bestimmt hatte, seine Verehrung bekundet (V.792). Dies macht deutlich, dass Ödipus gar nicht so sehr mit seinem Schicksal haderte, er die Aufdeckung des Königsmordes durchaus als Notwendigkeit anerkannt hat. Nur hätten die richtigen Schlüsse daraus gezogen werden müssen. Die Verbannung durch sein heuchlerisches Umfeld verurteilt Ödipus in der Rückschau jedenfalls sehr deutlich.
Wie bei dem Selbstmord der Iokaste und der Selbstblendung des Ödipus bekommen wir den Höhepunkt der Handlung nur aus der Erzählung durch einen Boten mitgeteilt. Der verkündet: Daß er jetzt besitzt das Leben, das nie endet, dessen sei gewiß" (V.1583 f). Und: klaglos, ohne Krankheit, ohne Schmerz ward dieser Mann entrückt, und wunderbar wie sonst kein Mensch" (V.1663 ff).
Sollte noch irgend jemand an die Schuld" des Ödipus glauben, so müssten diese Überlegungen an diesem Punkt endgültig ihr Ende finden.
Zusammenfassung
Lassen Sie mich die zentralen Handlungselemente des König Ödipus" nach Sophokles noch einmal zusammenfassen (wobei einige bislang nicht näher analysierte Aspekte einfließen):
1) Ödipus ist von seiner Mutter am dritten Lebenstag zur Aussetzung übergeben worden, mit der Absicht, ihn dadurch umkommen zu lassen. In der Offenbarung des mütterlichen Tötungsversuchs im frühesten Säuglingsalter lösen sich die mit mutiger Aufrichtigkeit geführten, rückwärtsgewandten Nachforschungen des weisen Königs auf - nämlich durch die Aussage eines Kronzeugen, des Hirten, der ihn in die Wildnis bringen sollte, der zweifelsfrei angibt, er habe das Kind aus der Hand der Iokaste empfangen.
2) Die Behauptung, König Laios habe das Kind aussetzen lassen (Iokaste in V.717-719), entpuppt sich also als glatte Lüge. Die Mutter hat auch konsequent versucht, den Sohn an der Entdeckung der Wahrheit zu hindern (V.848-854, V.1068).
3) Die Rolle des Vaters bei dem frühkindlichen Tötungsversuch ist bestenfalls unklar. Eine Verletzungsabsicht des Vaters gegenüber dem Sohn wird erst im späteren Leben des Ödipus deutlich, in der Situation am Dreiweg. Aber dieses Ereignis steht unter dem Vorzeichen, dass Vater und Sohn sich fremd sind, sich nicht kennen. Und für diese Entfremdung ist wiederum die Aussetzung - durch Iokaste - verantwortlich.
4) Es kann keinerlei Zweifel daran bestehen, dass Ödipus am Dreiweg in Notwehr gehandelt hat. Wer wie z.B. Flaig - meint, aus der Schilderung des Hergangs durch Ödipus (V.798-813) ihm eine Schuld anhängen zu müssen, der möge in Ödipus auf Kolonos" nachlesen, was Sophokles seinen Protagonisten über diese Situation im Nachhinein sagen lässt. Selbst die Seele des Vaters müsste ihm für diese Situation das Notwehrrecht zubilligen (Ö.a.K., V.988-999). Und da Ödipus in diesem Stück sich ausdrücklich der allerhöchsten Ehre der Götter als würdig erweist, kann dies kaum als die sich selbst zurecht gelegte Einschätzung eines verlogenen Raufbolds gelten.
5) Wäre Ödipus nicht ausgesetzt worden, so hätte er seinen Vater kennenlernen können. Der aufrechte König versichert glaubhaft, dass er eher seine Existenz aufgegeben hätte, als die Hand gegen den eigenen Vater zu erheben. Somit ist ein weiterer wichtiger Zug von ihm die aufrichtige enge Verbundenheit mit dem Vater, die auch durch sein Schuldbewusstsein über den Tod seines Adoptivvaters, von König Polybos, zum Ausdruck kommt, dass dieser durch die Trauer über den fehlenden Kontakt zu seinem vermeintlichen Sohn gestorben sein könnte (V.967-970).
6) Iokaste wusste um die Identität von Ödipus. Der Inzest geht damit eindeutig von ihr aus. Sie selbst hält den Beischlaf von Müttern mit ihren Söhnen für nichts besonderes (V.980-982) und empfindet den Tod des Vaters als großen Lichtblick" (V.987). Dies lässt sich als eine mütterliche Haltung interpretieren, die den Sohn zum Partnerersatz macht und den Ehemann entwertend beiseite drängt.
7) Ödipus wird mehrfach als ein Mann vorgestellt, der in selbstloser, mutiger Offenheit - gegen die erheblichen Widerstände von Teiresias, Kreon, Iokaste und dem Hirten - die Klärung der Wahrheit" forciert. Diese Tendenz, der Wahrheit schonungslos auf den Grund zu gehen, ist der wesentliche Zug in seinem Charakter. Wohl wegen seiner mutigen Aufrichtigkeit hat sich der weise König die Achtung seines Volkes - und der Götter! - erworben (V.40, V.46).
8) Ödipus ist bereit, nachdem er die Wahrheit über seine Herkunft und die Tat der Iokaste erfahren hat, einen Muttermord zu begehen. Der notfalls von Ödipus selbst herbeigeführte Tod der Iokaste ist die eigentliche - von Apollo verlangte - Sühne für den Tod des Laios.
9) Das Ausstechen der eigenen Augen als Selbstbestrafung" erfolgt erst, nachdem die aktive Tötung der Mutter nicht gelungen ist. Die Selbstblendung und der Wunsch nach Verbannung werden von Ödipus später als übereilte Kurzschlussreaktionen dargestellt (Ödipus auf Kolonos", V.425-444). Er war wohl zunächst überwältigt von der Tragik der Vorfälle, so dass er die Situation nicht vollständig durchschaute.
10) Insgesamt bringt das Stück eine sehr spezielle Konfliktdynamik zur Darstellung (keineswegs einen universellen Entwicklungsablauf, wie Sigmund Freud behauptet hat): Es wird gezeigt, wie eine Frau ihren Sohn zum Spielball ihrer Intrige macht. In Iokastes Verhalten liegt das Hauptproblem des Ödipus-Dramas - bei Sophokles wie bei Euripides. Die Entlarvung ihrer Tat ist glänzend in Szene gesetzt.
11) Ödipus erweist sich am Ende (auf Kolonos) als Heilsbringer", als ein Heiliger". Er steht in göttlicher Gunst und wird leibhaftig in die Unterwelt entrückt. Dies ist verständlich, wenn man ihn sieht als einen Menschen, der mit mutiger Aufrichtigkeit die Wahrheit ans Licht bringt. Das Wohl der Gemeinschaft gilt ihm dabei mehr, als der eigene Vorteil.
Andere Textstellen und Bühnenstücke
Bereits Homer (Odyssee, elfter Gesang, V 271 280, ca. 700 v. Chr., nach: Christlieb, 1979, S.10) sieht in dem Mutter-Sohn-Inzest eine Handlung, die von Iokaste (hier: Epikaste) ausgeht. Odysseus erzählt von seinem Besuch im Hades:
Und die Mutter des Ödipus sah ich, die schöne Epikaste, die in dem Unverstande ihres Sinnes ein ungeheuerliches Werk getan, da sie sich dem eigenen Sohn vermählte. Der hatte seinen Vater getötet und sie zur Frau genommen. Und alsbald machten es die Götter den Menschen ruchbar. Doch jener herrschte, Schmerzen leidend, nach der Götter verderblichen Ratschlüssen in der gar lieblichen Thebe weiter über die Kadmeer. Sie aber ging in das Haus des Hades, des übergewaltigen Pförtners, nachdem sie sich steil von dem hohen Dach herab eine Schlinge gebunden, von ihrem Kummer überwältigt. Ihm aber ließ sie gar viele Schmerzen zurück, soviele nur der Mutter Rachegeister vollenden mögen."
Iokaste hat sich ihrem Sohn vermählt, und zwar im Unverstande ihres Sinnes". Und dies wird als ungeheuerliches Werk" verstanden. Ödipus herrscht nach der Entdeckung dieses Skandals, Schmerzen leidend, weiter in Theben.
In der Ilias (23, 678 ff, ebenfalls ca. 700 v. Chr.) wird über Euryalos erzählt, einem Teilnehmer an den Bestattungsfeierlichkeiten für Patroklos, dem Gefährten des Achilles:
(Euryalos,) der Sohn des Mekisteus, des Talaos-Sohns, des Herrschers,
der einst nach Theben kam, da Ödipus gefallen war,
zur Leichenfeier, und da besiegte er alle Kadmeionen."
Ödipus ist also nach dieser Version ruhmreich in einer Schlacht gefallen, was seine Blindheit ausschließt. Darüber hinaus sei er mit allen Ehren bestattet worden: dies bedeutet, dass er als angesehener Herrscher sein Leben beendet hat.
Aischylos hat in dem Stück Sieben gegen Theben" (uraufgeführt ca. 467 v.Chr. - also 40 Jahre vor dem König Ödipus" des Sophokles) den Streit zwischen den Ödipus-Söhnen Eteokles und Polyneikes auf die Bühne gebracht, zusammen mit drei weiteren Stücken (Laios", Ödipus" und Die Sphinx"), die jedoch nicht mehr erhalten sind.
In dem genannten Stück beklagt der Chor die Tat der Iokaste (Aischylos, S. 318):
Unselger war, die sie gebar,
Unselger als al-
le Frauen, wo sie Mutter nur sich nennen.
Macht das eigene Kind zum eig-
nen Gatten, und was zur Welt sie
Gebracht, das fuhr hinab, mit Armen sich mordend,
Einem Samen entsprossen.
Also auch hier wird deutlich gesagt, dass der Inzest von der Mutter ausgegangen ist, dass diese sich das eigene Kind zum eignen Gatten" gemacht habe! Dies macht sie zur unseligen Frau", unseliger als alle anderen!
Euripides hat mit den Phönikerinnen" (1972) die Situation einige Jahre nach der Entlarvung des Mutter-Sohn-Inzestes zwischen Iokaste und Ödipus aufgerollt. Sein Stück datiert ca. 409 v.Chr., ca. 20 Jahre nach dem König Ödipus" des Sophokles. Ödipus und Iokaste sind noch am Leben, Ödipus ist allerdings vor einiger Zeit von seinen Söhnen entmachtet und eingesperrt worden, während Iokaste anscheinend weiter das Geschehen mitbestimmt. Das Stück behandelt im wesentlichen den Streit der beiden Söhne in Verbindung mit ihrer Groß/Mutter. Auch Euripides hat die Lüge der Iokaste in Szene gesetzt - jedenfalls wenn ich der Übersetzung von Ernst Buschor folgen darf. Während Iokaste in ihrem Eingangsmonolog die Aussetzung ihres neugeborenen Sohnes durch Vater Laios behauptet, textet der Chor später (801 ff):
CH: Hänge voll strotzenden Laubs, voll Getieres,
Schneeiges Haupt des Kithairon, der Artemis strahlendes Auge!
Hättet ihr, den Iokaste gebar und dem Tode bestimmte,
Oidipus, niemals ernährt, das vom Hause verstoßene Knäblein.
Iokaste dominiert als affektlose Heuchlerin die Szene. Damit entspricht sie charakterlich der traditionellen Sichtweise. Ödipus ist bei Euripides allerdings meilenweit von der Charakterisierung entfernt, die Sophokles ihm in seinem König Ödipus" verliehen hatte. Der entmachtete Herrscher vegetiert bei Euripides anscheinend jahrelang in stumpfer Verzweiflung in seinem Gefängnis vor sich hin, ohne die Vorgänge um sich her recht zu begreifen. Keine Spur von der überragenden Geisteskraft und dem Durchdringungsvermögen, das Sophokles für ihn konzipiert hatte. Ich vermute, dass genau dieses Stück des Euripides den Anstoß für den greisen Sophokles gegeben hat, sich drei Jahre nach dessen Erscheinen mit seinem letzten Werk, dem Ödipus auf Kolonos", quasi in letzter Minute noch einmal zu Wort zu melden und das kurz zuvor gezeichnete Ödipus-Bild des Euripides nachhaltig zu korrigieren. Geschickt knüpft Sophokles einerseits an dem letzten Satz des eigenen Dramas an, in dem der Chor davon sprach, man solle niemanden vor seiner letzten Stunde selig preisen. Gleichzeitig spinnt er den von Euripides zurückgelassenen Faden fort, der Antigone und Ödipus bei ihrem Aufbruch nach Kolonos zeigt. Mit seinem letzten Stück wollte er wohl wie oben bereits gesagt der Nachwelt eine Interpretationshilfe für seine Sicht des Ödipus hinterlassen. Mit diesem Heiligen, diesem aufrichtigen Wahrheitssucher, hatte sich Sophokles der ja an dem Ort geboren wurde, an dem Ödipus sein Grab gefunden haben soll offensichtlich in ganz besonderer Weise verbunden gefühlt.
Während die genannten Texte von Homer, Aischylos und Euripides die Rolle der Mutter unterstreichen, weicht also das Bild, das Euripides von Ödipus zeichnet, von den alten Vorbildern deutlicher ab.
Ein geradezu ungeheuerlicher Bruch in der Interpretation des Geschehens wird dann von Seneca (gest. im Jahre 65 n.Chr.) vollzogen: die Rolle der Mutter hat er (bewusst?) vollkommen in den Hintergrund gerückt. Einerseits orientiert er sich bei seiner Version des Stoffes grob an der Handlung bei Sophokles (Ausgangspunkt: Pest - Nachfrage beim Orakel - Enthüllung der Wahrheit" durch Teiresias - Vorwurf der Verschwörung gegen Teiresias und Kreon durch Ödipus - Zweifel bei Ödipus über seine Tat - Auftritt des Boten aus Korinth mit der Nachricht vom Tod des Königs Polybos und dem Hinweis auf die ungeklärte Identität des Ödipus - Verhör des Hirten Phorbas - Selbstblendung des Ödipus und Tod der Iokaste). Andererseits unternimmt Seneca es systematisch, Iokastes maßgeblichen Anteil auszublenden. So taucht bei ihm die Frage überhaupt nicht auf, wer die Aussetzung des Kindes veranlasst habe. Und Ödipus blendet sich (V.961-979), bevor Iokaste Selbstmord begeht (nach V.1039) zu keiner Zeit hat er den Impuls zum Muttermord! Überhaupt ist der Ödipus des Seneca charakterlich dem Ödipus des Sophokles diametral entgegengesetzt. (Man hat hier bereits von einem Antiödipus" gesprochen.)
Apollodors Mythologische Bibliothek" (1992), entstanden ca. 100-200 n. Chr., unterstreicht kurze Zeit später quasi Senecas Uminterpretation, indem die bei Sophokles subtil entlarvte Lüge der Iokaste als Wahrheit ausgegeben wird:
Dem neugeborenen Kinde durchstach er (Laios; K.S.) mit Metallspitzen die Fersen und übergab es einem Hirten zum Aussetzen" (S.111).
Die mangelnde Glaubwürdigkeit der Gewährsperson Iokaste wird nicht in Rechnung gestellt. Der Autor der mythologischen Bibliothek ist also entweder auf die inszenierte Lüge hereingefallen, oder er hat sich wie Seneca um eine Entschuldung der Mutter bemüht. Deren subtile Charakterisierung durch Sophokles (und übrigens auch durch Euripides) ist in der zusammenfassenden Darstellung vollkommen untergegangen. So wird also bereits ca. 500 Jahre nach Sophokles und Euripides Iokastes Lüge als Wahrheit ausgegeben. Bis heute ist dies in den gängigen Interpretationen der Geschichte fest verankert.
Einzelne Aspekte des Mythos
Es sei hier nur kurz ausgeführt, dass einzelne Aspekte des Mythos Vater- bzw. Königsmord, Kindstötung, bewusster Mutter-Sohn-Inzest und Muttermord, wiederkehrende Motive in der griechischen Mythologie darstellen. Darin spiegeln sich - so z.B. die Interpretation von Ranke-Graves Rituale, die den Konflikt zwischen matriarchalischen und patriarchalischen Gesellschaftsstrukturen in Griechenland spiegeln. Dieser Konflikt wiederum wird von Ranke-Graves auf die Erkenntnis von der Rolle der Vaterschaft zurückgeführt. Dieser Erkenntnisakt war mit der zunehmenden (sinnlosen, ungerechtfertigten) Unterdrückung von Frauen verbunden. Auf diesem gesellschaftlichen Hintergrund würde ich Iokastes Verhalten einzuordnen versuchen: Ihre von Sophokles inszenierte Handlung entspricht einer subtilen Intrige, mit der sie sich an den ihr nahestehenden Vertretern des männlichen Geschlechts für die erlebte Unterdrückung durch dieses Geschlecht zu rächen sucht: a) indem sie Vater und Sohn von klein auf einander entfremdet. So können Vater und Sohn aneinandergeraten, wobei die Aggression vom Vater ausgeht, auf die der Sohn entsprechend re-agiert. Und b) indem der Sohn zum Partnerersatz" gemacht wird. Als Partnerersatz der Mutter wird er daran gehindert, ein eigenständiges Leben zu entwickeln. Auf diese Weise übt die Mutter doppelte Rache am männlichen Geschlecht - an ihrem Ehemann, wie an ihrem Sohn. Diese (vermutlich unterhalb der Schwelle des Bewusstseins ablaufende) Vergeltungsaktion für die erlebte Entwertung und Unterdrückung ist zwar durchaus verstehbar, aber keineswegs gerechtfertigt.
Psychoanalytische Deutung des Konfliktes von Ödipus
Die Geschichte des Ödipus ist zentral für die Geschichte der Psychoanalyse. Ein Prozess von rückwärtsgewandter Selbsterkenntnis" wird vorgestellt, dem Erkenne dich selbst" als Motto des delphischen Apollo vergleichbar, als notwendige Voraussetzung der Überwindung der Pest" (Hysterie"). Die heilsame Wirkung eines solchen Verstehens (Katharsis") war also schon Sophokles geläufig. Es ist Freuds unbestreitbares Verdienst, diese Bühnenhandlung zum Paradigma psychotherapeutischen Handelns erklärt zu haben.
Inhaltlich postuliert das psychoanalytische" Verständnis des sogenannten ödipalen Konfliktes", dass jedes Kind quasi triebhaft im Alter von 2-5 Jahren den gegengeschlechtlichen Elternteil sexuell begehrt und den gleichgeschlechtlichen deshalb am liebsten gewaltsam aus dem Weg räumen würde. Dieses Problem stünde - als wesentliches Element menschlicher Entwicklung - im Kern einer jeden neurotischen" Entwicklung, d.h. einer Lebensentwicklung, die zu seelischem Leiden und daraus resultierenden körperlichen Beschwerden führe.
Gerade im Licht meiner Interpretation erscheint Freuds Postulat auf den ersten Blick als bizarre Fehldeutung. Bei näherer Betrachtung lässt sich jedoch die Logik dieser Konstruktion verstehen nämlich als Ausdruck eigener unbewältigter Konflikte Freuds. Der Begründer der Psychoanalyse hatte unter einer familiären Konstellation zu leiden, die zu derjenigen des Ödipus einige ganz verblüffende Parallelelen aufweist (vgl. Schlagmann, 1997, 1999, 2000a). Mit seiner (Fehl)Deutung des Geschehens, mit der er das Kind zum triebgesteuerten Übeltäter erklärt, verfällt er im Grunde in eine Selbstbeschuldigung. So auch explizit in seinem Brief an Wilhelm Fließ vom 15. Oktober 1897, die früheste mir bekannte Stelle, an der Freud den König Ödipus" für seine Psychologie reklamiert (Masson, 1986, S.293) Ein einziger Gedanken von allgemeinem Wert ist mir aufgegangen. Ich habe die Verliebtheit in die Mutter und die Eifersucht gegen den Vater auch bei mir gefunden und halte sie jetzt für ein allgemeines Ereignis früher Kindheit ... Wenn das so ist, so versteht man die packende Macht des Königs Ödipus ...".
Hier beginnt bei Freud die Konzeption einer Theorie, die letztlich die Betroffenen selbst für ihr Unglück verantwortlich macht. Ein Opfer wird zum Täter erklärt. Die gerade in seinem Fall problematische Mutterfigur bleibt vollkommen unangetastet. (Allerdings fließt seine Aggression gegen die Mutter in Form einer gnadenlosen Entwertung der Frauen in seine Theorie mit ein.)
Freud ähnelt in seiner Selbstbeschuldigung dem König Ödipus, der nach der Selbstblendung für einen kurzen Moment in Selbstanklage verfällt. Während für Ödipus dies jedoch nur eine kurze Phase der Verwirrung geblieben ist (vgl. Ödipus auf Kolonos"), hat Freud diese Interpretation, mit der er das eigentliche Opfer zum Täter stempelt, bis zuletzt zum unumstößlichen Dogma der Psychoanalyse erklärt.
In dieser Deutungstradition ist es bis heute üblich, beim Auftreten psychischer Störungen die Betroffenen selbst anzuklagen. Eine in ihrer Kindheit vom Vater mehrfach sexuell missbrauchte Frau habe im wesentlichen das Problem, dass sie in diesen Situationen einen sexuell erregenden Triumph über ihre Mutter" erlebt habe. Sie müsse ihre Schuld tolerieren" (!) - erst dadurch finde sie Heilung (Kernberg, 1999, S. 13). Oder: ein Mensch, der als Kind miterleben musste, wie seine ganze Familie in einem KZ vor seinen Augen ermordet wurde, habe nur deswegen eine Verhaltensauffälligkeit entwickelt (tyrannisches Verhalten in der Familie), weil er seine triebhafte Deformation bereits ins KZ mitgebracht hat: Klinisch gesehen steht also ein haßerfülltes Opfer haßvoll einem haßerfüllten sadistischen Täter gegenüber" (a.a.O., S. 9). In geradezu unfassbarer Weise werden Opfer und Täter gleichgesetzt: Ich übertreibe nicht, wenn ich meinen Eindruck wiedergebe, daß dieser Mann sich seiner Familie gegenüber verhielt, als ob er der Kommandant des Konzentrationslagers sei, in dem seine ganze Familie ermordet wurde" (ebd.). Diese Ungeheuerlichkeiten (neben mehreren anderen) wurden 1999 veröffentlicht und stammen aus der Feder des Präsidenten der internationalen Psychoanalytischen Vereinigung, dem Wissenschaftlichen Beirat der Lindauer Psychotherapiewochen und sicherlich vieles andere mehr: Otto F. Kernberg. (Kernberg, 1999; dagegen: Schlagmann, 2000 b)
Die Psychoanalyse, so mein Vorwurf, entwirft ein Zerrbild des Menschen. Das Postulat
der Triebhaftigkeit wird bis ins Äußerste gesteigert. Dabei sind die behaupteten
Triebregungen z.B. Inzesttrieb" oder Elterntötungstrieb"
beim Menschen keineswegs natürlich angelegt. Im Gegenteil besteht beim Menschen
eine klare Inzesthemmung (vgl. Bischof, 1985) bzw. der Antrieb, sich mit beiden Eltern
verbunden zu fühlen (vgl. Greve & Roos, 1996). Dies schließt jedoch nicht aus, dass
ein Kind durch sein Umfeld in der von Freud skizzierten Art und Weise geprägt würde. Es re-agiert
dann auf die entsprechenden Beziehungsdefinitionen, die von den Eltern ausgehen.
Solch ein familiärer Konflikt so meine These geht dabei letztlich zurück
auf den gesellschaftlichen Prozess der zunehmenden Unterdrückung von Frauen durch
Männer, der eine jahrhundertealte Spirale von gegenseitiger Entwertung und Unterdrückung
auf der Ebene der Paarbeziehungen in Gang gesetzt hat. Kinder werden wie Ödipus
bis heute in diesen Schreckens-Szenarien immer wieder als willkommene Spielbälle
missbraucht. Ödipus hatte es auf leidvollem Weg geschafft, sich aus dieser Verstrickung
zu lösen. Für mich ist er mit seiner Art, den Dingen mutig und selbstlos auf den Grund
zu gehen, zu einem Märtyrer der Wahrheit geworden. So scheint es jedenfalls auch
Sophokles gesehen zu haben, der ihn am Ende als einen Heiligen" auf die Bühne
bringt.
Eine ausführliche Darstellung meiner Thesen findet sich in:
Klaus Schlagmann (1997): Zur Rehabilitation der Könige Laios und Ödipus oder: Die Lüge der Iokaste. Verlag Der Stammbaum und die Sieben Zweige, Saarbrücken. 217 S., 24.80 DM. (ISBN 3-9805272-1-2)
Der Autor freut sich über kritische Rückmeldung!
Weitere Ausführungen v.a. zum psychoanalytischen Missverstehen
finden sich unter: http://members.aol.com/oedipus01
Literaturverzeichnis
Aischylos (1938):
Tragödien und Fragmente. Verdeutscht von Ludwig Wolde. Verlag der Dieterichschen Verlagsbuchhandlung, Leipzig.Apollodors Mythologische Bibliothek (1992):
Die griechische Sagenwelt. Sammlung Dieterich, Verlagsgesellschaft, Leipzig.Bischof, Norbert (1985):
Das Rätsel Ödipus. Die biologischen Wurzeln des Urkonfliktes von Intimität und Autonomie. Piper Verlag, München u.a.Brockhaus, Der große (1953-5716):
F.A. Brockhaus, Wiesbaden.Christlieb, Wolfgang (1979):
Der entzauberte Ödipus. Ursprünge und Wandlungen eines Mythos. Mit 46 Abbildungen. Nymphenburger Verlagshaus, München.Dirlmeier, Franz (1964):
Der Mythos von König Ödipus. Florian Kupferberg, Mainz.Euripides (1972):
Die Phönikerinnen. Übersetzt von Ernst Buschor. Heimeran Verlag.Flaig, Egon (o. J.):
Manuskript zum Vortrag Ödipus ohne Komplex", gehalten 1996.Fromm, Erich (1987):
Märchen, Mythen, Träume. Eine Einführung in das Verständnis einer vergessenen Sprache. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg.Girard, René (1994):
Das Heilige und die Gewalt. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a.M.Greve, Werner & Jeanette Roos (1996):
Der Untergang des Ödipuskomplexes. Argumente gegen einen Mythos. Verlag Hans Huber, Bern u.a.Hunger, Herbert (19534):
Lexikon der griechischen und römischen Mythologie. Verlag Brüder Hollinek, Wien.Kernberg, Otto F. (1999): Persönlichkeitsentwicklung und Trauma. In: Persönlichkeitsstörungen - Theorie und Therapie (PTT), Jg. 3, Heft 1, S. 5-15
Lamaison, Didier (1997):
Ödipus - der Mann, der zuviel fragte. Ein Familienkrimi. Kiepenheuer und Witsch, Köln.Masson, Jeffrey M. (Hg.) (1986):
Sigmund Freud. Briefe an Wilhelm Fließ 1887 - 1904. Ungekürzte Ausgabe. Fischer Verlag, Frankfurt.Ranke-Graves, Robert von (1990):
Griechische Mythologie, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek.Schlagmann, Klaus (1997):
Zur Rehabilitation der Könige Laios und Ödipus oder: Die Lüge der Iokaste. Verlag Der Stammbaum und die Sieben Zweige, SaarbrückenSchlagmann, Klaus (1999):
Die Entstehungsgeschichte der Psychoanalyse im Schlaglicht einiger bislang unbeachteter Aspekte des Ödipus-Mythos. Material zu einem Vortrag beim 12. Symposion Zur Geschichte der Psychoanalyse" vom 22.-24.01.1999 in TübingenSchlagmann, Klaus (2000a):
Die Mythen von Narziß und Ödipus als Geschichten von Traumatisierungen. Vortrag beim Internationales Symposion Kränkung und Krankheit. Katathym-imaginative Psychotherapie bei somatischen Erkrankungen und Mißbrauchstraumen" vom 30.06-02.07.2000 in Halle/Saale (Kongress-Reader i.V.)Schlagmann, Klaus (2000b):
Weisheit oder Wahnsinn? Aktionsplattform gegen die Thesen von Otto F. Kernberg (beim Verfasser erhältlich)Schwab, Gustav (1994):
Die schönsten Sagen des klassischen Altertums. Philipp Reclam Jun., Stuttgart.Seneca, L. Anneus (1992):
Oedipus. Übersetzt und herausgegeben von Konrad Heldmann. Reclam, Stuttgart.Sophokles (1995):
König Ödipus. Übersetzung, Anmerkungen und Nachwort von Kurt Steinmann. Reclam, Stuttgart.Sophokles (1996):
Ödipus auf Kolonos. Übersetzung, Anmerkungen und Nachwort von Kurt Steinmann. Reclam, Stuttgart.Steinmann, Kurt (1995):
Nachwort. In: Sophokles: König Ödipus. S.73-80. Reclam, Stuttgart.Steinmann, Kurt (1996):
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