Der Zauber von Malèna
Italien / USA 2000 100 Min.
D.: Monica Bellucci, Giuseppe Sulfaro, Luciano Federico, Gilberto Idone u.v.a. R.: Giuseppe Tornatore
"Weib ist nur ein Vorwand für namenlose Sehnsucht." Falls dieses Diktum des expressionistischen Lyrikers Alfred Lichtenstein einer Illustration bedürfte, dann lieferte sie der Film "Malèna" (so der Originaltitel), den Oscar-Preisträger Giuseppe Tornatore in seiner sizilianischen Heimat (in Syracusa und Noto) gedreht hat.
Sizilien in der Zeit des Zweiten Weltkrieges: Wenn Malèna Scordia, deren Mann in Ostafrika an der Front ist, sich aus ihrem Haus an der Uferpromenade aufmacht, um im Städtchen Castelcutò Besorgungen zu erledigen oder ihren Vater, den nahezu tauben Lateinprofessor des örtlichen Gymnasiums, zu versorgen, dann gleicht ihr Gang in den Ort der Epiphanie einer Gottheit. Die hübsche junge Frau ist das Objekt der Begierde für alles, was männlich ist, von der Pubertät bis an den Rand des Grabes. In grotesker Überzeichnung entwickelt der Film seine Exposition: Diese Göttin der Schönheit ist jüngst zugezogen, und nun entzünden sich die sexuellen Phantasien und Tagträume von Knaben wie Greisen am "schönsten Hintern von Castelcutò". Dabei nimmt die Filmerzählung ziemlich konsequent die Perspektive des zu Beginn des Films 13-jährigen Renato Amoroso ein, der der schönen Malèna in besonderer Weise zugetan ist und sie von Ferne verehrt, ohne ihr doch je nahekommen zu können. Für Renato ist Malèna nicht nur Objekt seiner wollüstigen Träume (das auch!), er verehrt sie tatsächlich, so meint er wenigstens, und sie bleibt so die Off-Stimme des erwachsen gewordenen Renato am Ende des Films, die einzige wahre Liebe seines Lebens.

Tornatores Film, der im Wettbewerb der Berlinale lief, pflegt konsequent einen männlichen Blick auf die Welt. Die Titelheldin bewegt sich als wandelnde Ikone durch den Film, wo immer sie auftritt, wird die Straße zum Laufsteg. Monica Bellucci spielt ein fast durchweg stummes weibliches Objekt, was die Titelheldin in 100 Minuten sagt, ließe sich ohne Schwierigkeiten auf einer DIN A 4-Seite zusammenfassen. Eine Zauberin redet nicht viel. Immerhin hat sie ein Gesicht, und die Schauspielerin Monica Bellucci, die in Italien sehr geschätzt und schon gelegentlich mit Sophia Loren in einem Atemzug genannt wird, beweist ihre Kunst in diesem Film vor allem durch die Mimik, die einiges verrät, aber doch auch vieles im Geheimen läßt. So erlangt der Zuschauer im Verlauf des Films nie Klarheit über die Motive der Titelfigur.

Über weite Strecken wird zunächst Renato (Giuseppe Sulfaro) zum eigentlichen Helden des Films. Er hat seine Schwierigkeiten mit dem Erwachsenwerden. Ein Fahrrad bekommt er und rückt damit auf in eine Clique halbwüchsiger Malèna-Verehrer. Aber ihm fehlen die langen Hosen, was ihm selbst beim Friseur die Bedienung als Erwachsener verwehrt und seinem Selbstbewußtsein arg zusetzt.

Tornatores Film ist in seinem ersten Teil ein kaleidoskopartiges Sittenbild: Sizilien in faschistischer Zeit. Erzählt wird von den Nöten eines Jugendlichen zwischen humanistischer Bildung, katholischem Mief und den Ritualen der Verehrung des Duce, von der Schwierigkeit, in einer von Potenzgebaren und Heuchelei gleichermaßen geprägten Männerwelt vom Knaben zum Mann zu werden. Renato hat einen verständnislosen Vater (Luciano Federico), der zwar ein heimlicher Antifaschist, aber vor allem ein großer Prügler und Schreihals ist, und eine ängstlich-bigotte Mutter (Matilde Piana), die bei der Erziehung ihres Sohnes selbst vor einem Exorzismus nicht zurückschreckt. Immerhin erkennt der Vater schließlich, daß sein Renato nicht vom Teufel besessen ist, sondern beseelt von der Sehnsucht nach dem ewig Weiblichen, und er bringt ihn höchstselbst ins örtliche Bordell. Dieser Teil des Films enthält einige einprägsame Szenen: Wie der Vater im Zorn Fenster und Türen zum Zimmer Renatos vernagelt, der seinerseits drinnen so laut Petrarca rezitiert, daß man es auf der Straße hören kann. Oder wie Renato der Figur eines Heiligen, dem er seine Sorge um Malèna anbefohlen hat, vor Enttäuschung über die ausgebliebene Hilfeleistung mit dem Gipsarm die Hand abschlägt.
Der Leitstern von Renatos Leidensweg hin zum Erwachsenwerden ist ja die schöne Malèna, der das Gerücht allerlei Unsittliches andichten will, die Göttin der Männer, die Erzfeindin ihrer Frauen. Als bekannt wird, daß Malènas Mann gefallen ist, sammelt sie mit jedem Schritt glühende Kohlen auf ihr Haupt. Sie ist schon ("Volkes Stimme ist Gottes Stimme") als Hure verdächtigt und gebrandmarkt und wird schließlich, getrieben durch die öffentliche Meinung und zunehmende materielle Not, tatsächlich zur Hure.

Die Stimmung des Films schlägt im zweiten Teil um: Aus der Groteske wird unversehens eine Tragödie. Gegen Kriegsende ist Malèna schließlich zur blondierten Edelprostituierten für die Offiziere der verbündeten deutschen Truppen geworden, und das bringt das Faß zum Überlaufen: Gleich nach dem Einmarsch der siegreichen Amerikaner entlädt sich der Haß der Frauen auf Malèna in einem Lynchexzeß. Geschlagen, geschunden und kahlgeschoren, blutig zerstört an Leib und Seele wird sie aus der Stadt vertrieben. Die Männer, die sie zuvor angebetet haben auch Renato , stehen stumm daneben. "Das müssen die Frauen unter sich ausmachen."
Hier könnte der Film enden eine Parabel auf die Macht des Vorurteils und des Gerüchts, eine tragische Geschichte von Haß und Rache an der Fremden, die anders ist, deren einziges Verbrechen in ihrer Schönheit besteht.
Aber der Film hat, mancher antiken Tragödie gleich, eine überraschende Schlußwendung: Malènas Mann erscheint auf der Bildfläche, er war nicht gefallen, sondern in Gefangenschaft geraten. Nun stößt er auf eine Mauer des Schweigens, nur Renato verrät ihm, daß er Malèna zuletzt hat in den Zug nach Palermo steigen sehen. Und ein Jahr später kehren sie gemeinsam zurück, Malèna und ihr Gatte Nino, der einzige wirklich liebende Mann in diesem Film.
Die schöne Malèna ist nun nicht mehr schön, vielmehr auch äußerlich angepaßt, aber mit trotzigem Stolz tritt sie den neuen Spießrutenlauf an. Das Ende ist verblüffend: Ihre früheren Peinigerinnen ertragen das Schweigen nicht, sondern beginnen wieder, mit Malèna zu sprechen, nehmen sie auf in die Gemeinschaft des Ortes. Renato muß sich aller Hoffnungen entschlagen, nur seine Träume werden ihm bleiben. Die Ordnung ist wiederhergestellt, und das "Glück" ist nur ein Traumgespinst.

Wer dem "Zauber von Malèna" erliegen will, muß eine gewisse Bereitschaft zur Sentimentalität mitbringen. "Malèna" ist (nicht zuletzt dank der Filmmusik von Ennio Morricone) zweifellos ein rührseliger Film, aber ein gut gemachter: Eine Parabel von den Geschlechtern, von Macht und Ohnmacht, von Schuld und Unfähigkeit zur Reue, aber in alledem auch von der Macht des Lebens. Ein schöner, schrecklicher, trauriger Film.