Durchbruch zum Leben. Bilder von Barbara Heinisch in der Lutherischen Pfarrkirche St. Marien zu Marburg (bis 13. Mai 2001)
Das Andere ist nicht da, aber es erscheint, es zeigt sich, es tritt zutage, wird erfahren als numen oder aufgespürt als "différance" (Derrida), vor allem wird es gesucht unter tausend Namen und in unzähligen Gestalten, ob "in" oder "hinter", ob "unter der Oberfläche von" oder "jenseits" der Wirklichkeit. Ohne das Andere wären wir nichts als kluge Tiere, traurig funktionierend, konsumierende Primaten, vergeblich mit Sprache begabt, von Sehnsucht nach Liebe genarrt, Selbstbetrüger oder Gottbetrogene.
In unserer Welt, in der ein praktischer Materialismus anscheinend den Sieg davon getragen hat, suchen doch Menschen so oder so und immer noch und immer wieder nach dem Anderen, abseits der albern bunten Werbewelt, jenseits von Game-Shows und der alltäglichen Langeweile des Konsums. Auch wenn die Marketing-Experten des Einen es gerne als das Andere auszugeben versuchen, es bleibt die Sehnsucht, die sich nicht damit zufrieden geben will, nur die wohlfeilen Schreckensmasken von Spaß und Selbstgenuß aufzusetzen.
Ist die Sehnsucht nach dem Anderen zu stillen? Schon sie wachzuhalten, ist eine kulturelle Aufgabe, der sich auch die moderne bildende Kunst in vielen Facetten stellt. Ausstellungen moderner Kunst sind Orte produktiver Irritation und damit Kultplätze neuer Art geworden, für nicht wenige Besucher auch gewöhnlich uneingestanden Stätten religiöser Praxis.

Bild und Kult gehörten in der Geschichte die meiste Zeit eng zueinander. Nicht wenige Kirchengemeinden in den Städten beleben diesen Zusammenhang in den letzten Jahren neu und öffnen sich für moderne Kunst, so auch die Pfarrkirchengemeinde in Marburg, in der immer wieder in der Passions- und Osterzeit das Gotteshaus zum Ausstellungsort für bedeutende Künstler der Gegenwart wird. Aber nicht nur dies: In einem integrierten Konzept treten die Gottesdienste und Andachten der Karwoche und der Osterzeit in einen Dialog mit den Kunstwerken ein.
In diesem Jahr werden unter dem Titel "Durchbruch zum Leben" acht Arbeiten von Barbara Heinisch gezeigt. Die 1944 geborene Malerin und Aktionskünstlerin, die u.a. bei Joseph Beuys studierte, hat über Jahre ihre eigene Bildsprache gefunden und verfeinert. Ausgangspunkt ihrer Bilder ist die menschliche Gestalt: In Malaktionen entstehen im Kontakt zwischen Modell, Nesselstoff und Farben großformatige, lebensgroße Bilder, die der Körperlichkeit unmittelbaren Ausdruck geben und zugleich durch die Betonung von Umrissen und den Einsatz starker Farbkontraste den Betrachter anregend verstören.
Für die Künstlerin, die einmal gesagt hat, Malerei komme nicht von Kunst, sondern von Liebe, stehen die Bilder in direktem Zusammenhang mit ihrem Entstehungsprozeß, und sie beschreibt diesen Entstehungsprozeß als ein Widerfahrnis der eigenen Öffnung: "...wenn ich male, dann entäußere ich mich, dann zeige ich mich viel deutlicher und klarer als im täglichen Leben. Ich kann in dieser Weise nicht täglich malen. Das sind für mich herausragende Momente."

Bei einigen Bildern ist der Malgrund mit einem Schnitt verwundet, öffnet so einen irritierenden Durchblick. Vielleicht ist es nicht nur der Ausstellungskontext, der an die Seitenwunde Christi denken läßt. Verwundungen sind oft die Fenster zur anderen Wirklichkeit.

Die Kunst von Barbara Heinisch verhehlt die Nähe zu religiösen Themen nicht. Ein in Farbigkeit und Bildaufbau von Ferne an Edvard Munch erinnerndes Bild trägt den Titel "Die Niederkunft des Engels", und das Diptychon "Martyrium I und II" nimmt Motive aus der Legende von der aufs Rad geflochtenen Heiligen Katharina auf: Die gemarterte Gestalt steht im Zentrum von Tanzszenen; in das Braun, Rot und Violett des gequälten Lebens treten weiße, sich ausstreckende Gestalten: Nahe am Tod wohnt das Leben, und der Reigen des Lebendigen schließt auch das Leiden mit ein. An der Südseite der Kirche präsentiert, laden die beiden Martyriumsbilder von Barbara Heinisch ein zum Vergleich mit dem Fresko der Heiligen Kümmernis gleich daneben.

So wie in den antiken Mysterien den Einzuweihenden die Augen aufgetan wurden, öffnet moderne Kunst manchmal, nicht immer einen neuen Horizont. Durch die Hängung der Bilder wird der Blick in der Pfarrkirche nach oben gezogen, und hinter Körperformen und Farben erscheint in Heinischs Bildern das Andere, das den Blick öffnet, das staunen oder erschrecken macht, nicht anders als in den Osterberichten der Evangelien. Der Titel der Ausstellung "Durchbruch zum Leben" ist gut gewählt: Von Heinischs Arbeiten gehen Lebenskräfte aus.
Kunst und Religion stehen Seite an Seite im Bemühen um heilsame Irritation, im subversiven Kampf gegen die Tyrannei des Einen, der vordergründigen, ausrechenbaren Realität.
Das Eine ist nicht das Andere. Die immer neu wachzuhaltende Erinnerung an das Andere rettet uns vor dem Albtraum, das Eine sei das Ganze.
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