Marburger Forum Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 2 (2001), Heft 4
Maurits Verzele: Der sanfte Tod. Suizidmethoden und Sterbehilfe, übersetzt aus dem Französischen von Carina Nekolny, Promedia Druck- und Verlagsgesellschaft, Wien, 2. unveränderte Auflage 2001, 128 Seiten, ISBN 3-900478-96-1, 19,80 DM
Verzele, 1923 in De Panne in Belgien geboren, ist emeritierter Professor der Universität Gent und hat mehr als 40 Jahre in einem organisch-chemischen Labor, zuletzt als dessen Vorstand, gearbeitet. Sein kleines Buch enthält im Hauptteil: "Wie begeht man Suizid?", eine Darstellung der unterschiedlichen Methoden, sich selbst das Leben zu nehmen. Man ist zunächst über die Unbefangenheit im Umgang mit dieser Materie überrascht, vielleicht gar befremdet - dann jedoch spürt man die zutiefst humane Absicht des Autors. Leon Favyts, Präsident der Vereinigung "Recht of Waardig Sterven", der ein kleines Vorwort beigesteuert hat, spricht zu Recht davon, dass Verzele "uns die notwendigen Fakten zur Beendigung des eigenen Lebens mit Klarheit und einer gewissen humoristischen Note" präsentiere (S. 7). Ich gebe einige Beispiele; so lautet etwa das Fazit des Abschnitts 5. "Sich zu Tode stürzen": " Der Sprung in den Abgrund ist eine gängige Suizidmethode. Unglücklicherweise führt so ein Sprung in vielen Fällen nicht zum Tod, sondern zu einem Leben im Rollstuhl. Aus dem ersten Stock zu springen, ist nicht ratsam" (S. 64), und im Abschnitt 9 "Kälte" lesen wir: "Legen Sie sich aber bitte nicht in einer eiskalten Nacht irgendwo auf die Böschung der Eisenbahn; der Lausbub, der Sie findet, bekommt sonst Alpträume" (S. 67).
Diese Warnung wird in variierter Form mehrfach wiederholt und spiegelt zweierlei, zum einen die Überzeugung Verzeles, dass wir "einer Gemeinschaft" angehören, "die in jeden von uns investiert hat und daher Rechte an uns geltend machen kann" (S. 27), es also auch so etwas wie eine Verpflichtung des Suizidanten gibt, die Folgen seiner Tat für die Zurückbleibenden zu bedenken, zum andern die Hoffnung, dass eine selbstverständlicher werdende Anerkennung des Rechts auf den eigenen Tod die Einstellung der Menschen auch zum Leben verändert. Wenn nämlich die Entscheidung zu sterben im Prinzip jedem Einzelnen zugebilligt wird, kann er sie, jedenfalls in manchen Fällen, gleichsam offener treffen, also auch die über das eigene Ende hinausreichenden Konsequenzen bedenken.

Sonst jedoch geht Verzele durchaus von der gegenwärtigen Situation aus. Weil in Belgien, wie in Deutschland, die aktive Sterbehilfe verboten ist und wohl auch aus persönlichen Gründen, hat er sich dafür entschieden, "niemanden zu involvieren, auch nicht den Arzt. Wenn der Augenblick des Suizids angezeigt ist, müssen wir es selbst machen" (S. 39). Am Schluss des Buches bekräftigt er noch einmal: "Aber der Tod im Bett, umgeben von in Tränen aufgelösten Angehörigen, die mir die Hand halten und mir sanft zureden, die sich über mein Schicksal Sorgen machen, mit einem mitfühlenden Arzt ... eine solche Szene gefällt mir überhaupt nicht. Ich will bei meinem Suizid allein sein" (S. 121).
Wer darf aber, nach Verzele, sein Leben selbst beenden? "Wenn Sie gesund sind, haben Sie im Prinzip kein Recht, sich zu töten", und: "Depression ist kein ausreichender Grund für einen Suizid. Nur der unheilbar Kranke hat das Recht dazu" (S. 122). Das klingt recht absolut. Wenn man jedoch das ganze Buch gelesen hat, weiß man, wie das "im Prinzip" des zuerst zitierten Satzes zu verstehen ist. In der "Einführung" lesen wir: "Die ersten Kapitel eröffnen die Debatte über die Umstände, unter denen Suizid zu rechtfertigen ist. Unnötig anzuführen, dass alles Gesagte vollkommen persönlich gemeint ist" (S. 12). Gerade weil Verzele also seine eigene Anschauung ausdrückt, der er nie Gesetzescharakter verleihen würde, darf er rigoros formulieren: "Es ist kriminell, um Hilfe zum Suizid zu bitten. Feig. Man hat nicht einmal das Recht, einen Arzt darum zu fragen" (S. 17). Im Kapitel "Sterbehilfe oder Euthanasie" aber berichtet er von einem holländischen Psychiater, der "einer relativ jungen und physisch gesunden, jedoch extrem verzweifelten Frau (in den Fünfzigern) zum Tod" verhalf (S. 35f). Ein Gericht habe den Arzt letztlich freigesprochen. Die Frau litt an Depressionen, und da Verzele diese Krankheit für heilbar, jedenfalls meist für "vorübergehend" (ebda.) hält, äußert er auch hier seine Meinung: "Ein junger und physisch gesunder Mensch hat kein Recht auf Suizid", fährt dann aber fort: "Das glaube ich persönlich, es heißt aber noch lange nicht, dass ich den Psychiater für die Tat verurteile. Sofern es nicht unter Zwang geschieht, sofern alle Betroffenen einverstanden sind, scheint es mehr als seltsam, eine Verurteilung zu befürworten. Jeder soll sich so gut wie möglich nach eigenem Ermessen zu helfen wissen. Warum sich um jeden Preis in das Leben anderer einmischen? Jeder Fall ist unabhängig von anderen zu beurteilen und zu respektieren" (S. 36).
Ich kann nicht umhin, diese Äußerungen, bei aller Direktheit, ja Naivität, geradezu als ein demokratisches Muster des Umgangs mit dieser Problematik anzusehen. Kämen wir doch nur endlich dahin, auch und gerade in diesem Bereich für unsere ethischen Überzeugungen und politischen Meinungen nicht immer den juristischen Status der Einklagbarkeit zu fordern! Ich kann meine Ansicht eben dann allgemein formulieren, wenn ich Sie wohl mit Bestimmtheit vertreten, aber niemandem vorschreiben will. Aber gerade die Vertreter der Palliativ-Medizin sprechen sich beinahe noch dogmatischer als andere Ärzte dagegen aus, dass in Deutschland, wie in Holland oder der Schweiz, die aktive Sterbehilfe straffrei bleibt. Für Verzele hingegen ist es keine Frage: "Wenn Sie aber nicht das geringste Verlangen haben, hierzubleiben" (auch nicht in der speziell betreuten Abteilung für Sterbende einer Klinik oder in einem Hospiz), " tage-, wochen-, vielleicht monatelang bettlägrig zu sein, gequält von Schmerzen, um das unabwendbare Ende zu erwarten, haben Sie das Recht zu sterben. In diesem Fall ist es kriminell, jemanden gegen seinen Willen am Leben zu erhalten" (S. 47).
Verzele schildert, um seine Ansicht zu erläutern, den Fall eines Hundertjährigen, dessen Geburtstag in einem Heim im Beisein der Familie gefeiert wird. Man hält eine Dankesmesse ab, die Presse ist zugegen - "Der Mann jedoch erklärte in den seltenen klaren Momenten, die ihm geblieben waren, er würde es vorziehen zu sterben und verweigerte jegliche Nahrungsaufnahme (...). Erschöpfung und Apathie standen ihm ins Gesicht und in seinen hoffnungslosen Blick geschrieben. Man hielt ihn durch Sonden künstlich am Leben. Seine Familie, in festlicher Stimmung um seinen Sessel versammelt, fragte sich nicht einmal nach dem ungeheuerlichen Aspekt dieser Situation. Das geschah 1993!" (ebda.)
Verzele hat Recht: das Verhalten der Familienangehörigen und der Ärzte, wie des die Messe zelebrierenden Priesters ist kriminell. Nur ist diese Kriminalität gesellschaftlich-juristisch gefordert und dokumentiert den üblichen Umgang mit Todkranken. Dagegen wäre es "wünschenswert, dass verzweifelte Menschen die Wahl hätten, dass die verschiedenen Möglichkeiten palliative Versorgung, Sterbehilfe und Suizid als gleichwertig anerkannt, möglich und zugänglich gemacht würden" (S. 31).
Dies ist sicherlich einer der wichtigsten Sätze des Buches. Welch einen ungeheuren Fortschritt zu mehr Demokratie, also zu einer nachmodernen Ethik nicht der Pflichten und Verbote, sondern der Enttabuisierung und des Tolerierens unterschiedlicher Haltungen, bedeutete es, wenn den drei genannten Bereichen tatsächlich das gleiche Existenzrecht zugebilligte würde. So hätte das Gegengewicht gegen die niemals zu besiegende Angst vor Leiden und Tod immerhin eine größere Chance. "Das Leben ist schön, besonders wenn man weiß, wie man problemlos und ohne Schmerzen ein Ende machen kann" (S. 122), lautet der letzte Satz des Buches. Vorher jedoch lässt uns der Autor nicht im unklaren, welche Suizidmethode er wählen würde: " Wenn meine Stunde schlägt und Suizid angebracht erscheint, werde ich Rohypnol (100 Milligramm) mit Barbituraten (6 bis 7 Gramm) nehmen und dazu ein paar Gläser Gin trinken. Die Flasche werde ich mit ins Bett nehmen. Meiner Vorstellung nach werde ich allein sein. Vorher gehe ich noch auf die Toilette, um diejenigen, die mich finden, nicht unnötig zu inkommodieren; ich werde dafür sorgen, dass mich in den nächsten 12 bis 24 Stunden niemand braucht, damit ich nicht zu früh entdeckt werden. Werde ich es überhaupt tun können? Ich glaube schon, ganz sicher bin ich mir jedoch nicht" (S. 121f).
Diese Sätze haben nur einen Anflug von Trauer. Die in ihnen ausgedrückte Einsamkeit ist gerade nicht tragisch. Sie beinhaltet eher einen Hinweis: das Leben, scheint sie zu sagen, ist eine durch und durch vergängliche Sache - nimm es, also auch sein Ende, möglichst in die eigenen Hände.