Marburger Forum    Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 2 (2001), Heft 4


Lorenzo Ravagli: Meditationsphilosophie. Untersuchungen zum Verhältnis von Philosophie und Anthroposophie, 2. Auflage München: Trithemius Verlag 2000  392 S.  DM 58,-  ISBN 3-929606-11-9

von Roland Benedikter (Bozen)

Die Meditationsphilosophie des Münchner Philosophen Lorenzo Ravagli ist vor etwas mehr als einem Jahr in zweiter Auflage verbessert und mit neuem Vorwort erschienen. Die Rezeption in fachphilosophischen Kreisen beginnt aber erst heute. Es hat seine Gründe, daß sich das Interesse an diesem Werk zwar langsam, aber stetig steigert. Die Meditationsphilosophie ist ein in vielerlei Hinsicht spannendes und vor allem herausforderndes Werk. Herausfordernd für die akademische Philosophie der Gegenwart, aber herausfordernd auch für den Leser.

Schon der Titel weist darauf hin, daß es sich hier um ein außergewöhnliches Buch handelt. Außergewöhnlich ist sowohl die Andersheit der Anregung - wie auch der Mut des Autors, in empirische Tiefen der individuellen philosophischen Erfahrung hinabzusteigen und diese konsequent für den Versuch einer Neubegründung der Philosophie als zeitgemäßer „Substanzwissenschaft" zu nutzen. Die Frage lautet: Wohin muß sich die Philosophie in einer Zeit, in der ihr von verschiedenen Seiten ein oberflächlich-intellektualistisch bleibendes Worte-Denken, ein nachhaltiger Verlust des Bezugs zum Begriff des Geistes, aber auch eine diskursive Hilflosigkeit gegenüber den realen Themen der Zeit vorgeworfen wird, bewegen, wenn sie wieder von Belang für das geistige Geschehen der Zeit sein will?

Ravagli geht es in seiner Antwort auf diese Fragen um keine Philosophie der Meditation. Sondern es geht ihm um die methodische Selbstüberschreitung der gewöhnlich verstandeshaft und diskursiv verfaßten philosophischen Reflexion der Gegenwart zu einer meditierenden Philosophie. Die Gegenwartsphilosophie stößt von sich aus in verschiedensten Manifestationen an die Schwelle dieses Übergangs - so etwa in den Begriffen des „Ereignisses" oder des „Erhabenen" Lyotards oder in der Rede vom „weißen Raum des Menschen" Foucaults.

Aber der unterbewußt immer wieder angepeilte Schwellenübertritt hin zu einer „anderen" Denkerfahrung der Wirklichkeit des Ideellen wird von der Postmoderne entweder nur negativ - in Aussparungen - vollzogen oder - aus Angst vor einer möglichen neuen Manipulation des eben genau auf der Schwelle des Übergangs sich aufhaltenden „substantiell" Menschlichen - als solcher nicht positiv und vor allem nicht methodisch genauer in den Blick genommen. Dabei würde gerade heute Philosophie durch systematische Schulung bestimmter geistiger Fähigkeiten, die in jedem Menschen schlummern, dazu fähig werden, die höheren Bewußtseinszustände der Imagination, der Inspiration und der Intuition systematisch zugänglich zu machen, in actu über sich selbst aufzuklären, bewußt in das allgemeinmenschliche Erkenntnisbemühen einzugliedern und damit auf methodische Weise eine tiefer zugrundeliegende Wirklichkeit der geistigen Verfaßtheit der Welt zu erschließen. Die Philosophie der Gegenwart wäre jedenfalls ihrer ganzen phänomenalen Grundtendenz nach für diesen Qualitätssprung prädestiniert.

Dieser Grundtendenz folgend, sucht das Buch den konsequenten und zugleich der Zeit angemessenen Durchbruch des philosophischen Denkens zur einer höheren Bewußtseinshaltung, die, so der Autor, mit einer „Erweiterung des Bewußtseins" einhergeht. Denn „eine wirkliche Moderne muß sich der Notwendigkeit der Bewußtseinserweiterung stellen. Die Frage der Erweiterung des menschlichen Bewußtseins ist die Entscheidungsfrage des neuen Jahrtausends."

In diesem Sinn versucht die Meditationsphilosophie zu zeigen, „daß Philosophie, wenn sie sich selbst ernst nimmt, zur Selbsttranszendierung des philosophierenden Bewußtseins führen muß. Die Philosophie ist ein Weg zur Initiation, fern von New-Age, Guruismus und bewusstseinsverdunkelnder Ekstatik. Insbesondere der bis in die Gegenwart lebendige Platonismus hat das Wissen von der initiatorischen Aufgabe der Philosophie seit ihrem Ursprung lebendig erhalten."

Die höhere Form der Philosophie, die der Neoplatonismus der Gegenwart sein will, nennt Ravagli in Fortbildung und zugleich Überwindung der traditionellen Schulphilosophie „Anthroposophie". Diese überwindet die Grenzen des herkömmlichen Philosophierens und führt systematisch und transparent zur geordneten geistigen Erfahrung.

Um diese „andere" Form der Philosophie methodisch und inhaltlich genauer zu umreißen, greift Ravagli auf das Frühwerk des österreichischen Philosophen, Goethe-Forschers und Sozialreformers Rudolf Steiner (1861-1925) zurück. Steiner hat 1894 im Alter von 33 Jahren sein philosophisches Hauptwerk „Die Philosophie der Freiheit" erscheinen lassen. „In seiner Philosophie der Freiheit hat Rudolf Steiner den Initiationsweg des philosophischen Denkens paradigmatisch für die Moderne dargestellt. Er steht damit als Philosoph in der Tradition eines lebendigen Platonismus", so Ravagli.

Vom „weiten Horizont des Platonismus" ausgehend, entwirft Ravagli nun in Anknüpfung an Steiner eine ebenso anregende wie originelle Auseinandersetzung mit „Wegen und Irrwegen der Moderne", wozu für ihn auch die „Postmoderne" gehört. Dies geschieht nicht im luftleeren Raum, sondern im Rahmen eines Gesamtbildes der abendländischen Philosophie, das den vollständigen Bogen vom mythischen Zeitalter des Denkens über Aristoteles und Platon, den Realismus-Nominalismus-Streit der Scholastik und den deutschen Idealismus bis in die Gegenwart hinein spannt.

Das Zentrum des Buches bildet dann Ravaglis Interpretation von „Rudolf Steiners Abriß einer fundamentalontologischen Erkenntniswissenschaft". Diese wird als neuer, zeitgemäßer Ideenrealismus für die Gegenwart gedeutet. Ravagli weist dabei darauf hin, daß Rudolf Steiner als Philosoph (bis etwa zur Jahrhundertwende) aufgrund seiner folgenden sozialreformerischen und esoterischen Tätigkeit zu Unrecht verdrängt wird. Man mag von seiner Periode ab etwa 1900 halten, was man mag: die Philosophie des jungen Steiner war vermutlich neben der Nietzsches (über den Steiner übrigens das erste Buch schrieb) die zukunftsweisendste ihrer Zeit. Ihr wohne, so Ravagli, aufgrund ihrer Emphase von Individualität und Freiheit gerade unter den heutigen „postmodernen" Bedingungen eine besondere Aktualität inne, weil sie zum Einstieg in andere, „höhere" und zugleich erlebbare Dimensionen auch noch des zeitgenössischen Denk- und Wirklichkeitserlebens verhilft.

Zweifellos kann man die Skepsis vieler Zeitgenossen gegenüber dem Werk Rudolf Steiners in mancherlei Hinsicht gut verstehen. Ravaglis Interesse auf dem Weg zu einer neuen „rationalen Mystik" für die Postmoderne gilt nicht so sehr dem „Seher", als der Steiner später mancherorts stilisiert wurde, sondern dem Denker, der mehrere eindrucksvolle Werke zu einer Goetheanistischen Erkenntnistheorie und ein Werk über Goethes Weltanschauung, aber auch eine außerordentlich wirkungsreiche Kritik Kants schrieb (in seinem Buch „Die Rätsel der Philosophie"). Ravagli sieht in Steiner daher einen in vielen Aspekten wichtigen Bezugspunkt, was die Selbstüberprüfung auch noch der gegenwärtigen akademischen Philosophie und die „Metamorphose des erkennenden Bewußtseins" betrifft. Die filigrane erkenntniswissenschaftliche Auseinandersetzung mit Steiner eröffnet für Ravagli „Wege zur Befreiung des Geistes".

Ravagli trifft mit seiner Meditationsphilosophie - und mit der schon durch ihr bloßes Erscheinen geäußerten Kritik am gegenwärtigen akademischen Philosophiebetrieb - einen wichtigen Nerv des Zeitempfindens. Er nimmt vor allem die Empfindung all jener auf, die mit der herkömmlichen Philosophie und ihren Nominalismen unzufrieden sind. Ihnen sei dieses Buch empfohlen – aber auch all jenen, die eine begründete Alternative zur herkömmlichen Schulphilosophie in „postmodern" erweiterter neoplatonischer Perspektive suchen, und die dabei an Wegen der Weiterentwicklung der eigenen Voraussetzungen interessiert sind. Ob man sich nun positiv oder negativ zu Ravaglis Herausforderung stellt - die Diskussion ist jedenfalls eröffnet.

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