Marburger Forum Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 2 (2001), Heft 5
Anmerkungen zum Terrorismus
Eine Antwort auf die 10 Thesen zu den Terroranschlägen am 11.9.2001" von Hans Schauer
von
Leonarda Lüben
Eine These ist eine Behauptung, die ohne Beweis zur Grundlage weiterer Behauptungen oder Argumentationen aufgestellt wird. Dieser Beitrag hingegen soll Argumente und Beweise liefern.
Der moderne Terror ist durch Interessen definiert und wird durch solche geleitet. Das Gewicht eines Landes und dessen Interessen entscheiden darüber, ob Terrorismus geahndet, ihm mit Gleichgültigkeit begegnet, ja er entschuldigend oder sogar mit einer gewissen Sympathie und Verständnis bewertet wird. In den letzten Tagen mehren sich die Diskussionen über eine Definition des Terrorismus. Manche möchten den Terrorismus unterteilen in einen "echten" und einen "gerechten" als Kampfmittel gegen die Unterdrückung.
Ich möchte jeglichen Terrorismus als Verbrechen gegen die Menschlichkeit werten, weil er sich gegen die Menschlichkeit richtet. Terroristen sind auf die absolute und möglichst groß angelegte Vernichtung bedacht. Terroristen beschränken sich nicht auf das Kampffeld, wie beispielsweise die japanischen Kamikazeflieger, die, wie etliche Studien ergaben, dies nicht freiwillig taten, sondern durch Militärbefehl dazu gezwungen wurden. Im Gegenteil zu diesen sind Terroristen fanatische Mörder. Die zivilisierte Welt muß gemeinsam gegen die Terroristen und die Länder, die den Terror unterstützen, kämpfen.
Terror wird fast immer mit dem Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern in Verbindung gebracht, wobei man die Schuld sofort den Israelis zuweist. Der moderne Weltterrorismus unserer Tage hat in der Tat seinen Ursprung im Nahen Osten, in dem Konflikt zwischen Israel und Arabern als Ganzes gesehen. Man darf jedoch nicht vergessen, dass die radikale Organisation der Moslembrüder im Jahre 1928 von Hassan El-Bana, einem 22-jährigen Araber aus Südägypten gegründet wurde. Das Ziel war, nach dem Zerfall des Osmanischen Reiches den Kampf gegen die Europäer und für die Vorherrschaft des Islam in der Welt mit allen möglichen Mitteln voranzutreiben. Seit der Gründung ist diese Organisation immer radikaler geworden. Aus ihren Reihen werden die fanatischen Extremisten und Selbstmord Attentäter rekrutiert.
In Israel ist der Terror ununterbrochen auf den Straßen präsent. Er fordert viele Opfer und richtet sich schmerzhaft gegen die Bevölkerung im Lande. Erst nach der Tragödie des 11. September ist die zivilisierte Welt sensibel geworden. Viel zu spät.
Es gibt in der Geschichte außer den Juden kein anderes Volk, das seit über 3000 Jahren ununterbrochen um Heimat und Land kämpft. Das ist eine schrecklich lange Zeit, die über dieses so blutig umkämpfte Territorium naturgemäß viele Herrschaften und Besiedelungen brachte. In dieser langen Geschichte war die Präsenz der Juden in Palästina mit wechselnder Bedeutung immer vorhanden.
Das 18. und 19. Jahrhundert lässt Palästina zu einem öden, unbedeutenden Land werden. Die Ökonomie des Landes war desolater als in den vorangegangenen 2000 Jahren. Die Bevölkerung des gesamten Gebietes wird auf 50.000 Menschen, davon 20.000 in Jerusalem, 5.000 in Hebron und Nablus, 3.000 in Bethlehem und 2.000 in Gaza geschätzt, berichtet Constantin Francois Comte de Volny im Jahre 1785. Mitte des 19. Jahrhunderts entstehen die ersten jüdischen Siedlungen in Palästina als Folge der neuen zionistischen Bewegung zur Neugründung eines Nationalstaates der Juden auf dem alten, historischen Boden. Bis zum Ende des Jahrhunderts gibt es 20 Siedlungen und Dörfer, die das Land urbanisieren und kultivieren. Die Araber, die Nomaden des Landes, wiedersetzen sich dem auf das massivste. Die Stadt Ramla ist die einzige von Arabern erbaute Stadt in Palästina-Israel. Es gibt auch Interessen der Kolonialmächte.
Die Welt erlebt zwei Weltkriege, die die politische Karte in der Geschichte noch einmal bedeutend verändern.
Es kommt zur Gründung des Staates Israel, bestehend aus drei kleinen Enklaven von der Gesamtgröße des Saarlandes. Jerusalem, das Symbol der Juden seit mehr als 3000 Jahren, gehört nicht dazu. Der Staat wird von den Arabern en bloc abgelehnt. Sie erklären den Krieg. Israel verteidigt sich, es kommt zum Waffenstillstand, jedoch nicht zu dem von Israel so sehr begehrten Frieden. Israel wird permanent bedroht mit immer neuen , von außen organisierten Angriffen und Terrorakten an den Grenzen und im Landesinneren. 1967 räumen acht arabische Staaten Israel keine Chancen ein. Die Terrororganisation Al´Fat´h gewinnt an Bedeutung und führt in Israel immer häufiger Anschläge auf die Zivilbevölkerung aus: insbesondere auf die zentrale Wasserleitung, auf die Eisenbahn, auf Märkte, auf Schulen und Schulbusse, Fußballplätze und Wohnhäuser. In Jerusalem und in Galiläa legt Al Fath entlang der Grenze auf israelischer Seite Minen. Die Städte und Kibuzim im Norden des Landes und an der Grenze zu Gaza im Süden werden täglich beschossen. Man will so viele Menschen wie nur möglich töten. Selbstmordangriffe von mit Sprengstoff vollgepackten Mördern sind im Rahmen des Nahost-Konfliktes ausschließlich von Arabern verübt worden.
Es kommt vom 5. bis zum 10. Juni 1967 zu einem neuen Krieg, dem Sechs-Tage-Krieg mit Ägypten, Syrien, Irak, Jordanien. Israel verteidigt sich erfolgreich, gewinnt die Sinai Halbinsel, die Golanhöhen und das Westjordanland. Mit Jordanien werden 428 arabische Gefangene gegen 2 israelische Soldaten ausgetauscht, außerdem 591 Syrer gegen 2 und 4500 Ägypter gegen 10 Israelis.
Am 1.9.1967 veröffentlicht der arabische Gipfel in Khartum, Hauptstadt des Sudans, eine 3-Nein-Resolution".
Nein zur Anerkennung Israels, nein zu Verhandlungen mit dem jüdischen Staat, nein zu einem Frieden.
Am 7. Juni 1968 verabschiedet der Palästinensische Nationalrat die "Palästina-Charta" - sie beinhaltet die Ablehnung der Existenz Israels, sowie die Befreiung von Palästina durch bewaffneten Kampf. Am 23. Juli 1968 wird von Al'Fat'h bei einem Anschlag auf eine El-Al-Maschine auf dem Flug von Rom nach Tel Aviv zum ersten Mal die Flugzeugentführung als Waffe gegen die Israelis eingesetzt, ein perfides Mittel gegen Wehrlose und Ahnungslose.
Eine Volkszählung ergibt, dass in den besetzten Gebieten 1 Million Araber, zum großen Teil in von Ägypten, Syrien, Libanon und Jordanien eingerichteten Flüchtlingslagern, unter menschenunwürdigen Bedingungen leben. In all den Jahren vor dem "Sechs-Tage-Krieg" wurden keine Integrationsversuche seitens der Bruderstaaten unternommen. Während in Europa und Israel nach dem zweiten Weltkrieg Millionen von Flüchtlingen integriert wurden, wurden die Palästinenser in Arabien, an den Grenzen zu Israel, in Gaza, Westjordanland und im Norden Libanons in Flüchtlingslagern unter menschenunwürdigen Bedingungen gehalten, als politische Waffe des Hasses, der Armut, der Verzweiflung und Wiege des Terrors. Hier keinen Terror, Hass, der islamische Fanatismus, Armut, Verzweiflung, und die Rebellion.
Am 22. November 1967 wird die UNO-Resolution 242 zur friedlichen Koexistenz in sicheren und anerkannten Grenzen und zum Rückzug aus den im Sechs-Tage-Krieg besetzten Gebieten verabschiedet. Mit Ägypten wird Frieden geschlossen. Der Preis ist, dass Israel den Gazastreifen mit seiner palästinensischen Bevölkerung behalten muß. Ein bitterer Preis.
Auch mit Jordanien wird Frieden geschlossen. Die Bedingung: Jordanien erklärt den Verzicht auf die Westbank und deren Bevölkerung, und lehnt jegliche politische und wirtschaftliche Verantwortung für dieses Gebiet ab. Somit bleibt die Westbank unter israelischer Verwaltung. Jordanien steht nicht mehr zu Verfügung als Verhandlungspartner für die Westbank. Die Bevölkerung besitzt jordanische Pässe aber Jordanien will sie nicht mehr.
Hier liegt die Tragik der Situation. Der Terror eskaliert. Nicht im Gazastreifen oder der Westbank, nicht von Israel ausgehend, sondern in Israel von Palästinensern mit wachsender Grausamkeit verübt. Israel reagiert. Es muß seine Bevölkerung und innere Sicherheit verteidigen. Anschläge werden in Israel von Arabern verübt und nicht von Israelis auf arabischen Gebieten.
Jeder Staat muß die Möglichkeiten haben, gesichert existieren zu können. Wie soll ein israelischer Staat existieren können, wenn nach den Vorstellungen vieler Vermittler ein palästinensischer, der die Westbank und den Gazastreifen umfassen soll, den israelischen durch einen Korridor teilt. Für keinen Staat ist es möglich, ein Staatsgebiet aus zwei getrennten Enklaven zu besitzen und eine geteilte gemeinsame Hauptstadt zu haben. Man muß darüber verhandeln, Gebiete auszutauschen und zusammenhängende Flächen als Staatsterritorium anzuerkennen, und auf Maximalforderungen verzichten.
Die Eskalation des Terrors konnte diese erschreckenden Ausmaße annehmen, weil die Welt von Anfang an nicht gemeinsam verurteilend reagiert hat. Man hat den arabischen Terrorismus als "Befreiungskampf" beschönigt und verniedlicht. Man hat wohl Aktion mit Reaktion verwechselt. Angesichts der Bewegungsmöglichkeit in der enger gewordenen Welt und der modernen und so effektiven Kampfmittel, die mit recht wenig Aufwand so schrecklich viel Grausames anrichten können, ist eine weitere Verniedlichung des Terrorismus ein schrecklicher Leichtsinn. Nicht nur Israel und die USA sind betroffen. Wenn der Terror weiterhin funktioniert und nicht geahndet wird, dann wird zukünftig jeder Konflikt, überall in der Welt, auf diese Weise ausgetragen werden.
Zum Schluß noch eine Erläuterung zu dem von Hans Schauer angeprangerten "menschenrechtswidrigen" und "völkerrechtswidrigen" Vorgehen der israelischen Besatzer in Palästina: - diese Besatzer haben in den Flüchtlingslagern Sanitäreinrichtungen und Kanalisation, Schulen, die beiden Universitäten und Krankenhäuser gebaut und errichtet. Sie haben dort Epidemien gebannt, sie haben die palästinensische Polizei bewaffnet und organisiert in der Hoffnung auf Zusammenarbeit und Verhandlungen. Sie haben den Palästinensern Arbeit gegeben und Terror, Anschläge und Mord geerntet. Kein friedlicher Araber wurde je von einem Israeli angegriffen. Sie haben in ihren Schulen keinen Haß, keinen Fanatismus gelehrt, und sie haben keine ihrer Kinder auf das Kampffeld geschickt. Palästinenser tun das. Im Gegensatz zu Palästina ist keine israelische Mutter glücklich und stolz auf ihren tötenden und selber getöteten Sohn. Kein gefallener Israeli wird mit so viel Aggressionen und Fanatismus zu Grabe getragen wie ein Palästinenser in Palästina. Kein Israeli bricht, wie es am 11. September unter Palästinensern geschehen ist, angesichts des durch Terroristenmord verursachten grausamen Massensterbens in Freudentänze und Glücksgefühle aus. In Israel gibt es Trauer und unsagbaren Schmerz. Jedes verlorene Menschenleben wird in Israel schmerzerfüllt beweint. Dies ist die Wahrheit, die viele leider nicht hören wollen.