Roland Benedikter (Hrsg.): Postmaterialismus. Band 1: Einführung in das postmaterialistische Denken. Publikation des Instituts für Ideengeschichte und Demokratieforschung Innsbruck - Bozen - Trient, Passagen Verlag Wien 2001, ISBN 3-85165-477-3, DM 38.00

Im Passagen Verlag liegen wichtige Texte zur Postmoderne, nicht nur von Lyotard, vor, und auch die von Roland Benedikter herausgegebene Reihe "Postmaterialismus" gehört, allerdings auf eine spezifische Weise, in dieses Spektrum. Zu Beginn dieses Jahres erschienen drei von geplanten fünf Bänden, der zweite und dritte ("Der Mensch" und "Die Arbeit") sollen hier gesondert besprochen werden, der vierte und fünfte ("Die Natur" und "Das Kapital") nach ihrem Erscheinen im Herbst.

Band 1 beginnt mit einem "Überblick" des Herausgebers und enthält sodann einen programmatischen Essay, ebenfalls von Roland Benedikter: "Philosophischer Postmaterialismus. Eine Einführung", einen Aufsatz von Zygmunt Baumann über die "Wirtschaftskultur der flüssigen Moderne", sowie von Karl-Heinz Brodbeck die "Umrisse einer postmechanischen Ökonomie".

Was ist "Postmaterialismus"? Nach Roland Benedikter bezeichnet dieser Ausdruck ein neues Denken, das durch die folgenden Kriterien gekennzeichnet ist:

"1. Es hat einen nicht-materialistischen Zugang zu Welt und Gesellschaft" (S. 13). Damit ist gemeint, die "postmaterialistische Geisteshaltung betrachtet die materiellen Vorgänge und Prozesse als Manifestationen von geistig-immateriellen Verhältnissen, Ideen und Zielen" (ebda.). Benedikter erläutert: "Obwohl nach außen hin die materialistische Geisteshaltung mehr denn je triumphiert, wird sie nach innen von immer mehr Zeitgenossen um eine andere, bislang weitgehend rätselhaft bleibende Einstellung und Sichtweise ergänzt, die offenbar zum Überleben in einer Welt der "Diktatur des Praktischen" notwendig ist" (ebda.).

"2. Das postmaterialistische Denken ist eher eine Seelenhaltung als eine artikulierte Weltanschauung" (ebda.),  die durchaus, Benedikter zufolge, in einem inneren Zwiespalt zu den herrschenden Formen der Rationalität stehe. Hieraus ergebe sich häufig ein Zustand der Ambivalenz oder des Widerstreits, der zunächst nicht ausgetragen, sondern ""offen" stehengelassen und zugleich (...) als produktiver Zukunftsgarant im Geheimen "genossen" werde (S. 13f).

"3. Das "postmaterialistische" Denken operiert nicht mehr einseitig verstandesmäßig, diskursiv, logizistisch oder funktional, sondern erhebt authentische vorsprachliche Innenerlebnisse zum wesentlichen Erkenntnisorgan" (S. 14). Das ist eine erstaunlich weit reichende Aussage. Als Erläuterung lesen wir: "Das postmaterialistische Denken ist qualitativ ein vorsprachliches moralisches Erleben, das Gedanken auf der Gefühls- und Willensebene bildet" - das "authentisch erfahrene(...) seelisch-imaginative(...) Bewusstseinsleben, das als unmittelbar gestaltaufbauender, bildhaft-erlebender Vollzug vor der Artikulation in Sprache liegt", bringe "eine fühlende und wollende Rationalität zur Geltung, die Seelen- und Willensprozesse als primäre Wirklichkeit der Urteils- und Erkenntnisbildung erfährt" (ebda.).

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Ganz offensichtlich werden hier Begriffe eingeführt, die der näheren Erläuterung bedürfen; aber der Leser versteht, dass zunächst eine Haltung des Denkens und Fühlens nur vorsichtig umrissen werden soll, die in sich selber noch nicht eindeutig ist, also mit schärfer zupackenden Kategorien vielleicht eher verfehlt werden würde. Immerhin erstaunt mich die Redeweise von einem "vorsprachliche(n) moralische(n) Erleben". Klingt das nicht nach einer ontologisch-metaphysischen Betrachtungsweise, die die Moderne und Postmoderne abgeschafft haben? Wenn dem so wäre, so macht es mich gerade neugierig, denn ich bin der Ansicht, dass sich die Philosophie nach der Postmoderne ein metaphysisches Terrain zurückerobern wird, das sich jedoch von ihren vorkritischen Ausformulierungen unterscheiden muss. Eine Frage, die ich an das postmaterialistische Denken richten werde, lautet also: handelt es sich bei ihm um eine neue, oder um die alte, oder um eine Altes und Neues beinhaltende Metaphysik?

Für letzteres scheint es zu sprechen, wenn Benedikter als viertes Kriterium anführt, der "Grundansatz dieses Denkens" sei "durch ein präzises und rationales (im Kern neo-idealistisches oder begriffsrealistisches) Weltverhältnis" gekennzeichnet (ebda.). Solche Aussagen heute, und zudem im "Überblick" eines mehrbändigen Werkes zu machen, ist mutig. Offenbar heißt das doch, das "vorsprachliche Erleben", über das wir verfügen, korrespondiere auf irgendeine Weise einem Ideengehalt der Welt. Aber es unterscheide sich von "anderen nicht-materialistischen Geisteshaltungen" dadurch, dass es "eher eine neue Offenheit denn ein "endlich gefundenes Gebäude" darstellt, eher ein Suchen als ein weiteres "Gefunden-Haben"" (ebda.). Neue philosophische Haltungen zeichnen sich dadurch aus, dass sie die ihnen entsprechenden Schwierigkeiten kreieren. Welche hier entsteht, ahnt man schon: eine neue Offenheit müsste, nach der Postmoderne, mehr beinhalten, als einen sei es noch so freien Blick auf eine Ideenstruktur, die wiederum für eine, womöglich zeitlose, Wahrheit stände - und ein "neo-idealistisches Weltverhältnis" scheint eines zu sein, das einen gerade nicht nur subjekthaften Zugang zum Dasein selbst intendiert. Auf welche Weise sich diese beiden Ströme des philosophischen Denkens verbinden, erfahren wir hier noch nicht. Immerhin sei der Postmaterialismus, so das fünfte und letzte Kriterium, "in einer neuen Weise allgemeinmenschlich und humanistisch orientiert" (ebda.): das spricht für ein Überwiegen der (modernen) Tradition (vgl.: "Hinsichtlich seiner grundsätzlichen erkenntnistheoretischen Selbstpositionierung ist der Postmaterialismus nicht postmodern, sondern eher modern" (S. 68)).

Weil wir heute "in einer Wirtschaftskultur leben" (S. 15), muss sich die postmoderne Haltung eben in ihr manifestieren. Aus dieser Erkenntnis entsteht die Möglichkeit, die gegenwärtigen ökonomischen Entwicklungen in ihrer Ambivalenz wahrzunehmen. "Daraus ergibt sich die Zielsetzung dieser Reihe. Sie versucht in der beschriebenen Lage, den allgemeinen Klagechor zu verlassen und statt dessen das produktive, menschlich belangvolle Zukunftselement der gegenwärtigen Verbindung von Wirtschaft und Kultur - und damit von Ökonomie und Philosophie sichtbar zu machen. Die Bände der Reihe "Postmaterialismus" versuchen eine Phänomenologie und Kritik der wirtschaftsgeprägten Kultur am Anfang des 21. Jahrhunderts " (S. 16).

Ich wende mich nun also der "Einführung" zu, auch, um eine Antwort auf meine eben formulierte Frage zu suchen. Zunächst konkretisiert Benedikter den Begriff der Ambivalenz: "in der Welt der "Postmoderne" [könne] kein Sachverhalt und kein Sinn mehr ohne seinen Widerpart lebendig zur Erscheinung und zur Wirkung kommen", sodass "Mehrdeutigkeit und Widerspruch gerade konstitutive Merkmale der authentisch (...) evolutiven Kräfte der Gegenwart sind, die ohne ihre Gegenkraft gar nicht mehr auftreten können" (S. 29). Das Fazit lautet dementsprechend: "Die Zunahme der Ambivalenz der gesellschaftlichen Erscheinungen korrespondiert mit der Zunahme ihrer Freiheit und der Vielfalt ihres Bedeutungsgehaltes" (ebda.). Das klingt zunächst so, als müsse den ambivalenten Inhalten eine Gleichrangigkeit (die gerade nichts beliebiges hat) zugesprochen werden. Wenn man sich jedoch an die im "Überblick" genannte Ambivalenz zwischen Materialismus und Postmaterialismus erinnert, wird man sich nicht mehr wundern, ihr Anwachsen in der Gegenwart "grundsätzlich doch als Fortschritt hin zu einer neuen, höheren Ebene [der] Verwirklichung" apostrophiert zu finden. Das Fortschrittsmodell Benedikters gibt sich somit wirklich eindeutig als modernes zu erkennen. Damit aber ginge, ähnlich wie bei Bloch, Benjamin und der Kritischen Theorie, einher, das bestehende Negative als Absenz seines Gegenteils, auf das es dennoch hingeordnet sei, zu interpretieren, sodass "Ambivalenz" eigentlich den Spannungsbezug von Wahrem und Falschem meinte, Fortschritt also erst die Ersetzung des "falschen Ganzen" (Adorno) durch das ihm immanente Andere wäre.

Der folgende Satz Benedikters scheint sich diesem Modell einzuordnen: "Das Doppelantlitz aller Erscheinungen ist dann konstitutiv - sowohl für die produktive wie auch für die destruktive Bewegung des Realen" (S. 33). Wenn er jedoch von der "Anerkennung ontologischer Sinnelemente, die im pluralen und daher individuellen Vollzug von Vielheiten" (S. 46) liege, spricht, so weist das in eine andere Richtung. Das reale philosophische Problem des Postmaterialismus lautet mithin: wie lassen sich ontologisch-offene "Ideen", in deren geistiger Atmosphäre "die Dinge (...) aufgrund des konstitutiven Zwielichts ihrer unaufhebbar ambivalenten und gerade deshalb produktiven Bewegung "ruhig im Licht liegen"" [Nietzsche: Ecce homo] (S. 65) und die Überzeugung, es gebe ein "Empfinden des Vertrauens in eine authentische (...) Erkenntnis- und Wahrheitsfähigkeit des Subjekts", die "vom impliziten Wissen um eine die individuelle Sinn- und Ideenfähigkeit erst ermöglichende stabile, direkte Erkenntnisrelation zwischen Mensch und Welt" (S. 67) gespeist werde, zusammen denken, ohne dass die eine Seite den Vorrang über die andere gewönne?

Dieses Problem ist aufregend. Es enthält ein Gutteil der Binnenspannung einer neuen, im Werden begriffenen Metaphysik. Benedikter scheint doch manchmal der zweiten Seite zuzuneigen. So spiegelt ein Satz, wie der folgende, untergründig die alte Avantgarde-Struktur, wie die mit ihr unlösbar verkettete Vorstellung einer Besitzergreifung, die sich von einem Zentrum bis zur Peripherie ausbreitet: "Und es ist dieses Moment, durch das das humanistische Element über den Postmaterialismus unterschwellig eine neue, zumindest von einer bestimmten Anzahl von Menschen innerlich erfahrene zen- trale Stellung nicht nur in der Wirtschaftskultur, sondern auch darüber hinaus erlangt" (S. 69).

Ich gebe ein letztes Beispiel für das Schwanken Benedikters zwischen den genannten Positionen; es weist keineswegs auf eine subjektive Unzulänglichkeit des Autors, sondern spiegelt sachhaltig den Problemgehalt einer neuen Philosophie: "Offenheit und Unabgeschlossenheit sind dem praktizierenden "Postmaterialisten" einfach eine ontologische Faktizität der Gegenwartsverfassung und als solche selbst in einem tieferen und vieldeutigen Sinn: metamorphosefähig. Es ist nicht grundsätzlich ausgeschlossen, dass eine "neue Substantialität" sich mit ihnen verbinden oder gar an ihre Stelle treten kann" (S. 65). Ersteres wäre wirklich neu - also philosophisch anregend -, das zweite höbe die Binnenspannung der Ambivalenz auf (so scheint es mir).

In Abschnitt V der Einleitung: "Die philosophische Konzeption: Postmaterialismus als das Erhabene auf der Willensebene" erarbeitet Benedikter das Konzept - noch nicht die Ausführung - einer Verschränkung des Lyotardschen, sich auf Kant stützenden, Begriffs des Erhabenen mit dem eines individualisierten "Willens". Lyotard verwendete den Kantischen Begriff, um seine Theorie des Neuen in der Kunst, wie letztlich in der postmodernen Wirklichkeitserfahrung überhaupt, zu entwickeln. Benedikter zitiert aus seiner "Beantwortung der Frage: Was ist postmodern?" (in: Postmoderne für Kinder, Wien 1987, S. 30): "(...) Es sollte endlich Klarheit darüber bestehen, dass es uns nicht zukommt, Wirklichkeit zu liefern, sondern Anspielungen auf ein Denkbares zu erfinden, das nicht dargestellt werden kann", und schlussfolgert, auch der Postmaterialismus stelle "einen ideellen "Gegenstand" dar, den die Einbildungskraft nicht vollständig "verwirklichen" kann, ohne ihn zu vernichten (...)" (S. 73), er existiere jedoch nicht nur, wie Lyotard sage, im Bereich des Gefühls: " Wie aber, wenn es die mit dem Erhabenen verbundene Welthaltung nicht nur auf der Gefühls- , sondern auch auf der Willensebene gäbe?" (ebda.) Dann "müsste die These lauten, dass die immateriell-nichtrepräsentative Erfahrung des Erhabenen (...) als "Postmaterialismus" vom Wirtschaftsleben aus das Willenselement ergreift" (S. 73f). Wie ist das zu verstehen?

Der - ökonomische - Wille will "etwas", zum Beispiel Erfolg und Profit. Aber vielleicht gibt es auch in ihm eine spezifische Ambivalenz, sodass er nicht mehr nur im tradierten Sinn auf Gegenstandsstrukturen, sondern auch auf etwas "Neues" aus wäre? Benedikter übernimmt den Ausdruck Derridas einer "Ökonomie des Schenkens", zu der es "bereits konkrete Entwicklungsansätze" gebe (Anm. 30, S. 82) und verweist auf seinen Aufsatz in Band 2: "Die Aufmerksamkeitsökonomie". Hier jedoch, in der Einleitung, bleiben wir auf Vermutungen angewiesen.

Benedikters Einführung in den "Postmaterialismus" skizziert eine neue philosophische Position, die ich für bedeutend halte, obgleich ich ihr in manchem nicht zustimme, besonders dann nicht, wenn sie für den "möglicherweise sogar (...) einzigen unifikatorischen, synthetisierungsfähigen Ansatzpunkt, der heute noch für eine philosophische Aufnahme und Bewertung der Wirtschaft taugt" (S. 77) ausgegeben wird. Ihre metaphysisch-andeutenden Sätze wecken mein Interesse. Ich erhoffe mir eine Konkretisierung und Ausgestaltung des mit ihnen Gemeinten, gerade auch, weil es, in seiner untergründigen Kommunikation mit anderen heutigen philosophischen Absichten, doch auch von ihnen absticht. Machen wir doch die Probe aufs Exempel, ob es nun nicht möglich wird, sich gegenseitig sogar bei der Weiterentwicklung theoretischer Ansätze zu helfen, also ein engagiertes philosophisches Gespräch zu führen, und die Möglichkeit differierender Sehweisen nicht nur zu akzeptieren, sondern sogar zu wünschen. Ich stelle also die folgenden Fragen an Roland Benedikter:

Vielleicht ist dies der Beginn einer Diskussion über den "Postmaterialismus" im Marburger Forum.

Der Aufsatz von Zygmunt Baumann beschreibt auf, wie ich finde, zu undifferenzierte, aber doch lesenswerte Weise, wie eine Welt aussieht, in der Normen durch die Lebensführung des Exzesses ersetzt werden: "In der Welt ohne Normen ist der Exzess die Medizin für alle Lebenskrankheiten, und außerdem wahrscheinlich die einzige verfügbare Lebensstütze. Der Exzess, dieser verschworene Feind der Normen, ist selbst die Norm geworden, wahrscheinlich die einzige Norm, die es heute noch gibt" (S. 110). Letzteres halte ich für eine Übertreibung; die heutige Gesellschaft wird gerade nicht mehr durch eine Norm, und sei es die der Normlosigkeit, strukturiert.

Karl-Heinz Brodbeck argumentiert genauer. Er beschreibt eine "ökonomische Wissenschaft als postmechanische Ökonomie", die "sich als Teilnehmer an einem Kommunikationsprozess, den sie weder dominieren kann noch möchte", begreift (S. 137). Eine solche Wissenschaft weiß, dass ihr Gegenstand niemals unabhängig von ihr existiert, weil "jede Beschreibung der sozialen Welt die soziale Welt selbst verändert und insofern implizit ethischen Charakter besitzt" (S. 136). Sie wird so "Mitspieler im Prozess der Selbstgestaltung der Menschen" (S. 137). Eine wichtige Folge: "Dass sich hierbei auch die Auslegung der Natur nicht mehr auf einer Insel unberührbaren Wissens von der sozialen Kommunikation trennen lassen wird, ist eine bislang ungedachte Konsequenz einer zu Ende gehenden Arbeitsteilung zwischen Naturwissenschaft und Ökonomie" (ebda.).

Max Lorenzen

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