6. Kinder- und Jugendtheaterwoche im Hessischen Landestheater Marburg

Der gesellschaftliche Umbruch im Gefolge der "68er"-Jahre hatte auch Wirkungen, die manchmal weniger beachtet werden: Erst seit den 70er Jahren gibt es in Deutschland das, was heute als Kinder- und Jugendtheater selbstverständlich geworden ist. Puppenbühnen kannte man natürlich schon länger, aber im Staats- oder Stadttheater bediente man das junge Publikum allenfalls mit dem obligaten Weihnachtsmärchen. Seit dem Aufkommen freier Jugendtheatergruppen mit emanzipatorischem Anspruch (z. B. das "Grips-Theater" oder das "Theater Rote Grütze") erblüht das Theater für Kinder und Jugendliche, und zwar nicht nur in der Welt der freien Theatergruppen, sondern auch an den etablierten und öffentlich finanzierten Häusern, die sich häufig eine eigene Sparte für Kinder- und Jugendtheater leisten (z. B. das Staatstheater Wiesbaden) oder für diesen Bereich ihrer Arbeit langfristige Kooperationen mit freien Gruppen suchen (so z. B. in Saarbrücken). Das Hessische Landestheater Marburg hat einen besonderen Schwerpunkt auf der Pflege des Kinder- und Jugendtheaters, was sich darin zeigt, daß neben zwei Dramaturgen auch eine Theaterpädagogin beschäftigt wird. Nach außen wird dieser Schwerpunkt daran erkennbar, daß ganzjährig mehrere Produktionen dieser Sparte auf dem Spielplan stehen, – vor allem aber an den Marburger Kinder- und Jugendtheaterwochen, deren sechste vom 19. bis 24. März 2001 stattfand. An 6 Tagen zeigten 14 Theater 19 Stücke für alle Altersgruppen vom Kindergartenalter an, wobei die meisten Vorstellungen gut oder sehr gut besucht wurden. Die Gastgruppen kamen aus Hessen, aber auch aus dem Saarland und aus Ostdeutschland, erstmals waren auch Theater aus dem deutschsprachigen Ausland eingeladen. Im Hintergrund des Festivals liefen – in Zusammenarbeit mit dem Hessischen Landesinstitut für Pädagogik - 48 Workshops mit 900 Kindern aus Schulen und Kindergärten des Landkreises. Die Kinder wurden unter ganz verschiedenen Vorzeichen an die Theater- und Körperarbeit herangeführt; Ergebnisse aus den Workshops wurden am letzten Nachmittag öffentlich vorgestellt. Diese Verknüpfung von Präsentation professioneller Theaterarbeit mit Theaterpädagogik dient natürlich der Gewinnung von öffentlichen Fördermitteln, aber in unseren Zeiten passiven Bilderkonsums ist der Wert einer angeleiteten Begegnung von Kindern und Jugendlichen mit der Theaterbühne und den Ausdrucksmöglichkeiten (und Lustgewinnen) des Theaterspielens gar nicht hoch genug zu veranschlagen.

Alle 19 Aufführungen haben wahrscheinlich außer den Organisatoren nur die Mitglieder der Jury für den 4. Marburger Kinder- und Jugendtheaterpreis gesehen. Der mit DM 3.000,- dotierte Preis wurde wiederum vom Freundeskreis Marburger Schauspiel e. V. vergeben.

Bereits am Montagmorgen präsentierte das gastgebende Hessische Landestheater eine Premiere: "Robinson und Crusoe" von Ninio d’Introna und Giaccomo Ravicchio entleiht dem Roman von Defoe nur das Leitmotiv und erzählt von den Schwierigkeit der Begegnung mit einem fremden Menschen unter extremen Bedingungen.

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Zur offiziellen Eröffnung am Montagabend gab es "Knigges Erben" vom Vorstadt-Theater aus Basel. Ein seltsam ernstes Stück. Der Beginn erinnert an Beckett oder Thomas Bernhard, und auch wenn es im Mittelteil manches zu lachen gab, verstummte die Heiterkeit doch bald wieder angesichts der Szenen aus dem bürgerlichen Trauerleben. Wiedererkennungseffekte waren wohl bei alten und jungen Zuschauern gegeben. Trotzdem war es nicht ganz leicht, dem Stück zu folgen, das einen Bogen durch ein halbes Jahrhundert Zeit- und Generationengeschichte spannte. Die Wechsel der Tänze, der Schlagermelodien und der Wandel der innerfamiliären Umgangsformen waren für Jugendliche nicht ganz leicht zu entschlüsseln, so daß auch manches Gähnen aufkam. Die Jury sah das anders, und die Produktion aus Basel wurde mit dem (nicht dotierten) zweiten Preis gewürdigt.

Die folgenden Tage brachten Theater für alle Altersgruppen, für die Kleinsten phantasieanregende Erzähltheaterstücke (z. B. "Die Geschichte eines Schrankes oder Dinosaurier" vom Jungen Staatstheater Wiesbaden) und inszenierte Bilderbuchwelten (z. B. "Vier aus Papier" vom Theater Überzwerg, Saarbrücken, von der Jury mit dem 3. Preis bedacht), für die Größeren Theater zum Mitgehen, Mitempfinden, Mitdenken.

An den Abenden sah man im Jugendtheater nach "Knigges Erben" noch zwei mehr oder weniger freie Shakespeare-Adaptionen ("Rose und Regen, Schwert und Wunde" nach dem "Sommernachtstraum" aus Wiesbaden und "Romeo and Juliet" aus St. Vith), das an Beckett-Motive anknüpfende Stück "Kleine Engel" (Theater Überzwerg Saarbrücken) und die ältere Marburger Produktion "Die Tochter des Ganovenkönigs", ein ironisch in Szene gesetztes modernes Schauermärchen von Ad de Bont (für Familien).

Am Abschlußabend spielte das "Theater Klappmaul" (Frankfurt/M.) noch einmal seine vor drei Jahren mit dem 1. Marburger Kinder- und Jugendtheaterpreis ausgezeichnete "Reise zum Mittelpunkt des Sofas" sowie – nach der Ehrung der diesjährigen Preisträger – die Fortsetzung "Das Sofa schlägt zurück", Puppentheater mit philosophischen Zügen und doch höchstem Unterhaltungswert.

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Den Höhepunkt des Festivals bildete ganz ohne Frage die Produktion "Romeo and Juliet" des Theaters AGORA aus St. Vith im deutschsprachigen Ostbelgien, ein einerseits provokativer, andererseits hinreißender Abend – ziemlich frei nach Shakespeare. Der Einsatz von Revue- und Varieté-Elementen, vier Darstellerinnen der Julia, drei des Romeo – das klingt verwirrender als es ist. Das Bühnenbild und vor allem die musikalische Gestaltung des Abends halten auch scheinbar disparate Elemente zusammen. Alle Darsteller wirken zugleich auch als Instrumentalisten mit, die allermeisten haben ihr Instrument erst während der mehr als einjährigen Vorbereitungszeit der Produktion erlernt. Die Provokation geht insbesondere aus vom Umgang mit Lebensmitteln, der zeitweise an eine vegetabile Orgie grenzt. So werden denn nicht Mercutio und Tybalt abgestochen – sondern eine Honig- und eine Wassermelone; da werden Tomaten als Liebesboten hin und hergekugelt - und von den Feinden der jungen Liebe auf alle erdenklichen Weisen zerstampft; da wird Julia von ihren Eltern mit harten Eiern der Mund gestopft und der Wille gebeugt.

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Den Höhepunkt bildet dann die Herstellung des geheimen Trankes durch Bruder Lorenzo. Während die Rezeptur als Leuchtschrift im Hintergrund läuft und die Zutaten (von Tomaten und Nutella über Zahnpasta bis zu einem fünf Tage alten Hering) gereicht und durch den Wolf gedreht werden, wird noch eher das Zwerchfell der Zuschauer gereizt. Wenn aber Julia den abscheulichen Absud auch wirklich trinkt, dann ist auch im Parkett ein starker Magen gefragt. Der Leiter der Truppe, Marcel Cremer, erklärte mir übrigens später, das Gebräu schmecke nicht wirklich schlecht, all das sei natürlich ausprobiert und ausgetüftelt. Und anstelle des 5 Tage alten Herings würde seit einer Vorstellung in Dresden eine Forelle verwendet, wegen des Gestankes.

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Diese eigenartige Konzeption der Umsetzung von Shakespeares Tragödie ist Ergebnis eines langen Erarbeitungsprozesses in einer freien Gruppe. Das Programmheft dokumentiert anhand des Briefwechsels zwischen einem der Schauspieler und dem Regisseur etwas von den internen Irritationen, die auch zum Werden einer so gewagten Inszenierung gehören. Das Antwortschreiben von Marcel Cremer ist bezeichnend für seine Auffassung von Theater, in der es nicht um Richtiges und Falsches geht, auch nicht um eine bestimmte Lehre: "Wir spielen mit der Liebe, also ist es normal, daß wir uns widersprechen. (...) Der Zuschauer wird Dir/uns sagen, was es (ihm) bedeutet. (...) Es ist das geworden, was wir wollten und was wir konnten. Nicht mehr und nicht weniger. Es ist nicht wenig und lange nicht alles."

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"Romeo and Juliet" lieferte ein Beispiel für die Kraft des freien Theaters und war schließlich auch in den Augen der Jury preiswürdig. So ging der 4. Marburger Kinder- und Jugendtheaterpreis nach Belgien, sehr verdient, wie ich meine, denn an diese temporeiche, lustvolle Aufführung reichten die anderen in dieser Woche vorgestellten Produktionen denn doch nicht ganz heran.

Daß die 68er- und 70er-Jahre nun Geschichte sind, spiegeln die Versuche zur Aufarbeitung jener Umbruchszeit im deutschen Feuilleton wider, aber das Kinder- und Jugendtheater nicht weniger. An die Stelle von politischer Information und Agitation ist schon lange das Spiel mit Traum und Phantasie getreten, immer wieder auch in Anlehnung an überkommene Stoffe und in neuer Auseinandersetzung mit den alten Themen, die auch in der Postmoderne nicht alt werden: Macht und Glück, Liebe und Tod. Heiterkeit und Ernst schließen einander nicht aus, beim Kinder- und Jugendtheater schon gleich gar nicht.

Dem Dramaturgen Jürgen Sachs wird schon bald das nächste Treffen dieser Art (im kommenden Jahr) viel Arbeit bescheren. Die Zukunft der Marburger Kinder- und Jugendtheaterwoche scheint gesichert, und das ist eine gute Nachricht.

Uwe Kühneweg

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