Marburger Forum    Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 2 (2001), Heft 5


Marburg – Krakau

Eine Reise des Kunstvereins

Der Marburger Kunstverein führte in der Zeit vom 18. bis 26. August 2001 seine zweite Reise nach Krakau durch, geplant, vorbereitet und geleitet wie immer von Frau Mechtild Klasen. Begünstigt wurde diese Fahrt durch das schöne Sommerwetter mit den milden Abenden am Rynek. Doch davon später.

Den Auftakt bildeten Nachmittag und Abend in Görlitz, wo man bereits wesentliche Elemente der Stadtlandschaften wahrnehmen konnte, die uns erwarteten: Plätze, Türme und Kirchen der Innenstadt über der Neiße. Zuvörderst war es die Kirche St. Peter und Paul mit ihrem hohen Gewölbe, der erste Backsteinbau, der uns auf der Fahrt begegnete. Von der sparsam barockisierten Innenausstattung ist vor allem die Orgel zu nennen, sie heißt „Sonnenorgel" nach den Kreisornamenten des Prospektes. Neben der Kirche sieht man den ältesten Profanbau der Stadt, das gotische Waidhaus – der Farbstoff Waid war eins der Handelsgüter, die Görlitz reich gemacht haben, was die Altstadt mit Unter- und Obermarkt verrät, getrennt durch das Rathaus, an dem eine Justizia ohne Augenbinde das Recht vertritt. Bedeutend wirken die Durchblicke, die an Türmen enden. Die stattlichen Bürgerhäuser an den Plätzen sind zum größten Teil sorgfältig hergerichtet. Wenn hier und da noch eine graue Fassade vor sich hin bröckelt, liegt das meist an den ungeklärten Eigentumsverhältnissen.

Am nächsten Morgen dann die Fahrt durch Schlesien, wo sich die alten Namen aus den neuen hervorbuchstabieren lassen, so Bunzlau aus Boleslaviec (an der Straße neben dem traditionellen Geschirr auch Heerscharen von Gartenzwergen) oder Gleiwitz aus Gliwice, das die Erinnerungen an den September 1939 heraufruft, Gedanken, die während dieser Reise immer wieder aufsteigen. Auschwitz liegt nicht weit entfernt...

Schließlich Krakow. Wo beginnen ? Uns zog es sogleich zum Rynek Glowny, dem großen Markt mit den Tuchhallen und dem Rathausturm, der beim Abriss des Rathauses vor dessen Geschick bewahrt wurde, zur lebendigen Mitte Krakaus, in diesen Tagen dazu noch voll vom Trubel eines Folklorefestivals mit Musik aller Art und Tanzvorführungen, die doch allstündlich übertönt werden vom vierfachen Trompetensignal, das vom Turm der Marienkirche in alle Himmelsrichtungen geblasen wird und immer noch jäh abbricht, wie einst, als der Wächter vom Pfeil eines Tataren getroffen wurde.

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In der Marienkirche jenseits der Tuchhallen ist es still. Diese bedeutendste der 160 Krakauer Kirchen, von denen hier nur noch die Heiligkreuzkirche unweit der Stadtmauer und die Kathedrale betrachtet werden sollen, obschon wir auch in viele der anderen hineinschauten, wurde zu Beginn des 13. Jahrhunderts auf dem Grund einer romanischen Vorgängerkirche erbaut. Ihre ungleichen Türme erheben sich hoch über die Altstadt und in ihrem Innern birgt sie Krakaus wohl größten Schatz, den goldenen Schrein des Schnitzaltars von Veit Stoss, der 1477 nach Krakau gerufen wurde und hier das Werk in zwölfjähriger mühevoller Arbeit vollendete.

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Vor diesem Hochaltar kann man lange schauend immer neue Entdeckungen machen. Die überlebensgroßen Figuren der Apostel umringen die zarte Mariengestalt, die im Knien entschläft und über diesem bewegten und bewegenden Geschehen ist ihre Himmelfahrt dargestellt. Der geöffnete Schrein zeigt auf den sechs Seitentafeln links die Verkündigung, Christi Geburt und die Anbetung der Könige, rechts Auferstehung, Himmelfahrt und das Pfingstwunder. Der Altar wird jeweils um zwölf Uhr geöffnet und um 18 Uhr von einer Nonne geschlossen. Dann sieht man die zwölf äußeren Tafeln, dem Marienleben, Jesus im Tempel und der Leidensgeschichte gewidmet. Es sind Reliefdarstellungen, farbig gefasst, weniger golden als das Innere, aber voller Bewegung.

Die Marienkirche war ursprünglich die Kirche der deutschen Bevölkerung Krakaus, den Polen stand die kleinere Barbarakirche nebenan zur Verfügung. Als die Bevölkerungsstruktur sich bald schon änderte, kehrte sich auch die Nutzung der Kirchen um. Auf dem kleinen Platz zwischen ihnen steht ein Brunnendenkmal, das einer der Figuren aus dem Rahmen des Hochaltars nachgeformt ist. Durch einen Torbogen gelangt man auf den Kleinen Markt (Maly Rynek) umschlossen von Bürgerhäusern. Hier wie überall an den Straßen der Altstadt finden sich vielfältige Gestaltungen von Türstürzen und Fensterleibungen. In dem Palais, das einst der Adelsfamilie Potocki gehörte, wird gegenwärtig das Goethe Institut in Krakau eingerichtet.

Im Süden der Altstadt erhebt sich der Wawel, Krakaus ‚Schlossberg’, auf einem Kalkfelsen über den Uferwiesen an der Weichsel, die keine Spuren der Überschwemmungen dieses Sommers mehr zeigen. Im Jahre 1000 verlieh Kaiser Otto III. Krakau die Würde einer Bischofsstadt, die Kathedrale ist zugleich die Königskirche, verbunden mit dem Schloss. Der kenntnisreiche Begleiter, der uns führte, bedauerte die barocke Überbauung der ursprünglich gotischen Kirche und die entsprechende Ausstattung. Man habe die gotischen Altartafeln auf die Dörfer verschenkt und selbst dort seien sie nicht ‚modern’ genug gewesen. Ein Beispiel dafür zeigte sich uns in einer der Holzkirchen im Vorland der Karpaten wenige Tage später. Die Kathedrale birgt die Gräber der polnischen Könige und so auch den Sarkophag Augusts des Starken, dessen Herz jedoch in Dresden beigesetzt wurde.

Aus der doch düsteren Kathedrale gelangt man durch einen Torweg in den von Arkaden dreistöckig umgebenen Innenhof des Schlosses und wird durch die Staatsräume geleitet, die sich im zweiten Stockwerk befinden, das doppelt so hoch ist wie die unteren Geschosse. Von all den Gemälden und den großen Wandteppichen einer einzigartigen Sammlung ist doch ein Kunstwerk gesondert hervorzuheben, das Rundbild des Veronese, Maria und das Jesuskind mit dem kleinen Johannes auf der Flucht in Ägypten darstellend, im Hintergrund schläft der erschöpfte Josef unter einem Baum. Dies Bild hat eine Geschichte: es gehörte dem Grafen Lankoronski, bei dem es von den Nazis beschlagnahmt wurde. Seine Tochter überlebte im KZ, kämpfte dann um die Herausgabe der bedeutenden Sammlungen ihrer Familie, die zum Teil in Museen gelangt waren, was schließlich nach langem Prozess gelang, und schenkte einen Teil der so zurück gewonnenen Werke dem polnischen Volk.

Unterbrochen wurde der Aufenthalt in Krakau durch zwei Ausflüge: einmal in das ehemals königliche Salzbergwerk von Wielicka, zum anderen zu den Holzkirchen im Podhale, südlich von Krakau. Beim Einfahren ins Bergwerk mochte man sich zunächst fragen: warum ? Aber dann eröffneten sich Einsichten in die nicht nur naive Kunst der Bergleute, die das Salz in Brocken aus dem Gestein gebrochen, und es auch zu Bildwerken gestaltet haben. Ewig freilich werden sich die Reliefs und Statuen nicht halten – „Goethe" z.B. ist kaum noch zu erkennen, dem nach seinem Besuch im September 1790 eine „Weimar" genannte ‚Kammer’ im Salz gewidmet wurde. Eindrucksvoll die Kapelle der seligen Kniga, der Schutzpatronen des Bergwerks, ein Saal mit den bedeutendsten der Skulpturen.

Einen besonderen Akzent erhielt die Reise durch die Einbeziehung der Holzkirchenarchitektur im Karpatenvorland. Dies bedarf einer Erläuterung. Angus Fowler, engagierter Vorkämpfer für den Erhalt vom Verfall bedrohter Kirchen, machte Frau Klasen aufmerksam auf den besten Kenner der polnischen Holzkirchen, Herrn Professor Dr. Marian Kornecki in Krakau, und stellte die Verbindung zu ihm her. Im Vorfeld stellte dieser eine Tagesfahrt zusammen, die uns ins alte Galizien und die Landschaft Podhale nahe der slowakischen Grenze führte – und damit nicht genug, er bat eine Lektorin für Deutsch an der Universität, Frau Ilina Molicka, sich auf die Führung unserer Gruppe vorzubereiten und veranlasste zudem einen Kenner der orthodoxen Holzkirchen in Polen, Herrn Dr. Jan Kurek, mit uns zu fahren.

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Etwa 25 km südlich von Krakau liegt die Kirche von Wola Radziszowka aus dem 15. mit einem mächtigen Turm aus dem 17. Jahrhundert; ‚Pinakel’ heißen die Seitentürmchen am Turmhelm. Wie uns hier der Pfarrer erzählte, war seine Kirche in der Flut dieses Jahres nur knapp dem Unheil entgangen, das Wasser stieg nur gerade bis zur Einfriedung. Die Kirche ist der Himmelfahrt Marias geweiht und enthält ein gotisches Altarbild der Muttergottes mit dem Kinde – das Gewand vielfach übermalt, aber die Gesichter unberührt. In der 45 km weiter südlich gelegenen Holzkirche in Rabka ist heute ein Museum für Volkskunst und ländliches Gerät eingerichtet. In der hölzernen Pfarrkirche von Orawka aus dem 17. Jahrhundert wurden gerade die Darstellungen der Zehn Gebote an der Chorbalustrade aus dem 19.Jahrhundert sorgfältig restauriert, die übrige Ausstattung stammt aus der Barockzeit.

Nach noch einmal längerer Fahrt erreichten wir Debno. Inzwischen gewitterte es und weil während eines Gewitters im ganzen Bezirk wegen der Brandgefahr der Strom abgestellt wird, zeigte uns der Pfarrer mit einer starken Taschenlampe seine reich ausgemalte Kirche aus dem 15. Jahrhundert. In dieser Michaelskirche findet sich ein gotischer Hauptaltar (vielleicht ist er durch die ‚Modernisierung’ einer Krakauer Kirche einst hierher gelangt ?). Dazu stammt aus dieser Kirche das älteste in Polen bekannte auf einem Brett ausgeführte Gemälde (um 1300). Vielleicht hätte man bei elektrischem Licht die außerordentlich reiche Polychromie von Wänden und Gewölbe genauer gesehen, über hundert Motive sind mit Hilfe von Lederschablonen um 1500 entstanden, geometrische und Pflanzenmotive, Tiere und Jagdszenen, aber dafür entschädigte die besondere Atmosphäre dieses Besuchs.

Professor Kornecki hatte vorgeschlagen, wir sollten doch auf der Heimfahrt um den Stausee am Dunajec fahren – so endete der Tag, da es sich aufklärte, mit schönen Ausblicken in eine Vorgebirgslandschaft, die uns ans Allgäu erinnerte. Die hohen Berge bei Zakopane allerdings hielten sich verhüllt.

Zurück in Krakau. Nachzutragen sind die Reste der Stadtbefestigung, vor allem die 1499 errichtete mächtige Barbakane, eine von drei in Europa erhaltenen Anlagen dieser Art, ein Rundbau, dem Florianstor im Norden der Altstadt, an ihrer verwundbaren Seite vorgelagert. Die Stadtmauer wurde zu Beginn des 19.Jahrhunderts abgetragen, an ihrer Stelle und wo einst Wall und Graben die Altstadt umschlossen, wurde ein Grüngürtel angelegt, die Planty. Nicht weit von den Resten der Befestigung findet sich die Heiligkreuzkirche, deren gotisches Gewölbe von der einzigen Säule getragen wird, ausgemalt von einem Mönch aus dem Kloster Mogila, dem ersten, der sich den Stil der Renaissance zueigen machte. Sein Kloster vor den Toren Krakaus besuchten wir ebenfalls. An seiner Geschichte lässt sich das Schicksal Polens überdeutlich nachvollziehen.

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Nachzutragen sind auch die Museen: Die Sammlungen des Czartoryski-Palais enthalten das „wichtigste Kunstwerk polnischer Sammlungen" überhaupt, Leonardo da Vincis Gemälde „Die Dame mit dem Hermelin". Sie aber ist auf Reisen, erst in Japan, dann in den USA und wird erst in zwei Jahren zurückkommen... Das Szolayski-Museum für sakrale polnische Kunst mit seinem Hauptwerk, dem Flügelaltar des Almosenspenders Johannes aus dem 16. Jahrhundert, ist seit längerem „wegen Restaurierung vorübergehend geschlossen". Mehr Glück hatten wir mit dem Universitätsmuseum, dem ältesten Gebäude der von König Kasimir 1364 gestifteten Universität Krakau. Unverkennbar ist Krakau eine Stadt mit vielen Studenten (84.000 sollen es sein), auch wenn man glauben könnte, sie gingen in der Stadt mit ihren 800.000 Einwohnern unter. Das Collegium Maius nun ist nicht nur ein Museum, sondern es wird bis heute von den Gremien der Universität genutzt. Man betritt den gotischen Bau durch ein dunkles Portal und gelangt in einen arkadenumsäumten Innenhof. Nur wenige Stunden um die Mittagszeit sind die Räume im ersten Stockwerk, die man über eine Außentreppe erreicht, für Besucher geöffnet und auch nur mit einer Führung zugänglich. Ein erster Saal dient heute noch dem akademischen Senat, daneben gelangt man in dem mittelalterlichen Speisesaal, in dem immer noch Feste gefeiert werden. In einem Kabinett sind die Instrumente des Nikolaus Kopernikus zu sehen, der hier von 1491-95 studierte und ein Globus von 1510, auf dem zum ersten Mal Amerika eingezeichnet ist. Prächtig ist auch die Aula, über deren Renaissanceportal der Wahlspruch der Universität steht: „plus ratio quam vis" (Verstand vermag mehr als Gewalt). Wir waren uns einig, dass ein so lebendiger Ort der Erinnerung in Marburg fehlt.

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Zweimal waren wir in dem vom Weichselbogen umschlossenen Stadtteil Kazimierz, der früheren Judenstadt, die 1335 von König Kasimir II. als eine selbständige Stadt gegründet wurde und in die um 1500 die in Krakau lebenden Juden abgeschoben wurden, allerdings nicht in die ganze Stadt, sondern in einen umgrenzten Bezirk. Zu Beginn des 20.Jahrhunderts lebten etwa 30.000 Juden in Krakau, die meisten blieben in Kazimierz, auch als die Ghettoisierung 1867 aufgehoben wurde. Als die Deutschen Truppen 1939 in Krakau einmarschierten, wohnten um 69.000 Juden in Kazimierz, die noch im Dezember 1939 in den Stadtteil Podgorze jenseits der Weichsel umgesiedelt wurden, wo man im März 1941 ein Ghetto einrichtete, aus dem dann die Deportationen in die Vernichtungslager begannen. Vor diesem Hintergrund ist es bedrückend, durch die Straßen des ehemaligen Judenviertels zu gehen, an der Alten Synagoge vorbei, die ein jüdischen Museum beherbergt und zur Remuh Synagoge, die nach dem Rabbi Moses Isserle benannt ist, der hier lehrte. Der Bau stammt von 1553 und wird als einzige Synagoge für die wenigen noch in Kazimierz lebenden Juden - es sind wenig mehr als 100 – genutzt. Neben dieser Synagoge befindet sich der alte, schon 1799 geschlossene jüdische Friedhof, neben dem in Prag der einzige seiner Art aus der Renaissancezeit.. Aus in der Nazizeit zerschlagenen Grabplatten hat man eine „Klagemauer" errichtet.

Ein letzter Abend am Rynek, dann steht der Besuch Breslaus auf dem Programm. Hier ist es gleich zu Beginn eines Rundgangs die schön wieder hergestellte Elisabethkirche, ein letztes Beispiel für die Backsteingotik, wie sie uns auf dieser Reise begegnete. Vor der Kirche erinnert ein Denkmal an Dietrich Bonhoeffer .Ein Torbogen öffnet sich zum Ring, dem großen Markt der Altstadt – die schönen Häuser ringsum freilich sind wiederaufgebaut und nicht wie in Krakau unversehrt durch den Krieg erhalten geblieben. Breslau war zu 75% zerstört und wirkt vielleicht deshalb in der erneuerten Gestalt so besonders geschlossen und einheitlich. Auch hier sind die beiden Hälften des Rings geteilt, durch das gotische Rathaus mit seinem hohen Giebel und der astronomischen Uhr, so wie in Görlitz und wie durch die Tuchlauben in Krakau. An der Maria-Magdalenen-Kirche mit einem hierher geretteten romanischen Portal vorbei geht es an die Oder über den Sand zur Dominsel, einen spürbar geistlichen Bezirk. Die gotische Kathedrale mit ihrer barocken Ausstattung war an diesem Samstag Schauplatz einer Hochzeit, wie überhaupt viel geheiratet wurde in Breslau an diesem Tag. Am Ufer der Oder liegt auch das Universitätsgebäude von 1728-42 mit der berühmten Aula Leopoldina, dem schönsten Innenraum der Stadt. Unsern letzten Abend verbrachten wir am Ring noch einmal in fast südlichem Ambiente. Es fiel uns nicht ganz leicht, anderntags von Neiße, Weichsel und Oder an die Lahn zurückzukehren.

Renate Scharffenberg

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