Marburger Forum Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 2 (2001), Heft 5
Kleine Geschichten aus Farben und Formen: Walter Libuda im Marburger Kunstverein
Noch bis zum 19. September 2001 präsentiert der Marburger Kunstverein eine Werkauswahl des 1950 in Zechau-Leesen geborenen Walter Libuda, eines - auch international - renommierten Meisterschülers von Bernd Heisig. Lang ist die im begleitenden Faltblatt zusammengestellte Liste von Einzelausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen; sehr schnell nach der Wende wurde der ostdeutsche Künstler sogar als Vertreter Deutschlands zur 44. Biennale in Venedig eingeladen. Ein großer Name mithin, jedenfalls für Marburger Verhältnisse.

»Malerei - Zeichnung - Objekt - Skulptur«: der Untertitel bereitet den Besucher der Marburger Ausstellung schon vor auf ein Vielerlei, gewissermaßen ein Leipziger Allerlei. Libuda ist ein außerordentlich vielseitiger Künstler, der sich in den verschiedensten Techniken ausdrücken kann. Weithin bekannt wurden seine Arbeiten in Pappe, aber auch seine Gemälde und Keramik-Skulpturen genießen einiges Ansehen. Es hat den Anschein, als ob Libuda seine Materialien überall finden kann: Gezeigt wird in Marburg eine Serie mit »Tüten«: von einer Reise in die USA mitgebrachte Papiereinkaufstaschen, die sich nun, zerschnitten und bemalt, in eine an indianische Totempfähle gemahnende Galerie von fratzenhaften Masken verwandelt haben. Unscheinbare Alltagsgegenstände können so für den Künstler Anregung und Ausgangspunkt seiner Arbeit werden, aber das Ergebnis ist sicher nicht in jedem Falle von gleichem Wert. Am wenigsten vermögen die ausgestellten Zeichnungen, grob hingeworfene Kohleskizzen, zu überzeugen. Interessanter sind da schon die Gemälde, deren Spiel mit Farbflächen und phantasievollen Formen zu meditativen Entdeckungsreisen einlädt. In seiner Malerei, wie auch in seinen plastischen Arbeiten und Objekten erweist sich Libuda als ein listiger Meister des Details: feine und feinste Strukturen fangen den Blick ein und führen ihn in freundliche Irrgärten der freien Assoziation.

Alle Kunst, vor allem aber die moderne Kunst, lebt von der Kommunikation zwischen Künstler und Rezipienten. Auf Libudas Arbeiten muß man sich als Betrachter einlassen, und auch dann sind sie niemals Träger einer Botschaft; die kleinen Geschichten, zu denen sie anregen können, werden geboren im freien Gespräch mit den Ausstellungsbesuchern.
Am interessantesten sind gewiß die Skulpturen und Objekte, unter ihnen möchte ich die Papparbeiten und die keramischen Plastiken besonders hervorheben. Walter Libuda hat eine zeitlang auch Bühnenbildmodelle geschaffen; seine Liebe zum Werkstoff Pappe, aber auch bestimmte Gestaltungsmerkmale scheinen hier ihren Ursprung zu haben: wie bei einem Blick durch ein starkes Vergrößerungsglas oder ein Mikroskop eröffnen sich immer wieder neue Bühnen und Räume, kleine Welten, nicht selten mit Fähnchen (?) geschmückt. Aber kein Blick wird dazu genötigt, etwas bestimmtes zu erkennen; Libudas Kunst läßt das Auge frei.

Ganz bemerkenswert und für mich der Höhepunkt der Ausstellung ist die Abteilung mit Keramik: Die gedrungenen Objekte oder Gestalten scheinen z.T. inspiriert von afrikanischer Kunst zu sein, die Frage nach dem Dargestellten läuft aber auch hier ins Leere. Wer mag, wird den einen oder anderen Dämon erkennen, aber die freundliche Farbgebung kann auch ganz andere Türen der Deutung aufschließen. Ob das alles hohe Kunst ist, sei dahingestellt; für den Blick ist der Besuch der Ausstellung allemal ein reizvoller Urlaub vom Alltag.

Der Einführungsvortrag des Marburger Galeristen Dr. Michael Herrmann, der die Ausstellung mit dem Künstler vorbereitet und in der Kunsthalle installiert hat, enttäuschte Hoffnungen auf rasches Verstehen, sicher bewußt und nicht ohne Grund. Was man sagen kann, ist eine Einladung: Kommt und seht, wie schön Libuda malen und gestalten kann.
Sehr bedauerlich ist es, daß der Marburger Präsentation kein eigener Katalog beigegeben ist. Einige Begleitbände anderer Ausstellungen liegen aus und sind käuflich zu erwerben, aber sehr teuer, und es gibt nur wenige Überschneidungen bei den gezeigten Werken. So bleibt dem Besucher der Marburger Kunsthalle nichts weiter übrig, als sich selbst hineinzubegeben in Libudas Welten und sich den eigenen Augen anzuvertrauen; und bestimmt ist das nicht das schlechteste.