Mein Buch des Monats Februar 2001:

Metzler Philosophen Lexikon. Von den Vorsokratikern bis zu den Neuen Philosophen. Mit 277 Abbildungen. Zweite, aktualisierte und erweiterte Auflage: Ungekürzte Sonderausgabe 1995, unter redaktioneller Mitarbeit von Norbert Retlich hrsg. von Bernd Lutz, Verlag J.B. Metzler Stuttgart / Weimar, 954 S., ISBN 3-476-01332-4, DM 39,80

Max Lorenzen

In den philoSOPHIA-Kursen, zum Beispiel im Lesekreis, werden die Veranstalter des öfteren nach einführender Literatur in den Bereich der Philosophie gefragt. Nun gibt es hier in den letzten Jahren eine Fülle von Neuerscheinungen, aber es ist nicht leicht, die Spreu vom Weizen zu trennen. Jemand, der sich im philosophischen Gebiet vorgängig orientieren möchte, kann nach mehrbändigen Philosophiegeschichten greifen, oder auch nach Texten, die einen Einblick in die verschiedenen Disziplinen des Faches geben möchten, etwa in Ethik, Metaphysik oder Ästhetik. Ich will niemandem abraten, es mit solcher Hilfsliteratur zu versuchen, aber nicht selten fällt das Resultat auch nach fleißiger Lektüre eher dürftig aus. Es ist ganz erstaunlich und wohl für die Struktur unseres Gehirns bezeichnend, wie schnell wir gespeicherte Informationen aus zweiter Hand wieder vergessen. Es hilft also nichts: Wer sich für Philosophie interessiert, muss die Werke der Philosophen in die Hand nehmen. Das ist zwar mühsamer, aber auch lohnender.

Wer sich davor jedoch nicht scheut, gerät nun erst recht, sei er auch, wie wir alle, ein fortgeschrittener Anfänger, in ein Labyrinth. Übrigens ist das keineswegs eine negative Erfahrung. Wenn man anfängt zu spüren, wie sich Gedankenlinien in den verschiedenen Systemen und Denkansätzen verzweigen und verknüpfen, hat man schon begonnen, in seinem Kopf so etwas wie eine philosophische Landkarte zu erstellen. Sie besteht aus Koordinaten ganz unterschiedlicher Art. Natürlich gibt es zeitliche Strukturen: so ist etwa die Reihenfolge Aufklärung – deutscher Idealismus; Romantik – Materialismus – Nihilismus für das 18. und 19. Jahrhundert nicht umkehrbar; und dennoch wird eine solche Epochenabfolge erst lebendig, wenn sich von den (keineswegs nur subjektiven) Interessen der Gegenwart her Querverbindungen bilden, die den scheinbar einfachen Verlauf der Zeit gewissermaßen aufheben.

Nun treten etwa plötzlich aus der Vergangenheit ein Denker oder ein Werk, oder auch eine bestimmte Periode, hervor, die mich gleichsam ansprechen und denen ich mich in gewisser Hinsicht verwandt fühle. Wer solche Erfahrungen erst einmal gemacht hat, der bekommt Lust, in der Vergangenheit wie in einem fremden Land herumzufahren. Diesen Vergleich ein wenig auszuspinnen, bereitet Vergnügen. Die erste Begegnung mit einer Stadt ist mit derjenigen mit einem Maler, Dichter, Komponisten oder eben Philosophen durchaus in eine Parallele zu setzen. Straßenzüge wie Ideen oder Melodien bekommen nach einiger Zeit ein fremd-vertrautes Aussehen, und sich ihrem Verlauf zu überlassen, sich zu verirren, aber doch auch in gewisser Weise auszukennen, formt einen spezifischen Prozess des Erkennens, den man immer noch mit dem Namen Bildung belegen kann. Bildung ist, so verstanden, ein Spiel, das mir immer neue Gegenstände vor Augen bringt, als riefe sie mein Interesse aus einer quasi-mythischen Zone ans Licht. Bleiben sie mir, schon weil sie vergangen sind, rätselhaft, und lassen sich doch, als läge ihnen daran, auf ein Kennenlernen ein, so begegnen wir uns in einem Raum der Freiheit.

Was ist also in der Nachmoderne Bildung? Zunächst einmal eben dieses, sich in vielerlei Formen zu äußern. Eine von ihnen ist dadurch gekennzeichnet, die Fremdheit ihrer Inhalte immerhin zum Teil bewahren zu wollen. Diese bleiben mithin in der Begegnung der unterschiedlichen Zeiten veränderbar. Erlebe ich, wie ein Gegenstand, auf den ich jetzt wie aus einer anderen Richtung stoße, seine Gestalt wechselt, und mir darin seine Rätselhaftigkeit zeigt, so empfinde ich seine wie meine Freiheit als Intensivierung unseres Daseins. Bildung ist in dieser Hinsicht kein Kanon mehr, sondern der Auf- und Abbau in sich flexibler Gefüge. Mich in ihnen zu bewegen, bereitet Vergnügen.

Weil also eine vertiefte Lektüre auf der anderen Seite nach einem Pendant verlangt, nämlich der vorgängigen Information über das, was ihren Rand ausmacht, sind Lexika oder Wörterbücher auch für die Philosophie unverzichtbar. Um sich aber die Freiheit im Umgang mit dem Dargestellten zu erhalten, ist es von vornherein wichtig, dieses nicht mit der Sache selbst zu verwechseln. Wollen auch die Artikel eines solchen Buches nicht den Anschein erwecken, ihren Gegenstand auszuschöpfen; möchten sie nur zu ihm hinführen: umso besser. Eben dieses ist der Fall beim Metzler Philosophen Lexikon, dessen von Bernd Lutz verfasstes Vorwort so beginnt: "Dieses Buch ist nicht nur für den Fachphilosophen geschrieben, sondern auch für denjenigen, der sich aus den unterschiedlichsten Interessen heraus über den philosophie- und problemgeschichtlichen Horizont, die Lebens- und Zeitumstände, die Voraussetzungen und die Wirkungen einer philosophischen Existenz informieren will."

Eine Konsequenz dieses Ansatzes ist es, wie Lutz ausführt, die sonst übliche starre schematische Dreiteilung von Leben, Werk und Wirkung aufzugeben. Hierdurch werden die Artikel, 1½ bis 13 Seiten (Heidegger) lang, flüssiger als sonst üblich. Leben und Werk treten in der Darstellung selbst in Beziehung zueinander und zu ihrer gesellschaftlichen und philosophischen Umwelt. Die Autoren und Autorinnen erzählen gleichsam jeweils eine kürzere oder längere Geschichte, die man gern und mit Interesse liest, weil man häufig auf Querverbindungen zwischen den Gedanken und der Zeit, in der sie entstanden, hingewiesen wird.

Ein solches Studium der Philosophiegeschichte ist unterhaltsam: man wird verführt, im Buch zu blättern, einen anderen und noch einen Artikel zu lesen; man kommt nicht umhin, festzustellen, wie klein das eigene Wissen doch ist – auch wenn man sich schon einige Jahrzehnte bemüht hat, es zu vertiefen –, wie fern und fremd vieles ist, das plötzlich, durch eine leichte Wendung, dennoch auch seine Verwandtschaft enthüllt. Nach einiger Zeit der Lektüre spürt man auf indirekte Weise, dass es so etwas wie einen Raum der Philosophie geben muss. Er ist ebensowohl homogen wie inhomogen, denn es gibt in ihm lineare Entwicklungslinien, und auch eine Gleichzeitigkeit des weit Auseinanderliegenden. Sich in ihm zu bewegen und seine Vielfalt wahrzunehmen, erzeugt, in der Teilhabe an den Gedankenbewegungen, unleugbar eine Art Freude: Sie wird nicht wirklich durch die sich nun gleichfalls einstellende Empfindung der eigenen Endlichkeit getrübt, vielmehr scheinen diese beiden konträren Gefühlsrichtungen, die sich sonst aufzuheben trachten, hier eine Verbindung einzugehen, die den Eindruck, an einem Spiel beteiligt zu sein, verstärkt.

Die nachmoderne Bildung bewegt sich in einem Raum, den sie bei ihrer Erkundung miterzeugt. Gerade deshalb ist jeder, der sich für Philosophie interessiert, angewiesen auf verlässliche Hilfsmittel. Da die Texte des vorliegenden Bandes eine eigentlich unausschöpfbare und dennoch, eben wegen der Verbindung der verschiedenen Bereiche, geordnete Fülle von Informationen bieten, ist das Philosophenlexikon des Metzler Verlages tatsächlich sowohl für den, der eine erste Orientierung sucht, wie auch für den fortgeschritteneren Leser ein nützliches, weil auch unterhaltsames Buch. Trotz des breiter gestreuten Angebots an Einführungsliteratur findet sich ein solches Werk eher selten. Ich lese immer wieder in ihm. Deswegen hat es für mich seinen Platz in dieser Reihe des Forums, die ja keineswegs nur Neuerscheinungen vorstellt, in jedem Fall aber Bücher, die man gern in die Hand nimmt.

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