Marburger Forum Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 2 (2001), Heft 5
Der Tod ist das erste und letzte Sujet des Dichters.
Aphorismen von Tobias Grüterich (Dresden)
Trauer ist Eifersucht auf den Tod.Der Tod ist das erste und letzte Sujet des Dichters.
Wenn keine Zeit mehr ist, sagt man: Es ist Zeit.
Angst ist der einfachste Glaube.
Nichts gegen Selbsthass, aber er bezieht immer andere mit ein.
Ich rief mich selber an, aber ich erreichte niemanden.
Das Scheitern offenbart einen persönlichen Stil, das Gelingen ist anonym.
Wer von "seiner Person" spricht, will mit sich nichts mehr zu tun haben.
Ein Künstler, der sofort mit dem Spätwerk beginnt, stirbt jung.
Sein Selbstmord blieb Fragment.
Sogar die Scheinwelt, in der er lebt, ist nicht seine eigene.
Die Selbsterkenntnis der meisten reicht gerade aus zur Selbstverleugnung.
Man darf sich von der Aussichtslosigkeit nicht blenden lassen.
Selbsterkenntnis: Ich bin meine eigene Fälschung.
Weltschmerz tut vor allem dem Kritiker weh.
Sie drohten ihm - mit seinem Selbstmord.
Die Philosophie fordert von den Menschen: Benehmt euch tragisch!
Im Zeitalter der psychosomatischen Störungen ist man seinem Körper gegenüber verpflichtet, glücklich zu sein.
Wer nur das tut, was zu ihm passt, handelt nicht selbstbestimmt.
Man wähle zwischen Lebenslügen und tödlichen Wahrheiten.
Die Schlinge hatte nicht meine Kragenweite.
Tobias Grüterich
1978 in
Karl-Marx-Stadt/Chemnitz geboren
1981 - 2000 wohnhaft im Landkreis Gotha
Abitur/Zivildienst/Berufsausbildung zum Vermessungstechniker
seit Okt. 2000 wohnhaft in Dresden, Studium der Geodäsie an der TU
Preise, u.a.
Junges Literaturforum Hessen-Thüringen (2001)
Literaturpreis der Universitätsstadt Marburg und des Landkreises Marburg-Biedenkopf (2000)
Veröffentlichungen, u.a.
Nagelprobe 18 (erscheint Nov. 2001, Du Mont)
Akzente (Heft 1/2001)
Nagelprobe 15 (1998, Suhrkamp)
Provinz Jahrbuch 1998 (hrsg. vom Literaturbüro Thüringen)
Der Literat (1997)
Den "Literaturpreis der Universitätsstadt Marburg und des Landkreises Marburg-Biedenkopf" gewann Tobias Grüterich mit seinen Aphorismen. Mit-Preisträgerinnen waren Sibylle Berg und Annekathrin Groß-Striffler.