Homosexualität – Ehe – Familie

Philosophisch-ethische Überlegungen zu einem aktuellen Normenkonflikt

Joachim Kahl (Marburg)


Einleitung: Problemhorizont und Grundposition

1. Über den biologischen und sozialen Vorrang von Heterosexualität gegenüber Homosexualität

2. Gegen die modische These von der Gleichrangigkeit aller Lebensformen

3. Ehe und Familie sind keine Auslaufmodelle eines untergehenden Zeitalters, sondern unverzichtbare humanistische Leitbilder für das Zusammenleben der Geschlechter und Generationen


Einleitung: Problemhorizont und Grundposition

Fragen der Sexualität und des Zusammenlebens der Geschlechter und Generationen sind vor alters her Reflexionsgegenstand auch der Philosophie. Platon und Aristoteles, Kant und Hegel, Max Horkheimer, Arnold Gehlen, Bertrand Russel, heute die Schule des Kommunitarismus – sie alle widmeten und widmen den Geschlechterverhältnissen große Aufmerksamkeit: ihren Wurzeln, ihren Wandlungen, ihren Konflikten und ihren institutionellen Rahmenbedingungen.

In der Tat ist es ein Test für den Realitätsgehalt einer Philosophie, ob nur abstrakt von dem Menschen theoretisiert wird, oder ob auch die geschlechtliche Differenziertheit und Polarität der Menschen und der Generationenverbund zur Kenntnis genommen werden.

Geht es doch dabei um nichts Geringeres als um die Selbstproduktion der menschlichen Gesellschaft in geordneten Beziehungen, die durch gesellschaftliche Sitte und durch staatliches Recht auf Dauer gestellt sind. Derselbe Sachverhalt, anders formuliert und auf das Individuum zugespitzt: bei der Begründung von Ehe und Familie geht es um die günstigsten Voraussetzungen für die Herausbildung menschlicher Subjektivität und Identität, um den förderlichsten Ort für die erste und zweite Geburt des Individuums.

In der heutigen Situation müssen freilich neben die Begründung und Verteidigung von Ehe und Familie auch die Begründung und Verteidigung der Rechte einer homosexuell lebenden Minderheit von Menschen treten.

"Jeder soll nach seiner Fasson selig werden". Dieses staatspolitische Leitmotto des aufgeklärten Herrschers Friedrich II von Preußen, einst im Interesse von Toleranz und Liberalität zugunsten der Religion geltend gemach läßt sich sinnvoll auch auf die sexuelle Orientierung beziehen.

Gemäß dem Menschenrecht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit, aus dem auch das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung folgt, lässt sich postulieren: Den zwei bis zehn Prozent von Menschen, die homosexuell leben wollen, ist fraglos jener Freiraum, jene subkulturelle Nische einzuräumen, die ihrem realen Anteil an der Bevölkerung entspricht. Leben und leben lassen.

Der historische Weg von der Ächtung zur Achtung der lesbisch-schwulen Minderheit ist konsequent zu Ende zu gehen. Am Anfang stand die Verteufelung von Homosexualität, für die – in unserem Kulturkreis – vor allem die Bibel die religiöse Rechtfertigung lieferte. Vor einigen Jahrzehnten begann die Entkriminalisierung, die über eine Entdiskriminierung bis zur Entstigmatisierung und Entdramatisierung weiter zu führen ist.

Ein neues Rechtsinstitut – etwa eine "eingetragene Lebensgemeinschaft", beim Standesamt registriert – kann dabei behilflich sein. Aber auch privatrechtliche Regelungen, bei Bedarf notariell beglaubigt, etwa Vertretungsvollmachten, können bestimmten individuellen Bedürfnissen und Vorlieben genügen. Jedenfalls sind alle behindernden rechtlichen Bestimmungen rasch zu beseitigen.

Der gesellschaftliche Weg von der Ächtung zur Achtung begründet sich in der Einsicht, dass die menschliche Natur mit einem offenen sexuellen Potential ausgestattet ist, das heterosexuelle und homosexuelle Strebungen gleichermaßen einschließt. In jedem, in jeder von uns sind auch große Anteile des jeweils anderen Geschlechts enthalten. Jedes Individuum ist eine Komposition aus femininen und maskulinen Anteilen. Mann und Frau haben 22 gleiche Chromosomenpaare, und nur ein Chromosomenpaar stellt den Geschlechterunterschied dar.

Diese biologisch und physiologisch fundierte Einsicht sollte die Bereitschaft zu wechselseitiger Toleranz und Akzeptanz fördern.

Davon unberührt bleibt freilich der elementare Tatbestand, dass nur Heterosexualität neues Leben hervorbringt, also bestandsichernd und zukunftsorientiert ist. Dieser biologische Vorrang der Heterosexualität vor der Homosexualität – seit Jahrmilliarden in den Tiefen der Evolution verankert – hat unvermeidlicherweise und sinnvollerweise erhebliche gesellschaftliche Folgen.

Kulturelle Einrichtungen, die die stabile Paarbildung zwischen Mann und Frau und die damit mögliche Erzeugung und Aufzucht von Nachkommen fördern, haben einen Vorrang vor allen schwul-lesbischen Beziehungsformen, denen diese Qualität naturgemäß fehlt.

Das Grundmuster menschlicher Sexualität ist durch die Beziehung von Mann und Frau definiert. Ihre Gemeinschaft ist die älteste Schicksalsgemeinschaft der Menschheit, die tragende Achse der Geschichte. Nicht Peter und Paul, nicht Eva und Maria, sondern Adam und Eva sind das Menschheitspaar und verkörpern seine Polarität.

Deshalb plädiere ich im folgenden – scheinbar altmodisch und altväterlich, in Wahrheit zukunftsfähig – für dauerhafte und beglückende Partnerschaften zwischen den Geschlechtern und für funktionstüchtige Familien, die diesen Begriff zu Recht für sich beanspruchen können. Gerade in Zeiten rasanten Wandels im Zeichen von Individualisierung und Globalisierung fällt ihnen die unentbehrliche Funktion eines ruhenden Pols zu. Menschen brauchen kleine soziale Einheiten, die Wärme spenden und Rückhalt ermöglichen.

Dass die gedankenlose Phrase "Familie ist, wo Kinder sind" Eingang finden konnte in die Koalitionsvereinbarungen der rot-grünen Regierungsmehrheit in Berlin, zeugt von einer fatalen Selbstvergessenheit in unserer Gesellschaft hinsichtlich ihrer ihre kleinsten sozialen Bausteine. Dem damit verbundenen Theorieverfall und Realitätsverlust werde ich im folgenden mit Argumenten und Erfahrungen widersprechen, orientiert an humanistischen Maßstäben.

Einem modischen Zeitgeist unkritisch nachzulaufen, kann nicht Aufgabe von Philosophie sein. Spätestens seit Nietzsche gehören zeitgemäß "unzeitgemäße Betrachtungen" zu ihrem festen Bestand.

Der historisch beispiellose individuelle Freiheitszugewinn der letzten Jahrzehnte – namentlich was die private, auch sexuelle Lebensgestaltung angeht – soll nicht rückgängig gemacht werden. Aber Freiheit bedarf eines normativen und institutionellen Rahmens. Sonst gefährdet sie sich selbst und verkommt zu bloßer Rhetorik.

 

1. Über den biologischen und sozialen Vorrang von Heterosexualität gegenüber Homosexualität

Homosexualität existiert nur als abgeleitete Größe: weil es Heterosexualität gibt. Eine Gesellschaft aus nur homosexuellen Menschen ist undenkbar. Auch homosexuell lebende Menschen verdanken ihre Existenz den heterosexuellen Akten ihrer Eltern. Und im Alter können lesbische Seniorinnen und schwule Senioren nur gepflegt, gefüttert, gewaschen, schließlich bestattet werden, weil jüngere Menschen heran gewachsen sind, von heterosexuellen Paaren hervorgebracht, die bereit sind, diese sozialen Dienstleistungen fraglos zu übernehmen.

Diese simplen, aber elementaren Einsichten müssen eigens betont werden, weil sie heute heftig vorgetragenen Parolen von Gleichheit und Gleichberechtigung zuwider laufen. Den Gesetzen der Logik verpflichtet, sage ich: Gleiches muss gleich, Ungleiches muss ungleich behandelt werden. Alles andere wäre pseudodemokratische Gleichmacherei. Insofern kann die allgemein vorherrschende Kultur des Zusammenlebens nur heterosexuell geprägt sein. Homosexualität kann und soll sich als Subkultur entfalten – staatlich geschützt, gesellschaftlich respektiert.

Um Missverständnisse zu vermeiden, sei ausdrücklich betont: Der Begriff Subkultur hat nichts Abwertendes, Herabsetzendes. Insofern unterscheidet er sich im Kern von den jahrhundertelang vorherrschenden Disqualifizierungen von Homosexualität als Widernatur oder Unzucht, die eine ideologische Rechtfertigung für staatliche und kirchliche Repression abgaben.

Eine Subkultur bezeichnet die Lebenswelt einer Minderheit, die ihre eigenen Strukturen und Netzwerke aufbaut. Eine Subkultur organisiert Treffpunkte, wo sich Gleichgesinnte und Gleichorientierte begegnen können.

Von Natur aus hat die menschliche Sexualität zwei Funktionen:

Die erste Funktion ist die Weitergabe von Leben, die zweite Funktion ist der Selbstgenuss von Leben. Die erste Funktion ist die sachliche Voraussetzung für die zweite Funktion: Nur wer ins Leben getreten ist, kann das Leben genießen.

Der Lustgewinn wurde in der Evolution als Köder, als Prämie entwickelt, um für die Last der Brutpflege zu entschädigen. Beide Funktionen von Sexualität sind aufeinander bezogen, aber auch von einander ablösbar. Es gibt Zeugung ohne Lust und Lust ohne Zeugung. Im heterosexuellen Bereich hat sich diese Aufspaltung paradigmatisch entwickelt in der Prostitution einerseits und einer religiösen Moral andererseits, die Geschlechtsverkehr nur dulden wollte und will zur ehelichen Zeugung – ohne alle unkeuschen Gefühle und Gelüste.

Die Erfindung empfängnisverhütender Mittel, die vor Jahrtausenden begann und sich in unseren Tagen vollendete, hat ihren Teil dazu beigetragen, die Natur zu überlisten und Lust- und Zeugungskomponente in der Sexualität voneinander zu trennen.

In der Homosexualität fällt ohnehin das generative Element aus. Lustgewinn mit Angehörigen des eigenen Geschlechts ist die einzige Funktion von Homosexualität. Um auch hier Missverständnisse auszuschließen, sei hinzugefügt: Damit ist nicht Abwertendes gemeint. Vor allem bestreite ich nicht, dass auch schwule und lesbische Beziehungen durch eine hohe Qualität von Liebe und Fürsorge geprägt sein können.

Damit der hier herausgearbeitete Vorrang von Heterosexualität nicht als parteiisches Konstrukt erscheint, möchte ich – vertiefend – auf einige Ergebnisse der Evolutionsbiologie verweisen.

Am Anfang stand die ungeschlechtliche Fortpflanzung der Lebewesen durch Zellteilung oder Knospung. Ein neues Lebewesen entstand aus einem Teilstück des alten Organismus. Der Übergang zur geschlechtlichen Fortpflanzung war ein qualitativer, revolutionärer Sprung in der Evolution des Lebens. Die Ablösung des Prinzips der Zellteilung durch das neue Prinzip der Zellverschmelzung brachte erhebliche Selektionsvorteile.

Indem sich die verschiedenen Erbanlagen zweier Elternteile durchmischten, ergaben sich zwei Vorteile:

Herausbildung von Sexualität hieß, dass aus bisher uniformen Exemplaren einer Art eine sexuelle Doppelgestaltigkeit (Diphormismus) entstand. Das bisher Einheitliche, Indifferente teilte sich auf zur physiologischen Polarität der Geschlechter: des männlichen und des weiblichen. Durch deren triebgesteuerte Vereinigung, Paarung, Begattung wurden und werden neue Individuen hervorgebracht. Die Sexualorgane sind die Fortpflanzungs- oder Begattungsorgane, fein aufeinander abgestimmt: Beim Menschen passen sie wie Schlüssel und Schloss.

Diese kurze evolutionsbiologische Betrachtung bekräftigt die Priorität von Heterosexualität und den bloß abgeleiteten Charakter von Homosexualität, die – im übrigen – zum Verhaltensrepertoire vieler Tierarten aller Evolutionsstufen gehört.

Die Einsicht in diese Zusammenhänge ist hilfreich, um die Selbstüberschätzung und Selbstüberhöhungen zurückzuweisen, die in schwul-lesbischen Milieus und Publikationen nicht unüblich sind. Diese Selbststilisierung zum "emanzipatorischen Stachel im Fleisch des Patriarchats" sind zwar psychologisch verständlich als Überreaktion auf eine jahrtausendealte Geschichte der Diffamierung und Unterdrückung. Dennoch sind sie unwahr und unproduktiv.

Schwule und lesbische Beziehungen unterliegen prinzipiell denselben Deformationen, an denen auch heterosexuelle Beziehungen leiden. Jugendwahn und Körperkult, Hass und Hörigkeit, Eifersucht und Sprachlosigkeit, Rachegelüste und Trennungsschmerz, Versagensängste, Verlustängste – diese und andere Misshelligkeiten sind allgemeinmenschliche Erfahrungen und nicht an die sexuelle Orientierung gebunden, obwohl durch sie jeweils emotional getönt.

Zum allseitigen Trost sei hinzugefügt, dass umgekehrt vorbildhaftes menschliches Verhalten bei beiden Geschlechtern vorkommt und an keine besondere sexuelle Orientierung gebunden ist. Entsprechendes gilt von der inneren Architektur einer Beziehung. Jedes Paar – sei es heterosexuell, sei es homosexuell – steht vor derselben Aufgabe, die Balance zu finden zwischen Nähe und Abstand, zwischen Diskretion und Transparenz, zwischen Bindung und Freiheit.

 

2. Gegen die modische These von der Gleichrangigkeit aller Lebensformen

Es gibt eine klar erkennbare ethische Rangordnung unter Lebensformen und Lebensentwürfen. Ein verbreiteter Relativismus und Agnostizismus bestreitet diesen Sachverhalt zwar, verwickelt sich dabei aber unvermeidlich in logische Widersprüche.

Wer heute für die Gleichrangigkeit sogenannter alternativer Lebensentwürfe plädiert, ist meist sogar von deren Überlegenheit überzeugt, spricht aber – aus taktischer Rücksicht – von der Gleichwertigkeit aller Lebensformen.

Die ethische Dignität von Lebensentwürfen ist keine Frage des Geschmacks. Über die ethische Dignität von Lebensentwürfen lässt sich mit rationalen Argumenten und ethischen Normen befinden und entscheiden. Ich unterbreite zwei Beispiele, die an aktuelle Debatten anknüpfen.

Erstes Beispiel. Stellen wir uns vor, es bilde sich eine Männerbewegung, die propagiert: Ob Macho oder Pascha, ob Playboy oder Patriarch – das ist eine Frage des Geschmacks, des Alters und des Geldes. Jedenfalls wollen wir uns unsere angestammten Rechte, die wir als Männer seit Jahrtausenden innehaben, nicht noch weiter beschneiden lassen. Wir wollen uns nicht von feministischen Emanzen Schuldgefühle aufschwätzen lassen. Wir wollen uns ungeniert als Männer ausleben!

Mein Kommentar: Die Gleichrangigkeitsthese, hierauf angewandt, ist sofort als unannehmbar erkennbar. Nicht Gleichrangigkeit der Lebensformen, sondern Gleichrangigkeit der Geschlechter kommt in Betracht.

Zweites Beispiel. Aus dieser selben (fiktiven) Männerbewegung bildet sich eine Untergruppe, die für Sex mit Kindern eintritt. Um sich argumentativ abzusichern, greifen die Wortführer, nicht ungeschickt, auf die Figur des Kinderrechts zurück und behaupten: Alle Kinder zwischen sechs und vierzehn Jahren haben ein Recht, mit Erwachsenen sexuell verkehren zu können. Sex mit Kindern unter sechs Jahren sollte als Missbrauch möglichst vermieden werden. In der deutschen Heimat sollen diskrete Vermittlungsagenturen, kein asiatischer Fernurlaub, die logistischen Aufgaben übernehmen.

Das Scheinaufgeklärte und Scheindemokratische an der Parole von der Gleichwertigkeit aller Lebensformen wird hier unübersehbar deutlich. Zwischen Kindern und Erwachsenen besteht ein asymmetrisches Verhältnis, das ein natürliches, gesellschaftlich verstärktes Machtgefühl zugunsten der Älteren mit einschließt. Die Rücksicht auf das körperliche und seelische Wohl des Kindes gebietet daher ein rigoroses Nein zu jeder Form von sexuellen Handlungen zwischen Erwachsenen und Kindern. Entsprechendes gilt für Beziehungen mit Abhängigen, Schutzbefohlenen, Behinderten, Widerstandsunfähigen. Die sexualethischen Prinzipien der Selbstbestimmung, der Einvernehmlichkeit, der Ebenbürtigkeit, der Gewaltfreiheit weisen hier den Weg.

Oft ist die formalistische These von der Gleichrangigkeit aller Lebensformen verbunden mit einer spezifischen Gestalt der Ehe-Schelte. Hämisch die Nase rümpfend, triumphierend oder leise wehklagend wird heutzutage oft festgestellt: Jede dritte Ehe wird heute geschieden.

Dieser unbestreitbare Tatbestand lässt sich auch so formulieren: Zwei von drei Ehen halten und werden nicht geschieden. Viele der Geschiedenen streben eine neue Ehe an. Welche Beziehungsform kann diese Stabilität aufweisen?

Vor allem sollte an die Stelle pauschaler Kritik eine konkrete Ursachenanalyse treten. War es wirklich die Institution, die zum Scheitern der Beziehung führte? Waren vielleicht von Anfang an die Partner unverträglich, so dass die wechselseitige Entscheidung füreinander selbstkritisch zu überprüfen wäre? Oder führte individuelles Fehlverhalten – auf einer Seite oder auf beiden Seiten – zum Fehlschlag? Welch bequemes Entlastungsventil, die Frustration auf die "bürgerliche Ehe und ihre Zwänge" abzuladen!

Auffälligerweise setzt sich diese Form der Eheschelte nicht in einer Familien-Schelte fort. Wie alle Umfragen zeigen, ist der Familienbegriff heute ausgesprochen positiv besetzt. Das führt dazu, dass er als zierendes und wertsteigerndes Prädikat auch sozialen Gebilden angeheftet wird, denen die konstitutiven Elemente einer Familie fehlen.

Ich denke dabei an das Wort-Ungetüm der "Ein-Eltern-Familie" und an die skandalöse These „Familie ist, wo Kinder sind", die auch in Regierungsdokumente Eingang gefunden hat. In beiden Fällen wird der Begriff Familie missbräuchlich angewandt, ja erschlichen.

Gehen wir beide Konstrukte der Reihe nach durch. Schon mein Sprachgewissen sträubt sich dagegen, ein Wort im Singular zu gebrauchen, das – aus inhaltlichen Gründen – nur im Plural existiert. Es gibt zwei Eltern, allenfalls ein Elternteil, aber keine "Ein-Eltern-Familie".

Das sprachlich Falsche verweist auch auf einen falschen Gedanken. Ich weigere mich, die tragischen Opfer einer Weglauf- und Wegwerf-Mentalität schönzufärben. Alleinerziehende Mütter und Väter mit ihren Kindern – das sind Notgemeinschaften, Notlösungen, Notbehelfe, oft bewundernswert, lobenswert, mehr improvisiert als gemeistert. Aber nicht nachahmenswert, nicht förderungswert als institutionelle Alternative zum allein wünschenswerten Modell einer intakten (Zwei-)Eltern-Kind-Beziehung, die zu Recht eine Familie genannt zu werden verdient. Was nicht aus freien Stücken gewählt wurde, sollte nicht begrifflich veredelt werden. (Nur14 Prozent der Mütter und Väter suchen die Rolle als Alleinerziehende).

Wer als Kind einen Elternteil entbehren muss, dem fehlt etwas Entscheidendes fürs Leben: das Beziehungsdreieck Vater – Mutter – Kind. Dieses Dreieck behindert oder erschwert zumindest übermächtige Mütter und übermächtige Väter, die ihre Kinder in einen symbolischen Bannkreis ziehen und nur ungern daraus entlassen.

Noch abstruser als bei der "Ein-Eltern-Familie" wird es bei der These "Familie ist, wo Kinder sind". Wo sind überall Kinder? Im Kindergarten, in der Schule, im Schulbus, in der Jugendherberge, im Sportverein. Da soll überall das alternative Familienleben blühen? Und wenn die Kinder groß und aus dem Haus sind, da existiert keine Familie mehr? Wenn der fünfzigjährige Sohn seine achtzigjährige verwitwete Mutter im Altersheim besucht und ihr vorliest, ist da keine Familie?

Familie ist nicht überall dort, wo Kinder sind, sondern nur dort, wo Kinder mit ihren Eltern sind. Die Formulierung "Familie ist da, wo Kinder sind" ist ein abwegiges Beispiel illusionären Wunschdenkens. Es wird gerade davon abgesehen, was Familie zur Familie macht und sie konstitutiv von einer Wohngemeinschaft, von einem Freundeskreis, von einem Verein und von einer freien Liebesbeziehung unterscheidet. Das ist das naturhafte Element der Blutsverwandtschaft, begründet durch Elternschaft.

„Blut ist ein dickerer Saft als Wasser". So weiß es die Volksweisheit und nimmt damit intuitiv eine Kerneinsicht der Soziologie vorweg. Mit ihren Forschungsergebnissen zur genetischen Infrastruktur menschlichen Sozialverhaltens begründet die Soziologie, weshalb die leiblichen Eltern nur als Behelfslösung durch sogenannte Bezugspersonen ersetzt werden können. Blutsbande sind enger und dauerhafter als freiwillig geknüpfte Sozialbeziehungen und bilden ein strapazierfähiges Auffangnetz für alle Fälle.

Die heutigen Irrungen und Wirrungen auf dem Feld privater Lebensverhältnisse werden begleitet und genährt durch zwei weltanschauliche Fehlorientierungen im Hintergrund:

Beginnen wir mit dem zuletzt Genannten. Geschlechterpolarität muss nicht in Geschlechterrivalität ausarten, in Geschlechterkampf und Geschlechterneid. Mann und Frau sind die beiden polaren Spielarten desselben Menschengeschlechts, von Natur auf einander bezogen. Sie können sehr wohl zu fröhlichen Formen der Geschlechterfreundschaft und Geschlechtersolidarität finden.

Gerade die letzten Jahrzehnte haben gezeigt: Männer und Frauen können sich aus überkommenen patriarchalischen Rollenmustern befreien und in offener, gleichberechtigter Partnerschaft Freuden und Aufgaben des Zusammenlebens meistern – in der Art einer flexiblen Symmetrie. Dieses postpatriarchalische und postfeministische Leitbild skizziere ich im nächsten Hauptteil.

Schwieriger zu durchschauen und vor allem zu vermeiden ist das individualistisch überzüchtete Bild von persönlicher Freiheit, das zu Bindungsschwäche und zu Bindungsunfähigkeit führt. Wer nur von "Selbstverwirklichung" schwärmt und nur um sich selbst kreiselt, für den sind Kinder jeder Altersstufe natürlich ein lästiger Klotz am Bein. Der Geruch voller Windeln ist in der Tat etwas strenger als der Duft von Freiheit und Abenteuer an den Lagerfeuern des Marlboro-Mannes.

Wenn zur einzigen Instanz meines Tuns und Lassens mein persönliches Glück emporstilisiert wird und wenn der letzte Sinnhorizont meines Lebens nur durch mich selbst gezogen sein soll, dann darf ich mich nicht wundern, wenn auf meinem Wege irgendwann die große Einsamkeit wartet, aus der ich nicht mehr heraus finde weil ich beziehungsuntauglich geworden bin.

Wer meint, persönliche Freiheit bedeute die souveräne Freiheit zu einem jederzeitigen Neuanfang – zu einem neuen Job, zu einer neuen Beziehung –, der täuscht sich. Er oder sie täuscht sich vor allem über die Zeitstruktur des menschlichen Lebens: über die Unumkehrbarkeit und Unwiederbringlichkeit einer Lebensgeschichte und ihrer Phasen.

Die Zeit läuft uns davon. Unaufhörlich altern wir, körperlich, mental, charakterlich. Je älter wir werden, um so starrer werden unsere Eigentümlichkeiten, und um so weniger leicht finden wir uns mit den Eigentümlichkeiten anderer ab – ein Problem, mit dem schon Vierzigjährige zu kämpfen haben, die einen neuen Lebenspartner suchen. Der Preis übersteigerter Selbstbezogenheit ist hoch.

 

3. Ehe und Familie sind keine Auslaufmodelle eines untergehenden Zeitalters, sondern unverzichtbare humanistische Leitbilder für das Zusammenleben der Geschlechter und Generationen

Was ist ein Leitbild? Ein Leitbild ist ein Orientierungsmodell, das etwas Wünschenswertes, Erstrebenswertes formuliert. Es kann und soll niemandem übergestülpt, verordnet werden. Es überzeugt, wenn es in sich stimmig und begründet ist und vorgelebt wird.

Ein Leitbild ist erklärtermaßen kein Abbild der Wirklichkeit. Es will in Zeiten der Unsicherheit und Unklarheit über den Weg eine Orientierungshilfe geben.

Das hier skizzierte Leitbild von Ehe und Familie setzt die empirisch vorfindliche Pluralität der Lebensformen voraus und reagiert auf sie. Nicht-eheliche und nicht-familiale Formen des Zusammenlebens werden von diesem Leitbild nicht diskreditiert, sofern sie sich nicht selbst ideologisch verabsolutieren und auf Ehe und Familie hin offen bleiben. Das Such- und Probierverhalten von Paaren, die zusammen leben und testen, ob sie zusammen bleiben wollen, wird also von mir nicht ethisch in Frage gestellt.

Humanistisch ist das hier skizzierte Leitbild, weil es Ehe und Familie nicht als göttliche Schöpfungsordnungen oder als Sakrament für heilig erklärt, sondern als von Menschen gemachte Einrichtungen begreift, die dem Wandel der Zeiten unterliegen. Zeitgemäß ist das hier vorgestellt Ehe-Verständnis, weil es von der Ebenbürtigkeit von Mann und Frau ausgeht und diese in der Ehe als Ein-Ehe adäquat verkörpert sieht. Von allen denkbaren Zahlenkombinationen entspricht allein die Einehe – dank ihrer Paarstruktur – der Gleichrangigkeit und der wechselseitigen Bezogenheit der Personen – im Unterschied zu Bigamie und Polygamie, die in demokratischen Rechtsstaaten denn auch verboten sind.

An diese Stelle sei kurz an zwei Namen erinnert, die mit politisch-juristischen Vorgängen von epochaler Tragweite verbunden sind:

Hinter diese demokratischen Errungenschaften soll nicht zurückgefallen werden. Die dabei angesprochenen ethisch relevanten Sachverhalte sind damit freilich noch nicht gelöst.

Was ist Ehe? Eine Ehe ist eine feste Liebes- und Lebensgemeinschaft von Mann und Frau, angelegt auf unbegrenzte Dauer: ein gemeinsames Lebensprojekt. Die hohe Stufe der wechselseitigen Bindung der Eheleute aneinander drückt sich darin aus, dass sie die Eheschließung öffentlich machen, beim kommunalen Standesamt registrieren lassen und dafür unter dem Schutz staatlicher Gesetze stehen. Natürlich ist der Trauschein kein Garantieschein. Aber er ist auch kein Fetzen Papier.

In menschlichen Dingen gibt es nirgendwo, in keiner Hinsicht Garantiezusagen. Das Leben insgesamt ist ein Risiko, menschliche Beziehungen sind ein gesteigertes Risiko. Das gehört zur menschlichen Grundverfassung und macht einen Teil des Reizes aus, am Leben teilzuhaben. Für die Ehe ist – als Notbremse – die Scheidung eingerichtet, erkämpft worden. Sie kann eine Wohltat sein, ist aber meist mit traumatischen Erfahrungen bei allen Beteiligten verbunden, in der Regel bei etwaigen Kindern.

Im Unterschied zu Lebensabschnittspartnern wollen Eheleute miteinander älter und alt werden. Eine Ehe ist keine Schönwetterveranstaltung, sondern für alle Wetterlagen des Lebens gedacht. Gerade diese reziproke Verlässlichkeitszusage begründet ihre hohe Attraktivität. Die Institution Ehe entspringt und entspricht einem menschlichen Urbedürfnis nach Sicherheit. Denn Ehe heißt: Zusammenleben und zusammenstehen in guten und in bösen Tagen, in Glück und in Unglück, in Lust und in Unlust, in Gesundheit und in Krankheit, in der Jugend und im Alter, in Wohlstand und in Armut, mit straffer und mit schlaffer Haut.

Die Fallstricke eines modernen Ehepaares bestehen vor allem in der emotionalen Überfrachtung, Überforderung ihres Zusammenlebens. Überhitze Glückserwartungen in einer kalten Gesellschaft, überhöhte Sinnansprüche für die Niederungen des Alltags – sie können das Scheitern vorbereiten. Als Einsicht einer skeptischen Anthropologie ließe sich festhalten: eine Beziehung, die allen Wünschen und Bedürfnissen gerecht wird, ist ein Phantom. Wie auch die erwiderte Liebe Leid und Enttäuschung kennt, so ist auch eine gelingende Ehe kein konfliktloses Paradies, wohl aber ein Gehäuse der Geborgenheit.

Ehe wird nicht durch Kinder definiert, sondern durch Offenheit für Kinder. Ein Ehepaar ist nicht automatisch ein Elternpaar. Es wird den Aufgaben eines Elternpaares um so eher gerecht, wenn es immer auch ein Ehepaar mit eigenen Interessen und Sphären bleibt.

Wird die Offenheit für Kinder in das tatsächliche Haben von Kindern verwandelt – sei es durch das Erzeugen leiblicher Kinder, sei es durch Adoption – dann erweitert sich die Ehe zur Familie.

An diesem Tatbestand knüpft alles staatliche Interesse an. Es geht um die Selbstproduktion der Gesellschaft in möglichst geordneten Bahnen, in stabil strukturierten Verhältnissen.

Ich sagte: Mit der Geburt oder Adoption eines Kindes erweitert sich das Ehepaar zur Familie. Das bleibt richtig, soll aber jetzt ergänzt werden um die Feststellung, dass bereits mit der Eheschließung neue Verwandtschaften hergestellt werden. Ob sie wollen oder nicht, heiraten die Eheleute in die jeweiligen Herkunftsfamilien hinein und haben auf einmal nicht nur Eltern, sondern auch Schwiegereltern, Schwägerinnen und Schwager und manches andere mehr.

Was ist eine Familie? Eine Familie ist eine Gemeinschaft von Personen unterschiedlichen Geschlechts und unterschiedlicher Generationen, deren Zusammenhang und Zusammenhalt auf Eheschließung, Abstammung und Verwandtschaft beruht. Familie ist also durch eine soziale und eine biologische Dimension definiert.

Aus der Fülle möglicher Problemaspekte greife ich die zwei wesentlichen, heute umkämpften heraus:

Geglückte, lebenstüchtige Menschen schießen nicht wie Pilze naturwüchsig aus dem Boden. Vielmehr ist die Subjektbildung der species homo sapiens ausgesprochen aufwendig: zeitlich, räumlich, emotional, physisch, finanziell, personell aufwendig. Damit ein schreiender Säugling in Windeln zu einem wohlerzogenen und lebenstüchtigen Mitglied der menschlichen Gesellschaft heranwächst, braucht er Eltern, Großeltern, Geschwister, Verwandte, Paten, weiter Spielgefährten, Nachbarn, Schulkameraden, Lehrerinnen und Lehrer usw. Sie alle haben eine Aufgabe zu erfüllen, begleitend, verstärkend, korrigierend.

Kleine Gemeinschaften, die auf Fürsorge und respektierte Eigenständigkeit beruhen, sind der bestgeeignete Ort für menschliche Subjektbildung. Die beiden, die ein Kind in die Welt gesetzt haben, tragen hier die entscheidende Verantwortung. Als Ernährer, Pfleger und Erzieher ihres Kindes sind sie der objektiven Funktion nach – die ersten Kulturträger für ihr Kind.

Diese natürliche Vorbildfunktion von Eltern ist heute leider weithin vergessen, obwohl sie unverzichtbar ist und aus dem alltäglichen Umgang selbst erwächst. Eltern leben vor, wie schön es ist, ein Mensch zu sein: eine Frau zu sein, ein Mann zu sein.

Die große – räumliche und emotionale – Nähe in der Familie ist die Bedingung für menschliche Wärme. Ohne Nähe keine Wärme. Nähe birgt aber auch die Möglichkeit des Übergriffs, der Kränkung, der Schädigung. Zu einem humanistischen Leitbild der Familie gehört der nüchterne Blick für die Ambivalenz ihrer Strukturen, in denen sich auch Konflikt- und Krisenpotential sammelt. Das Netzwerk einer Familie gewährt Unterstützung, kann aber auch zu Verstrickungen und Verknotungen führen. Eine gesunde Familienstruktur kennt deshalb nicht nur Nähe, sondern auch Abstand, nicht nur Bindung, sondern auch Freiheit, nicht nur Transparenz sondern auch Diskretion.

Ein Kind braucht beide Eltern und hat ein Recht auf beide Eltern. Nur so kann es seine Identität, die auch eine Geschlechtsidentität ist, finden. Jedes Kind muss zweigleisig ins Leben fahren: auf dem mütterlichen Gleis und auf dem väterlichen Gleis. Es braucht Pol und Gegenpol, Yin und Yang.

Zwar lebt es zunächst in größerer Nähe zur Mutter, in deren Leib es herangewachsen ist, deren Stimme und deren Herzschlag es schon aus vorgeburtlicher Zeit kennt. Und eben deshalb braucht es auch den Vater, damit die Bindung an die Mutter nicht zu eng wird. Allein der Vater bewahrt das Kind vor einer Mutterfixierung. Er ermöglicht dem Kind, sich aus der Exklusivität einer Symbiose mit der Mutter zu lösen. Der Vater öffnet neue Entwicklungsperspektiven hin zur objektiven Realität.

Wesentliche Einsichten in die Unverzichtbarkeit der Väter verdanke ich dem Buch des Berliner Psychologen Horst Petri "Das Drama der Vaterentbehrung" (2.Auflage, 2000, Freiburg). Daraus entnehme ich auch folgende Informationen. Die Väterforschung in den USA hat aufgezeigt, dass zwei Drittel aller Vergewaltiger, drei Viertel aller jugendlichen Mörder und ein ähnlich hoher Prozentsatz jugendlicher Gefängnisinsassen ohne Vater aufgewachsen sind.

Kinder brauchen Grenzen. Kinder brauchen Autorität. Kinder brauchen Väter. Vor allem Jungen brauchen Väter. Sie geben Halt und bieten männliche Identifikationsmuster, an denen sich die Heranwachsenden abarbeiten können.

Ein allerletzter Blick auf die notwendige Neuverteilung der Arbeit als Erwerbsarbeit und Familienarbeit. Gerade damit Männer ihre Aufgabe als Väter wahrnehmen können, bedarf es einer Ausweitung der Teilzeitarbeit auch für Männer, begleitet vom Väterurlaub bei Krankheit eines Kindes. Vom Gesetzgeber sind Kindererziehungszeiten des Mannes anzuerkennen. Von den Männern selbst ist ein gewandeltes Selbstverständnis zu fordern, so dass sie Kinderfürsorge mit einem männlichen Rollenbild in Einklang zu bringen lernen.

Nicht nur Frauen, auch Männer stehen vor der Aufgabe, Familie und Beruf miteinander in Einklang zu bringen. Die Zukunft der Familie und die Zukunft der Arbeit sind ein gesellschaftlicher Zusammenhang. Eine flexible, nicht dogmatische Gleichheit in der Arbeitsverteilung muss gefunden werden.

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