"Ein schreckliches Kind" von Petter Rosenlund (Hessisches Staatstheater Darmstadt) zu Gast in Marburg bei den 18. Hessischen Theatertagen (10. Juni 2001)

Das Irritierendste an diesem Theaterabend war für mich der lang anhaltende Beifall. Galt er den Schauspielern aus Darmstadt, die tatsächlich sehr professionell agierten? Oder der Inszenierung von Kerim Doosry? Oder nicht doch und vor allem auch dem Stück? Vermutlich: ja. Die Spaßgesellschaft sieht sich im Zerrspiegel – und klatscht begeistert.

                                                                                                    Ein schreckliches Kind4.jpg (39494 Byte)

Das Darmstädter Theater hat im Oktober 2000 als deutschsprachige Erstaufführung ein aktuelles Stück herausgebracht, das zuvor schon in Norwegen, Schweden und Frankreich für Furore gesorgt hat: "Ein schreckliches Kind" (uraufgeführt 1997) ist der dramatische Erstling des 1967 geborenen Petter Rosenlund, der von der Kritik schon in einem Atemzug mit seinem großen Landsmann Henrik Ibsen genannt wird. Aber wo der Realist Ibsen in psychologisch raffinierter Weise "Lebenslügen" aufdeckte, da ist bei Rosenlund alles schön postmodern, grell und schrill.

                                                                           Ein schreckliches Kind2.jpg (44505 Byte)

Das nicht allzu lange Stück (die Aufführung dauerte ca. 80 Minuten) spielt im Untersuchungszimmer eines Krankenhauses. Die Bühnenbildnerin Simone Manthey hat eine Art Außenaquarium mit niedrigen Einstiegsluken gebaut, so daß alle Auf- und Abtritte der Darsteller in gebückter Haltung erfolgen. Die Exposition ist atemberaubend – in ihrer Geschwindigkeit wie in ihrer Plattheit. Ein Arzt (Lutz Zeidler) und eine Krankenschwester (Iris Melamed) haben – natürlich ein Verhältnis. Henrik, der Arzt, kann sich aber nicht entscheiden, mehr daraus werden zu lassen. Periodisch klingelt sein Handy, und seine Angetraute verlangt Beteuerungen seiner Liebe. So kommt er nicht recht dazu, seine Triebe auszuleben. Außerdem sind Patienten da: eine Mutter (Silvia: Katharina Hofmann) mit ihrem achtjährigen Sohn Jim (Christian Wirmer). Der hört angeblich schlecht, aber die Untersuchung ergibt nichts. Dafür soll umgehend die Mutter des Kindes in die Psychiatrie eingewiesen werden, da sie – fälschlicherweise – ihren Vater für tot erklärt.

                                                Ein schreckliches Kind3.jpg (40026 Byte)

Der Zuschauer stutzt, aber es kommt schon nicht mehr darauf an. Der eben erwähnte Vater Oddvar (Klaus Ziemann) erscheint nun auch, ein Egomane und Sadist, der mit Stammtischweisheiten glänzt und mit seinem Neuen Testament herumwedelt. Daß er seine Tochter und seinen Enkel sexuell mißbraucht, wundert schon niemanden mehr. Das Durcheinander ist aber noch nicht komplett. Großvater und Enkel machen sich gleichermaßen an die frustrierte Krankenschwester Cecilie heran, die sich von ihrem Arzt – zu Recht – nicht geliebt fühlt. Der achtjährige Jim agiert z. T. eher wie ein Halbwüchsiger, macht sogar Heiratsanträge. Nun stellt sich obendrein auch noch heraus, daß Henrik, der Arzt, Jims Vater ist. Vor neun Jahren zeugte er mit Silvia den Jungen beim Bereitschaftsdienst. Großvater Oddvar wußte nichts davon und schlägt den Arzt krankenhausreif.

                     Ein schreckliches Kind.jpg (40703 Byte)                        

Zur Abwechslung überlegt nun Cecilie auch noch, sehr praktisch, ob sie nicht lesbisch sei, und Silvia ist diesem Gedanken keineswegs abgeneigt. Schließlich hat Jim irgendwo ein größeres Küchenmesser aufgetrieben und richtet nach und nach ein erhebliches Blutbad unter den "Erwachsenen" an.

Am Ende des Spektakels wächst der Knabe zum Poeten und gibt in träumerischer Weise zum besten, was ihm durch den überreifen Kopf geht: "Vielleicht bin ich verwöhnt. Vielleicht verlang ich zu viel. Ich, empfangen im Herbst unter einem Vollmond bei Überstunden irgendwo im Bereitschaftsdienst. Als ein Kind unserer Zeit, mit Eltern, die sich zurück nach ihren Eltern sehnen und die sich nie gewünscht haben, es zu sein."

Natürlich: Wo die Erwachsenen regredieren und zu infantilen, hechelnden Triebwesen verkommen, da mag ein Kind erwachsener empfinden als sie alle. Trotzdem: so viel Poesie nach so viel Groteske und Klamotte, das wollte einfach nicht mehr passen. Aber dem Publikum gefiel’s, ganz offensichtlich.

Rosenlund gibt vor, der Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten. Er bemüht dazu die Ästhetik der soap opera und anderer TV-Genres (Krankenschwesternserien, Sex-Shows usw.). Insofern passen sogar noch die videoclip-artigen Tanzeinlagen (zu alten Titeln der "Neuen Deutschen Welle) gut ins Bild. Die Spiegelungen des Narzißmus, die scheinbare Beliebigkeit sexueller Orientierung und Obsession, der maßlose Egoismus aller Beteiligten – all das wird effekthascherisch so sehr ins Spektakuläre gewendet, daß die Wiedererkennungseffekte zugleich groß und klein sind: Vieles kommt uns da bekannt und vertraut vor – aber aus der Fernsehwelt. Daß unsere Wirklichkeit diesseits der Mattscheibe aber so schlimm ist, das kann man doch wohl nicht sagen, oder? Ach, ja, und vielleicht ist das so beruhigend und darum der Beifall so herzhaft.

"Ein schreckliches Kind" ist ein reißerisches Stück, das deutlich die – immer noch offenen - sexuellen Wünsche anreizt. Es scheint mir aber sehr die Frage, ob tatsächlich Sex die geheime Triebfeder unserer egomanen Gesellschaft ist – oder nicht doch viel mehr das Geld.

Ein grelles Stück. Rosenlund präsentiert gar keine Menschen, geschweige denn Charaktere; er bietet nicht einmal Typen, sondern bloße Comicfiguren, die zufällig von Schauspielern verkörpert werden. Trotzdem – oder gerade deshalb – wird das Stück vermutlich einige Zeit seinen Weg über die Bühnen nehmen. Aber Theater kann mehr sein als Fernsehen und Comics. Und die offensichtlichen Schrecken, die sich grotesk übersteigert darstellen lassen, sind vielleicht noch nicht die schlimmsten.

Uwe Kühneweg

Diese Theaterkritik als Word-Dokument herunterladen