Marburger Forum Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 2 (2001), Heft 4
Die Mitte als Experiment
Peter Sloterdijk über Europa
Zugleich ein Beitrag zum Verständnis der Postmoderne"
Er war sichtlich gut aufgelegt und um ironische Lockerheit bemüht. Der Philosoph Peter Sloterdijk präsentierte am 16. August auf dem Internationalen Forum Alpach in Tirol seine von der Öffentlichkeit mit Spannung erwarteten neuen Ideen zu Europa. Bereits 1989 hatte Sloterdijk mit einem vieldiskutierten Buch über Eurotaoismus" für Furore gesorgt. Sloterdijk wurde in den vergangenen Jahren vor allem für seine Vorschläge zur Zusammenarbeit zwischen Geisteswissenschaften und Biotechnologien, aber auch zur Zukunft der Philosophie bekannt. Das humanistische Denken soll seiner Meinung nach im 21. Jahrhundert die Rolle eines öffentlichen Provokateurs übernehmen, um die gesellschaftliche Urteilskraft immer wieder zu regenerieren und so zu einer Art Hebamme der Vernunft im Medienzeitalter zu werden. Von seinem neuen großen Projekt, den auf drei Bände angelegten Sphären", sind bisher die beiden ersten, Blasen" und Globen", erschienen. Wie in vorangegangenen Werken zeigt Sloterdijk hier erneut wenig Berührungsängste mit unkonventionellen, zum Teil auch esoterischen Themen. Während in Blasen" öffentliche Kräftefelder, Gewißheiten eines begleiteten Raums, neu zu entdecken sind: Urbegleiter, Genien, Engel und Erzengel - eine existenzielle Topographie des Subjekts und seiner Begleiter, von Örtern, die wir vergessen hatten" (1), werden in Globen" darauf aufbauend europäische Themen in zum Teil metaphorischer Form angeschnitten.
Die ambivalent werdende Sonne
Um die Gedanken Sloterdijks über Europa in ihren Voraussetzungen und auch in ihren zum Teil unsichtbaren Zielpunkten besser verdeutlichen zu können, scheint es mir sinnvoll, zunächst kurz die Sichtweise der heute im Vordergrund stehenden Gemüts- und Geistesverfassung, der Postmoderne", auf Europa und seine geistige Gestalt zu skizzieren. Worum geht es der Postmoderne, wenn sie an Europa denkt? Was wird sichtbar, wenn sie von ihrem Standpunkt aus den Blick auf die substantielle Kontur, auf das Wesenhafte hinter den Erscheinungen der europäischen Geschichte und Gegenwart richtet?
In der Geschichte Europas gab es, so erscheint es der heutigen europäischen Geistesverfassung, stets eine klare Unterscheidung zwischen Licht und Finsternis, zwischen Sonne und Schatten. Es gab eine Dialektik der Oppositionen. Es gab eine klare Unterscheidung zwischen Gut und Böse, zwischen Positiv und Negativ, zwischen Fortschritt und Rückschritt. Es gab eine epochale Polarität, eine nicht nur die Richtung weisende, sondern universal gesetzte Dialektik zwischen Richtig und Falsch.
Diese Dialektik und die mit ihr verbundene Grundhaltung prägte die geistige Gestalt Europas über einen langen Zeitraum. Auf ihrer Grundlage konnte es für den traditionellen europäischen Geist bis ins 20. Jahrhundert herauf eine allgemeinverbindliche Ethik mit ganzheitlichem Anspruch geben. Denn angesichts der Teilung des Weltengrundes und alles aus ihm hervorgehenden Seins in Licht und Finsternis war man darum bemüht, dem Licht zuzuarbeiten. Man war vor allem darum bemüht, das Klare und Eindeutige des Sonnenhaften zu fördern, an ihm teilzuhaben. Deshalb war man auch vorrangig an ethischer Eindeutigkeit der Urteilsbildung interessiert.
Das Erkenntnisbemühen tendierte folgerichtig auf möglichst eindeutige Zuordnung jedes einzelnen Phänomens zu gut oder böse, zu positiv oder negativ, zu richtig oder falsch. Denn es konnte ja innerhalb der Wirklichkeit der Licht-Finsternis-Polarität und der an sie anschließenden ganzheitlichen Ethik im wesentlichen klar sein, was gut und was böse war. Es gab eine mehr oder weniger eindeutige universale Gesetzmäßigkeit, an der es Anteil zu nehmen galt. Und daher konnte auch im Einzelfall klar sein, was zu tun und was zu lassen war. Das galt, zumindest unterschwellig, für die gesamte Welt des menschlichen Daseins unter der Sonne". Es galt sowohl für die Welt der Religion wie auch für die sittlich-soziale Ordnung und, wenn auch in etwas modifizierter Form, auch noch für den Beginn der modernen universitären Geisteswissenschaften.
Aber diese sonnenhafte Ordnung und die durch sie gegebene relative Sicherheit wurde in der fortschreitenden Moderne schrittweise brüchig. Am Beginn des 19. Jahrhunderts, und dann vollends an einem nochmaligem Umschlagspunkt am Anfang des 20. Jahrhunderts, begann in der europäischen Zivilisation eine fundamentale Zwielichtigkeit und Zweischneidigkeit aller geistigen und gesellschaftlichen Errungenschaften. Alles konkrete Einzelne wurde doppelbödig. Alles Einzelne begann immer deutlicher beides: gut und böse zugleich als untrennbare Einheit in sich zu tragen. Je nach Fall und individueller Entscheidung konnte nun in unvorhersehbarer Weise beides: Licht und Finsternis gleichermaßen aus ein und demselben Sachverhalt heraus zur Geltung kommen. Eine deutliche Zuordnung des einzelnen Phänomens zu gut oder böse und eine Prävention aller konkreten Fälle nach umfassenden ethischen Regeln war immer weniger möglich.
Spätestens nach dem zweiten Weltkrieg begann dann in der europäischen Welt und über sie hinaus auch eine tiefe Ambivalenz der Erscheinung des Wahren, Guten und Schönen selbst. Heute nun, am Beginn des 21. Jahrhunderts, befinden wir uns in einer Zeit der vollentfalteten Ambivalenz allen Lichtes, alles Seins, aller Ideen und aller Wirklichkeit. Nichts ist mehr eindeutig. Alles Einzelne, und ebenso alles, wodurch dieses Einzelne hervorgebracht wird, trägt nun alle möglichen Keime in sich. Und deshalb wartet nun alles Einzelne, so die tiefere Empfindung der Postmoderne, auf das Individuum, das sich ihm zuwendet, um dieses oder jenes aus ihm herauszulösen und hervorzubringen. Alles Einzelne wartet darauf, dass es in seiner nun unendlichen und daher notwendigerweise widersprüchlichen Potentialität vom Individuum geeicht" wird. Oder anders ausgedrückt: die Ambivalenz in allem Einzelnen, das nun geradezu universal alle Möglichkeiten und Potentialitäten gleichsam in sich zur unmittelbaren Gegenwart zusammenzieht und in actu als reines Geschehnis in sich vereint, wartet auf die Erlösung" durch das Individuum, das zum einzigen und entscheidenden Maßstab seiner situativ erscheinenden Wirklichkeit wird.
Eben deshalb aber lautet die zentrale Frage für die kulturelle Gegenwart nun folgerichtig: Welche Orientierung kann sich das Individuum denn nach dem Verlust der universalen Polaritäten und ihrer sonnenhaften Orientierungsfunktion für sein nun ganz auf sich selbst gestelltes, und zugleich alles entscheidendes Handeln und Erkennen nun ganz aus sich selbst heraus geben? Wo findet es im allgegenwärtigen Zwielicht der freien Potentialität alles Einzelnen einen erlebbaren geistigen Maßstab, der sich frei aus sich selbst hervorbringt und sich also in unmittelbarer individueller Erfahrung selbst trägt?
Das ist die Grundfrage der Postmoderne, die sie von der Moderne und ihrer Frage nach der Sonne im Gegensatz zur Finsternis unterscheidet. Und es auch ist die Grundfrage der gegenwärtigen europäischen Kultur, nach der, vorläufig allerdings noch eher halbbewusst und instinktiv als wirklich durchdacht und konsequent, alles in ihr hinstrebt.
Ambivalenz heute heißt: Inhaltsleere zum Zweck reiner Bewegung
Diese Frage, die für die gegenwärtige Kultur noch nicht beantwortbar ist, genauer gesagt: die von der gegenwärtigen Kultur des Materialismus und ihrer zum Teil noch irrationalen Metaphysik der Verwirklichung" nach Meinung ihrer hervorragendsten geistigen Vertreter vorläufig noch gar nicht beantwortet werden darf, um sich nicht sogleich selbst wieder allzu schnell in materialistisch-inhaltlichen" Antworten zu verdinglichen und damit zu erstarren, konstituiert gegenwärtig die produktive Offenheit der Gegenwartskultur. Sie konstituiert ihr freies Schweben: ihre Selbstaussetzung in eine Leere der Inhalte". Und sie konstituiert ihre gerade dadurch möglich werdende Suche nach einer freien geistigen Bewegung, die zunächst als Erfahrung rein an sich selbst geschehen soll, das heißt sich als reines Ereignis empirisch ihrer selbst vergewissert und sich daher vorläufig eben nicht gegenständlich oder inhaltlich festlegen kann. Auf Inhalte, Bilder oder große Erzählungen" muß also vorläufig verzichtet werden, um das Bewegungselement rein an sich selbst zu erfahren und dadurch zu sich und seiner produktiven Wirklichkeit zu führen.
Und genau darin besteht - neben und in den zweifellos vielfältigen Verfallserscheinungen - das tatsächlich avantgardistische Willenselement im Untergrund der Gegenwartskultur. Dieses Willenselement ist zwar vielfach verschüttet und kontaminiert, zum Großteil auch noch unaufgeklärt über sich selbst, aber es ist da. Aus ihm entsteht meines Erachtens ein spezifischer, in dieser Form bisher noch nie dagewesener Zustand der europäischen Kultur. Es ist ein Zustand, der in sich eine sehr weitgehende inhaltliche Leere - die auch als Ratlosigkeit oder Dekadenz interpretiert werden kann, womit aber das eigentlich Fortschrittliche nicht getroffen wird - mit der freien Selbstbezogenheit einer rein ätherischen" Bewegung nur um ihrer selbst willen vereint. Diese Bewegung wird ganz nur aus Freude oder Spaß" am eigenen Lebenskräftegeschehen vollzogen abseits aller Inhalte. Sie ist ihr eigener Zweck und ihr eigenes Ziel.
Das ist der Stand, an dem die europäische Zivilisation in ihrem fortgeschrittensten Aspekt angekommen ist. Dieser Aspekt ist zugleich der zukunftsweisendste und der ambivalenteste, kontaminierteste. Und es ist genau dieser Aspekt fundamentaler" Ambivalenz der Gegenwart, worum es dem Denkbemühen der Postmoderne im Kern geht, womit es ringt und worin es atmet. Diese Ambivalenz versucht die Postmoderne nicht nur so genau wie möglich zu denken. Sondern sie versucht sie, wenigstens in ihren besten Vertretern, erlebend zu inhärieren und dabei während ihres Durchgangs durch das Erleben zu beobachten. Das postmoderne Denken versucht die fundamentale Ambivalenz also denkend in ihren Qualitäten anzuschauen. Denn nicht dem linearen Verstand, sondern nur dem anschauenden Denken wird heute noch - und viel mehr noch in Zukunft - das einzelne Phänomen in dem vollen Umfang seiner tiefenambivalenten Wirklichkeit zugänglich. Diesem Bemühen um erlebende Anschauung des Ambivalenten, das in seiner tieferen Dimension auf nichts anderes als das Erlebnis des Bewegenden im Geist als Selbstzweck ausgerichtet ist, verdankt sich eben der oft metaphorische und zum Teil sogar halbliterarische Stil der postmodernen Denker, der ihnen nicht selten vorgeworfen wird (2).
Europa als Sonne und als Wagnis
Auch Peter Sloterdijk ist vor diesem geistigen Hintergrund der Zeit ein typisch postmoderner Denker. Auch er folgt im Grundansatz seiner Erkenntnisbemühung den geschilderten Hauptkonturen des zeitgenössischen Denkens. Das gilt sowohl für die Idee der Sonne wie für deren zunehmende Ambivalenz unter den Bedingungen der Individualisierung.
In Friedrich Nietzsches Also sprach Zarathustra ist die Sonne der Inbegriff des Guten. Für Peter Sloterdijk, der die bisherige Metaphysik in Frage stellt, ist diese Weltsicht einseitig. Sein philosophischer Entwurf zielt darauf, die Doppelpoligkeit alles Bestehenden und (damit) ein Denken jenseits der einfachen Alternative von wahr und falsch zu entfalten. Dieser Grundgedanke prägt sein Werk." (3)
Wenn die Postmoderne nun diesen zentralen, von Sloterdijk mitgetragenen Grundgedanken der Gegenwart auf Europa anwendet, gelangt sie zu interessanten Analogien. Denn Europa ist als geistiges Strahlzentrum in der Geschichte der Menschheit zweifellos eine Art Sonne gewesen. Aber auch diese Sonne hat sich inzwischen gewandelt. Auch die Sonne Europas ist in produktiver Weise doppelpolig und ambivalent geworden. Auch diese Sonne hat sich gerade in ihrem lebendigen, nach vorne weisenden geistigen Gehalt in den vergangenen Jahren ins Jenseits der einfachen Alternative von wahr und falsch begeben. Darin liegt ihre heute unübersehbare Gefährdung, aber möglicherweise auch ein neuer Aspekt ihrer eigentlichen Produktivität und Zeitgenossenschaft. Eben den damit zur Zeit verbundenen kulturellen Zustand der fundamentalen Doppelbödigkeit, der tiefen" Widersprüche und des Fehlens von klaren inhaltlichen Leitideen zugunsten einer ebenso uneindeutigen wie offenen Bewegung und ätherischen Bewegtheit, die, sozusagen gereinigt von allen Inhalten und allen visionär-bildhaften Zielpunkten, vorläufig nur als Auflösung von festen Umrissen und vor allem nur aus Lust um ihrer selbst willen zu geschehen scheint, könnte man mit einem Modewort behelfsmäßig Postmoderne" nennen.
Damit ist freilich noch nichts darüber ausgesagt, ob diese Entwicklung als Ganze begrüßens- oder ablehnenswert, und ob sie in ihren konkreten kulturellen und geistigen Folgen gut oder schlecht ist. Es ist zunächst nur auf die Tatsache hingewiesen, daß es so ist. Und es ist darauf hingewiesen, daß eine so verstandene Postmoderne sowohl als eine Art Entleerung, aber auch als eine zwar durchaus äußerst gefährliche, weil eben in sich doppelpolige Reinigung von den mittlerweile überintellektualisierten Erstarrungen der europäischen Vergangenheit, ihren verfestigten Inhalten und ideologisch gewordenen Gedankenmustern aufgefaßt werden könnte. Der fundamentale Entleerungs- und Entsubstantialisierungs-Impuls einer so verstandenen Postmoderne, der gegenwärtig stattfindet, könnte als eine Reinigung aufgefaßt werden im Sinne eines Wegnehmens alles fertigen Gedanklichen am europäischen Geist - zugunsten der neuen Realpräsenz eines Werdenden, eines schöpferisch Lebendigen. Denn ein solches schöpferisch Lebendiges muß ja bewußtseinsmäßig stets aus einer produktiven Leere, aus einem gleichsam an sich selbst erwachenden Nichts einer reinen Bewegung, aus dem sich während seines Geschehens selbst fühlend oder genießend in konkreter Erfahrung erfassenden Kräftewirkens, aus einem Inspirativen also, nicht aus weitergeschleppten und nur immer neu kombinierten, in sich aber bereits fertigen Inhalten und Gedanken kommen. Der europäische Raum wird heute zur Zeit. Verflüssigt sich die Kultur hinter den Fassaden ihrer immer stärkeren merkantilen Verdinglichung in Wirklichkeit zu einem leeren Bewusstsein"? Anders gefragt: Wofür würde, wenn man die offenbare Inhaltslosigkeit des postmodernen Zeitgeistes auch als seine unterschwellige Inspiration und als seine möglicherweise produktive Leere ansieht und anerkennt, im besten, gelingenden Fall, Raum?
Zwielicht und Sonne
Das sind zweifellos wichtige Fragen und Sichtweisen, die aus dem postmodernen Gemüts- und Geisteszustand hervorgehen. Man kann allerdings bei genauerer Besinnung erkennen, daß die postmoderne Idee der ambivalenten Sonne zwar auf den Charakter der Zeit besehen richtig gedacht, aber als universaler Grundzustand des Menschen und der Welt postuliert falsch ist. Inwiefern?
Das Ideelle der Zeit lebt zweifellos in tiefer Ambivalenz und muß sich durch sie hindurchbilden. In dieser Hindurchbildung erhält es durch die Ambivalenz produktive Anstöße. Das Ambivalente ist das Fleisch" des Ideellen in der Gegenwart. Das Ideelle der Gegenwart lebt im Ambivalenten als in einer Art dialektisch werdendem Zwielicht.
Aber eine allgemeine Grundverfassung des Ideellen ist dadurch noch nicht gekennzeichnet. Das zeigt eine tiefergehende, sich ontologisch über sich selbst aufklärende Logik. Sie zeigt, dass zur reinen Idee der Sonne selbst der Schatten nicht gehört. Der Schatten ist eben schon seinem Begriff nach nicht doppelpoliger" Teil, sondern Ergebnis und Widerpart der Sonne wenn auch mittlerweile changierend vereint in ein und demselben Phänomen. Die Sonne ist nicht an sich ins Zwielicht übergegangen, und sie ist auch nicht verschwunden. Sie hat nur ihre Gestalt und ihre Erscheinung gewechselt, und es gibt sie durchaus auch in der Postmoderne noch in reiner" Gestalt. Diese Gestalt ist in einer ihrer zentralen Erscheinungen diejenige, die bereits Goethe der heraufziehenden Moderne als sein geistiges Vermächtnis übergab:
Das selbständige Gewissen sei Sonne Deinem Sittentag.
Es ist die innere Orientierungs-Stimme der selbstbestimmten Individualität, die ihre Urteile nicht aufgrund von fertigen Regeln oder vorgegebenen Richtigkeiten fällt, sondern nur aufgrund ihrer eigenen freien moralischen und erkenntnishaften Intuition erringt. Es ist nicht das autoritative, sondern das individuelle Gewissen, das ganz praktische Geisterfahrung das heißt eine konkrete Erscheinung der Sonne für den Gegenwartsmenschen ist. Die individuelle Selbstverständigung des Gewissens mit sich selbst ist, soweit mir bekannt, sogar die höchste empirisch feststellbare postmoderne Erscheinung der Sonne. Daß sie im Vergleich zur - bis zu einem gewissen Grad notwendigen - Kontamination" aller Kulturphänomene rein" ist, darauf weist bei genauerem Hinsehen und illusionslosem Verständnis die selbstgestützte Art ihres Auftretens in der Individualität des Menschen hin.
Diese Erscheinung beachtet das postmoderne Denken noch nicht in ihrer wahren Wirklichkeit. Und damit übersieht sie meines Erachtens gerade das Entscheidende: daß auch in der Postmoderne die Sonne, das heißt der direkt erlebte und positiv wirkende Geist noch als Wirklichkeit existiert vielleicht als empirischere, unmittelbarere, jedenfalls aber als individuellere Wirklichkeit als je zuvor. Das Zwielicht des Werdens hat zuletzt die Sonne des Seins nicht wesenhaft angetastet. Es hat sie nur auf einer höheren Stufe zur Geltung gebracht.
Recht hat das Denken der Gegenwart dagegen meines Erachtens mit seinem Ansinnen, nicht ein Aufrechnen von Sonne und Finsternis, von Gut und Böse anzustreben, sondern eine umfassende, alle Aspekte des konkreten Phänomens in die Gleichzeitigkeit eines urteilenden Gegenwartsblicks zusammenziehende Anschauung zu versuchen was weit schwerer, weil lebensnäher ist.
Versuch eines geistigen Umrisses
Diese Themen und Fragen bildeten die großteils unausgesprochenen Prämissen der Ansprache Sloterdijks in Alpbach. Vor ihrem Hintergrund erhalten seine halbliterarischen" Ausführungen erst ihr eigentliches Gewicht.
Sloterdijk begann seine Ansprache mit pointierten Feststellungen zur Situation des europäischen Geistes. Seiner Feststellung, dass man, um Europa heute zu verstehen, Amerikanist werden müsse, ließ er ein Doppelbild der europäischen Dramaturgie" folgen. Für Sloterdijk ist das Wesen und die Geschichte Europas erstens dadurch gekennzeichnet, dass es ein dramatischer Komplex ist, in dem bis heute immer wieder dasselbe Stück aufgeführt wird das römische" oder altimperiale" Drama. Das ist die historische Schicht. Zweitens aber ist Europa zugleich auch ein nie dagewesenes Langzeitexperiment in Neid- und Eifersuchtsmechanismen, eine geopolitische Gemeinschaft, deren unvergleichliche Produktivität sich aus der immer tabuloseren gesellschaftlichen Pflege von Vergleichs- und Erwerbspanik" ergeben habe. Das ist die psychopolitische Schicht. Das Verständnis dieses ineinandergreifenden Doppelwesens, das heute Europa ausmache, sei wesentlich, weil das Europa der Zukunft nicht durch visionäre Energien" oder durch ein sich selbst Vorherträumen" entstehe, sondern nur durch ein tieferes Verständnis seines eigenen Wesens" und seiner leitenden Form".
Europa ist laut Sloterdijk erstens eine Weltgegend", in der ein geopolitisches Unbewusstes herrscht, das die Bewohner dieses Kontinentes programmiert". Dieses Unbewusste sei in einer geopolitischen Meditation" der Anschauung zugänglich. Nähere man sich etwa diesem Kontinent wie an Bord eines Raumschiffes vom Weltraum aus, dann erkenne man am euroasiatischen Kontinent, der euroasiatischen Keule", zwei wesentliche Macht- und Kraftzentren: das dicke Ende der Keule" China mit seiner Kultur des in sich ruhenden Ausgleichs, und das schmale Kap" Europa mit seiner Kultur der zentrifugalen Energie. Während China sich als eine Kultur der inneren Harmonie verstehe, sei in Europa das Element der Unruhe prägend. Diese Unruhe resultiere auch daraus, dass Europa in all seinem scheinbar freiem Handeln ein Skript zur permanenten Wiederaufführung des römisch-altimperialen Dramas" unter ständiger Reproduktion seiner Konzentration auf Sicherheit und hierarchische Ordnung darstelle. Das ist das geopolitische Unbewusste Europas. Das Wiederholungsdrama Europas ist als historisches zugleich experimentell. Das heißt, es ist ohne Text und ohne fixe Handlung, ohne vorgegebene Personen. Es ist eine dauernde Wiederholung vorgegebener Muster und Denkweisen, die halb auf dem römischen Skript, halb aus Improvisation besteht. Die europäische Geschichte ist eine Mischung aus römischem Vorbild und gegenstandsloser" Improvisation dieses Vorbilds.
Die Europäer, so Sloterdijk, sind geradezu dazu verurteilt, die Geschichte der Römer immer wieder zu wiederholen. Es schleicht sich sozusagen das Imperial-Hierarchische, das universal orientierte Absolute des Römerhaften immer wieder hinein in jede neue Wiederholung, in jede neue Phase der geschichtlichen Entfaltung Europas. Hervorzuheben sei daher im Hinblick auf das Wesen Europas die Charakteristik der Übertragungsfähigkeit. Wie das Imperium romanum die Fortsetzung und Übertragung der älteren Reiche war, so sei die europäische Geschichte im wesentlichen als ein im römischen Geist verlaufender Staffellauf von Reichen" zu verstehen, der bis ins 20. Jahrhundert reiche. Noch im 20. Jahrhundert sei schließlich der römische Geist in Gestalt der Habsburger noch lebendig gewesen, auch wenn die meisten Menschen sich bereits fälschlicherweise darüber hinaus gesehen hätten. Nach 1945 habe sich dann das europäische Denken selbst von allen makrohistorischen Gedanken amputiert". Deren Wiederaufnahme in lebendiger Anschauung sei gegenwärtig die Aufgabe des Denkens. Denn ansonsten könne nicht gesehen werden, dass das Römertum heute immer noch geistig dominiere, auch wenn es in seinem Strahlzentrum längst auf Amerika übergegangen sei. Europa sei heute nur zu verstehen mit Rücksicht auf die atlantische Neuinszenierung" des europäisch-römischen Elements in Washington, das sich selbst nicht umsonst erfolgreich bis in die Architektur hinein als das neue Rom inszeniere. Die heutige, von Amerika aus gesteuerte Globalisierung sei nur ein weiterer Versuch universaler Ausbreitung der Römertums. Und die europäische Einigung stellt ebenfalls nur eine weitere Art der Rückkehr des Römertums dar.
Europa ist zweitens, so Sloterdijk, ein typisches Langzeitexperiment in Eifersuchtsmechanismen". Schon Paul Valery habe 1919, noch unter dem Eindruck des 1. Weltkrieges, in seinem Buch Die Krise des Geistes" darauf hingewiesen, dass überall, wo der europäische Geist herrsche, das Prinzip des Maximums zur Herrschaft komme. Europa besteht aus einem Ensemble von Maximen, von Maximalansprüchen. Der europäische Mensch definiert sich nicht durch Sprachen oder Kulturen, auch nicht durch die Art seiner Gefühle oder durch bestimmte Gedanken, sondern durch Wünsche und Spannweiten des Willens." Das ist laut Sloterdijk eine richtungsweisende Definition. Denn eben aufgrund der Konzentration des europäischen Menschen auf Wünsche und Spannweiten des Willens" könne Europa eine Weltgegend sein, die ganz auf Quantität und Materialismus ausgerichtet sei. Es ist die Intensität der europäischen Wunschkraft", die sich als entscheidend für die Wirklichkeit des Kontinents erweist. Denn warum konnte Europa sich zu solcher materiellen Höhe entfalten? Warum brachte es ein auf das Konkrete gerichtetes, rational kalkulierendes Bewusstsein in die Welt? Weil es immer radikaler und konsequenter eine Zivilisation erschaffen hat, die auf eine diskreten" oder regulativen Panik" beruht.
Mit dem Zentralbegriff der Panik ist, so Sloterdijk, der Schlüsselbegriff des europäischen Geistes beschrieben. Es ist das Prinzip der Panik, die ansteckend wirkt, was die gesamte europäische Zivilisation vorwärts treibt. Dieses Prinzip ist durch schrittweisen Tabuabbau immer weiter freigesetzt worden. Die ins Innere der Gesellschaft hinein institutionalisierte Panik ist das europäische Zentralprinzip, das die europäischen Produktivkräfte historisch entfaltet hat und heute antreibt.
Der Begriff der Panik geht, so Sloterdijk, auf den griechischen Gott Pan zurück, den erschreckenden Aspekt des griechischen Lichts, den Gott des kürzesten Schattens, den Gott des Mittags, wo das Licht für kurze Zeit einen Charakter annimmt, der Schrecken erzeugt, das Gefühl der schwärzesten Stunde." Die europäische Zivilisation ist die Zivilisation des Mittagslichtes. Sie ist demnach die Zivilisation, die von Pan vorangetrieben wird. Angst und Furcht und der darauf resultierende Wettbewerb um das positive, sichere Gut, das sowohl materielle Absicherung wie imaginäre Flucht in das Andere" sein kann, sind die Grundmotive, worauf der Marktmechanismus und der moderne Wettbewerbsgedanke als kategorischer Imperativ der ganzen Neuzeit" beruhen.
Die so verstandene Panik" ist ein Massenphänomen der gegenseitigen Ansteckung, die auf Nachahmung des Begehrens des Anderen beruht. Die Nachahmung des Begehrens des Anderen ist die Grundlage, auf der die Konstruktion der modernen Wunschmaschine als Ökonomie beruht. Europa ist in dieser Sichtweise nichts anderes als ein psychopolitisches Experiment der Mimesis", auf dem seine Vorwärtsbewegung aufgebaut ist. Die Grundkraft, die hier am Werk ist, ist die einer permanent und in allen ihren öffentlichen Botschaften panikinduzierenden Wirkung, die nicht aufklärerisch, sondern nach dem Vorbild der Werbung - das heißt der Verführung - funktioniert. Das betrifft vor allem die Massenmedien, die laut Sloterdijk nichts anderes als Regisseure von Massenpaniken" auf verschiedenen Ebenen sind und dazu beitragen, den wahren geistigen Kernprozeß der Moderne zu vollziehen, welcher, illusionslos besehen, wesentlich in der Umwandlung von Leidenschaften in Interessen (Appetitpaniken") besteht. Moderne Gesellschaften sind hinsichtlich ihres affektiven Designs" Eifersuchtskraftwerke", die kraft Paniksteuerung funktionieren, und in denen zugleich ein übertriebener Egalitarismus als Kühlsystem" bei Eifersuchtsüberhitzung" fungiert. Die Moderne insgesamt ist laut Sloterdijk nichts anderes als ein ständiges Experimentieren mit der richtigen, noch sozial verträglichen Stärke von Appetitpaniken, wobei ständig mehrere Panikinduktionssysteme ineinandergreifen und sich gegenseitig regulieren, aber auch stützen. Die Aufgabe der Massenkultur heute ist es, das aus der permanenten Induktion von Erwerbs- und Besitzpanik und der dadurch entbundenen Kraftwirkung entstehende latente Wutpotential des Einzelnen auf entpolitisierte Weise zu binden und zu zerstreuen.
Im Rahmen solcher Prozesse treten wir, so Sloterdijk, allmählich kraft der mit ihnen unweigerlich verbundenen Lern- und Durchschauungsprozesse, die ihrerseits auf eine Art Gelassenheit gegenüber allen Arten von Panik hinführen, allmählich in eine Art höhere Ordnung der Gesellschaft ein. Denn eine Gesellschaft, die sich die beschriebenen Funktionalismen bewusst macht, erreicht einen höheren Stand ihrer Selbstaufklärung. Was dagegen die moralischen Perspektiven" sind, die Sloterdijk als eigentlichen Kern und als vernachlässigte Aufgabe Europas am Ende seiner Ausführungen beschwor, wurde von ihm nicht näher ausgeführt. Europa ist als Prinzip laut Sloterdijk jedenfalls nicht nur die große ökonomische und psychopolitische Wunschmaschine", als die es sich heute in seiner wesentlichen Wirkung erweist. Europa ist nicht nur das Prinzip des materiellen Wünschens in rational kontrollierten Massenpaniken, als das es bis heute in die Welt hineinwirkt.
Fazit: Der Wille zur Inspiration als Methode?
Auffallend war bei solchen aphoristischen Ausführungen nun vor allem zweierlei. Erstens das esoterische Vokabular, das Sloterdijk verwendet. Er spürt offenbar, dass die eigentlichen Interessenten seiner Ausführungen von esoterischen Vokabeln angezogen werden positiv verstanden: dass sie zunehmend an einem realen Geistverständnis interessiert sind. Allerdings unterlief Sloterdijk dieses Vorverständnis auch andauernd, gerade während er es fütterte". Diese Doppelstrategie scheint bei ihm ein methodischer Gestus zu sein. Auffallend war zweitens das starke Element von Sympathie und Antipathie, das in Ton und Gestus der Ausführungen Sloterdijks spürbar wurde. Das entspricht der Tatsache, dass überall dort, wo ein stark ätherisch" orientiertes Denken zur Geltung kommt, starke Sympathie- und Antipathiekräfte im Denken wirksam sind und gegenüber seinen Gegenständen zur Grundlage werden. Das ist ein weiteres Indiz für den zumindest unterschwellig deutlich spürbaren Versuch Sloterdijks, den Kräfteleib zum Wahrnehmungs- und Denkorgan umzugestalten.
Sloterdijk ging es in seiner Anregung offenbar nicht um einzelne konkrete Probleme, die heute im Mittelpunkt Europas stehen, sondern um das Grundsätzliche der möglichen Entwicklung - um den Versuch eines geistigen Umrisses. Das ist zu begrüßen, weil sich das heute nur noch wenige Denker trauen und unter der allgegenwärtigen Diktatur des Praktischen in solcher Form noch zutrauen. So war es bis zu einem gewissen Grad nur folgerichtig, daß kein Wort etwa über die Fremdansichten Europas von außen fiel, um ideelle Wirklichkeit und reale Erscheinung einander gegenüberzustellen. Auch die Thematik von Europa und seinen Außenländern wurde nicht berührt, obwohl gerade sie derzeit besonders produktiv für die Entwicklung ist.
Fazit? Trotz seines überlegen-distanzierten, betont urbanen, zum Teil auch gönnerhaft-ironischen bis spöttischen Tons im ästhetisierenden Plauderstil gelang es Sloterdijk, die Zuhörer in seinen Bann zu schlagen. Was wunder, waren doch ganze Verehrer-Gemeinden aus halb Europa angereist, um den Meister zu hören. Mir persönlich machte es offen gestanden schon der betont ironisch-skeptische und ästhetisierende Ton schwer, ihm in seinem Prophetenstatus" zu folgen. Dies umso mehr, als der Sloterdijksche Vortragsstil von einem Kalauer zum nächsten schreitet, und sich das Publikum schnell daran gewöhnt, auf die nächste Pointe zu warten, um wieder im wahrsten Sinne des Wortes in Lachen auszubrechen". Dieses Lachen aber verdankt sich meistens den immer wiederkehrenden zynischen Bemerkungen Sloterdijks (Sobald der Mensch desodoriert ist, beginnt seine Sehnsucht nach dem Höheren", Die Seife ist die Voraussetzung für die Metaphysik"), die im Widerspruch zu seiner Kritik der zynischen Vernunft" stehen.
Sloterdijk, der in seinem Buch Weltfremdheit (1993) nicht davor zurückscheute, das Christentum salopp, aber durchaus ernst gemeint, als Wunsch-Neurose zu bezeichnen, und Christus als Neurotiker, mit dem bloß die Psyche durchgegangen sei, und der andererseits seine Ideen zur Zukunft der Technik am Film Terminator mit Arnold Schwarzenegger bereits Anfang der 90er Jahre überaus breitenwirksam und anschaulich darzulegen vermochte, ist in seinen besten Seiten ein Inspirator, nicht ein systematischer Denker. Wo sein Denk- und Sprachgestus gelingt, regt er an. Er verdichtet die geistige Kräfteverfaßtheit des Gegenübers, verlagert sie vom Raum- ins Zeitelement. Und er steigert den Eros und die unmittelbare ätherische Beweglichkeit des individuellen Denkwillens.
Aber Sloterdijk zeichnet nichts. Die Eindrücke, die er vermittelt, bleiben so beweglich, ephemer und fragmentarisch, daß sie sich kaum je zu einem bildhaften Ganzen vereinigen.
Was dagegen bleibt, ist eine gewisse Erfrischung des Denkens als Aktivität. Diese Aktivität wird für den Zuhörer immer wieder in kurzen Stadien temporär angeregt, um sich dann in Lachen aufzulösen. Die Gedanken als umfassende Anschauungsbildungen, vor allem aber die singulären, in der konkreten Wirklichkeit des Ich richtungsweisenden Intuitionen müssen aus der von Sloterdijk angeregten Verdichtung des individuellen Kräftewesens im Einzelnen selbst entstehen. Wenn das nicht willentlich geschieht, dann plaudert Sloterdijk durchaus kurzweilig an einem vorbei.
Mit solcher - durchaus mit einer gewissen Konsequenz durchgeführten - Verfahrensweise ist Sloterdijk im eigentlichen Sinne postmodern. Denn Postmoderne heißt in ihrem wahrhaft avantgardistischen Moment Inspiration ohne imaginativen Inhalt. Eben weil diese Inspiration in ihren besten Manifestationen alles Bildhafte fortschiebt und eben bewußt nicht zu Inhalten vordringt, läßt sie frei. Im Freilassenden und Offenen der Anregung, die auf Inspiration, nicht auf Imagination zielt, liegt der anerkennenswerte Zukunftssinn des Sloterdijkschen Denkens. Es ist das gegenstandslose" Inspirative, was das eigentlich Zeitgenössische in seinem Denkgestus ausmacht.
Aber dieser - allerdings hinter vielen Schnörkeln spielende - Bewegungsgestus ist zugleich auch bereits alles, was Sloterdijk zu geben hat. Darin liegen die Vorteile, aber auch die Grenzen seines Denkversuches. Die Betonung des lebendig Prozessualen vor allen inhaltlichen und bildhaften Fixierungen macht seine Denkweise zeitgemäß, das heißt individualitätsfähig und offen. Zugleich wird diese Denkweise aber eben durch den Verzicht auf imaginative Substanz, die irgendetwas festlegen könnte, auch selbst doppelpolig. Denn Sloterdijk strebt die Inspiration nicht vor einem ideenrealistischen, sondern vor einem nominalistischen Hintergrund an wenn auch mit spekulativ weitreichenden Löchern". Er preist gar seinen eigenen Nichtsubstantialismus", den er an die Stelle der imaginativen Wirklichkeit setzen will, und merkt dabei kaum, dass er da, wo es um die Wirklichkeit eines Geistigen geht, tendenziell wieder in einen (notwendigerweise ins Zynische tendierenden) Funktionalismus und in einen nur ästhetisch modifizierten Psychologismus zurückfällt.
Sloterdijks Sprechen ist kein System, sondern ein freies Querfeldein. Es ist ein Diskurs, in dessen Unterwegs sich temporäre und diskontinuierliche Eindrücke als Belebungen ergeben. Sloterdijk ist, wie es ein Kollege von mir aus Universitätszeiten einmal etwas salopp ausdrückte, eher eine philosophische Plaudertasche als ein systematischer oder gar im eigentlichen Sinn des Wortes idealistischer - ideenrealistischer Denker (als der er manchmal von Studenten verwechselt wird). Sein Denken strahlt zuweilen, bei aller unmittelbaren Bewegung, die zuweilen aus ihm hervordämmert, eine gewisse Ödnis aus, die von seinem immer wieder spürbar werdenden skeptischen Materialismus und seinen selbstgesetzten Erkenntnisgrenzen herrührt. Diese Aporien verhindern die Entstehung von allgemeinmenschlich wirksamen Bildern. Er rührt zwar zuweilen durch Verlebendigung an, aber es gibt nichts menschlich Nachhaltiges in dem, was er hervorbringt. Die Ödnis wird spürbar vor allem immer dann, wenn sich der Denkblick Sloterdijks auf den Menschen richtet. Das Wesen des Menschen entzieht sich dem ästhetisierenden Plauderer. Er vermag es nur negativ zu streifen. An ihm vollends wird die inhaltliche Leere des ätherischen" Denkversuchs Sloterdijks nur mühsam von seiner diskursiv übersteigerten Brillanz überdeckt.
Beide Seiten gemeinsam: die zuweilen unmittelbare Gegenwart einer Inspiration und das gleichzeitige Fehlen der Imagination, die zu grundlegender inhaltlicher Erwärmung und Kontinuität fähig wäre, bilden die Gesamtwirkung des Sloterdijkschen Denkens. Dieses nimmt offenbar gerade in solcher Gestalt das postmoderne Selbstgefühl und den Geschmack der Zeit auf. Das ist als Symptom bedeutsam. In Alpbach wurde nicht immer klar, inwiefern Sloterdijk diese seine ambivalente Gesamtwirkung voll bewußt und mit Berechnung einsetzt. Die wohlerwogene Provokation seines Auftretens einerseits und die immanente Selbstironie andererseits mögen immerhin ein Hinweis darauf sein, daß hier mit Kalkül vorgegangen wurde. Peter Sloterdijk zu erleben ist eine Art Lehrstück in Sachen Gegenwartsgeist mit allen Vor- und Nachteilen.
(1) G. Palm, Rezension von P. Sloterdijk, Blasen, Frankfurt/M 2001, in: www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3518410229/qid=997162355/sr=1-9_pi/302-8986473-7865664.
(2) Während in der westlichen Welt das scholastische Denken in Inhalten und Methoden (hier in starkem Zusammenhang mit der Entwicklung der Naturwissenschaften und mit starker Tendenz zur Logik der Sinneswahrnehmung) systematisch weitergeführt wird (etwa als "metaphysischer Realismus" im Werk von Alan Musgrave), wird das traditionell idealistische Denken Europas in deutlich sichtbarer Weise immer "literarischer", unexakter und "leichter". Das ist deshalb der Fall, weil es im Gegensatz zu ersterem noch immer ohne eigene erkenntniswissenschaftliche Grundlage im engeren Sinne dasteht, die einen konkurrenzfähigen, exakten Ideenrealismus grundzulegen in der Lage wäre. Deshalb kann das idealistische Denken, oder besser: seine zeitgemäßen Residuen in den Inspirationen des europäischen Denkens, bislang auf klarer Denkgrundlage eindeutig nicht mit dem naturwissenschaftlich inspirierten Realismus konkurrieren. Obwohl dieses Denken das begrifflich-konzeptuelle Element in der Weltkonstitution hervorhebt (Konstruktivisten, Postmoderne, Putnam) und sogar in einer Art seltsamen Verzweiflung bis zum Solipsismus zu verabsolutieren müssen meint, steht es unterschwellig doch ständig unter dem Einfluß des naturwissenschaftlichen Realismus, der sein "anderes Gewissen" darstellt. Es bildet daher insgesamt eine Art Zwitterwesen, das in seinen besten Manifestationen zwar permanent zu einer Art Ideenrealismus oder Geist-Wirklichkeit hindrängt, aber sich zugleich auch permanent in den naturwissenschaftlichen Denkgestus zurückgerufen fühlt. Daraus entstehen Formen des Zwielichts und der zeitspezifischen Ambiguität, zu denen ich auch die Versuche Sloterdijks rechne.
(3) Unbekannt, Rezension von P. Sloterdijk und H.-J. Heinrichs, Die Sonne und der Tod. Dialogische Untersuchungen, Frankfurt/M 2001, in: www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3518412256/o/qid=997162355/sr=2-4/302-8986473-7865664.