Marburger Forum Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 2 (2001), Heft 4
Zum Konzept des ´Postmaterialismus´ - Versuch einer marxistischen Erwiderung auf Roland Benedikter
von Anton Stengl
Das offensichtliche ´Unbehagen´, das Nicht-Glücklich-Sein des Menschen von heute, der angeblich alles hat, in seiner angeblichen ´Spassgesellschaft´, die so fürchterlich lustig nicht ist, die Reduzierung des menschlichen Wesens in der ´Wirtschaftskultur´ - mit diesen Impressionen beginnt der Gedankengang von Roland Benedikter, der zur neuen filosofischen Richtung des `Postmaterialismus´ führen soll. In der heutigen, gesellschaftlichen Praxis wie auch innerhalb der verschiedenen Tendenzen der ´Postmoderne´ gäbe es positive Gegenströmungen zum pessimistischen Gesamtbild der Situation. Das Resultat könne der, noch nicht vollständig ausgearbeitete, sich erst noch in Entwicklung befindliche, ´Postmaterialismus´ sein.
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Der im Text laufend erwähnte Begriff der ´Wirtschaftskultur´- die "wirtschaftsdominierte kapitalistische Kultur" (19) - ist m.E. grundlegend für eine Kritik des gesamten Gedankenganges.
Hinter diesem Begriff steht eine bestimmte Auffassung vom Verhältnis Wirtschaft/Kultur: Der ´Faktor´ Wirtschaft hätte im Kapitalismus mehr Gewicht für die gesellschaftliche Entwicklung als andere. In der Antike dagegen wäre vielleicht wohl die Forumspolitik, im Mittelalter die Religion der wichtigste Faktor gewesen. Ist Geschichte also eine von jeweils unterschiedlichen ´Faktoren´ in Richtung Chaos oder in zumindest unbestimmbare Richtungen gesteuerte Entwicklung?
Die kapitalistische Wirtschaft wird in dieser Betrachtung zum ´Fremdkörper´, der in die Kultur bzw. in den Alltag des Menschen eindringt. Diese Sichtweise erinnert auch an die Dichotomie von Habermas: ´System´und ´Lebenswelt´. Dieser Eindruck wird so stark empfunden, da sich darin der existente Warenfetischismus widerspiegelt, die spezielle Entfremdung in der jetzigen Gesellschaft ausdrückt. Alles wird käuflich, zur Ware verformt - auch die menschliche Arbeitskraft, und damit der Mensch selbst.
Nach marxistischer Auffassung ist die Gesellschaft mit all ihren Sphären ein Ganzes, eine ´konkrete Totalität´, die letztendlich durch die ökonomische Struktur, d.h. durch die grundlegenden Beziehungen, die von den Menschen in der Produktion und zu den Produktionsmitteln eingenommen werden, geformt wird (vgl. Kosik). Auch in der fortgeschrittensten Gesellschaft, in der die Warenproduktion überwunden ist, bleibt das Fundament die ökonomische Struktur, die Form von Produktion und Reproduktion, sogar wenn die Menschen sich überwiegend mit nichtökonomischer Beschäftigung befassen.
Diese marxistische Sichtweise - d.h. die Wirtschaft ist kein Faktor, sondern die sozioökonomische Struktur ist die Grundlage der Gesellschaft - gibt die Möglichkeit, die Historizität der Gesellschaften, die soziale Subjektbildung, das Verhältniss von Alltag und Geschichte, von Individuum und gesellschaftlicher Entwicklung in einem Zusammenhang zu sehen.
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Wenn vom ´Post´materialismus gesprochen wird, ist die Frage berechtigt, ob die heutige "Menschheit" überhaupt schon materialistisch ist, d.h. ob sie sich wirklich nach materiellen Werten orientiert?
Meine Antwort wird überraschen: Nein, denn sonst würden die materiellen Möglichkeiten, die längst bestehen, auch schon längst genützt worden sein. Aber die Absurdität des Kapitalismus lässt dies nicht zu.
Ein Beispiel: Das materielle Problem des Hungers. Die Weltgetreideproduktion würde ausreichen, jedem Menschen eine Tagesration von 3.000 Kalorien zu garantieren - weit mehr als zum Überleben nötig wäre. Die 'reichen' Länder verbrauchen dreimal mehr Getreide pro Kopf als der Rest der Menschheit, obwohl sie nicht einmal 25% der Weltbevölkerung ausmachen. Was machen die denn mit soviel Getreide? Wird das alles gegessen? Nein. Verfüttert!
"Das Vieh der reichen Länder verbraucht ein Drittel der Weltgetreideproduktion, das heisst so viel wie die zwei Milliarden Bewohner der Dritten Welt."
Und warum wird dieses Getreide nicht stattdessen der Bevölkerung von Afrika etc. verkauft? Aus diesem einfachen Grund:
"Ein Schwein oder eine Kuh aus der Normandie, ein Pariser Kater oder Hund haben eine höhere Kaufkraft als die landlosen Bauern der Dritten Welt." (vgl. Andre Gorz, unter Berufung auf Daten der Weltbank)
Das meine ich mit der Nicht-ausnutzung materieller Möglichkeiten auf sozialer Ebene. Die tatsächliche Orientierung auf materielle Werte bleibt auf dem individuellen Niveau fixiert, sie wird dadurch scheinbar von sozio-ökonomischen Vorgängen isoliert, scheint also zufällig.
Der Diskurs der Postmoderne ist dadurch auch anfällig - obwohl er sich gegen Nationalismen etc. wendet - für eine eurozentristische Haltung. "Postmoderne Verhältnisse", die einen Individualismus im erwähnten Sinn fördern, haben wir ja nicht überall auf der Welt, sondern nur im kleinsten Teil, im reichsten. Wenn das Internet das Symbol des neuen Zeitalters sein soll, sind davon rund 60% der Weltbevölkerung, die ´keinen Telefonanschluss in erreichbarer Nähe´, also weder einen Apparat zu Hause noch eine Telefonzelle im Viertel oder im Dorf haben, ausgeschlossen (laut UN). (...)
Welcher Materialismus wurde und wird verwirklicht? Wohl doch der übliche, althergebrachte Konsumismus - individueller Warenrausch und Kaufgenuss, gebraucht als Ideologie, als Machtmittel, um die Kontinuation der Warengesellschaft, d.h. der Klassengesellschaft, zu sichern. Und Konsum als "Bestechung" der Arbeiteraristokratie wurde bereits in Lenin´s Imperialismus-Analyse, 1917 erschienen, untersucht.
Gibt es Alternativen zum Konsumismus innerhalb der "Wirtschaftskultur"? In anderen Worten: Kann sich der moderne Kapitalismus eine antike Tugend wie die Sparsamkeit leisten? Wenn jeder sein Geld im Sparstrumpf verstecken würde, wäre die Folge eine Wirtschaftskatastrophe biblischen Ausmaßes.
Auch die ´New Economy´ war nur der Versuch eines Auswegs aus der kontinuierlichen, kapitalistischen Überproduktionskrise. Es muss konsumiert werden.
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Wie ist das Verhältnis des ´Postmaterialismus´ zur Postmoderne, die längst Staatsideologie der Konsumgesellschaft geworden ist? Deren angeblich individualistisch-rebellischer Charakter hat sich längst verflüchtigt. Postmodernismus war nie etwas anderes als die dem Kapitalismus in seiner Phase der Globalisierung entsprechende Kulturstimmung (vgl. Frederic Jameson). Benedikter sieht die enge Beziehung zwischen sog. ´Wirtschaftskultur´ und der Postmoderne. Er betont aber die ´Ambivalenz´ in der Entwicklung.
So findet er eine positive Tendenz im ´Venture´-Kapitalismus, im Glücksspiel-Kapitalismus der reinen Spekulation: Das nicht-materialistisch ausgerichtete Mäzenatentum. Beispiel: Lovejoy, der junge Internet-Millionär (29). Aber auch Carnegie, der amerikanische Wirtschaftskrösus des 19.Jahrhunderts, machte erst seine Millionen in der Industrie und organisierte dann Stiftungen wie z. B. die Carnegie-Hall in New York. Mäzenatentum gehört traditionell zur amerikanischen Kulturpolitik. Damit übernimmt das Kapital Aufgaben, die in Europa dem Staat vorbehalten sind (z. B. Bildungs- und Kulturförderung) und macht zugleich für sich Eigenwerbung. Lovejoy macht nichts anderes als das, was sich nach amerikanisch-liberalistischem Ethos auch gehört.
Mehr Beispiele für Postmaterialismus in der gesellschaftlichen Praxis werden nicht angeführt.
Benedikter sucht nach intellektuellen Tendenzen, die in Richtung Postmaterialismus zeigen. Zwei amerikanischen "neomarxistischen Erneuern", Calliari und Ruccio, wird dabei viel Platz gewidmet (38).
Wichtig für sie sind "neue politische Identitäten und Subjekte" und "neue soziale Bewegungen", die damals aus dem Boden schossen.
Schon lange her. Schon lange vorbei.
Innerhalb dieser Tendenz war in Deutschland die ´grüne´ Bewegung am wichtigsten. Dieses ´neue Subjekt´ ist inzwischen an der Regierung, organisiert die Castor-Transporte, anstatt sie zu verhindern, und schafft Frieden, nämlich Siegfrieden, nicht ohne Waffen, sondern mit Bombardierungen fremder Länder und deren militärischer Besetzung. Christoph Heins, Vorsitzender des deutschen PEN-Club, verglich die Okkupation des Kosovo mit dem Angriff der nazistischen ´Legion Condor´ auf Spanien.
Eine ´neue´ Beziehung eines ´neuen´ Marxismus zu diesen Bewegungen? Nein. Sie sind längst an der Macht und beschwören den ´Turbo-Kapitalismus´ (ein Ausdruck des amerikanischen Ökonomen Luttwak).
Diese Bewegungen gründeten sich auf Selbstbeschränkung und Selbstverleugnung: Bloss keine gesellschaftlichen Analysen, immer allem und jedem offen, bloss keine Gewalt, bloss keine Theorie. Es begann die Epoche der Fragmentarisierung, der Abkehr von einer auf gesamtgesellschaftliche Veränderung abzielenden Bewegung - kurz, die Postmoderne in der Politik.
Die radikale Gesellschaftskritik der ´60 und ´70er Jahre verengte sich auf Einzelprobleme, die wechselten. Nach der Frauenfrage fand man den ausgenutzten 'Gastarbeiter', usw. Man konzentrierte sich auf Randgruppen: Ein Pluralismus zur Vermeidung der Grundlagenkritik entstand.
Das Ende des radikalen Anspruchs auf Veränderung des individuellen wie auch gesellschaftlichen Lebens, in dialektischer Verbindung zueinander, gipfelte in der Privatisierung des Denkens und Handelns. Die Subjekte waren verschwunden.
"... so sucht der Nachtschmetterling, wenn die allgemeine Sonne untergegangen, das Lampenlicht des Privaten". (Marx, Dissertation)
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Das Produkt postmoderner Kultur und kapitalistischer Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung, der postmoderne Mensch, verfügt keineswegs über "multiple Identitäten" - sondern über gar keine.
Calliari/Ruccio wenden sich gegen die "eindimensionale Spezifizierung der sozialen Akteure" und die Bewertung der Wirtschaft als "homogenen Raum". "Was aber heisst das konkret?" fragt Benedikter (40).
Sie möchten die "Multidimensionalität" und den "Überschuss an Identitäten" betonen. Daraus ergebe sich der neue "postmoderne Materialismus". Daraus ergibt sich aber überhaupt nichts.
Fragmentarisierung ist bereits das Ergebnis des globalen Imperialismus und seiner Weltanschauung, der Postmoderne. Laut Calliari und Ruccio müssen die Stücke wohl noch kleiner geschnitten werden, noch winzigere Teilchen müssen sich ergeben - Bruchstücke.
Wer bin ich? Gleichzeitig Vegetarier, gleichzeitig Kettenraucher, gleichzeitig Anhänger der Scientific Church, gleichzeitig im Skatverein, gleichzeitig hiphop-fan. Aus diesem patch-work ergibt sich meine Persönlichkeit. Tatsächlich?
Die Kritik, dass der Marxismus die "Heterogenität der Prozesse der Subjektformation" nicht sehen würde, überzeugt nicht. Er versucht, die einzelnen, ´in die Welt geworfenen´ Individuen zu einem aktiven, gesellschaftlichen Subjekt zu vereinen. Diese Union realisiert sich über die dialektisch-materialistische Analyse sozialer Wirklichkeit, angefangen mit den Produktionsverhältnissen.
Die beiden ´Neomarxisten´ verabschieden sich von der komplexen Dialektik zwischen Individuum und Gesellschaft und finden Gefallen an der Atomisierung der Gesellschaft, an den postmodernen Monaden.
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Was sind die "neuen Zivilisationsbedingungen" (47) von denen Lyotard spricht? Soziologische Analyse wird selten versucht, ist jedoch zum Verständnis herrschender Kulturen notwendig.
Was in den letzten Jahrzehnten in Deutschland (und in ähnlicher Weise in anderen imperialistischen Ländern) vor sich ging, war die reale Fragmentarisierung in der Arbeits- und damit auch in der Lebenswelt, sowie die Ideologisierung in diesem Sinne.
Der klassische Mittelstand - Bauern, Handwerker, Händler - hat sich in der entwickelten imperialistischen deutschen Gesellschaft enorm verringert. Z.b. arbeiten in der Landwirtschaft nur noch 3% aller Beschäftigten. Der Anteil der Industriearbeiter sank durch Rationalisierung, wie durch die Verlagerung arbeitsintensiver Industrien in die sog. ´Billiglohnländer´. Die Prozentzahl der Angestellten stieg - eine Tendenz, die bereits in den Zwanziger Jahren begann: Die ´Angestelltenkultur´ entstand. In einer Vielzahl von Bereichen arbeiten Angestellte und gleichzeitig herrscht unter ihnen eine komplexe Hierarchie: Von der Schuhverkäuferin zum Gymnasiallehrer, vom Pizzaboten zum akkademischen Oberrat. Zugleich lief die Zersplitterung innerhalb der Arbeiterklasse: Z.b. im Turiner Hauptwerk von Fiat, Vorreiter auf diesem Gebiet, gibt es in der Produktion rund 15 verschiedene Arten von Verträgen: unbefristet, befristet, Teilzeit, stundenweise, Leiharbeit, usw. Dies bildet mit der ´Flexibilität´ als bedingungslos gefordertem Verhaltensmuster einen Alptraum von sozialer Isolation, Unsicherheit, Ziellosigkeit. Denn ´Flexibilität´ ist im Normalfall keineswegs die Möglichkeit, eine andere Arbeit machen zu dürfen, ein anderes Land kennenzulernen usw. sondern die Unsicherheit, sich morgen einen anderen Job in einer anderen Stadt/Land suchen zu müssen. Grundlegende soziale Beziehungen aufrechtzuerhalten - zu Freunden, Arbeitskollegen, Nachbarn, alten Schulkameraden, Familie, etc. - wird enorm erschwert.
Die Basis der postmodernen Fragmentarisierung hat sozialen Charakter.
Den passenden psychologischen Überbau formen oft Geldgier und Karrieresucht. Auf intellektuellem Niveau spricht Sloterdijk vom ´zynischen Bewusstsein´, dem ´aufgeklärten falschen Bewusstsein´. Die Verkindlichung der Gesellschaft, nichts anderes ist die ´Spassgesellschaft´, wirkt erfolgreich auf dieses isolierte Individuum ein: Es ist längst von der Ideologie, in einer überreichen (Konsum-)Welt zu leben, in der jeder, der einen Computer bedienen kann, schnell Millionär werden kann, und alles sowiesoso nur ´fun´ ist, überzeugt. Und morgen aufs Sozialamt...
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"Soziale Veränderung" (46) ist nötig. Aber kann das oben beschriebene, isolierte, fragmentierte Individuum in seiner vermeintlichen ´Multidimensionalität´, zu einem aktiven, gesellschaftsverändernden Subjekt werden, ohne genau diese genannten Charakteristika aufzugeben?
Kann es in seinem ´beschädigtem Leben´ ein gesellschaftliches Ich-Bewusstsein entwickeln, ohne seine ´postmodernen´ kulturellen Partial-Identitäten entsprechend zu gewichten und seine soziale Identität in der Klassengesellschaft richtig zu bestimmen - ihm also primäre Bedeutung zu geben? Dieser Weg müsste sozial und kollektiv sein, vorgeschlagen wird aber eine ausschliesslich individuell-verinnerlichte Entwicklung. Ein Subjekt ist auf diese Weise nicht erkennbar, denn das Verhältnis Individuum/Wirtschaft-Gesellschaft bleibt weiterhin ungeklärt.
Der postmoderne Dichter Botho Strauss sieht als 'postmodernen Typen' den Touristen. Zygmunt Bauman benutzt dieselbe Metafer zur Kritik der Gleichgültigkeit, im Sinn der Amoralität. Der postistische Mensch ist ein Dauertourist, niemals wirklich gebunden an Ort und Mensch. Es gibt für ihn keine Begegnungen, sondern "Vergegnungen". Austauschbar und depersonalisiert "zahlt er im voraus für die Befreiung von moralischer Pflicht", denn "es gibt nichts, was er tun kann (und daher nichts, was er tun sollte)". Er ist zwar dabei, aber er gehört nicht dazu. (vgl. Zygmunt Bauman)
Ein neuer Mensch, ein neues Menschenbild ist also nötig (43), um zur neuen Ökonomie und Gesellschaft zu kommen. Wie unterscheidet sich nun der postmoderne vom postmaterialistischen Menschen?
Ihn zeichnet eine "plurale, individuell-identitätsorientierte Aktivität und eine radikal ich-gegründete moralische Intuition" aus (45). Wie soll aus dem heutigen Individuum diese Persönlichkeit entstehen? Auch dem postmodernen Individuum wird eine solche Entscheidungsfähigkeit unterstellt - die es aber nicht hat. Wie soll diese soziale Nicht-Identität herausfinden, ob sie nun als Pfeiferaucher oder als Skatspieler moralische Entscheidungen treffen soll?
Die "freie Selbsterfassung des aktiven Ichs in der moralischen Intuition" (69) hat keine erkennbare Basis, bleibt im besten Fall Wunschdenken. Die Entwicklung eines postmaterialistischen Individuums mit neuem Bewusstsein und moralischer Intuition ist nicht vorstellbar, wenn der Werdegang hin zu diesen neuen Qualitäten, wenn der Sprung vom postmodernen Menschen, nicht zumindest in Grundrissen verdeutlicht wird. Dies kann nicht ausserhalb des dialektischen Gesamtzusammenhangs mit der sozioökonomischen Struktur geschehen.
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Der Text gibt andere Richtlinien. Die "individuelle Erfahrung eines erlebt Allgemeinmenschlichen" (64) kann aber nur zufällig zustandekommen, als isoliertes Erlebnis, verinnerlicht, als "innere Sinndimension" (64).
Eine neue "Gemüts- und Geistesverfassung" wird folgendermassen beschrieben: Sie ist "auf der Ebene seiner Authentizität bislang weitgehend ein vorsprachliches Tiefenanliegen ohne eigene politische Lobby" (66).
Ein ´vorsprachliches Gefühl´ lässt sich kaum mit einer "politischen Utopie" verbinden. Impressionen dieser Art sind unter allen Umständen möglich. Auch die ´postmaterialistisch´ definierten Tendenzen, ob im Mäzenatentum oder in den Theorien von Calliari, Lyotard etc. haben keine Richtung in diesem Sinn angegeben.
Die Probleme der realen Fragmentarisierung werden in klassisch-metaphysischer Weise gelöst - durch die Konzentration auf ein "authentisches innermenschliches Erlebnismoment" (77). Und dies ist ein "im täglichen Leben zum Teil sicherlich auch marginaler ... Punkt" (75).
Der Träger der neuen Philosophie scheint nur ein vergeistigter Postmoderner zu sein - jedoch: Aus dem "aktiven Individualwillen" und seiner Tätigkeit heraus ergeben sich "neue Verhaltensweisen gegenüber der kapitalistisch geordneten Materie" (71).
Die Ordnung der Materie ist bekanntlich den Naturgesetzten überlassen, nicht dem Gesellschaftssystem. Auf jeden Fall erwartet man an dieser Stelle eine Beschreibung der neuen Verhaltensformen. Also käme es doch zu einer Form antikapitalistischen Kampfes? Oder wird der Kapitalismus akzeptiert, nur die Einstellung zu ihm ändert sich? Aus dieser Formulierung geht das nicht klar hervor. Mit der Frage nach dem "realen Ort des Geschehnisses des Postmaterialismus" und der Antwort, "im einzelnen Menschen", wird aber geklärt, dass "das Erhabene auf Willensebene" (70) nicht mehr als eine Stimmung ist.
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Das Unbehagen an der ´offiziellen´ Kultur (eine inoffizielle ist nur in Ansätzen vorhanden) wird immer grösser: Der Glanz der ´Postmoderne´ mit all ihren Verheissungen eines freien, individuellen, nicht-ideologischen, nicht-repressiven Lebens, offen und beweglich, nicht zu ernst, Spass und Freude, fun and performance, ist verschwunden. Ihr Erfolg als Kulturstimmung stand in Relation zu den im Text kurz geschilderten sozialen und ökonomischen Veränderungen. Sie ist keine Weltanschauung, die in Krisenzeiten überleben könnte, und die Hinfälligkeit des Weltkapitalismus hat sich längst von neuem gezeigt: Von der Krise der sog. ´Tigerstaaten´ Asiens über die kontinuierlichen Balkankriege, das definitiv unlösbare Problem der Dauerarbeitslosigkeit in Westeuropa, den Krieg in Palästina, der nicht zu Ende gehen kann, das apokalyptische Züge annehmende Massensterben in Afrika, bis zur Finanzkrise in der Türkei, die die Inflation auf über 50% hochtrieb.
Marx und Engels meinten mit Materialismus nichts anderes als ´die Produktion und Reproduktion des wirklichen Lebens als letztendlich determinierendes Element der Geschichte´ anzuerkennen. Das ´Unbehagen´, das Nicht-glücklich-sein, wird in der Tiefe gespürt. Das Klarwerden über die Gründe ist in dieser durch und durch ideologisierten Welt nicht einfach.
Aufgabe der Filosofie wäre es, Gefühle und Stimmungen, Impressionen und Momente, Ahnungen und Phantasien, die persönliche Wirklichkeit sind und geselllschaftliche Wirklichkeit wiedergeben, in einen Kontext mit der in letzter Instanz sozioökonomisch fundierten Totalität zu stellen, d.h. sie einzuordnen, zu erklären und somit ´konkrete Utopien´ radikaler Umgestaltung zur endgültigen Menschwerdung realisierbar zu machen.
Die Zahlen in Klammern geben die Seiten im Artikel ´Philosophischer Postmaterialismus - eine Einführung´ von Roland Benedikter an, erschienen im 1. Band der Reihe ´Postmaterialismus´ im Passagen Verlag, Wien, 2001.
Literatur:
Zygmunt Bauman, Postmoderne Ethik
Andre Gorz, Wege ins Paradies, 1983
Christoph Heins, in: ´Konkret´ 7/2000
Frederic Jameson, Postmodernismus
Karel Kosik, Dialektik des Konkreten