Cees Nooteboom: Nootebooms Hotel. Aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 2000, 518 Seiten, m. zahlr. Abb., DM 49,80 ISBN 3-518-41160-8

In gewisser Weise vereinigt der vorliegende Band Reiseerzählungen, wie zu schreiben sie Cees Nooteboom eigentümlich ist: der Autor reist durch ferne Länder, wie Mali oder Bolivien, aber, so kann man sagen, auch durch Fotos und Bilder, Gedichte und Romane. Entsprechend gliedern sich die Abschnitte des Buches in: Zeitreisen I und II, Wörter über Bilder I und II, Wörter über Wörter, sowie schließlich Findlinge und Intimitäten. Ungefähr die Hälfte der zwischen 1968/69 und 2000, überwiegend aber in den 80er und 90er Jahren entstandenen Texte sind bereits in deutschen Zeitungen und Zeitschriften publiziert, die übrigen erscheinen hier erstmals in deutscher Sprache.

Gleichsam als Einleitung steht den Abschnitten eine kurze Reflexion über das Reisen, betitelt "Im Auge des Sturms", voran. Nooteboom beginnt mit einem Zitat des arabischen Philosophen Ibn Al Arabi (1165-1240): "Der Ursprung des Daseins ist die Bewegung. Folglich kann es darin keine Bewegungslosigkeit geben, denn wäre das Dasein bewegungslos, so würde es zu seinem Ursprung zurückkehren, und der ist das Nichts. Deshalb nimmt das Reisen nie ein Ende, nicht in der höheren und auch nicht in der niederen Welt."

Jede Bewegung ist, lernen wir von Ibn Al Arabi, eine Reise. Der Mensch, Teil des Seins, das sich zu Gott hin bewegt, reist in der Welt herum, um zu meditieren und Gott näher zu kommen. Nooteboom fügt hinzu: "Letzteres wäre für mich eine Prätention, wenn ich hier allerdings das Wort Gott durch Rätsel ersetzte, wage ich es zu unterschreiben" (S. 8).

Der holländische Schriftsteller ist häufig gefragt worden, warum er ständig unterwegs sei. Offenbar wurde ihm auch nicht selten unterstellt, er fliehe damit vor etwas. Dem hält er entgegen: "Vielleicht ist es so, dass der wahre Reisende sich stets im Auge des Sturms befindet. Der Sturm ist die Welt, das Auge ist das, womit er die Welt betrachtet" (S. 11). Nooteboom erläutert: "Irgendwann einmal, als ich noch nicht wissen konnte, was ich jetzt weiß, habe ich mich für die Bewegung entschieden, und später, als ich mehr wusste, habe ich begriffen, dass ich in dieser Bewegung die Ruhe finden konnte, die man fürs Schreiben braucht, dass Bewegung und Ruhe einander in einer Einheit der Gegensätze im Gleichgewicht halten, dass die Welt mit all ihrem Drama und ihrer närrischen Schönheit und ihrem atemberaubenden Wirbel von Ländern, Menschen und Geschichte selbst eine Reisende ist in einem ständig reisenden Universum, eine Reisende auf dem Weg zu neuen Reisen..." (ebda.).

Im letzten Beitrag des Buchs, "Nootebooms Hotel 2", wird diese Reflexion wiederaufgenommen. Nooteboom beschreibt, wie er im Züricher Kunsthaus einen Film sieht. Gezeigt wird ein 85-jähriger Mann, Robert Lax, der seit Jahren auf einfachste Weise auf einer Insel lebt. Der Reisende spürt: "Einen Augenblick lang hatte ich, in einem dunklen kleinen Saal in Zürich, in der Schrift eines Films mein eigenes Gesicht wiedererkannt ... Im Auge seines Sturms war es unendlich ruhiger als in meinem. Ich war noch lange nicht am Ziel. Irgendwann, es mag vierzig Jahre her sein, war ich in einem schmutzigen, anonymen Hotel am Rande der Sahara an der Grenze zu Mauretanien von der Stille wachgeworden, von der dieser Mann sprach. Doch es war nicht von der Stille, sondern vor Angst, die die Form von Stille angenommen hatte. Ich kann es nicht wiedergeben, weil ich, wie ein Tier, selbst zu Angst geworden war. Ich fürchtete nichts, weil keine Steigerung mehr möglich war. Ich erinnere mich an den Lehmfußboden, das Geraschel irgendeines Tieres, die Sehnsucht, nicht existieren zu müssen. Und wie ich ins Freie hinausging, zum vollkommenen Schwarz des Himmels und der funkelnden Unbeweglichkeit all der Sterne. Diese Nacht steht in mir geschrieben mit einem Wort, das ich nicht mehr lesen kann. Danach habe ich mich für ein Leben entschieden, das ich jetzt als das meine bezeichne, ein Leben, in dem ich in der Bewegung die Stille gesucht habe, einen schreibendes und beschreibendes Dasein in der Welt der Erscheinungen. Doch wie viele Worte muss man schreiben, um ein Wort lesen zu können?" (S. 506f)

Die Stille ist das Rätsel. In "Am Rande der Sahara" liest man: "Was macht mich hier so glücklich? Vielleicht ist es die Stille, es gibt nur Geräusche von Menschen und Tieren" (S. 95). Einige Seiten vorher hat Nooteboom das Reisen als einen Zustand "angenehmer Leere,... der Schwerelosigkeit" charakterisiert (S. 91). Dieses Gefühl habe ihm, fährt er fort, früher Spanien vermittelt. Nun jedoch, sprachkundig, habe sich dieses Gefühl verwandelt: "In diesem Land kann ich mich aufführen wie ein Spanier, in das Entzücken eintauchen, vorübergehend ein anderer zu sein, jemand, der auf einer Caféterrasse in Córdoba die örtliche Zeitung liest; auch eine Art Verschwinden, und genau darum geht es ja" (ebda.).

Marokko aber stelle eine Steigerung dar. Man erreicht "einen Grad an Unsichtbarkeit, in dem das Gesehene selbst wieder verschwindet, denn was ich sehe, das Wenige, das ich zu sehen vermag, ist etwas anderes als das, was ich sehe ..." (ebda.).

Wenn der Reisende die Welt und sich selbst einen Moment lang ohne vorgefasste Bedeutungen wahrnehmen kann, wären Stille und Bewegung im Einklang. Wegen dieser von Nooteboom hergestellten traditionsgesättigten Beziehung der Extreme, die ich, der Leser, durchaus zu schätzen weiß, obgleich ich ihr nicht mehr anhänge, lässt sich von einer Metaphysik, ja Mystik des Reisens sprechen, die die geheime Gliederung oder "Signatur" (vgl. S. 265ff) der in diesem Buch dargestellten Begegnungen mit Ländern und Menschen ist.

Aber Nooteboom schreibt keine Abhandlungen, sondern Skizzen. So bleibt Raum für vieles am Rande Liegende, das gerade nicht ausgeschlossen wird. In gewisser Hinsicht fehlt, durchaus bewusst, der Wille, alles auf den Punkt zu bringen. Eben das vermittelt beim Lesen eine Leichtigkeit, die überwiegend angenehm ist, und manchmal ein wenig langweilig. So wird etwa recht breit über zwei Begegnungen mit Umberto Eco berichtet, die zweite findet in Mailand statt, wohin sich Nooteboom begeben hat, um den Verfasser des "Foucaultschen Pendels" zu interviewen. Auch das Gespräch selbst ist wiedergegeben - und bestätigt, wenn ich das sagen darf, meinen Eindruck: dieser Linguist und Romanverfasser ist ein intelligent-eloquenter Hansdampf in allen Gassen, der allem Anschein nach Karriere und Leben problemlos vereinigt und dabei den Anspruch auf innere Wahrhaftigkeit seiner literarischen Produktion gar nicht erst fallenlassen musste (vgl. hierzu besonders S. 425f). Eine Kritik Nootebooms an diesem Stil klingt leicht, aber doch zu leicht, an. Dann wird die "Einladung bei der Modekaiserin Krizia" (S. 427) geschildert: "Plötzlich sehe ich, wie Eco einen Kuss auf eine elfenbeinblasse Schulter plaziert und dann zur Musik der Platters auf den Tanzboden walzt, die Zigarette wie eine Waffe zwischen die Zähne geklemmt. "Haben Sie gesehen", fragt er mich später, "wie ich zu Only you mit einer Zigarette im Mund getanzt habe?" Ja, ich habe es gesehen, und auch, wie er sich mit seiner eindrucksvollen Statur wie eine Feder zwischen all die Engel und Teufel schob, wie die Last seiner Werke vorübergehend von ihm abgefallen war ..." (ebda.). Nun ja.

In "Bitteres Bolivien" lese ich, was mich weitaus mehr interessiert: "Warum suchte Che Guevara sich dieses Land aus? Wegen der verwundbaren Grenzen mit all den anderen Ländern? Wegen des totalen Elends, das trostloser ist als sonst irgendwo? (...) Da ich mich kenne, weiß ich, was mich hierher gelockt hat. Etwas Schlimmeres gibt es nicht. Auch nichts Höheres. Und auch nichts Ärmeres. Die Geschichte dieses Landes ist ein einziger ungestümer Leidensweg aus Grausamkeit, lächerlichen Gesten, verlorener Hoffnung, Apathie und Herrschsucht. Ein Irrtum" (S. 106f). Diesem Irrtum muss man sich aussetzen, um sich selbst zu finden. In der Rätselhaftigkeit der Welt kann so etwas wie Sinn, wenn überhaupt, wohl nur entstehen, wenn es seinem Gegenteil begegnet. In Marokko sieht Nooteboom den Tod: "Irgendwo in einer dunklen Ecke, wo es feucht und klamm ist, liegt eine Stimme aus schmutzigem Staub, denn das ist das einzige, was ich in dieser Dunkelheit sehen kann, ein Mensch, von dem nichts mehr übrig ist als ein Bündel Kleider, es scheint, als könne es kein Kilo wiegen, doch die Stimme klagt und murmelt und weint leise, jemand, etwas, das da im Sterben liegt, etwas Altes und schon fast Verschwundenes, ein unsichtbarer Mund ohne Körper, eine Seele, von Menschen in eine Ecke gelegt. Ich gehe auf sie zu, die Stimme geht über in Gewisper und Geröchel, aber ich sehe noch immer keinen Kopf, und dann kommt eine Frau, die mir bedeutet, wegzugehen, diese Schande darf ein Fremder nicht sehen" (S. 97f).

Man muss viel und weit reisen, auf welche Weise auch immer, um auf das Bild der eigenen Sterblichkeit zu treffen. Bis in die Moderne hinein versuchte man, eben aus ihr, in sie eintauchend, das Leben wiederzugewinnen. Auch heute jedoch gibt es einen Impuls, aus der Begegnung von Fülle und Mangel eine ethische Haltung, wie eine ihr entsprechende Wahrheit entstehen zu lassen. In einer ihrer Sehweisen begreift man, was der tanzende, küssende und rauchende Romanschreiber, wie der in den Tod gehende Mensch, von dessen Klage Nooteboom berichtet, gemein haben, nämlich die durchgreifende Kontingenz ihres Daseins.

In diesem Buch begegnen sich Schweres und Leichtes. Dabei bildet sich ein Stil, der beinahe eine eigene Gattung schafft. Es ist angenehm, mit Nooteboom auf die Reise zu gehen. Man gewinnt nämlich manchmal den in seiner Ambivalenz gleichsam schwebenden Eindruck, als sei es gleichermaßen völlig bedeutungslos und wichtig, wie sich ein einzelner Mensch auf die Welt einlässt.

Max Lorenzen

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