Im Dickicht Berlins

von

László F. Földényi

 

"In this city without style, without tradition,
one was conscious above all of everyone's sense
that he or she was living in every way from day
to day around a kind of zero. The strength and
weakness of the Berliners was their feeling that
they could begin a completely new kind of life -
because they had nothing to begin from."

Stephen Spender

 

Meine erste Nacht in Berlin verbrachte ich im Januar 1978. Genauer gesagt, war es in Ostberlin, das ich lange nicht mit Berlin gleichsetzen wollte. Jedenfalls nicht mit jenem Berlin, das ich in mir aufgebaut hatte, und das, als Mythos, noch jahrelang wie eine Mauer vor mir emporragte. Und mich daran hinderte, das wirkliche Berlin zu erblicken. 1978 nahm ich die Mauer in mir natürlich noch nicht wahr, ich sah nur die andere Mauer, den endlos sich schlängelnden, grauen Betonstrich. Auf diesen führte ich es lange Zeit zurück, daß ich nicht sehen konnte, was mich doch umgab.

Es war nicht das erste Mal, daß ich in Berlin war, aber das erste Mal, daß ich in der Stadt übernachtete. Ich deponierte schnell mein Gepäck in der Wohnung, in der ich ein Zimmer gemietet hatte, und brach gleich auf, um die Stadt zu entdecken. Zuvor betrat ich noch das dämmrige Badezimmer. Mein Blick fiel sofort auf die Aufschrift: "Baden 1 Mark!" Das wirkte in dieser Privatwohnung genauso bizarr wie der neben dem Waschbecken ausliegende Plastikteller. Der an den Rändern zerschlissene Karton mit der umständlichen Aufschrift (ein gotisches Verbot) hing niedriger, als dies die Stellung des Regals und Schranks an der Wand verlangt hätte. Dadurch wirkte er etwas diskreter. Als befände er sich nur zufällig dort. Doch gerade das ließ mich stutzig werden. Ich hatte die Vermieter bis dahin noch nicht getroffen, aber ihre Denkweise kam mir schon damals verdächtig vor. Obwohl das Einmarkstück in den Teller auf dem kleinen Tisch plumpsen sollte, wollten sie den Eindruck erwecken, als müßte das gar nicht sein. Diese vorgetäuschte Großzügigkeit, dieses "Ich-weiß-selbst-nicht-wie-die-Aufschrift-dahinkam" - ja, das war das Kleinkarierteste an dieser ohnehin kleinlichen Ostberliner Wohnung, die bestenfalls durch ein aufgeregt hin und her rennendes Frettchen etwas Menschliches an sich hatte. Die Besitzer versuchten auf einem Umweg an die an sich zu Recht erwartete Mark zu kommen - sie sahen weg und taten dabei doch nichts anderes als hinzusehen. Ihre Schamhaftigkeit war aufdringlich, ihr Taktgefühl indiskret, ihre Zurückhaltung allzu auffällig. Sie waren nicht so wie sie zu sein schienen. Aber wie sie wirklich waren, hätte ich unmöglich sagen können.

Es fiel mir der englische Held von Christopher Isherwoods Roman Goodbye to Berlin ein, der in den dreißiger Jahren in ähnlicher Weise auf dem Gang einer Berliner Pension umherlungerte und sich immer weniger in der Denkweise der für seine Unterkunft verantwortlichen Berliner auskannte. Auch ich hatte im dämmrigen Badezimmer das Gefühl, als wäre ich in einer mir unbekannten Welt gelandet. Bezüglich der Aufschrift und des Tellers war mir, als richtete sich der Blick eines trübsinnig und gesichtslos aufdringlichen Neutrums auf mich. Mir schien plötzlich, daß mich in jenem dämmrigen Badezimmer vielleicht Berlin selbst musterte und abwog. Jenes Berlin, dem ich noch nie begegnet war, und das in nichts jenem idealen und mythischen Berlin ähnelte, dessen Bild ich jahrelang in mir gehegt, und das ich zu suchen noch nicht aufgegeben hatte. Damals jedoch wies ich diesen Gedanken noch von mir.

Ich blieb auch nicht lange im Badezimmer. Ich machte mich schnell fertig und brach eilig auf. Zwei Minuten von der Wohnung befand sich der Grenzübergang Bornholmer Straße, wo der Verkehr damals nur in eine Richtung fuhr: der Übergang durfte ausschließlich von Westberlinern und Westdeutschen benutzt werden. Hierher, zum Grenzübergang, führte mich mein erster Weg. Ich verweilte dort scheinbar endlos. Beobachtete die Dächer der hoch hinaufragenden Mietshäuser auf der anderen Seite, die fernen Leitungsmasten. Sah eine Taube hinüberfliegen und dann mit mehreren anderen zurückfliegen. Und ich beobachtete die eintreffenden Westberliner. Beobachtete sie nicht einfach, sondern sog mit jeder Faser ihren Anblick, mitsamt ihren Schachteln und Tüten, in mich hinein. Ich starrte sie an, als wären sie nicht diesseitige, sondern mythische Wesen. Westdeutschland kannte ich schon ein wenig, wußte, wie es in Frankfurt und Darmstadt, Heidelberg und München war. Aber ich vermutete, daß Westberlin, wo ich damals noch nicht gewesen war, keiner anderen deutschen Stadt ähnelte. Auch nicht Ostberlin. Ich glaubte, daß ich alles, was ich bis dahin über Berlin zusammengelesen, in alten Filmen und Zeitschriften gesehen, sowie Liedern und Schlagern der Vorkriegszeit entnommen hatte, nur drüben, jenseits der Mauer finden würde, als formlose, schwebende Stimmung. Auch wenn jenes Ostberliner Mietshaus, in dem ich in Pankow übernachtete, wie das ganze Viertel, um die Jahrhundertwende erbaut worden war, als die Stadt ihre zukünftige Teilung noch nicht einmal im Traum erahnen konnte, war ich überzeugt, daß Ostberlin mit dem echten Berlin reichlich wenig zu tun hatte.

Dort stand ich also mitten in Berlin, auf dem sorgfältig gepflasterten, mindestens hundertjährigen Berliner Bürgersteig, mit hundertjährigen Berliner Mietshäusern hinter mir, an der Schnittstelle von Straßen, deren Richtung und Anordnung sich vor vielen, vielen Jahrhunderten ausgebildet hatte, je nachdem wie sich die Wege der Berliner über Generationen hinweg gekreuzt hatten. Derweil schien über mir die Berliner Sonne, die hier und da hinter den schnell und niedrig fliegenden Berliner Wolken verschwand, die so beschaffen waren, wie ich es sonst nirgends in Europa gesehen habe. Später brach ich auf, ging in den Straßen Berlins spazieren, betrachtete die Berliner, musterte die unverwechselbar berlinerischen Mietshäuser, die kalten, puritanischen Fassaden und die reich und anspruchsvoll geschnitzten Holzgeländer der Treppenhäuser, die eher zu einem Rokokopalast als zu diesen Mietshäusern gepaßt hätten. Mit einem Wort, ich tauchte in einer Stadt unter, die Ostberlin hieß. Obwohl ich ständig auf der Suche nach Berlin war.

Manche sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht. Ich sah damals die Bäume vor dem Wald nicht. Ich sah Berlin vor Berlin nicht. Sah es, genauer gesagt, wegen jenes Mythos nicht, dessen Gefangener ich war. Natürlich war ich nicht der einzige, der nach Berlin kommend Opfer dieser Jagd nach einer Fata Morgana wurde. Noch heute ist das so. Wo auch immer man den Namen Berlin ausspricht, hat das Wort eine Akustik wie keine andere Stadt. Kein Wunder: Es existiert keine andere europäische Großstadt, bei der ein so unüberbrückbarer Graben zwischen der Vergangenheit (vor allem dem Zustand vor dem Zweiten Weltkrieg) und der Gegenwart verliefe, wie das bei Berlin der Fall ist. Es genügt, Walter Benjamins Erinnerungen Berliner Kindheit um neunzehnhundert oder Franz Hessels mitreißendes Buch Spazieren in Berlin aufzublättern, im Kino die alten Filme Ruttmanns, Laforgues, Siodmaks und Ulmers anzuschauen, um sofort zu spüren, daß der Krieg nicht nur am Körper, sondern auch am Geist Berlins bleibende Wunden geschlagen hat. Am Ende der dreißiger Jahre riß in dieser Stadt etwas ab, die Zeit blieb, wie in Dornröschens Schloß, stehen, und Berlin geriet in eine andere Zeitrechnung, die seitdem anhält. Die Stadt wurde Opfer eines künstlichen Eingriffs nach dem anderen, von denen ein einziger ausgereicht hätte, um das Leben der hiesigen Menschen auf den Kopf zu stellen. Auch Paris, London oder Budapest erlitten den Krieg, doch sie haben sich erholt und führen ihr früheres Leben, wenn auch mit Veränderungen, fort. In Berlin hingegen scheinen Meteoriten eingeschlagen zu haben, geradewegs aus dem All. Die Stadt hat traumatische Erlebnisse gehabt, wie eine Pflanze, die man aus ihrem Boden reißt, dann erneut einpflanzt, dort auch wieder entfernt, und das alles mit wer weiß was für Absichten.

Deshalb eignete sich Berlin dazu, einen eigenen Mythos entstehen zu lassen, der die Stadt gleichsam bedeckt, die natürlich ihr eigenes Leben darunter weiterlebt. Trotz der improvisierten Wohnsiedlungen und häßlichen Häuserblocks, die nach dem Krieg errichtet wurden, konnte die Stadt Generationen verzaubern und verführen. Wer hierher kam - und jetzt spreche ich auch von mir -, betrat nicht einfach eine bis dahin unbekannte Stadt und bewunderte nicht nur die von Bildern wohlbekannten Sehenswürdigkeiten. Nein, in Berlin ließ mich mein Zeitgefühl im Stich. Alles, was man im Dritten Reich mit dieser Stadt angestellt hatte, was dann Russen und Amerikaner mit gemeinsamer Kraft fortsetzten und die mauerbauenden Ostdeutschen schließlich vollendeten, ließ den Begriff der Geschichte selber zweifelhaft werden, zerstörte die Illusion ihrer Zweckhaftigkeit, Sinnhaftigkeit, Berechenbarkeit und Gestaltbarkeit. Berlin wurde das Monument des Zerbrechens von Zeit und Geschichte; das ist in gewisser Weise genauso ein Wunder wie es ein Wunder ist, daß dasselbe nicht auch mit Paris, London oder Budapest geschah. Der Mythos Berlins nährt sich aus jenem sonst nirgends spürbaren Phänomen, daß man hier das Gefühl hat, auf mehreren Ebenen gleichzeitig zu existieren. Diese lassen sich zwar gut voneinander unterscheiden, und doch liegen sie sehr eng beieinander. Natürlich stößt man auf Schritt und Tritt auf die Spuren des Vorkriegsberlin. Es stehen die um die Jahrhundertwende errichteten Mietshäuser mit ihrem kalten Äußeren, man trifft ständig auf die öffentlichen Gebäude des "Dritten Reiches", deren klassizistischer Stil sich auffällig vom Klassizismus anderer Länder unterscheidet, man kann in den alten Parkanlagen spazierengehen oder in Grunewald, wo es kriegsbedingte Zahnlücken kaum gibt, radfahren. Man kann diese Stadt in Besitz nehmen, sich in ihr sogar heimisch fühlen, und doch: es ist, als lauerte auch ein Phantom überall, als trüge jedes Gebäude, jede Parkanlage auch ihr eigenes Gespenst in sich.

Vielleicht stand ich auch deshalb so gebannt vor dem Übergang Bornholmer Straße im Januar 1978. Ich sehnte mich nicht einfach von Ostberlin nach Westberlin hinüber, es erfüllte mich nicht nur eine auch an mein eigenes Schicksal eng geknüpfte, politische Entscheidung mit Unzufriedenheit. Mich zog die unbezwingbare Idee Berlins an. Alles, was ich bis dahin über Berlin gelesen und gehört hatte, hatte sich in mir zu einer idealen, sirenenstimmigen Traumstadt gefügt, die ich mit dem wirklichen Berlin - in diesem Fall Ostberlin - nicht identifizieren konnte. Und etwas flüsterte mir ein, daß die Mauer nicht nur gebaut wurde, um die östliche Hälfte der Stadt von der westlichen zu trennen, sondern auch um das tatsächlich existierende, begehbare und auf Karten aufgezeichnete Berlin von jenem aus meinen Träumen, Sehnsüchten, sowie aus alten Filmen und Büchern bekannten Berlin zu trennen, das man - als Idealstadt - niemals aufzeichnen oder begehen konnte. So zog sich die wirkliche, graue Betonmauer vor mir dahin, in der ich jedoch auch eine zweite, unsichtbare, virtuelle Mauer zu entdecken wähnte.

Heute weiß ich, wie enttäuscht ich gewesen wäre, wenn man damals plötzlich die Schranke vor mir geöffnet und mich in den anderen, kürzeren Teil der Bornholmer Straße hinübergelassen hätte, dorthin, wohin ich dann zehn Jahre später gepilgert bin. Denn im Herbst 1988 mußte ich beim Spaziergang in den westlichen Abschnitt der Bornholmer Straße erkennen, daß ihre kürzere Hälfte sich nicht viel von ihrer längeren unterscheidet. Zehn Jahre zuvor hatte ich mich am Übergang Bornholmer Straße "nach drüben" gesehnt, nach jenen grauen Mietshäusern, die doch auch auf der anderen Seite emporragten, und nach jenem unerreichbaren Himmel, der sich auch über die andere Hälfte der Stadt wölbte. Später, auf der "anderen Seite", sah ich, daß mich auch dort nur dasselbe empfing: das in unfreundlichen Farben gehaltene Linoleum in den Treppenhäusern der Westberliner Mietshäuser verbreitete einen ähnlichen Geruch wie in Pankow, und es mangelte auch nicht an jenen diskret aggressiven Aufschriften, von denen ich eine in meinem Ostberliner Badezimmer angetroffen habe, die berühmt-berüchtigte Berliner Arroganz ließ mich im Westen ebensooft stutzig werden wie im Osten, und der Berliner Dialekt tönt (wenn er nicht zufällig einen sächsischen Einschlag bekommt) auf beiden Seiten gleich hart.

Als ich in den achtziger Jahren für längere Zeit in Westberlin wohnte, begann ich von Woche zu Woche, von Monat zu Monat immer mehr zu spüren, daß der Mythos der Stadt, den ich 1978 von Ostberlin aus noch auf die westliche Hälfte der Stadt projiziert hatte, weder in diesem noch in jenem Viertel der Stadt zu lokalisieren war. Vergeblich suchte ich ihn in Wilmersdorf, in Steglitz, in Dahlem, in Schöneberg, in Friedrichshain oder in Pankow. Er läßt sich nicht räumlich festmachen, denn sein Wesen ist gerade der Zusammenbruch der Zeit. Oder wollte ich ihm doch räumlich auf die Spur kommen, blieb mir (jedenfalls in den achtziger Jahren) nur eine Möglichkeit: die Mauer. In Westberlin habe ich die Mauer genauso wieder und wieder aufgesucht wie früher in Ostberlin. Ich starrte genauso hinüber wie ich das zuvor von der anderen Seite getan hatte. Die stets auf die andere Seite gerichtete, gespannte Aufmerksamkeit: lange bedeutete das für mich Berlin.

Die Schranken und der hinter der Mauer verlaufende breite und ausgestorbene Streifen Land hielten mich in ihrem Bann wie früher nur eines: der Mythos Berlins. Und beide unterschieden sich gar nicht so sehr voneinander. Dieses öde Niemandsland, das war der Mythos. Vom Flugzeug aus wirkte es wie ein durch ein Blatt Papier schimmerndes, riesiges Wasserzeichen. Und nichts anderes war die Mauer: das sichtbar gewordene Wasserzeichen von Berlins rätselhaftem Mythos. Ein Streifen Land wie eine wirkliche, wahnwitzige Dissonanz. In Form dieser Mauer erstarrte die geborstene Zeit, die aus dem Lot geratene Geschichte zu Stein. Sie ist das perfekte Sinnbild einer Stadt, die den Fremden aufnimmt und doch nie zuläßt, daß er sich restlos in ihr zu Hause fühlt. Auf ihre Weise hat die Mauer Berlin genauso nach allen Seiten aufgepflügt wie die S-Bahn; es war unmöglich, sie auf Dauer zu vergessen. Beide verlangten einem eine ständige Bereitschaft ab. Noch heute erinnert mich das Knattern der S-Bahn daran. In den überraschendsten Augenblicken taucht der Zug auf, rast bald über einen Damm wie an der Gervinus Straße, bald unter einer Stadtbrücke hindurch wie beim Halensee, bald als Hochbahn wie in der Skalitzer Straße, bald über eine von Läden wimmelnde Straße wie die Bleibtreu Straße. Dann verstummt für einen Augenblick jedes Gespräch, sekundenlang erstarrt jedes Leben, und die Blicke suchen auch ungewollt die Wagen, die jedoch längst vorbeigerast sind. Die S-Bahn zieht die Aufmerksamkeit auf sich und läßt sie doch nicht auf sich ruhen. Ihre Geschwindigkeit und Flinkheit machen sie uneinholbar. Sie stellt das Nervensystem der Fremden auf die Probe; das Nervensystem der Berliner hingegen - und damit der Stadt - scheint genauso beschaffen zu sein. Indem sie überall hinkommt und alles in erreichbare Nähe bringt, wird sie zu einem Musterbeispiel der Städteplanung. Und doch erweckt sie auch den Eindruck, als wollte sie den Stadtplanern zur Schande gereichen. Denn die alles vernetzende S-Bahn trägt die Atmosphäre der Bahnhöfe der Vorstädte und Außenbezirke auch in die Innenstadt hinein, und in ihrem Gefolge erscheinen überall wahllos auch die Fabrikbauten, Hangars, Lagerhallen, Gaswerke und für Güterbeförderung gedachten Kanäle. Es gibt in Europa keine andere Stadt, in der die Innenstadt sosehr von den Außenbezirken durchdrungen wäre. Als hätte die schnell zur Weltmetropole gewachsene, preußische Stadt ihre Pubertät übersprungen. Sollte jene Zeitverwirrung, die sich später so verhängnisvoll zugespitzt hat, hier schon am Ende des letzten Jahrhunderts eingesetzt haben? Jedenfalls ist die Bedeutung von außen und innen, ob bezogen auf die Seele oder die Stadtplanung, in Berlin eine ganz andere als in anderen Städten.

Das Fehlen jeder Gesetztheit, das Berlin seit mehr als einem Jahrhundert zur rastlosesten Stadt in Europa macht, ist wie das Verhängnis selbst. Die Zeitschichten haben sich hier so gestaut wie anderswo die Erdschichten. Diesem Verhängnis verdankte Berlin auch seine vier Jahrzehnte währende Teilung, sowie die Mauer, die zwar nur drei Jahrzehnte stand und dennoch zweifellos auch in hundert Jahren noch das charakteristischste Symbol der Stadt sein wird. Die Mauer war wie das Lavagestein, von dem man auf die in den Tiefen der Erde brodelnden Kämpfe schließen kann. Solange sie stand, stießen sich die hiesigen Menschen von beiden Seiten immer wieder an ihr. Doch auch jetzt, da sie nicht mehr steht, macht sie ihren Einfluß bemerkbar. Der Mythos hat nicht aufgehört zu sein. Im Gegenteil: es genügt, einen Blick auf die Bauarbeiten am Potsdamer Platz zu werfen. Sie sind, verglichen mit jeder anderen Baustelle der Welt, genauso einzigartig wie die Art und Weise, wie Berlin früher die Zeit und die Geschichte aufzuwühlen vermochte, oder wie auch die Mauer ein einzigartiges Gebilde der Urbanisierung dargestellt hat.

Berlin übertrifft sich dauernd selbst. Kein Wunder, daß derjenige, der als Fremder hier ankommt, ständig auf der Suche nach etwas ist. Eine Stadt, die den Besucher aggressiver überwältigt als jede andere europäische Großstadt, die den Fremden schneller verschlingt als London, Budapest oder Paris. Und die sich zugleich nicht begrenzen, nicht fassen und nicht beschreiben läßt. Es gibt keinen Osten und keinen Westen, nur Berlin, das jedoch mit jeder Faser über sich selbst hinausweisen will. Es nimmt einen auf, und dennoch lenkt es die Aufmerksamkeit ständig auch auf sein eigenes Ebenbild, ein virtuelles Berlin, das vielleicht nie existiert hat und doch Heimweh erweckt. Das einen also ständig auch abweist. Doch könnte es nicht diese zentrifugale Wirkung ausüben, wenn nicht in seinem Inneren, fast schon seinem Magen, auch eine dieser entgegengesetzte Kraft arbeitete, die einen, wie ein Strudel, ständig zu verschlucken sucht, und meine Gedanken, wo auch immer ich mich in Europa aufhalten mag, wieder und wieder zu sich zurückkehren läßt.

Aus dem Ungarischen von Akos Doma

[Zuerst erschienen im Katalog zur Ausstellung "Remake Berlin", Fotomuseum Winterthur (11.11.2000 - 14.1.2001), Neuer Berliner Kunstverein, Berlin (17.3.-29.4.2001).]

 

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