Der „Zöllner" Henri Rousseau in Tübingen

von Renate Scharffenberg

Die erste Fahrt des Marburger Kunstvereins in diesem Jahr führte, wie immer unter der Leitung von Frau Mechtild Klasen, in die Kunsthalle nach Tübingen, den Ort so vieler wichtiger durch Götz Adriani besorgter Ausstellungen. Die diesjährige trägt den Titel „Henri Rousseau. Der Zöllner. Grenzgänger der Moderne", ebenso wie der umfassende Katalog. Dies weist bereits darauf hin, dass Rousseau (1844-1910) hier nicht isoliert vorgestellt wird, sondern gewissermaßen im Dialog mit jenen Künstlerpersönlichkeiten, die ihn bewunderten und sich – sehr unterschiedlich – mit seinem Werk auseinander setzten.

Dem Besucher, der Rousseau aus vielen Abbildungen als einen „Naiven" zu kennen glaubt, dessen Phantasie unbekannte Urwaldwelten ins Bild brachte, steht eine große Überraschung bevor: zwar hängen im großen Hauptsaal der Tübinger Kunsthalle die großformatigen Dschungelbilder „Der hungrige Löwe wirft sich auf die Antilope" (1905), „Der Kampf zwischen Tiger und Büffel" (1908) und „Die Urwaldlandschaft mit untergehender Sonne" (1910), in der ein Kampf zwischen Mensch und Raubkatze schemenhaft zu erkennen ist – aber im Gang durch die Räume lernt man einen ganz anderen Rousseau kennen.

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Da sind die frühesten Bilder, die „Landschaft mit Brücke" (1875-77), wirklich „naiv" anmutend, aber wenig später entstanden die Landschaften mit der Mühle, die Rousseaus erster Biograph, der Deutsche Wilhelm Uhde bei Bauern in der Normandie aufstöberte: stark farbig und schon ganz sicher im Bildaufbau.

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Eine erste Gruppe bedeutender Werke entstand um 1886: „Waldspaziergang", „Ein Karnevalsabend" und „Verabredung im Wald" – um diese Zeit konnte sich Rousseau schon ganz seiner Malerei widmen, aber die Schicksale der Bilder zeigen, wie wenig sie zunächst gewürdigt wurden. Rousseau verschenkte sie an Nachbarn und Freunde. Der „Waldspaziergang" z.B. wurde von Uhde bei einer Waschfrau gefunden, wo das Gemälde als Schirm vorm Kamin gedient hatte, ganz verrußt – er kaufte es für 40 Francs. 1912 brachte es in der Auktion von Uhdes Sammlung 26.000 Francs, 1924 wurden bereits 300.000 Francs für das Bild verlangt. Mit dem „Karnevalsabend" debutierte Rousseau 1886 in der Ausstellung der „Juryfreien", zwar war das Bild umstritten, aber auch schon gelobt und anerkannt, u.a. von Camille Pissarro.

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Eine zentrale Stellung nimmt im oberen Saal Rousseaus „Der Krieg oder die reitende Zwietracht" von 1894 ein; ein Werk, das in der Tradition der Apokalyptischen Reiter des Mittelalters und von Goyas „Schrecken des Krieges" steht, später gefolgt von Picassos „Guernica". Man muss sich zunächst klar machen, dass im Französischen „la guerre" und „la mort" weiblich sind, um die Gestalt der Reiterin auf dem schwarzen Pferd über dem Schlachtfeld zu verstehen, auf dem nicht mehr gekämpft wird, sondern nur noch gestorben. Im Katalog wird eine Beschreibung des Bildes von Ernst Jünger zitiert, die er 1943 in sein Tagebuch eintrug, nachdem er sich das Gemälde bei einem Kunsthändler hatte zeigen lassen. Darin heißt es: „Ich sehe in diesem Bilde ... eine der großen Zeitvisionen, auch gibt es einen Begriff von notwendiger Malerei". Erschreckend ist es, wenn man bedenkt, dass Rousseau sein Werk in einer Zeit tiefen Friedens schuf.

Zu einzelnen Bildern der Ausstellung wird ihre Bedeutung für andere Künstler verdeutlicht: die Unbekannte des lebensgroßen „Porträt einer Frau" etwa war „die einzige Frau ... die Picasso fast ein Leben lang ... bis zu seinem Tode 1973 neben sich geduldet hat". 1908 hatte er das Bildnis für fünf Francs bei einem Trödler erworben. 1909 malte er sein „Portrait Fernande", das in der Ausstellung neben dem Frauenbildnis Rousseaus hängt.

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Auch zu den zahlreichen französischen Landschaften Rousseaus in ihrer klaren Farbigkeit zeigt die Ausstellung Werke Späterer, die dazu in Beziehung stehen: Fernand Légers „Rauchfahnen über den Dächern" von 1912 etwa oder von Robert Delaunay der ein großer Bewunderer Rousseaus war, „Die Stadt Paris. Die Frau und der Turm" (1925). Auch Max Beckmann bekannte sich ausdrücklich zu seinem „großen alten Freund Henri Rousseau"; von ihm zeigt die Ausstellung mehrere Arbeiten. Wassily Kandinski besaß Rousseaus kleines Bild „Der Hühnerhof" (1896-98), das 1912 den Prospekt für den Almanach „Der blaue Reiter" zierte, in dem sieben Werke Rousseaus abgebildet waren. So wundert es nicht, dass Franz Marc selbst ein Hinterglasbild mit der Paraphrasierung des Selbstbildnisses von Rousseau malte: Zeichen seiner Verehrung !

Damit sind bereits die Porträts erwähnt, die Rousseau von sich und anderen malte: ein Photo zeigt ihn und seine Frau, zwei Bilder, die Picasso in Händen hält – die Originale sind daneben zu sehen. Dazu Kinderbilder und Soldaten.

Reizvoll sind zwei „Momentaufnahmen" in großem Format: „Die Freiheit lädt die Künstler ein" anlässlich der 22. Ausstellung der Unabhängigen Künstler von 1906, ein Gemälde, auf dem der Freiheitsengel mit der Posaune über den in Scharen herbeiströmenden Künstlern im hellblauen Himmel schwebt (das Bild gehört dem Museum of Modern Art in Tokio!). Das zweite zeigt „Die Repräsentanten der auswärtigen Mächte kommen, um der Republik im Zeichen des Friedens zu huldigen" von 1907, auf dem unter vielen Flaggen auch Kaiser Wilhelm II. zu sehen ist. Weil sich der französische Staat nicht dafür interessierte, verramschte es der Maler für zehn Francs an den Kunsthändler Vollard. Heute hängt es im Musée Picasso in Paris.

Es bedürfte eines eigenen Abschnitts, um aufzuzählen, wo überall in der Welt die Bilder Henri Rousseaus heute zu finden sind, die hier zusammen getragen wurden – im Katalog nehmen die Namen der Leihgeber zwei große Seiten ein: beste Adressen zwischen den USA und Japan, viele in der Schweiz und natürlich in Paris.

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Die späten Bilder Rousseaus, der 1910 starb, die letzten exotischen Gemälde, darunter „Die Flamingos", strahlen eine tiefe Stille aus, auch eine gewisse Melancholie. Landschaften sind darunter, auch Studien zu ihnen, ferner die ersten Stillleben und Blumenstücke, darunter „Die rosarote Kerze" – als letztes jedoch jenes anfangs erwähnte: „Urwaldlandschaft mit untergehender Sonne".

Die Verehrung der jüngeren Künstler fand ihren beredten Ausdruck darin, dass sie ihm, der in einem Armengrab beigesetzt worden war, 1912 eine auf 30 Jahre konzessionierte Grabstelle erwarben und ihm einen Grabstein setzten.

Die Ausstellung ist noch bis zum 17.Juni 2001 in Tübingen zu sehen.

 

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