Marburger Forum Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 2 (2001), Heft 4
Ein imaginäres Gespräch zwischen Annette von Droste-Hülshoff und Sören Aabye Kierkegaard über Verzweiflung
Das Spiegelbild
von Annette von Droste-Hülshoff
Schaust du
mich an aus dem Kristall,
Mit deiner Augen Nebelball,
Kometen gleich die im Verbleichen;
Mit Zügen, worin wunderlich
Zwei Seelen wie Spione sich
Umschleichen, ja, dann flüstre ich:
Phantom, du bist nicht meines Gleichen!
Bist nur
entschlüpft der Träume Hut,
Zu eisen mir das warme Blut,
Die dunkle Locke mir zu blassen;
Und dennoch, dämmerndes Gesicht,
Drin seltsam spielt ein Doppellicht,
Trätest du vor, ich weiß es nicht,
Würd' ich dich lieben oder hassen?
Zu deiner
Stirne Herrscherthron,
Wo die Gedanken leisten Fron
Wie Knechte, würd' ich schüchtern blicken;
Doch von des Auges kaltem Glast,
Voll toten Lichts, gebrochen fast,
Gespenstig, würd', ein scheuer Gast,
Weit, weit ich meinen Schemel rücken.
Und was den
Mund umspielt so lind,
So weich und hülflos wie ein Kind,
Das möcht' in treue Hut ich bergen;
Und wieder, wenn er höhnend spielt,
Wie von gespanntem Bogen zielt,
Wenn leis' es durch die Züge wühlt,
Dann möcht' ich fliehen wie vor Schergen.
Es ist
gewiß, du bist nicht ich,
Ein fremdes Dasein, dem ich mich
Wie Moses nahe, unbeschuhet,
Voll Kräfte die mir nicht bewußt,
Voll fremden Leides, fremder Lust;
Gnade mir Gott, wenn in der Brust
Mir schlummernd deine Seele ruhet!
Und dennoch
fühl' ich, wie verwandt,
Zu deinen Schauern mich gebannt,
Und Liebe muß der Furcht sich einen.
Ja, trätest aus Kristalles Rund,
Phantom, du lebend auf den Grund,
Nur leise zittern würd' ich, und
Mich dünkt - ich würde um dich weinen!
(Entstanden Ende Januar 1842)

Gegenseitig gelesen haben sie sich nie; und doch könnte man meinen, sie hätten sich gegenseitig kommentiert: Annette von Droste-Hülshoff (1797 - 1848) Sören Aabye Kierkegaards (1813 - 1855) "Die Krankheit zum Tode" mit ihrem Gedicht "Das Spiegelbild" (entstanden 1841/42, erschienen 1844) lyrisch, Kierkegaard das Gedicht der Droste in seiner Schrift ´erbaulich´. "Dies nämlich ist die Formel, die den Zustand des Selbst beschreibt, wenn die Verzweiflung vollkommen getilgt ist: Indem es sich zu sich selbst verhält und indem es es selbst sein will, gründet das Selbst durchsichtig in jener Macht, die es setzte."
Welch einen mühevollen, grauenhaften Weg muss das Ich im Gedicht gehen, durchleiden; wie verzweifelt wehrt es sich zunächst - "Phantom, du bist nicht meines Gleichen!" und nochmals - Kierkegaard würde das ´trotzig´ nennen - : "Es ist gewiß, du bist nicht Ich"! - ,bis es diesem "Zustand" sich ´nahet´, in welchem "es es selbst sein will" - und will es das wirklich am Ende?
Dieses Selbst, könnte Kierkegaard zweifelnd anmerken, wie es in der letzten Strophe sich ´zu sich selbst verhalte´, ´gründe´ nicht "in jener Macht, die es setzte", genüge nicht seiner philosophischen "Formel". Diese philosophische ´Formel´, könnte die Droste entgegnen, werde der in der Kunst ihres Gedichtes bis zur Selbstentblößung getriebenen ´Durchsichtigkeit´ des Ich nicht gerecht. Dieses Ich habe die zweite Form seiner, Kierkegaards, Verzweiflung, nämlich "verzweifelt nicht man selbst sein wollen", bis auf den Grund der ´nicht bewussten´ Existenz durchlebt, durchschritten, durchlitten; es sei vom ´Entweder Oder´ des "lieben oder hassen" in der zweiten zur ´Synthese´ von ´Liebe und Furcht´ in der letzten Strophe gelangt; es habe in der letzten Strophe - demütig, konjunktivisch ("träte...würd...würde"), mehr sei nicht menschenmöglich, das müsse er, Kierkegaard, als Philosoph wissen - sich selbst angenommen, und in solch konjunktivischem Sprechen sei in ihrer Kunst die Verzweiflung aufgehoben und - ohne dass explizit davon die Rede sei - "dennoch" jene ´Macht´, die das Ich ´setze´, anerkannt. Nicht zufällig ´nahe´ sich das Ich seinem Spiegelbild ´wie Moses...unbeschuhet´.
An Radikalität des ´Zweifelns´ und der gläubigen Hingabe steht die Droste Kierkegaard nicht nach. Im Gedicht "Am Fünf und zwanzigsten Sonntage nach Pfingsten" in ihrem Zyklus "Geistliches Jahr" (dieses Gedicht entstand wohl 1840) heißt es:
"Unglaub´
ist Sünde! Aber mehr:
Sünd´ ist Unglaube, sie allein
Mag aller Zweifel frostgem Heer
Der stärkste Bundsgenosse sein.
O wär ich tugendhaft: dann ließ
Nicht einsam mich die Finsternis."
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