"herzschläge" – Gemeinschaftsausstellung der Künstlerinnengruppe "Ultramarin" im Marburger Kunstverein

Es ist nicht alles Herz, was schlägt. Aber was Herz ist, das ist oft auch Kitsch. Dem Besucher der Marburger Kunsthalle weist ein großes illuminiertes Herz über dem Portal emblematisch den Weg zur neuen Ausstellung, die unter dem Titel "herzschläge" ein kleines Sammelsurium von künstlerischen Arbeiten und Versuchen bietet, das nur partiell zu interessieren oder gar zu überzeugen vermag.

Seit 1994 arbeiten die Künstlerinnen H. R. Rey (Heidrun Reymann), Annette Schulze Lohoff, Hannelore Nierhoff Winkel und Josi Dicken (geb. 1944 – 1952) in Bochum in einem Gemeinschaftsatelier auf dem Gelände einer ehemaligen Zeche zusammen und führen gemeinsam seit 1995 unter dem Namen "Ultramarin" Ausstellungsprojekte durch. Der Marburger Kunstverein (in Verbindung mit dem Verein FrauenKunstGeschichte) präsentiert die Künstlerinnengruppe unter dem weiten und beziehungsreichen Dach des Titels "herzschläge". Die vorgestellten Arbeiten sind im Zusammenhang dieses Projekts entstanden, das im vergangenen Jahr zum ersten Mal - unter dem Titel "Liebe an Unorten" - in einem leerstehenden Straßenbahndepot in Hagen realisiert und nun für Marburg unter neuem Titel weiterverfolgt wurde: Eine Reihe der ausgestellten Werke sind mit dem Entstehungsjahr 2001 ausgewiesen.

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Das Herz ist ein etwa faustgroßer Hohlmuskel, der für den Blutkreislauf und damit für die Aufrechterhaltung des Lebens zentrale Funktion hat. Zugleich ist das Herz aber die abendländische Zentralmetapher für den Dschungel der Gefühle, die Projektionsfläche für das Unbewußte – und gar nicht selten ein Bermudadreieck für die Bemühungen der Vernunft. Oder kürzer gesagt: "Herz" hat mit nahezu allem zu tun, was Menschendasein ausmacht, mit Liebe und Trauer, mit Schmerz und Leben. So liefert der Titel des Ausstellungsprojekts einen weiten Rahmen, den zu verfehlen schwer möglich ist. Andererseits gibt der vierfache Blick auf das Thema der Ausstellung ihren Reiz.

Den Besucher der Kunsthalle empfangen zunächst einige Überbleibsel der Performance anläßlich der Vernissage, am auffälligsten ein nun an einem Haken in schwindelnde Höhen hochgezogener Rahmen, in den eine Kuhhaut gespannt ist; des weiteren ein halb durchgesägter Tisch, in dem die Säge noch steckt, Symbol der Zertrennung zwischen den am Tisch sitzenden Gestalten.

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Im Erdgeschoß werden Arbeiten von H. R. Rey präsentiert, zum einen Gemälde in Mischtechnik (Acryl mit Enkaustik und Collagenelementen), die das Thema Liebe in mancherlei Variationen aufnehmen, zum anderen – im abgedunkelten hinteren Bereich, drei in blauen Grundtönen gehaltene Lichtinstallationen: "Liebe" (ein altarähnliches Triptychon im marianischen Blau der Himmelskönigin) – "Eros" (überspringendes Begehren aus der Blitzmaschine) – "Sex" (das magische Dreieck der Venus mit eingelassenem Leuchtstabphallus, überspannt mit Folie einer Eiscremefirma): Die Idee dieser Arbeiten wirkt nicht neu, die Ausführung kann durchaus überzeugen.

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In der oberen Etage ist sehr Verschiedenes versammelt: Die plüschüberzogene venezianische Gondel (Anne Schulze Lohoff) liegt bereit zur Reise in das Herz des Kitsches, gleich daneben aber frappiert die Installation "Gebete für Tiere" (von derselben Künstlerin) und nimmt den Blick gefangen: 32 geometrische Bilder aus Tierknochen, aufgebracht auf einer großen transparenten Seidenwand. Die Gewinnung des Materials zu dieser Arbeit ist schon Teil der künstlerischen Tätigkeit, jedenfalls in einem weiteren Sinne: Die Künstlerin, die zugleich Biologin ist, vergräbt tote Tiere und entnimmt nach Ablauf des Verwesungsprozesses die verbliebenen Knochen. Woran soll uns das erinnern? Ach ja: an die Vergänglichkeit.

Des weiteren im Obergeschoß: Großformatige Bilder von Josi Dicken. Eines von ihnen (285 x 380 cm) zeigt auf den ersten Blick einen ungeheuren blutdurchtränkten Zellhaufen, bei näherem Hinsehen setzt er sich aus Hunderten von Embryonen zusammen.

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Dekorativ wirken die unbetitelten Acrylbilder von Hannelore Nierhoff Winkel, deren Feinstrukturen die Phantasie anregen. Ein Bezug zum Titel der Ausstellung ist leider nicht erkennbar, ebenso wie bei den in einer Spirale angeordneten Buddhafiguren aus Gips mit dem schönen Titel "... und Buddha lacht dazu". Der Besucher auch; die Kinder haben ihren Spaß daran, die Figuren umzudrehen, die Erwachsenen zählen die Figürchen nach, über deren Guß ein daneben liegendes Protokollbuch akribisch Auskunft gibt. Das ist nett oder ärgerlich, je nach dem, wie man sich als Betrachter darauf einlassen mag oder auch nicht. Schließlich bietet das Obergeschoß noch einige bemalte polnische (!) Papierservietten, ein zerfetzt-fragmentarisches Liebespaar und eine Audioinstallation mit sich überschneidenden Texten schizophrener Autoren: "Das Lieben hat zwei Personen, das ist beim Lieben der Kummer".

Im Einführungsvortrag wurden Herzschläge als Sinnbild der Extreme vorgestellt: Sie entscheiden über Leben und Tod. Zwischen den Extremen ist viel Raum, und am Ende des Rundgangs bleibt der unangenehme Eindruck des Gesuchten und Gewollten. Wenn eine Gruppe von Künstlern oder Künstlerinnen nur durch ein Atelier und eine gemeinsame Willensanstrengung verbunden ist, dann heißt der Preis Beliebigkeit. Daß es im Beliebigen auch Anziehendes gibt, sei nicht bestritten. Kunst ist eben manchmal, wenn man sich drauf einläßt.

Die Vernissage war sehr gut besucht, nicht zuletzt sicher wegen der angekündigten Performance. Die trieb ein angestrengtes Spiel mit Symbolen: Da wurde aufwendig und langwierig das große Plastikherz enthüllt, während parallel am Tisch gesägt wurde (Josi Dicken, in der Gewandung halb Scharfrichter, halb Batman); zugleich wurde in verschiedenen Rhythmen die Kuhhaut beklopft (und mit dem Stethoskop abgehorcht). Wie viel Kunst geht auf so eine Kuhhaut? Den rituellen Höhepunkt bildeten Handlungen an einem Rinderherz, das Annette Schulze Lohoff mit Priesterinnengestus herumtrug, ausbluten ließ und liebkoste. Mit Perlen und Blumen gefüllt und mit Bändern umwickelt, wurde das liebe Rinderherz (BSE läßt grüßen), schließlich in die Gondel abgelegt und auf die Fahrt in die ewigen Jagdgründe der Symbolik geschickt. Abbruch der Herzschläge auf dem Kuhfell, Ende der Vorstellung, Beifall.

Während der Performance ist die Sicht schlecht, und es entspinnt sich folgender Dialog zwischen einem kleinen Jungen und seiner Mutter: "Mama, ich sehe nichts. Dauert es noch lange?" - "Psst, das ist Kunst." - "Dauert Kunst immer so lange?"

Die Ausstellung ist noch bis zum 25. April 2001 zu sehen.

Uwe Kühneweg

 

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