Am
Abgrund der Vergangenheit "Kindertransport" von Diane Samuels
(Hessisches Staatstheater Wiesbaden)
"Was vergangen ist, das ist nicht tot." Diese Beschwörungsformel findet sich gelegentlich in Todesanzeigen. Sie beschreibt aber auch die Nachwirkungen der Schrecken des 20. Jahrhunderts, deren langer Schatten noch immer über uns liegt.
Es gibt nicht viele deutsche Fremdwörter im englischen Wortschatz. Der Ausdruck "Kindertransport" gehört dazu, er bezeichnet das ebenso großherzige wie problematische Unternehmen zur Rettung von Kindern jüdischer Eltern aus Hitler-Deutschland, Österreich, der Tschechoslowakei und Polen, zu dem sich England im November 1938 durchgerungen hatte. Binnen weniger Wochen wurden hektische Vorbereitungen getroffen, Spendenaktionen durchgeführt, Pflegefamilien gesucht. Die Niederlande erklärten sich bereit, vorläufiges Asyl zu gewähren, die deutsche Regierung stimmte unter bestimmten Bedingungen zu. Mit der Vorbereitung in Deutschland wurde die "Reichsvertretung der Juden in Deutschland" beauftragt. Die Transporte begannen sehr rasch: Schon am 2. Dezember 1938 legte die erste Fähre mit einhundertsechsundneunzig Kindern in Harvich an.
Die Aktion "Kindertransport", die auch den Hintergrund von W. G. Sebalds Roman "Austerlitz" bildet, bewahrte knapp zehntausend Kinder vor dem Tod, sie endete mit dem Kriegsbeginn 1939. Der auf zahlreiche Interviews gestützte amerikanische Dokumentarfilm "Into The Arms Of Strangers Stories Of The Kindertransport" hat im Jahr 2000 die Aufmerksamkeit eines größeren Publikums auf diese denkwürdige Hilfsaktion und ihre Folgen gelenkt. Als eine gut registrierte, überschaubare Gruppe hatten die Überlebenden aus der damaligen Rettungsaktion schon zuvor auch das Interesse der Wissenschaft gefunden. Das Schicksal der "Kinder" und ihre weitere Geschichte weisen bleibende Spuren der Traumatisierung auf. Viele sahen ihre Eltern nie wieder, und selbst wenn Mutter oder Vater am Ende der Naziherrschaft zu den Überlebenden gehörten, kamen meist keine normalen Beziehungen mehr zustande. Unter den "Kindern" sind Depressionen und Beziehungsstörungen, Ängste aller Art, Ruhelosigkeit und Mißtrauen besonders häufig, Folgen eines traumatischen Identitätsverlustes. Hinzu kommt das "Schuldgefühl der Überlebenden" ("survivors guilt"): Ähnlich wie bei Menschen, die als "versteckte Kinder" unter falscher Identität der Vernichtungsmaschinerie der Nazis entgingen, wurde den "Kindern" der Rettungsaktion die eigene Trauer über das Erlittene nicht zugestanden, nicht von der Umwelt und nicht vom eigenen Gewissen. So ist es vermutlich nicht zufällig, daß die ersten Treffen der "Kinder" erst stattfanden, als die meisten Überlebenden der Konzentrationslager schon gestorben waren.

Das Theaterstück von Diane Samuels (geboren 1960 in Liverpool) erlebte seine Uraufführung 1993 in London. Eine Hörspielfassung (NDR, Regie: Ulrike Brinkmann) wurde im Dezember 1998 von der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste in Frankfurt am Main als "Hörspiel des Monats" ausgezeichnet. Nach Auskunft der Autorin stehen im Hintergrund des Stückes Begegnungen mit Töchtern von "Kindern". Eigene Recherchen ließen Diane Samuels dann immer tiefer in diese besondere Problematik eindringen, die sie in ihrem Stück exemplarisch verdichtet in der (fiktiven) Gestalt der Eva Schlesinger: Als Tochter wohlhabender Juden aus Hamburg wird sie neun Jahre alt mit einem der ersten Transporte nach England in die ferne Sicherheit geschickt, findet Aufnahme bei Lil Miller und ihrem Mann in Manchester. Die von den Eltern durch drängende Briefe forcierte Erwartung, auch für sie eine Arbeitserlaubnis und die Einreisegenehmigung zu erwirken, wird durch den Kriegsausbruch zerstört. Evas Vater stirbt im Konzentrationslager, ihre Mutter überlebt. Aber das Mädchen hat sich nach dem Krieg (auch unter dem Eindruck der Bilder aus den Konzentrationslagern) entschlossen, ihre Vergangenheit endgültig hinter sich zu lassen, sie läßt sich taufen und adoptieren und nimmt einen neuen Namen, sogar einen neuen Geburtstag an. Als sie später ihrer Mutter wiederbegegnet, ist die Beziehung zerbrochen, eine Wiederanknüpfung nicht mehr möglich. All dies trägt Eva, die nun Evelyn heißt, seit Jahrzehnten mit sich herum. Sie wird von der Vergangenheit erst eingeholt, als ihre eigene Tochter Faith bei der Vorbereitung ihres Auszuges von zu Hause in alten Kisten herumstöbert und auf die Spur der Geschichte ihrer Mutter kommt.
Die Bühne zeigt einen Dachboden in Manchester, irgendwann in den siebziger oder achtziger Jahren. Aber die Bodenkammer mit ihren Kisten voller unbewältigter Lebensgeschichte eröffnet in fließenden Übergängen Räume der Erinnerung. Das Mädchen Eva und die erwachsene Evelyn erscheinen häufig gleichzeitig auf der Bühne, ihre Pflegemutter Lil überbrückt durch Ablegen oder Anziehen eines Mantels Jahrzehnte, die Simultanbühne, auf der agiert wird, ist selbst Sinnbild der Struktur unserer Seele, für die Vergangenheit nie wirklich vergangen ist, allenfalls verdrängt und weggepackt.
"Kindertransport" ist ein gut gemachtes, dichtes und sehr eindringliches Theaterstück. An der von Daniel Karasek besorgten Wiesbadener Inszenierung imponieren die Geschlossenheit und der Ernst. Die schauspielerischen Leistungen des kleinen Ensembles sind gut, teilweise herausragend. Hier ist allen voran Claudia Kraus als Mädchen Eva (von neun bis siebzehn Jahren) zu nennen. Ihre Darstellung der kindlichen Träume, Hoffnungen und Verzweiflungen, des Ringens um Heimat und Identität, des Hin-und-Her-Gerissenseins zwischen ihrer fernen Mutter Helga (Evelyn M. Faber) und der Pflegemutter Lil (Rosemarie Schubert), zwischen Deutschland und England, Judentum und Nicht-Judentum, ist ergreifend, gleitet aber nie ab in Sentimentalität.

Die erwachsene Eva, die nun Evelyn heißt (Penny Sibylle Michael), lebt unter dem Schatten, der sich symbolisch verdichtet in der Figur des Rattenfängers, der die Kinder holt: Evas Lieblingsbuch war eine schauerlich bebilderte Fassung dieser Geschichte. Die Mutter hatte es ihr aus Deutschland später noch nachgeschickt. Nun, Jahrzehnte später, ist es das einzige deutschsprachige Buch, das sie besitzt und das sie noch an ihre Geschichte erinnert, wie eine Pessach-Haggadah das einzige hebräische Buch auf ihrem Dachboden ist, letzte Spuren einer vermeintlich längst getilgten Vergangenheit. Evelyn reagiert auf die Nachfragen ihrer Tochter Faith (Cornelia Windmüller) mit Abwehr und Angst, die in wütende Aggression umschlägt, sie versucht zeitweise, auch noch die letzten Spuren ihres früheren Lebens zu tilgen, aber sie kann und wird sich und ihrer Geschichte nicht entrinnen.

"Die Vergangenheit ist ein Abgrund." So sagt es Evelyn zu Faith. Der Gedanke, Vergangenheit und Unrecht, Terror und Traumata könnten "aufgearbeitet" werden, hat etwas Obszönes an sich. Den Opfern wird eine "Aufarbeitung" nicht gelingen, niemals, sie reichen die Aufgabe weiter an die nächste Generation. Ob das Wachhalten der Erinnerung wirklich der Anfang der Erlösung sein kann, können wir nicht wissen. Ein intensiver Theaterabend wie dieser ist Arbeit gegen das Vergessen, nicht mehr, aber immerhin das.
Oder ist die Zeit schon darüber hingegangen? Beim Marburger Gastspiel anläßlich der 18. Hessischen Theatertage fanden sich keine drei Dutzend Zuschauer ein. Ihr Applaus war um so herzlicher.
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