Goya ("Goya en Burdeos"), Spanien/Italien 1999, 102 Min., Buch und Regie: Carlos Saura. D.: Francisco Rabal, José Coronado, Maribel Verdú, Dafne Fernández, Eulalia Ramón FSK: Ab 12

Goya-Pgross.jpg (27158 Byte)Aus anfänglicher Unschärfe erwacht das Grauen. Die erste Kameraeinstellung zeigt anscheinend nichts Konkretes. Erst mit näherem Heranfahren gewinnt der Blick des Objektivs an Schärfe, und es zeigt sich der abgeschlagene Kopf eines Stieres in grausiger Umgebung: Eine Art Schlachthof, menschenleer. Ein Schwenk geht auf den ausgeweideten Torso des Stieres, der langsam nach oben gezogen wird: Carlos Sauras Film über Goya beginnt mit einem Zitat aus der Bilderwelt von Francis Bacon. Die Kamera fährt wiederum näher heran: Sich noch bewegendes Stiergedärm wandelt sich hinüber in das Gesicht des alten Goya, der eben aus seinem Alptraum erwacht, der ihn und die Zuschauer einen Blick tun ließ weit hinein in das Fortwirken von Goyas Malerei.

"Goya" ist der 34. Spielfilm von Carlos Saura. Der Altmeister des spanischen Kinos hat eine filmische Hommage an den spanischsten aller Maler geschaffen, der zugleich als einer der Bahnbrecher der Moderne in der Malerei gilt. Francisco José de Goya y Lucientes (geb. 1746) hat einerseits Berühmtheit erlangt als Fresken- und Hofmaler, als genialer Portraitist, andererseits aber als Maler des Schreckens – nicht nur der napoleonischen Kriege - und nicht zuletzt als düster-phantastischer Illustrator des Unterbewußten und seiner Dämonen. Sein Gesamtwerk zeigt in seiner zeitlichen Abfolge der einzelnen Perioden den Übergang vom scheinbar ungetrübten, heiteren Absolutismus des 18. Jahrhundert (dessen wahres Gesicht in Spanien bestimmt war von Despotie und finsterster Inquisition) zu den Schreckensvisionen der Vormoderne: Der Mensch erwacht aus seiner Unmündigkeit – und wird empfangen von den Dämonen, die er selbst gerufen hat, von den Gespenstern seiner selbst.

Goyas erlebte tiefe persönliche Krisen (u. a. die Ertaubung im Winter 1792), aber auch den Niedergang und die Aufrichtung immer neuer monarchischer Systeme in Spanien. Nach der Neuetablierung eines absolutistischen Systems durch Ferdinand VII. (1823) ging Goya 1824 mit anderen liberal Gesinnten ins Exil nach Frankreich. In seinen letzten Lebensjahren wohnte und arbeitete er überwiegend in Bordeaux, wo er 1828 starb.

Diese letzte Phase von Goyas Leben liefert den äußeren Rahmen des Films: Goya ist dem Tode nahe, ist krank und stirbt am Ende. Ein alter Mann, gesättigt von Leben, Leid und Leidenschaft, blickt in Gedanken und vor allem in Gesprächen mit seiner spätgeborenen Tochter Rosario (Dafne Fernández) zurück auf sein Leben und sein Schaffen. Die Gespräche geben auch Gelegenheit zu philosophischen Betrachtungen und Reflexionen, etwa über die Macht der Phantasie: "Man kann im Geiste die größten Verbrechen begehen, ohne dafür bestraft zu werden. Es gibt nur eine Gefahr: Man muß rechtzeitig aufhören. Sonst blüht der Wahnsinn."   Goya-Kerzenhut.jpg (21134 Byte)

Francisco Rabal spielt den alten Goya. Seine Physiognomie kommt dem Selbstportrait Goyas von 1815 sehr nahe: ein intensives Künstlergesicht, das immer wieder an Rembrandt, Beethoven und Schopenhauer zugleich denken läßt.

In einer der Eingangsszenen ist der alte Goya verwirrten Geistes auf die Straße gelaufen, steht im Nachthemd unter den Menschen, die da am Abend durch die Straßen von Bordeaux flanieren, und wird von seiner Tochter erst mit einigem Zureden wieder nach Hause gebracht. Der Film von Carlos Saura ist auch eine Studie über das Alter und seine Leiden. Aber er ist viel mehr als das: Ein opulentes Gesamtkunstwerk, das sich aller Mittel der modernen Filmtechnik (Licht, Kameraführung, Musik) bedient, um Leben und Werk des großen Malers Goya, zugleich aber auch die Welt seiner Seele, in Szene zu setzen.

Carlos Saura benutzt neben den filmischen Mitteln auch solche des Theaters. Der alte und der junge Goya (José Coronado) sind gleichzeitig auf der Leinwand zu sehen, der Maler geht durch Galerien seiner Werke (bei denen der Regisseur gar nicht erst die Illusion erzeugt, es seien nicht Diaprojektionen, sondern die Bilder selbst), ja, der Künstler erscheint in seinen eigenen Werken. Die Wände von Goyas Haus in Bordeaux scheinen aus durchscheinender Gaze gemacht. In den Szenen vom spanischen Hof arbeitet der Film in Theatermanier mit gemalten Prospekten als Hintergrund. Und das alte adelige Gesellschaftsspiel des nachgestellten "lebenden Bildes" wird zum Gestaltungsmittel, um Goyas berühmteste Werke zum Leben zu erwecken. Die "Schrecken des Krieges" ließ Saura von der katalanischen Action-Theatergruppe "La Fura dels Baus" nachstellen.

Die Rückblenden, aus denen der Film wenigstens zur Hälfte besteht, setzen ein mit Goyas Zeit als Hofmaler. Goya verliert sein Herz an die Herzogin von Alba (Maribel Verdú), sie wird seine Geliebte, aber sie endet früh als Opfer eines Giftmordes. Die Erinnerungen des alten Mannes kreisen immer wieder um diese Frau.  Goya-Bett.jpg (17764 Byte)

Das Leben Goyas und die Liebe des Malers zu Cayetana, der Gräfin von Alba, das war auch früher schon ein Thema für Film und Literatur, so in Lion Feuchtwangers Roman und seiner legendären Verfilmung von Konrad Wolf. Aber der Anspruch des Regisseurs und Drehbuchautors Carlos Saura geht darüber hinaus, er ist kein kleinerer als der einer kongenialen Umsetzung des goyaschen Unbewußten und seines Werkes mit den Mitteln der Filmkunst. Herausgekommen ist dabei ein außergewöhnlicher Film, der mit vielen Symbolen und machtvollen Bildern Goyas Träume und Ängste auf die Leinwand bringt. Die Leitfarben sind dabei das Rot des Blutes und der untergehenden Sonne und das Weiß des Totengesichts und des Leichentuchs. Vor allem dort, wo sich die Bilder direkt an Werke Goyas anlehnen, gewinnen sie ungeheure Kraft.

Über weite Strecken ist der Film also im besten Sinne surrealistisch. "Mein Goya - also Francisco Rabal", sagt Saura selbst, "ist eine Hommage an Luis Buñuel." Viele Bilder und Szenen werden die Zuschauer bis in die Träume verfolgen. (Die Freigabe ab 12 Jahren wäre durchaus in Frage zu stellen.)

Andererseits bleiben insbesondere die Szenen der Rahmenhandlung seltsam kraftlos und uninspiriert, und auch manche der Rückblenden (zumal die Hofszenen) sind leider doch nur mäßiger Kostümfilm.

Der Film endet mit dem Sterben des Malers, der seiner Tochter als letzten Rat mitgibt: "Mach es besser oder schlechter, aber gehe deinen Weg."

Sauras Film wurde - in vier Kategorien - mit dem größten spanischen Filmpreis ausgezeichnet - dem Goya! Der Film, der im deutschen Verleih ebenso heißt wie der spanische Filmpreis, ist ein Kinoerlebnis abseits der Hollywoodkonventionen – und eben deshalb – trotz allem empfehlenswert, nicht zuletzt um Goyas und seiner Bilder willen, die in diesem Film zum Leben erweckt werden. Der Film trifft glücklich zusammen mit der Ausstellung graphischer Werke Goyas im Marburger Universitätsmuseum.

Uwe Kühneweg

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