Marburger Forum Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 2 (2001), Heft 3
"Je länger man an einer Kunsthochschule lehrt, desto mehr lockern sich die Bande zur Universitätsphilosophie." - Gespräch mit Hannes Böhringer
Veröffentlichungen von Hannes Böhringer (Auswahlbiographie):
Begriffsfelder,
Berlin 1985.
Moneten, ebda. 1990.
Orgel und Container, ebda. 1993.
Was ist Philosophie?, ebda. 1993.
Auf dem Rücken Amerikas, ebda. 1998.
Auf der Suche nach Einfachheit, ebda. 2000.
Sweet Nothing, in: Big Nothing. Die jenseitigen Ebenbilder des Menschen, Köln 2001, 57
66.
Warum hast Du dich entschlossen Philosophie zu studieren? Woher kamen entscheidende Anregungen?
Das kam schleichend. Meine Eltern hatten einen Verlag. Ich sollte ihn eigentlich übernehmen, aber aus verschiedenen Gründen wollte ich nicht, traute mich aber nicht, es mir und anderen einzugestehen. Deswegen beschloss ich etwas zwischendurch zu machen. Und das war Philosophie.
Ich wundere mich nachträglich, dass ich gerade Philosophie gewählt habe. Mein Deutschlehrer hat mir später gesagt, dass ich eher literarisch interessiert war als philosophisch. Aber ich bin dann irgendwie in die Philosophie hineingeraten und dabei geblieben.
Ich habe den Vorteil gegenüber den meisten Leuten an der Universität dadurch gehabt, nach dem Studium noch mal etwas anderes als Universität kennengelernt zu haben. Das war zwar auch Schule, aber es war doch ein völlig anderes Milieu, eine völlig andere Art, sich miteinander zu verständigen, sich zu verhalten, und vor allem, eine ganz andere Art, an Probleme heranzugehen. Und aus der Zeit stammt auch meine Freundschaft mit Attila Kotányi, mit dem ich dann ununterbrochen in einem Gespräch geblieben bin. Und dort philosophiert habe in einer Art, wie es heute, finde ich, sehr selten ist: in Form von sehr persönlichen Gesprächen.
Welche Kunst wirkte entscheidend auf dich ein?
Die große Entdeckung, die ich damals in der Düsseldorfer Kunstakademie für mich machte, war die Concept Art, eine Form von Bildersturm innerhalb der Bildenden Kunst: die Reduktion auf Konzepte und sprachliche Äußerungen. Natürlich ist nicht ganz auf Darstellung verzichtet geworden: Schreibmaschinentexte an die leere Wand geheftet, zum Beispiel, eine Ästhetik des Buchstabens, könnte man sagen, des Lexikons. Und daran hat man schon sehen können, dass dies alles in trockenen Akademismen endet, in philosophischen Platitüden für die man nicht gerade die Kunst braucht. Dann kam der Umschlag: die Malwut der sogenannten Wilden Malerei. Der Umschlag von der hohen, akademischen Kunst in die Trivialkunst, die Popkultur. Die Wilde Malerei stand in der Tradition der Pop Art, aber war doch nicht so stark wie sie. Die Wilde Malerei hat keine neuen Trivialmythen finden oder erfinden können, die so durchschlagend und tragfähig gewesen wären wie Warhols Coca-Cola-Dosen.
Neben der Concept Art hat mich vor allem Fluxus geprägt. Fluxus war mir wichtig wegen seines philosophischen Humors. Höchste Dinge, beiläufig und fast banal zu sagen und zu präsentieren, die Umkehrung des Höchsten ins Alltäglichste, ins Triviale nenne ich philosophischen Humor. Er hebt den Umschlag von Erhabenheit in Trivialität und wieder zurück in Erhabenheit in sich auf. Deshalb eifere ich auch der Stilmischung des philosophischen Humors nach.
Wie lässt sich deine derzeitige Tätigkeit charakterisieren?
Jetzt bin ich an der Gesamthochschule Kassel tätig im Fachbereich Kunst, das ist eine ehemalige Kunsthochschule, die der Universität angeschlossen wurde, aber in Grunde genommen eigenständig ist. Das Entscheidende, das ich dort leisten muss: die verschiedenen Typen von Studenten, die dort zusammenkommen, den Designer, den Künstler und den Kunstwissenschaftler, zusammenzubringen, zu verhindern, dass sie aneinander vorbeilaufen. Cafeteria, Bibliothek, Philosophie: das sind die drei Punkte, wo alle zusammenkommen. Ich glaube, wichtig ist nicht das Belehren, sondern das Anregen. Die Anregung versetzt den anderen in Freiheit und lässt ihn in Freiheit.
Philosophie hat heute ein ziemlich breites Bedeutungsfeld. Was hältst du für Philosophie?
Ich bewege mich nicht an einer Universität, nicht im geschlossenen Kontext eines akademischen Diskurses. Der Wendepunkt war für mich die Düsseldorfer Kunstakademie: Philosophie in einem offenen Feld, eine Herausforderung an meine Sprache. Schon in meinem Studium habe ich angefangen, mich von jeder terminologischen Sprache zu befreien. Und das habe ich später in der Kunsthochschule weitertrainiert. Ich sehe meine Stärke darin, die Philosophie in einem offenen Feld, frei und ungeschützt, angeregt von allem Möglichen um mich herum zu betreiben. Ich versuche nur in Worte zu fassen, was mich anspricht.
Ich sehe meine Art des Philosophierens in einer Tradition, die in Deutschland eher verkümmert ist oder nie richtig kultiviert wurde, die durch Wilhelm Dilthey, den Lehrer Bernard Groethuysens, über den ich promoviert habe, historisch aufgearbeitet geworden ist: die Tradition der griechisch-römischen Lebensphilosophie, die in der französischen Philosophie und Psychologie lebendig geblieben ist. Das ist eine Philosophie, die sich als Lebensphilosophie versteht, als Philosophie auf einem freien Feld, als eine Kunst, sich durchs Leben zu schlagen und sich innerlich zu wappnen gegen das Elend dieses Lebens. Die Philosophie nennt das: glücklich leben. Aber sie versteht unter Glück das unvermeidliche Unglück dieses Lebens zu ertragen, sogar leicht zu tragen. Der Kern dieser Philosophie ist eine Vorstellung von Gelassenheit und Selbstbeherrschung: Beherrschung der Leidenschaften, der Affekte. Das aber setzt voraus, dass man Herr seiner selbst sein kann. Die christlichen Denker haben ihren Angriff gegen die antike, heidnische Philosophie genau auf diesen Punkt konzentriert und hervorgehoben, dass man gerade nicht Herr seiner selbst ist. Die Psychoanalyse bestätigt diese Diagnose. Und die philosophischen Schriftsteller, denen ich mich verbunden fühle, die französischen Moralisten, thematisieren genau diesen Gegensatz von Heroismus und Scheitern, Bestehen und Versagen, Größe und Elend des Menschen, des modernen Subjekts. Das Subjekt ist Herr und Knecht seiner Subjektivität. Es kann sie transzendieren und bleibt doch immer in ihr gefangen.
Der Westernheld zum Beispiel benimmt sich wie ein philosophischer, stoischer Held. Er ist Herr seiner selbst, er kontrolliert seine Leidenschaften. Er hat contenance, er kann warten, er lässt sich nicht hinreißen. Er überwindet seine Leidenschaften (Rache, Mutlosigkeit etc.). Er überwindet sie "im Einklang mit der Natur". Er steht außerhalb der Stadt. Der "Held" des film noir bleibt in der Stadt, in sich selbst gefangen und verstrickt. Er ist deshalb auch kein Held, sondern ein Gangster, ein Spieler, ein Krimineller. Befreiung, Erlösung bringt ihm erst der Tod. Das sind die anthropologischen Gegensätze des Western auf einer Seite und des film noir auf der anderen Seite: Philosophie und biblische Tradition.
Deine Schriften sind in einer gewaltigen Sprache geformt, das habe ich beim Übersetzen erst richtig erfahren.
Weil ich nicht den Halt einer philosophischen Schule habe, auch nicht den Halt des universitären Umgangs, gibt es für mich nur einen einzigen Halt, in dem Niemandsland, in dem ich herumtaste: die Sprache. Sie ist für mich die allerletzte Verbindlichkeit. Aber auch sie, gerade sie gibt keine festen Regeln vor. Da kommt alles darauf an, die Worte zu wiegen und zu wägen, auf die Waage zu legen; nicht nur die Begriffe, die Metaphern, die Sprachbilder. Es ist für mich letzten Endes auch das Kriterium, wenn ich andere Leute reden höre, wenn ich anderer Leute Bücher lese: Wie gehen sie mit der Sprache um. In der Sprache geht es nicht nur um Worte sondern auch um Rhythmus; um Musik.
Was geschieht zur Zeit in der Philosophie? Lässt sich das Feld noch überblicken?
Um die zeitgenössische Philosophie kümmere ich mich immer weniger. Ich lese das, was mir empfohlen wird, was mich anspricht, wovon ich Anregung erwarte. Ich versuche gar nicht einen Überblick über die Philosophie zu gewinnen und auf der Höhe dieser Philosophie zu sein. Das ist mir einfach zu viel. Ich müsste viel zu viel essen um herauszubekommen, was davon tatsächlich nahrhaft ist.
Je länger man an einer Kunsthochschule lehrt, desto mehr lockern sich die Bande zur Universitätsphilosophie. Manchmal wird es mir geradezu unheimlich, und ich fürchte, ich hätte mich schon völlig von der Philosophie, aus ihrem Griff und Halt gelöst. Es fehlt mir dann oft ein Gesprächspartner, um mich der Philosophie zu vergewissern. Eigentlich orientiere ich mich mehr an den Wissenschaften und Künsten und versuche, ihre philosophische Dimension zu erfassen.
Begriffe wie Kunst und Wissenschaft sind sehr fließend geworden.
Im Kern ist natürlich die Wissenschaft immer eine Kunst geblieben und ich glaube, im Kern ist die Wissenschaft auch immer Philosophie. Nur an diesen Kern kommen wir kaum noch heran, weil das alles ein großer Betrieb geworden ist. In der Kunst droht dieselbe Entwicklung. Aber die Kunst war doch noch immer ein kleinerer Betrieb, wurde immer noch persönlicher betrieben. Es gab nicht diese Massenausbildung, und so konnte doch immer noch dieser Kern von Kunst, und damit die hohe Kultur der Abstraktion (und von dorther auf das Figurative zurückkehren zu können) gelehrt werden oder es konnte immer noch punktuell darauf gedeutet werden. In der Philosophie ist die Tradition der antiken Philosophie als einer Lebensform, diese Form der Ausbildung verlorengegangen. Diese Form kann man nur indirekt lehren. So wie man auch die Weisheitstradition letzten Endes nur indirekt lehren kann; schon Sokrates hat sie angefangen indirekt zu lehren; nämlich durch die Umkehrung dessen, was Philosophie bedeutet: also gerade nicht zu wissen, was gut sei, was Weisheit sei. Philosophie steht seitdem, könnte man sagen, schon in einem indirekten, reflektierten Verhältnis zur Weisheit. Aber mir fällt jetzt z. B. der Gangsterfilm Key Largo ein, dort wird die von Humphrey Bogart gespielte Heldenfigur von dem Gangsterboss angeredet als wise guy. Im Deutschen sagt man dazu kluger Bursche oder kluger Junge. Und da spüre ich noch dieses angelsächsisch-amerikanische Understatement und in der ironischen Brechung diese Weisheitstradition, die nicht getrennt gedacht werden darf von Lebensklugheit und Tüchtigkeit.
Worin siehst du das einzigartige dieser Zeit, in der wir leben?
Ich glaube, dass wir uns über das allzu Nahe immer nur irren können. Mit etwas Abstand wird man sehen können, was das Besondere dieser Zeit war, das, was auch unsere Form des Philosophierens von anderen Zeiten unterscheidet. Ich bemühe mich in meiner Tätigkeit um eine philosophia perennis, um eine Fortsetzung des traditionellen Geschäftes der Philosophie; natürlich nicht in der vollen Breite, sondern mit den Instrumenten, die ich spielen kann. Und ich versuche mir auch weniger Gedanken darüber zu machen, ob sie heute überhaupt noch taugen, ob diese Werkzeuge noch taugen, ob die Instrumente heute noch klingen. Ich versuche mein Bestes, und man wird sehen...
Ich neige zum Entdramatisieren, wenn Leute zu dramatisieren beginnen, und dazu, zu dramatisieren, wenn Leute verharmlosen. So neige ich dazu, die technologische, elektronische Revolution nicht so tragisch zu nehmen. Auf der anderen Seite glaube ich, dass der Zusammenbruch des Sowjetreiches, der Fall der Mauer, ein ganz bedeutendes Ereignis ist. Ich habe den Eindruck, zum ersten Mal in meinem Leben ein historisches Ereignis miterlebt zu haben mit Auswirkungen, die wir alle noch nicht überblicken können. Aber gerade für uns Deutsche hat sich viel verändert und wir sind natürlich längst noch nicht auf der Höhe der Anforderungen, die an uns gestellt sind.
Das Problem stellt sich auch als Frage der Wahrnehmung; ob das menschliche Wahrnehmungsvermögen den neuen Technologien gewachsen ist und welche Strategie es fordert.
Kurz und knapp: die neuen elektronischen Medien fordern den Philosophierenden. Nämlich, wiederum kurz gesagt: Pathos der Distanz, Abstand. Man muss eine Verteidigungslinie errichten. Dann gewinnt man den Abstand, die Grenzen zu erkennen. Und das scheint mir auch die ursprüngliche Aufgabe der Philosophie zu sein: Grenzen erkennen, das Unbegrenzte vom Begrenztem zu unterscheiden und die Verwechslungsmöglichkeiten, die darin bestehen, dass man etwas Begrenztes als das Unbegrenzte, Unendliche ansieht und das Unendliche in Form eines Endlichen zum Beispiel im Form des Bildes darstellt. Ich glaube, die Kunst operiert ähnlich wie die Philosophie - im Gegensatz zur Technik und Technologie: die Kunst ist eine reflektierte Wahrnehmungsform, eine Form der Reflexion, eine Distanzierung, die immer schon Distanz voraussetzt. Distanz bedeutet, warten zu können, mit einem Urteil warten zu können, sich nicht in den Taumel der Geschwindigkeit hineinziehen zu lassen.
Ganz hautnah erscheint diese Problematik in der Großstadt. Wie empfindest du die Stadt, in der du lebst?
Ja, Du musst es überhaupt so verstehen, dass ich in erster Linie Philosophie für mich selber treibe; dass ich mich selber in dem Leben, so wie es ich vorgefunden habe, in das ich gewissermaßen geworfen worden bin, zurechtfinde. Deswegen habe ich eigentlich auch keine "Großen Botschaften" an andere, sondern in erster Linie geht es um mich selbst. Darum, so wie es in der Philosophie genannt wurde, nicht zum Überleben, sondern: um recht zu leben. Und was bedeutet das für die Großstadt? Ich wollte nie woanders leben als in einer Großstadt. Ich merke nur jetzt, ich komme immer mehr an den Punkt, dass ich Leute verstehe; dass ich die Pariser verstehe, die zwei Monate im Jahr aufs Land gehen um sich zu erholen, weil die Großstadt sehr anstrengend ist. Aber das ist vielleicht ein Problem des Alters. Ich glaube, Großstadt ist inzwischen überall. Es macht keinen großen Unterschied mehr, ob es sich um eine im quantitativen Sinne große Stadt handelt oder um eine kleine Stadt oder um ein Dorf. Großstadt heißt, wie im Film der Schwarzen Serie, verstädterte Welt. Eine Welt, die vom Funktionalismus bestimmt ist, eine Welt, die keinen Himmel mehr hat (deswegen wird sie im Film immer in der Nacht dargestellt), eine Welt in der künstliches Licht herrscht; eine künstliche Welt. Eine Welt ohne Transzendenz.
Es gibt einige neue Phänomene, neue Größenordnungen die auch für die Philosophie neue Herausforderungen stellen.
Ich halte mich an die Regeln der Skepsis. Die Skepsis ist vorsichtig. Sie fährt doppelgleisig: alles bleibt beim Alten, alles ändert sich. Nichts Neues unter Sonne, alles ist neu. Auf der einen Seite halte ich mich an das Überkommene und ignoriere Veränderungen - ich schreibe nach wie vor mit einem Bleistift und nicht an einem Computer - und verweise auf viele Gebilde, die ihre Qualität und ihre Haltbarkeit gerade in der Unzeitgemäßheit gefunden haben. Auf der anderen Seite leiste ich mir doch eine frei bewegliche, kreisende Radarantenne. Ich versuche, mit allen möglichen Mitteln durchzukommen, alten und neuen. Ich glaube aber auch, dass man nicht alles schaffen kann; ich bin nicht schnell. Meine Qualität ist Langsamkeit. Deshalb schätze ich die alte Tugend der Beharrlichkeit und Standhaftigkeit. Constantia und perseverantia und das Märchen vom Hasen und Igel, der das Wettrennen gewinnt, weil er auf seinen Fleck sitzen bleibt.
thDu sagtest einmal, dass die Radarantenne ständig in Bewegung sein muss. Worauf richten sich zur Zeit deine Antennen?
Das mit den Radarantennen hat wie alles zwei Seiten. Ich habe sowieso den Eindruck, dass wir uns ständig in Ambivalenzen bewegen und die Anstrengung darin besteht, eine kleine Klärung in dem Meer von Ambivalenzen bewirken zu können. Radarantenne bedeutet auf der einen Seite, auf der Höhe der Zeit sein zu wollen, alle möglichen Schwingungen die in der Luft liegen, zu registrieren. Auf der andere Seite bedeutet es auch modisch zu sein, dem hinterher zu laufen was gerade passiert, das zu kaufen, was an der Kasse gerade stapelweise verkauft wird. Nur man selber, in der eigenen Isoliertheit und akademischen Weltfremdheit hat es noch nicht gemerkt.
Aber worauf richten sich meine Antennen zur Zeit? Ich habe mich in den letzten Jahren vor allem mit Filmen beschäftigt, nicht so sehr, weil ich eine andere Kunstgattung kennenlernen wollte, sondern weil mich das Thema Mythologie interessiert hat. Die Philosophie hat nicht nur offene Grenzen zur Kunst und zur Wissenschaft, sondern auch zur Theologie. Theologie gehört natürlich zur Wissenschaft. In der christlichen Theologie spielt das Thema "Entmythologisierung" eine entscheidende Rolle. Der ständige Kampf zwischen Remythologisierung und Entmythologisierung, ägyptische Gefangenschaft im Mythos und der ewige Auszug der Kinder Israels aus Ägypten und durch die Wüste als Sinnbild von Ernüchterung und Entmythologisierung, das interessiert mich gerade.
Man sieht Mythen auf den verschiedensten Gebieten entstehen und sich verfestigen.
Seit der Aufklärung gibt es den Ruf nach einer neuen Mythologie. In dem Maße, in dem man sich von der alten Mythologie, vom Mythos emanzipiert hat, ruft man nach neuen Mythen. Ob das der Systementwurf des jungen Hegel und Hölderlin ist oder in der Tradition der Altphilologie Bachofen, Nietzsche, Walter F. Otto, oder auch Chamberlain, Der Mythos des zwanzigsten Jahrhunderts, in all seinen schrecklichen Auswirkungen. Da entdeckte ich: es gibt eine Mythologie, die ich als Junge immer schon gern gehabt hatte: den Cowboy. Die amerikanische Mythologie ist eine neue Mythologie und immer noch lebendig und über die ganze Welt hin verbreitet, weil - da kommt jetzt wieder der Hegelianismus meiner Studienzeit durch - Amerika der weltgeschichtliche Gewinner unserer Epoche ist und immer noch bleibt. Man mag noch so sehr auf Japan und die asiatischen Wachstumsregionen verweisen und auf den Zerfall der Vereinigten Staaten, die Mythologie Amerikas ist immer noch die des weltgeschichtlichen Siegers. Ich hatte plötzlich eine Idee und einen Kontakt mit meiner Biographie, meiner Jugend: der Cowboyfilm, mit der Figur des Helden, des Retters in der Tradition des angelsächsischen Ritters. Und diese Mythologie sehe ich entmythologisiert in einer anderen Mythologie, im Gangsterfilm der sogenannten Schwarzen Serie. Diese Schwarze Serie könnte man bezeichnen als amerikanische Version des Existenzialismus und sie ist, glaube ich, im Kern sehr stark theologisch, negative Theologie, Theologie nach dem Tod Gottes.
Es lassen sich Mythosbildungen beobachten, die einen umfassenden Anspruch haben. Ähnliche künstlerische Anstrengungen sieht man auch.
Es gibt viele Mythologien; Mythologien wuchern - das gehört zum Wesen der Mythologie. Die meisten Mythologien, Science Fiction, Cyberspace - das alles interessiert mich nicht so sehr wie der Western und der film noir. Die Gefahr der Mythologisierung ist das Abgleiten in eine Bilderwelt. Und hier treffen sich die Philosophie und die biblische Tradition: in einer Kritik am Bild, in einer Herabstufung des Bildes. So muss man letzten Endes auch die platonische Kritik an den Künsten verstehen. Wir kennen das Bilderverbot aus der jüdischen Tradition. Wir stecken ständig in der Gefahr einer Mythologie; auch die Wissenschaft, die Philosophie selber. Mythologie der Vernunft, des Staates, der Rasse, der Gesellschaft, der Selbstverwirklichung usw. Und wir können nicht frei von Bildern sein. Die Sprache ist voll von Bildern, die uns unter der Schwelle der philosophischen Reflexion, des Bewusstseins überreden, die suggestiv wirken. Also kommt es bei der Beschäftigung mit Mythologie eigentlich immer schon auf Entmythologisierung an.
Es gibt auch eine Blues-Analyse von dir. Was interessiert dich an solchen Phänomenen?
Mich interessiert "Pop". Ich glaube, dass es ein Schlüsselwort zum Verständnis der modernen Kunst ist. Die moderne Kunst vollzieht eine christologische Wendung: das Herunterkommen des hohen auf den niedrigen Stil. Oder anders: die Erhöhung des niedrigen Stils zum hohen Stil. Das ist für mich der Kern von "Pop". Deswegen darf man Pop nicht verachten. Das hat eine Tradition, die letzten Endes zurückgeht auf die biblische Literatur. Wir kennen immer schon den sogenannten Schelmenroman, den Simplizissimus, der den Helden in der Umkehrung, nämlich als Taugenichts, als Schurken, als Landstreicher schildert. Der Blues ist das Klagelied der nach Amerika - ein neues Babylon - verkauften Schwarzen. Das Klagelied von freigelassenen und damit sich selbst überlassenen Sklaven wird über den Jazz und den Rhythm and Blues der grundlegende Liedtypus einer Weltkultur, der Pop-Musik. Mit zunehmender Säkularisierung schwinden die strengen Formen des Religiösen. Es beginnt zu vagabundieren. Es wird "Kunst". Die Kunst übernimmt weitgehend Formen und Funktionen des Religiösen. Künstler haben das lange Zeit abgelehnt, jetzt schmücken sie sich geradezu mit theologischen Anspielungen. Aber die Gefahr dabei besteht in der Unverbindlichkeit, im Mangel der Strenge.
Jeder Philosoph hat sein eigenes Steckenpferd, hast du geschrieben. Wohin führt Dich dein Steckenpferd?
Steckenpferd heißt für mich, einen Punkt finden, von dem aus man nach allen Seiten hin eine Klärung erfährt. Und dieser Punkt ist zugleich ein sehr persönlicher, kindlicher. Ich komme immer mehr darauf, dass die Themen, zu denen man das meiste zu sagen hat, die Themen sind, die einen seit der Kindheit bewegen. Deswegen sitzen wir, glaube ich, immer noch auf irgendwelchen Steckenpferden, nur merken wir es nicht, oder wir schämen uns dieser Steckenpferde und wir nutzen sie nicht für unsere wissenschaftliche, künstlerische Arbeit. Ich jedenfalls sitze als Cowboy auf meinen Steckenpferden und reite sie zu, wie Cézanne den Mont Saint Victoire tagtäglich gemalt hat. Das Steckenpferd ist das, was Ezra Pound, der amerikanische Dichter, einen vortex nennt, ein Strudel, in den alles hineingezogen wird, der alles erfasst, eine Radarantenne, die nicht nur empfängt, sondern verwertet und umarbeitet, inauguriert und transformiert. Wenn man ein solches Steckenpferd hat, kann man überall hinreiten und zugleich zuhause bleiben, ein anderer Lieblingsgedanke von mir: mit leichtem Gepäck reisen. So betreibe ich auch meine Philosophie; es ist nicht eine Philosophie, die einen Überseekoffer erfordert, sondern eine Philosophie, die ich noch selber tragen kann, die erträglich ist und die es einem ermöglicht zu reisen, und zugleich zuhause zu bleiben, so wie mit dem Steckenpferd im Kinderzimmer: man ist durch die ganze Welt geritten.
Das Gespräch führte J. A Tillmann
Hannes Böhringer lehrt inzwischen Philosophie an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig.