Epitaph auf einen Krieger
Es blühen aus dem Schnee die Anemonen.
Mit seinem Herzen spielt ein Kind. Und es verweint’s.
Uns, die am Brunnenrand der Erde wohnen,
ist Sonnenauf- und –niedergang nur eins.
Doch immer wieder quillt der Fluß vom Felsen,
und immer wieder Mond um Frauen wirbt;
Der Herbst wird ewig seinen goldnen Kürbis wälzen,
und ewig Grillenruf im Grase zirpt.
Es führten viele fest ihr Pferd am Zügel.
Der Ruhm der tausend Schlachten ist verweht.
Was bleibt vom Heldentum ? Ein morscher Hügel,
auf dem das Unkraut rot wie Feuer steht. |
Das Los des Menschen
Der Glut des Sommers folgt des Herbstes Kühle
Dem Schneefeld folgt des Lenzes Blumenbeet;
Die Sonne hebt sich rosig in der Frühe,
Und rosig ist ihr Bildnis, wenn sie geht.
Die Bäche drängen in das Meer. Die Zeiten
Erneuen sich. Mit jedem Tagbeginn
Glänzt neu das Sonnenlicht, und unaufhörlich
Treibt neues Wasser durch die Ströme hin.
Der Mensch lebt einmal, - nimmer kehrt er wieder,
Sein Dasein ist ein Lufthauch, der zerfließt;
Die Summe seines Lebens ist ein armer,
Verfallner Hügel, darauf Unkraut sprießt. |
Die erste der beiden Übertragungen stammt von Klabund (d.i, Alfred Henschke, 1890-1928)
aus dem Band „Dumpfe Trommel und berauschtes Gong" Nachdichtungen chinesischer
Kriegslyrik, die zweite, von Hans Bethge (1876-1946) findet sich in „Die chinesische
Flöte" Nachdichtungen chinesischer Lyrik*. Für den Leser erhebt sich die Frage, ob
sie beide auf ein und dasselbe Gedicht des Kong-fu-tse zurückgehen können. Dann nämlich
würden sie mehr über den deutschen Verfasser aussagen als über ihr chinesisches
Vorbild. (Renate Scharffenberg)
*
Die Erlaubnis zum Abdruck wurde uns freundlicherweise vom
YinYang Media Verlag, Kelkheim erteilt, der die Nachdichtungen
orientalischer Lyrik Hans Bethges in einer Gesamtausgabe
wieder zugänglich macht. "Das Los des Menschen"
stammt aus Band I: Die chinesische Flöte, 2001
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