Mein Buch des Monats April
Marie Luise Kaschnitz: Das dicke Kind. Prosa, Gedichte und Gespräche, gesprochen von Marie Luise Kaschnitz, ausgewählt von Christian Büttrich. der hörverlag, München 2001, zwei CDs, Laufzeit ca. 140 Minuten, ISBN 3-89584-862-X, 35 DM
Mein Buch des Monats ist kein Lese- , sondern ein Hörbuch. Auf zwei CDs sind nun wieder Aufnahmen einer der wichtigsten Autorinnen der Nachkriegszeit zugänglich, die von 1953 bis 1974, dem Todesjahr Marie Luise Kaschnitz, reichen. Die von Christian Büttrich, dem Herausgeber der Gesammelten Werke im Insel Verlag, besorgte Auswahl beginnt mit der Erzählung Das dicke Kind, aufgenommenen 1964, dann folgt die Rede bei der Verleihung des Georg-Büchner-Preises vom 23.10.1955 in Darmstadt, sowie das Werkstattgespräch mit Horst Bienek Marie Luise Kaschnitz über ihre Arbeitsweise (1961). Die zweite CD enthält 24 Gedichtlesungen - angefangen mit Die Kinder dieser Welt, über Hiroshima, an siebter Stelle Genazzano, dessen "bestürzende Einmaligkeit", wie Peter Huchel im Nachwort der von ihm 1975 für den Suhrkamp-Verlag besorgten Auswahl der Gedichte sagt, "nicht zu definieren" sei, Dein Schweigen, bis zu Was ist, was sein wird - , dann Orte - Das Havelufer bei Potsdam bis Mentone, Menton und ein Gespräch mit Sigurd Guthmann.
Im zuletzt genannten Gespräch hören wir nun auch Gedichte, die in professioneller - und sehr schöner - Weise von einem Rundfunksprecher vorgetragen werden. Aber welch ein Unterschied zwischen dieser wohllautenden Stimme und derjenigen der Autorin! Kaschnitz spricht zumeist in einer Diktion, die, wenn nicht hart, so doch eher streng klingt. Um so mehr ist der Hörer dann überrascht, wenn sie das einstrophige Ostia antica, gleichsam als Echo, nach dem ersten Lesen noch einmal sagt, aber diesmal ganz verhalten und mit dem letzten Vers Wer das weiß - eine brüchige Zwielichtzone des "drüben" erzeugend. Das Gedicht lautet:
Ostia antica
Durch die Tore: niemand
Treppen: fort ins Blau
Auf dem Estrich: Thymian
Auf den Tischen: Tau.
Zwiegespräch aus Stille
Tod aus Käferzug
Abendrot im Teller
Asche im Krug.
Asphodeloswiese
Fledermäusekreis
Diesseits oder drüben
Wer das weiß
In Kaschnitz Vortrag wird das unfassliche Ineinandergreifen von "diesseits" und "drüben", in seiner Unausgemachtheit, stimmlich erzeugt. Die Aufnahme wird damit, ohne in Magie zurückzufallen, zu einer Beschwörung, sie stiftet im Laut das Bild des Gedichts.
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Dürfte sich ein professioneller Sprecher dergleichen anmaßen? Sicher nicht. Aber ein Lyriker, eine Lyrikerin wird diesen Anspruch an sich selber stellen. Deswegen sind die gleichfalls im hörverlag erschienenen Aufzeichnungen etwa von Lesungen Ingeborg Bachmanns, Paul Celans oder auch Hilde Domins, um nur einige zu nennen, von solcher Bedeutung. Die Rückverwandlung eines Textes in ein Gedicht geschieht im Sprechen. Sein Rhythmus bildet einen Schwingungsraum, der jedenfalls Ähnlichkeiten mit dem Zeitgefüge des Spielens von Musik hat (ich möchte immerhin andeuten, dass auch in der Malerei gleichsam ein Klang, der zugleich fließt und stillsteht, geschaffen wird). Heißt das aber, der Autor oder die Autorin eines Gedichts gäbe, in der Lesung, schlechthin dessen authentische Interpretation? |
Diese Frage ist wiederum, nicht ein für allemal, sondern nur im jeweils vorliegenden Fall, am Text des Kunstwerks zu verifizieren. Wahrscheinlich verlangt der Begriff der Authentizität heute, dass man in ihm auch einen Plural erkennt. Wer sich jetzt mit der noch nicht lange vergangenen Nachkriegsepoche großer Lyrik (etwa von der Mitte der 40er bis in die 70er Jahre) beschäftigen will, hat die großartige Möglichkeit, in vielen Fällen die eigene Interpretation mit der stimmlichen des Dichters oder der Dichterin konfrontieren zu können. Es ist möglich, dass uns das auch Befremdende des Vortrags gerade einen Weg zu den zeitlich noch nahen und doch schon fernen Werken einer Zeit bahnt, die unsere unmittelbare Vergangenheit ist.
Die hier wiederveröffentlichten Tondokumente sind in jeder Weise faszinierend. Beim Hören stellt sich eine innere Ruhe und Sammlung ein, die etwas befreiendes hat. Marie Luise Kaschnitz ist eine große Lyrikerin, und sie sollte endlich wieder mehr gelesen - und gehört! werden. Ich wünsche mir dasselbe für zwei andere Autoren jener Jahrzehnte, nämlich Wilhelm Lehmann und Nelly Sachs. Nichts wäre mir lieber, als auch diesen beiden einmal im "(Hör-)Buch des Monats" eine Besprechung widmen zu können.