"Clara, Clarissa und Claire, Lillan und Liliane, Susu und Zouzou": Die wirkliche Claire

Eine Reminiszenz

von Barbara Glauert-Hesse (Bielefeld)

Ich denke, es ist an der Zeit, an die Frau zu erinnern, die ihr Leben dreiunddreißig Jahre lang mit dem Dichter Yvan Goll teilte, die sich darüber hinaus bis zu ihrem Tod 1977 als "Sekretärin eines Toten" bezeichnete und dieses Amt auch gewissenhaft ausführte. Ich spreche von Claire Goll.

Im Herbst 1969 lernte ich Claire Goll in Paris kennen. Nachdem ich ihr Anfang August jenes Jahres geschrieben und sie gebeten hatte, sie besuchen zu dürfen, da ich eine Rundfunksendung über sie schreiben wollte, antwortete sie mir am 19. August 1969: "Ihr Brief folgte mir aufs Land nach, denn seit 4 Wochen erhole ich mich in einem sehr schönen Schloss bei guten Freunden. Morgen (20.) fahre ich nach Paris zurück. Ob ich vom 9. 9. ab in Paris sein werde, kann ich Ihnen heute noch nicht sagen. Ich erwarte einen Bescheid von Leonor Fini, der bekannten Malerin, mit der ich wahrscheinlich im September in einen Kurort reisen werde. Wir sind beide leidend. Mit herzlichem Gruss Claire Goll." Das "schöne Schloss" war das "Château de la Laigne près Asnières-la Giraud, Charente Maritime". Ich habe Claire dann doch Mitte September besuchen können, und es begann sehr schnell eine Freundschaft bis zu ihrem Tod, mit "Haken und Ösen", wie man so sagt. Claire - wir nannten uns bald bei unseren Vornamen – für ein gegenseitiges Duzen ruhte sie viel zu fest in sich, war sie nach einem halben Jahrhundert Paris viel zu französisch. Außerdem lagen fast fünfzig Jahre zwischen uns. Claire war zu diesem Zeitpunkt – für Eingeweihte – neunundsiebzig Jahre alt, für die Literatur neunundsechzig. Sie hatte gerade mit Professor Bernhard Zeller, dem damaligen Direktor des Deutschen Literaturarchivs in Marbach am Neckar, einen Vertrag abgeschlossen, nach dem ihr und Yvan Golls gesamter literarischer und künstlerischer Nachlaß gegen eine zu ihren Lebzeiten monatlich zu zahlende Geldsumme nach ihrem Tod nach Marbach überführt werden sollte. Nun jammerte sie sehr, daß Marbach sich gar nicht rührte, das heißt keine Bibliothekare zur katalogischen Aufnahme der kostbaren Manuskripte, der Erstausgaben und der vielen Bilder – Gemälde sowohl als auch Fotografien – schickte. Sie dachte an etwa drei bis vier Fachleute, die diese irdische Bestandsaufnahme möglichst rasch erledigen sollten, denn sie fürchtete permanent, bald von einem der Pariser Autobusse oder Taxis überfahren zu werden. Andererseits konnte ich ihr im Laufe meiner Arbeit eine gewisse Beruhigung verschaffen, als sie wieder einmal über die zögerliche Erhöhung ihrer "Rente" vonseiten Marbachs klagte, indem ich ihre Frage nach dem Jahr des 65. Geburtstags von Professor Zeller mit "1984" beantwortete. "Wie gut", meinte sie, "dann kann ich mit seinem Nachfolger bessere Bedingungen aushandeln." Der sogenannte SMIG (Salaire minimum interprofessionel garanti) war bald ihr alleiniger finanzieller Maßstab geworden. Im Jahre 1984 wäre Claire Goll vierundneunzig Jahre alt gewesen. Sie starb 1977 mit siebenundachtzig Jahren.

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Wer Claire Goll gekannt hat, wird es verstehen: Irgendwie reizte mich die Aufgabe der Katalogisierung des Goll-Archivs. Nach persönlicher Rücksprache mit Professor Zeller in Marbach entließ dieser mich sehr zögerlich und glaubte wohl nicht recht, daß jemand diese Aufgabe freiwillig zu übernehmen gedachte. Ich begann meine Arbeit noch im gleichen Jahr.

Es ging jeweils bis zu drei Wochen gut mit Claire und mir. Ich wage nichts zu erfinden, aber: Drei bis vier Marbacher Bibliothekare wären einen einzigen Tag lang geblieben, und Claire wäre am zweiten Tag aus dem Fenster gesprungen. Das Goll-Archiv im fünften Stock der Rue Vaneau, erreichbar über achtundneunzig Stufen, bestand aus drei kleinen Zimmern, "eng und bedrängt mit unzähligen Büchern, Bildern, großen Fotografien, Manuskripten, Plakaten und den verschiedensten Erinnerungsstücken", – so Professor Zeller in seinem 1995 erschienenen Erinnerungsbuch Marbacher Memorabilia, in dem er die Geschichte seiner Begegnungen mit Claire Goll erzählt. Auch Claire lebte in diesen drei Zimmern und in gewisser Weise auch ich.

Ich saß bei meiner Arbeit im sogenannten "Salle à manger", an einem riesigen Eichentisch aus Ivan Golls Elternhaus in Saint-Dié – er steht heute im Musée Municipale seiner elsässischen Heimatstadt –, hinter meistens geschlossenen, schweren weinroten Samtvorhängen. Die Bilder, Bücher und Manuskripte vertrugen keine Lichteinwirkung. Wenn ich Originalbriefe sortierte, trug ich weiße Handschuhe. Meine Arbeitszeit war täglich von zehn Uhr bis etwa zweiundzwanzig Uhr – wenn die Metro streikte, durfte ich allerdings schon gegen einundzwanzig Uhr dreißig Archiv und Wohnung verlassen, denn ich mußte von der Rue Vaneau zur Îe Saint-Louis laufen – und wenn ich dann in meinem kleinen "Hôtel Saint Louis" auf der Île angekommen war, hatte Claire dem Nachtportier bereits die für mich bestimmte Einkaufsliste für den nächsten Tag durchtelefoniert. Mittags versorgten wir uns meistens mit gegrillten Hühnerbeinen aus einer nahegelegenen Garküche an der Rue de Babylone. Wir aßen an eben jenem langen Eichentisch, neben Manuskripten, ohne Handschuhe, und Claire erzählte lebhaft von Yvan und den gemeinsamen Freunden und Feinden: André Malraux’s tragische Lebensgeschichte habe ich dort ebenso erfahren wie Yvan Golls Seitensprünge mit seinen Freundinnen in Paris. Immer wieder beklagte sie auch den Verlust der 1940 von Soldaten der deutschen Wehrmacht geraubten Teile ihrer Bibliothek, von kostbaren Briefen und Manuskripten. Nach dem Essen zog sie sich in ihr Schlafzimmer zurück mit den Worten: "Ich brauche jetzt Ruhe vor der Vergangenheit." Doch bald hörte ich ihre Stimme am Telefon. Ihre Gespräche mit Frauen wie Clara Malraux, Elsa Triolet oder Ré Soupault, mit ihren Verlegern und vor allem mit ihrem jungen literarischen Freund und Mitherausgeber der Werke Yvan Golls endeten meistens erst nach Stunden. Ich hatte inzwischen das Geschirr gewaschen und durfte eine Tasse Nescafé im Stehen in der Küche trinken, keinesfalls im "Salle à manger", der wieder seine ursprüngliche Archivfunktion eingenommen hatte. Die mir damals liebgewordene und seit gut vierundzwanzig Jahren bei mir im ständigen Gebrauch befindliche blaue Kaffeetasse benutze ich manchmal heute noch im Stehen.

Neben anstrengender Arbeit gab es jedoch auch lustige Ereignisse im "Salle à manger": Eines Tages veranstaltete Claire eine Modenschau. Sie empfing mich morgens mit den Worten: "Heute suchen wir Yvans Kleidung für das Schillermuseum aus." In einem Teil ihrer begehbaren Garderobe lagerte stapelweise Yvans vergilbter, aber modischer Nachlaß, größtenteils noch aus dem amerikanischen Exil: Unterwäsche, Hemden, Anzüge, Mäntel, Baskenmützen, Schuhe. Nach und nach erschien Claire, laut Paß von 1939 ein Meter achtundsechzig, verkleidet als Yvan, laut Paß von 1939 ein Meter achtundsiebzig, drehte sich vor dem Kristallspiegel im Flur und fragte: "Ob dies Herrn Professor Zeller gefällt?" Mit Überzeugungskraft und Geduld konnte ich die Auswahl der Kleidung auf ein Minimum beschränken. Claire gab sich erleichtert, packte alles sorgfältig zusammen, bündelte es und legte einen handschriftlichen Zettel obenauf: "Pour le Musée Schiller." Als ich später diesen Teil des Nachlasses für Marbach sichern wollte, hatte eine ihrer französischen Haushaltshilfen ihn längst der Heilsarmee übergeben.– Nach drei Wochen solchen "Zusammenlebens" brauchten wir beide eine gewisse Erholung.

Ich habe Claire bei ihrer Editionsarbeit erlebt. Wir alle kennen ihre Schwächen, die zu einem Teil auf philologische Unkenntnis zurückzuführen sind. Ich habe dazu ebenso geschwiegen, wie ich ihr nie erzählt habe, daß ich Paul Celan persönlich kannte. Einen Besuch bei Paula Ludwig, ihrer ehemaligen Feindin, mit der sie sich später versöhnte, um in den Besitz von Yvan Golls Briefen an diese zu gelangen, plante ich für die Zeit nach Claires Tod. Doch Paula Ludwig starb drei Jahre vor ihr, 1974.

Im Laufe meiner Arbeiten entdeckte ich das eine oder andere Geheimnis, mit dem Claire sich umgab. Das größte war zweifellos das ihrer Geburt. Ihren Paß bewahrte sie stets so auf, daß neugierige Forscherblicke ihn nicht finden konnten. Doch es gab andere Zeugnisse ihres Lebens. So hatte Yvan Goll mehrere handschriftlich von ihm ausgefüllte Fragebogen der US-Einwanderungsbehörden in New York sowie diverse Anträge auf Stipendien amerikanischer Universitäten aufbewahrt: Seine Frau liebte die Koketterie mit ihrem wahren Alter, er selbst schätzte die Wahrheit. Und so entdeckte ich bald das Jahr 1890 als Clara Aischmanns – geschiedene Studer, verheiratete Lang, nom de plume: Claire Goll – Geburtsjahr. In manchen unbedingt notwendigen Dokumenten hatte Claire dann sorgfältig aus der Null eine Eins gezeichnet, denn Yvan war "erst" 1891 geboren worden, und sie wollte auf gar keinen Fall älter sein als ihr Mann. Ein weiteres Geheimnis war das ihrer Herkunft. Mit einschmeichelndem Augenaufschlag erzählte sie mir auf meine Frage nach ihrem Elternhaus, daß nicht Josef Aischmann ihr leiblicher Vater gewesen sei, sondern Paul von Solms-Laubach, Prinz zu Solms-Braunfels: "Von der Abstammung her bin ich also eine Mischung aus preußischem Adel und jüdischen Vorfahren", bekannte sie offen. Ich habe diese Geheimnisse stets respektiert. Ein wenig kam ich mir manchmal vor wie Bertolt Brechts Herr Keuner, der einmal einem Agenten diente: Dieser fragte ihn bei Dienstantritt: "Wollen Sie mir dienen?" Herr K. schwieg, umsorgte ihn, lebte mit ihm, pflegte ihn, bis er nach sieben Jahren starb, dann atmete er auf und sagte laut: NEIN!

Die Zahl von Claire Golls Testamenten läßt sich heute nicht mehr rekonstruieren. Das letztgültige stammte von September 1972 und barg einigen Sprengstoff. Der Kontakt mit dem Direktor und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Deutschen Literaturarchivs in Marbach war inzwischen herzlich und persönlich. Bei mehreren Besuchen dort begeisterte Claire ihre Zuhörer. 1971 feierte man in Marbach ihren achtzigsten [!] Geburtstag. 1973 wurde anläßlich der Einweihung des Archivneubaus auch ein besonderer "Yvan und Claire Goll-Raum"– oder, wie sie ihn nannte. "unser Goll-Saal" – mit Manuskripten, kostbaren Drucken, Büchern und Bildern eingerichtet. Beide Feiern gaben ihr Anlaß zu Reisen nach Baden-Württemberg, das sie insgeheim ein wenig verachtete, denn sie war doch eine waschechte Bayerin. Daß sie dann aber im Stuttgarter Neuen Schloß wohnen durfte, tröstete sie.

Parallel zu ihrer Verbindung mit Marbach hatte Claire auch engen Kontakt zur Bibliothèque Municipale von Saint-Dié, Yvan Golls Geburtsstadt. Deren Direktor, Dr. Albert Ronsin, kümmerte sich um sie und ihrer beider Werke. Die Stadt gab einer ihrer Straßen den Namen Yvan Golls, ein Kindergarten wurde nach Claire benannt – offensichtlich wußte man nicht, daß sie Kinder dieses Alters haßte, denn direkt gegenüber ihrer Wohnung in der Rue Vaneau befand sich ein ebensolcher Kindergarten, aus dem den ganzen Tag über pausenlos Geschrei zu ihr heraufdrang und sie nicht selten zur Flucht in die Stadt zwang. Dr. Ronsin und ich trafen uns ab und zu bei Claire. In der engen Wohnung breiteten sich gewisse atmosphärische Spannungen zwischen "Marbach" und "Saint-Dié" aus, doch das Testament war uns beiden noch unbekannt.

Seit 1975 litt Claire Goll an einer unheilbaren Krankheit. Tapfer durchstand sie Krankenhaus und Chemotherapie. Noch 1976 fuhr sie mehrmals wöchentlich mit dem Autobus zu heilenden Bädern nach Enghien bei Paris, obwohl sie sich dreimal täglich ein Taxi hätte leisten können. Mitte Mai 1977 hatte sie einen Unfall in ihrer Wohnung. Im Nachlaß fand ich ein Jahr später eine handschriftlichen Notiz, in der sie schrieb: "10. Mai 1977. Ich habe kaum die Kraft zu schreiben. Hatte einen schweren Unfall. Mittw. vor 14 Tagen kam der Hess. Rdf. einen Film von einer Woche zu drehen. Ich nahm um 9 ein Bad um 1 Uhr saß ich noch in der Wanne. Hatte nicht mehr die Kraft herauszusteigen, die Hebel [Griffe an der Badezimmerwand] sind zu hoch. Die 3 Kameraleute, mit denen ich durch das Bad u. die Treppe kommunizieren konnte, riefen die Feuerwehr. 10 Minuten später kamen 15 Feuerwehrleute – ich übertreibe nicht, 12 Polizisten u. 10 Ärzte u. retteten mich. Wäre das Fernsehen nicht da gewesen, hätte ich 24 Stunden weiter in der Wanne gelegen mit Lungenentzündung. Alles Gute Ihre Claire Goll. Tagelang fiel ich in Ohnmacht. Bin noch nicht erholt von dem Schock." Einen konkreten Adressaten für diese Notiz gibt es nicht. Sie klingt wie aus einem Drehbuch, es war die Wirklichkeit im Drehbuch der Claire Goll. Zwanzig Tage später, am 30. Mai 1977, starb Claire zuhause inmitten von Büchern, Bildern und liebgewordenen Andenken wie der kleinen Ikone, die Rilke ihr nach der ersten Liebesnacht im November 1918 geschenkt hatte – abgebildet in dem jüngst veröffentlichten Briefwechsel zwischen ihr und dem Dichter, Ich sehne mich sehr nach Deinen blauen Briefen, und Ivan Golls letzter Rose. Ihre kleine zierliche Pistole – abgebildet in ihrer beider Gedichtband Poèmes de Jalousie von 1926 – hatte sie stets griffbereit bei sich liegen. Sie starb, wie die BILD-Zeitung meldete, als "Rilkes Geliebte".

Von allen Nachrufen, mit denen sie bedacht wurde, hätten Claire die Worte ihrer langjährigen Concierge des Hauses in der Rue Vaneau am besten gefallen. Madame Fleury schrieb mir am 25. Juni 1977: "Sie war etwa sechs Monate lang sehr krank, aber bis zur Erschöpfung hart mit sich selbst, kam sie jeden Tag die achtundneunzig Stufen herunter. Das Haus ist leer geworden seit ihrem Tode. Gewiß war ihr das hohe Alter eine Bürde, aber sie hat ein glückliches Ende gehabt."

Mit der Beerdigung ihres für die Ewigkeit einbalsamierten zerbrechlichen Körpers im Ewigkeitsgrab bei Yvan Goll auf dem Père Lachaise gegenüber der Ruhestätte von Frédéric Chopin war Claires größter Wunsch in Erfüllung gegangen: Sie ruhte nun mit ihrem geliebten Yvan in einem Grab. Nicht Gaby Feydeau, nicht Paula Ludwig konnten ihr diesen Platz mehr streitig machen.Der Grabstein, gefertigt von Jean Longuet, einem Enkel von Karl Marx, trägt ein Bildnisrelief von Marc Chagall, das Yvan und Claire darstellt. Jahrelang hatte sie sich jede Flugreise versagt in der Furcht, bei einem möglichen Absturz diese Grabstätte nicht mehr zu erreichen. Im Jahre 1962 entstand ihr Gedicht "Unser Grabrelief":

Jede Mitternacht halt ich ans Herz
Deine rabenblaue Locke
Noch immer mit Starkstrom geladen
Trifft mich ihr elektrischer Schlag

Den Drosselpfiff mit dem du mich riefst
Übte ich mit Vogeljungen ein
Und als sie flügge waren
Riefst du mich durch sie aus allen Gärten

Im Film den ich von dir drehte
Huscht Orpheus’ Schatten über die Leinwand:
Von den Krümeln dieses Schattens
Von etwas Zelluloid nähre ich mich

Man glaubt mich lebend weil ich mich bewege
Und bin doch längst zu Bronze erstarrt
Mit dir vereint im Relief von Chagall
Über unsrem Doppelbett aus Stein

Kurz nach ihrem Tod wurden ihre Wohnungen im vierten und im fünften Stock des Hauses bis zur Eröffnung ihres Testaments versiegelt. Ich habe sie, als Vertreterin Marbachs, Anfang März 1978, also nach fast zehnmonatiger Versiegelung, zusammen mit Dr. Ronsin, mehreren Rechtsanwälten und den Vollstreckern ihres Testaments wieder betreten.

Das Chaos, die Verwüstung, die Luft waren fürchterlich und unbeschreiblich. Hier wurde gleichzeitig ihr letzter Wille klar: Nicht Marbach allein, sondern Marbach und Saint-Dié erbten ihren gesamten Besitz: Marbach alle Handschriften und Bücher in deutscher und englischer Sprache, Saint-Dié alles in französischer Sprache Vorhandene, dazu jeweils Bilder berühmter Malerfreunde, Fotos, Möbel, Kleidung. Innerhalb weniger Stunden gelang es den Testamentsvollstreckern, aus der Wohnung eine "chaotische Wirrnis" zu veranstalten, wie Professor Zeller es nannte, als er die Wohnung im August 1978 ein letztes Mal betrat. Bis zum November 1978 haben Dr. Ronsin und ich die Teilung der gesamten Habe nach dem Testament von September 1972 vorgenommen. Zusammen mit Dr. Jochen Meyer, dem heutigen Leiter der Handschriftenabteilung des Deutschen Literaturarchivs, und seinem Team brachten wir den "deutschen und englischen Teil" der beiden Nachlässe Ende November 1978 nach Marbach. Claire Golls Tochter verkaufte bald darauf beide Wohnungen. Ich habe sie nie wieder betreten.

Der Zufall wollte es, daß ich während eines Urlaubs bei Alice Zuckmayer in Saas-Fee – am 30. Mai 1977 einer Einladung folgend – das Château de Muzot, Rilkes letzte Wohnstätte hoch über dem Rhône-Tal, besichtigen durfte. Claire wußte davon und erwartete meinen Bericht. Die damalige Verwalterin des Schlößchens, Frau Greta Lauterburg, war eine Freundin der Sekretärin Carl Zuckmayers, die diesen Besuch vermittelt hatte. Ich schrieb noch am gleichen Nachmittag voll Begeisterung eine Ansichtskarte an Claire. Später fand ich sie im Nachlaß wieder. Als ich am Abend des gleichen Tages nach Saas-Fee zurückkehrte, berichtete Alice Zuckmayer mir von Claires Tod in Paris.

Seit dieser Zeit bin ich dem Werk Yvan und Claire Golls verpflichtet und darin verfangen. Die Vorwürfe, die die Literaturkritik Claire Goll wegen ihrer unprätentiösen Editionstechniken macht, waren mir lange bekannt, aber ich wollte mir keine Türen zuschlagen, bevor meine Arbeit beendet war. Vor allem mit der 1996 veröffentlichten vierbändigen Ausgabe der Lyrik Yvan Golls habe ich versucht, richtigzustellen, was noch möglich war. Manches Gedicht mußte ich auslassen: Es war einfach nicht von Yvan Goll, sondern von Claire Goll.

Diese Geschichte hat ein Nachspiel. Einen Traum.

Schon während ich die beiden Nachlässe der Golls in Paris katalogisierte, wie auch später bei der Edition ihrer Werke, gingen mir Claires Klagen über den Raub ihrer geistigen Habe durch die Gestapo nicht aus dem Sinn. Beweise dieses Raubes hatte ich im Pariser Archiv selbst geordnet, Yvan Golls Anträge auf Rückgabe der Bibliothek wie der Briefsammlung und mehrerer Manuskripte, die er 1947 an die Verwaltung der Alliierten in Paris und Berlin gestellt hatte, angesehen. 1998 ergaben sich erste Hinweise darauf, daß dieses Raubgut in einem Moskauer Archiv die Wirren des Krieges überlebt haben könnte.

Das ließ mir keine Ruhe. Ich wußte: Claire hätte sich sofort auf den Weg nach Moskau gemacht, um ihr Eigentum zurückzuholen. Aber: In welchem der vielen Moskauer Archive sollte ich suchen? Wer unterstützte mich bei solch einem Abenteuer mit äußerst ungewissem Ausgang? Vielleicht habe ich meine Absichten energisch genug vorgetragen, sicher hatte ich viele kompetente, hilfsbereite und äußerst freundliche Helfer: Wie in einem Traum betrat ich eines Morgens in der ersten Septemberwoche des Jahres 2000 das Russische Staatliche Militärarchiv in einer Seitenstraße der berühmt-berüchtigten Leningrader Chaussee an der Peripherie von Moskau, mußte meine Angst vor den mit aufgepflanztem Gewehr meinen Paß kontrollierenden jungen Soldaten überwinden, um in den Lesesaal zu gelangen. Dort erhielt ich alle vierzig vorhandenen Aktenordner – von Yvan und Claire Goll eigenhändig in den Jahren 1919 bis 1939 angelegt und gefüllt, vergilbte Papiere, verblaßte Tinte, – zur Einsicht. Vierzig Ordner, fünf Tage Zeit, von Montag bis Freitag. Gedichte, Briefe, Bankauszüge. Ich las, las und schrieb auf, katalogisierte wieder und hatte bisweilen das Gefühl, gleich würde sich die Tür des Lesesaals des Russischen Staatlichen Militärarchivs in Moskau öffnen und Claire würde eintreten, um mich zu ermahnen: "Ein bißchen könnten Sie ja noch arbeiten", wie sie es in Paris ab einundzwanzig Uhr oft getan hatte. Oder sie würde mir weiße Handschuhe für die Arbeit an den Originalbriefen bringen. Wenn ich das Moskauer Archiv am späten Nachmittag verließ, wußte ich nicht, wer müder war, die bisweilen mit immer noch aufgepflanztem Gewehr schlafenden Wachsoldaten, die keine Anstalten machten, mich zu kontrollieren, oder ich selbst. Ich wußte: Claire würde die Nächte durcharbeiten, um ihre Schätze wieder in Besitz zu nehmen. Mir gelang, was kaum jemand für möglich hielt. In diesen Wochen sind 4.500 Blatt kopierten geistigen Eigentums von Yvan und Claire Goll, geraubt 1940 in Paris, zwischengelagert bis 1945 in Deutschland, gerettet von der sowjetischen Trophäenkommission und aufbewahrt in Moskau seit 1949, auf dem Landweg von Moskau nach Marbach am Neckar. Um die Originale werden sich noch die deutsche und die französische Regierung zu kümmern haben. In diesem Sommer aber werde ich die Materialien in Marbach wiedersehen und, nach und nach, kontinuierlich veröffentlichen: Die Werke von Yvan und Claire Goll. Die Geschichte der wirklichen Claire hatte ein Nachspiel. Einen Traum.

Um noch einmal mit Bertolt Brecht zu sprechen: Gedenkt ihrer mit Nachsicht!


Diese persönlichen Erinnerungen an Claire Goll von Barbara Glauert-Hesse sind ein Auszug aus ihrer im Entstehen begriffenen Biographie über die Schriftstellerin. Sie wird 2002 im Wallstein Verlag, Göttingen, erscheinen.

Foto: Claire Goll 1969 in Paris. Aus: Barbara Glauert-Hesse, Yvan und Claire Goll, Bücher und Bilder. Mainz, 1973, Seite 91. Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Fondation Goll, Saint-Dié.


Bibliografie:

"Ich sehne mich sehr nach Deinen blauen Briefen". Rainer Maria Rilke - Claire Goll. Briefwechsel (1918-1925). Herausgegeben von Barbara Glauert-Hesse. Göttingen: Wallstein Verlag, 2000.

"Unser Grabrelief:" Aus: Ivan und Claire Goll, Die Antirose. Wiesbaden: Limes Verlag, 1967,S. 117.

Yvan Goll, Die Lyrik. (4 Bände). Herausgegeben von Barbara Glauert-Hesse. Berlin: Argon Verlag, 1996. Ab 1999: Göttingen: Wallstein Verlag.


Kleines Namensverzeichnis:

Aischmann, Josef (1852-1923), Vater von Claire Goll.

Celan, Paul (1920-1970), Dichter.

Feydeau, Gaby, Tochter von Georges Feydeau (1862-1921), französischer Dramatiker. Freundin von Yvan Goll.

Fini, Leonor (1918-1996), italienische Malerin. Freundin von Claire Goll.

Goll, Claire (1890-1977).

Goll, Yvan (1891-1950).

Ludwig, Paula (1900-1974), Lyrikerin, Freundin von Yvan Goll.

Malraux, André (1909-1976), französischer Schriftsteller und Kulturpolitiker. Er unterstützte Claire Goll nach dem Tod Yvan Golls.

Malraux, Clara, deutsch-französische Schriftstellerin, erste Frau von André Malraux.

Soupault, Ré (1901-1996), deutsch-französische Schriftstellerin, Übersetzerin und Fotografin, Frau des französischen Autors Philippe Soupault (1897-1990).

Triolet, Elsa (1896-1970), russisch-französische Schriftstellerin, Frau des französischen Schriftstellers Louis Aragon (1897-1980).


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