Galsan Tschinag liest im Marburger Café Vetter. Eine Veranstaltung der Neuen literarischen Gesellschaft vom 22. 4. 2001

Der Beginn der Lesung ist ein wenig brüsk oder unvermittelt. Galsan Tschinag erzählt, dass er gerade in München an einem "großen Fest", der Vorstellung seines neuen Buches, teilgenommen habe. Er sei wütend auf die Leute gewesen und habe, angesichts des Notstandes in der Mongolei, über den viel geredet worden sei, schließlich gesagt: "Der Wohlstand prostet dem Notstand zu".

Tschinag stammt aus der Mongolei, aber er ist ein Angehöriger des turksprachigen Stammes der Tuwa, ein Nomadenvolk, dessen Gebiet sich heute über drei Staaten verteilt: Russland, China und eben die Mongolei. Anfang der 40er Jahre im Altai-Gebirge geboren, wird er als Schamane ausgebildet, dann jedoch verstoßen. Er beginnt 1961 ein Studium der mongolischen Sprache und Literatur in Ulaanbaator, 1962 bis 1968 schließt sich ein Studium der Germanistik an der Universität Leipzig an. Tschinag lernt so gut Deutsch, dass er akzentfrei spricht - wenn auch nicht gänzlich ohne Mühe. Er unterrichtete Deutsch an der mongolischen Universität und lebt seit 1991 als freier Schriftsteller. Sein Volk hat, wie er später berichtet, keine Schriftsprache entwickelt; dies ist einer der Gründe, weshalb er seine Romane und Gedichte vorwiegend auf Deutsch schreibt.

Tschinag skizziert den Unterschied gegenüber anderen Schriftstellerkollegen: "Ich lebe mein Leben und das wird zur Literatur: alles ist autobiografisch". Jeder Schriftsteller schreibe im Grunde nur ein großes Buch, alle einzelnen Veröffentlichungen seien eigentlich Kapitel daraus. "Mein Buch hat bisher 20 Kapitel: 16 in Deutsch, 4 in mongolisch geschrieben". Er werde ein Stück aus seinem vorletzten Buch: "Der weiße Berg" vortragen, zuvor aber drei Gedichte. Das erste enthält die Zeilen: "Schau einem Kamelhengst, getrennt von seiner Stute, in die Augen: da wohnt es". "Es" - das ist das Nichtbenennbare, ohne das es keine Dichtung gäbe.

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Tschinag informiert seine Zuhörer nun kurz darüber, dass "Der weiße Berg" der letzte Teil der Trilogie sei, die seine Kindheit und Jugend behandle; ihr "Sinn": jeder Mensch sei "ein Stein, der auf dem Weg zu seinem eigenen Berg ist - gut, wenn er seinen eigenen Gipfel "ersichtet" - hat man ihn gesehen, wird man versuchen, ihn zu erklimmen". Es handle sich um den Roman eines Schamanenschülers, der seine Lehre beendet und übermütig wird, dafür werde er verstoßen, in die große Welt.

Der Schamane sei ein Dichter, der gleichzeitig Heiler ist, er stehe in der Hierarchie der Urgesellschaft ganz oben, noch über dem Häuptling, darüber gebe es nur den blauen Himmel. Ein Schamane müsse verrückt, wahnsinnig werden, sein "Hellsinn" spreche aus dem Wahnsinn heraus, aber das Entscheidende sei, dass er sich jederzeit kontrolliert in diesen Wahnsinn begeben könne. Das Gedicht "An den Sturm" leitet Tschinag so ein: es sei ein Gezänk mit dem Sturm, der Kälte - der Schamane stehe im Namen des Volkes, das ihn ausgebildet hat, mit den Elementen, dem Universum in Zwiesprache. Er trägt es laut, deklamatorisch vor, es gipfelt in einem an den Wind gerichteten "Verrecke, Ungeheuer".

Aber nun komme "das Bonbon, die Normtorte, 11 Uhr sonntags" hören die Anwesenden mit leichtem Erstaunen, nämlich der Romanauszug. Richtig böse klingt es nicht, auch nicht wenn Tschinag hinzufügt, er werde nun versuchen, ruhiger, eben so vorzutragen "wie man hier Dichterlesungen macht". Er liest nun ein relativ kurzes Stück aus dem "Weißen Berg" vor, dem nicht ganz leicht zu folgen ist, weil die Sätze in seinem Mund gleichzeitig vertraut und fremd klingen.

Nach der Lesung werden eine Reihe von Fragen gestellt, zum Beispiel die, weshalb er einen Traum, den er, wie es im Roman heißt, für sich behalten musste, dann im Buch öffentlich mache. Hierauf erfolgt nur eine ausweichende Antwort. Was den Umgang mit Träumen generell in seinem Volk angehe, erläutert Tschinag: es lebe heute in einer Zeit, "wie Sie vor 2000 Jahren, wie bei Ihnen die Germanen"; er sei " ein Botschafter von Ihren germanischen Vorfahren - ich komme aus der Kindheit der Menschheit, Sie sind jetzt die Erwachsenen, ich: ein greisenhaftes Kind, das seine Träume erzählt". Immerhin: er sei "ein sehr technischer Mensch, schreibe am PC". Aber er komme aus einer schriftlosen Kultur, "was ich weiß, ist mündlich überliefert". Es gebe Schulen, aber mongolische. Die erste Hausaufgabe für die Kinder sei, sich einen mongolischen Namen auszusuchen. Aus diesen Andeutungen erfährt man Einiges über die tragische heutige Situation eines Nomadenvolkes. "Ich bin", sagt Tschinag, "nicht der "große Dichter", sondern ein Vertreter, ein Botschafter meines Volkes. Jetzt sterben wir aus, aber vorher hat mich der da oben bestellt, und ich gebe weiter, was mein Volk in Jahrtausenden überliefert hat".

Zum Schluss erfahren die Zuhörer den Grund für den etwas merkwürdigen Anfang: er sei "immer skeptisch, wenn Dichtung und Konsum zusammen existieren - ich will keine Gläser und Teller in der Nähe sehen", aber das Marburger Publikum habe "so wunderbar gespannt zugehört", dass er es einmal loben müsse. Tschinag verweist noch auf einen Verein "Freunde des Altai", der gegründet worden sei, um etwas gegen die Katastrophe in der Mongolei zu unternehmen.

Bereits relativ zu Beginn hatte Tschinag gesagt, er signiere seine Bücher immer "aus der geheimsten Tasche meines Herzens", und nun strömen wirklich nicht wenige Menschen nach vorne, um sich eine solche persönliche Signatur vom Autor in ein Exemplar seines Romans schreiben zu lassen.

Tschinag hat es zweifellos erreicht, auf die Situation seines Volkes aufmerksam zu machen. Auch auf seine Romane und Dichtungen wird man neugierig, nicht nur, weil man erfahren möchte, ob eine gewisse Eitelkeit, die er gleichsam mit aller Selbstverständlichkeit an den Tag legt, vielleicht auch in seine Literatur eindringt. Man wünscht es ihm nicht, denn das bekäme der Ehrlichkeit, auf die jedes autobiografische Schreiben angewiesen ist, nicht gut - und er hat sie doch, das spürt man.

Max Lorenzen    Download


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