Marburger Forum    Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 2 (2001), Heft 5


Karl Haberkorn: Bau einer Krankenstation im Bergdorf Bolde in Nepal durch vier befreundete Ehepaare aus dem Großraum München

Nepal, das Dach der Welt, ist eines der schönsten und faszinierendsten, aber auch eines der ärmsten Länder der Welt. 80 Prozent der 21 Millionen Einwohner leben in abgelegenen Dörfern, über zwei Drittel müssen mit weniger als einer Mark am Tag auskommen. Ein typisches Dorf in der bergigen Gegend im Osten Nepals ist Bolde. Seine einfachen Häuser liegen auf Hügeln verstreut, ohne jegliche Infrastruktur: Es gibt keinen Strom und damit natürlich auch kein Fernsehen, es gibt kein Telefon, keine Straßen und keine Verkehrsmittel und - was am schlimmsten ist - keinerlei Gesundheitsversorgung. Im ganzen Einzugsgebiet von Bolde mit seinen 15.000 Einwohnern gibt es keinen einzigen Arzt.

"Wir leben hier wie im Paradies, aber wenn man krank wird, dann ist es die Hölle", sagte ein Nepali aus Bolde. "Eine Vergiftung, eine Blinddarmentzündung, ein Schlangenbiss kann den Tod bedeuten. Zum Krankenhaus nach Dhulikhel ist es ein Tagesmarsch."

nepal1.jpg (61587 Byte)

Vier befreundete Ehepaare aus der Umgebung von München, die sich später die "Bolde-Freunde" nennen werden und die sich zu einer Trekkingtour in Nepal aufhielten, hörten dieses oft auf ihren Wanderungen in der Gegend. Sie kannten den beschwerlichen achtstündigen Fußmarsch von Bolde zur Bushaltestelle Dolalghat. Von dort zum Krankenhaus in Dhulikhel sind es dann noch einmal über zwei Stunden Fahrt im völlig überfüllten Bus. Für einen Kranken, auch mit bester Unterstützung durch Helfer, eine enorme Strapaze.

nepal2.jpg (63069 Byte)

Diese miserablen Zustände veranlassten uns, gemeinsam mit Einheimischen, die wir kennen gelernt hatten, über eine Verbesserung der Situation zu beraten. Am Anfang dachten wir nur daran, ein kleines, bescheidenes Häuschen bauen zu lassen, in dem eine Krankenschwester eine einfache Grundversorgung für die Bolde-Bewohner sicherstellen sollte. "150 Mark - so viel verdient eine Krankenschwester hier im Monat - das müsste doch zu schaffen sein!", sagten wir uns.

nepal3.jpg (58768 Byte)

Wir besprachen den Plan mit Dr. Ram Shrestra, dem Leiter des Krankenhauses in Dhulikhel, der uns schnell überzeugte, dass so eine Lösung nicht ausreichend und auch nicht überlebensfähig sei. Nach seiner Meinung mussten mindestens drei bis vier Fachleute ständig in Bolde sein: ein Arzthelfer, ein Pfleger, eine Krankenschwester und mindestens alle zwei Wochen einmal ein Arzt. Und er versprach, das Personal auszubilden und in medizinischer Hinsicht zu betreuen. Allerdings würden die Personalkosten monatlich knapp 1000 DM betragen.

Diese Aussage schockte uns verständlicherweise. Die ursprünglich geplanten Kosten waren plötzlich um mehr als das Fünffache gestiegen. Und die Baukosten für die dann notwendige Krankenstation kamen noch dazu. Trotzdem ließen wir vom Architekten des Dhulikhel-Krankenhauses einen groben Bauplan erstellen. Die geschätzten Baukosten beliefen sich auf 40.000 DM.

Daheim diskutierten wir den Plan mit Freunden und Bekannten und stießen dabei auf großes Interesse. Daraufhin iniziierten wir Zeitungsberichte und Fernsehbeiträge, wir führten Benefizveranstaltungen durch, und alle diese Aktionen fanden unwahrscheinliche Resonanz. Innerhalb kurzer Zeit war über die Hälfte der veranschlagten Bausumme an Spenden eingegangen - die Menschen wussten es zu schätzen, dass absolut kein Geld für Verwaltungsaufgaben verwendet wurde -, den Rest legten wir selber drauf, und damit konnte mit dem Bau begonnen werden.

nepal4.jpg (54659 Byte)

Ein Grundstück wurde gekauft - zum Großteil von den Bolde-Einwohnern finanziert - und kurz darauf im November 1999 fand die feierliche Grundsteinlegung statt. Man begann nun sofort mit den Ausschachtungsarbeiten, die Bolde-Bewohner halfen voller Begeisterung. Die Frauen schafften Sand vom Sunkosi-River zur Baustelle hinauf, sie mussten die 50 kg-Säcke auf dem Rücken schleppen, um die 600 Höhenmeter zu überwinden, sie klopften Steine überall in ihren Höfen, während die Männer Quader aus einem nahe gelegenen Steinbruch brachen: all das harte manuelle Arbeit, die den Frauen einen Tageslohn von ungefähr 5 DM einbrachte, den Männern nicht viel mehr, für uns Europäer ein Hungerlohn, aber für die Einheimischen eine gefragte Verdienstmöglichkeit. In der bäuerlichen Bolde-Region gibt es ja sonst nichts zu verdienen, es sei denn, man arbeitet als Lastenträger für die Trekking-Touristen.

nepal7.jpg (60189 Byte)

Der Einsatz der Männer und Frauen war großartig. Es wurde mit Hochdruck gearbeitet, und dank der erfahrenen Bauarbeiter, die bereits das Krankenhaus in Dhulikhel gebaut hatten, konnte der erste Abschnitt schon nach einem Jahr beendet werden. Im Oktober 2000 fand die feierliche Einweihung mit hinduistischen und buddhistischen Priestern und natürlich auch mit vielen einheimischen Musikgruppen statt.

nepal8.jpg (60399 Byte)

Inzwischen (Sommer 2001) ist auch der Endausbau der Krankenstation fertig gestellt: Der 1. Stock des Gebäudes wurde draufgesetzt, auf der oberen Terrasse eine Solaranlage installiert (zum Großteil vom Solarenergieförderverein Bayern e.V., der von Eon betreut wird, gesponsert), ein Toilettenhäuschen, sowie ein kleines Küchengebäude gebaut und die ganze Umgebung der Krankenstation mit Sträuchern und Bäumen bepflanzt.

nepal5.jpg (53754 Byte)

Aus der ursprünglich geplanten Mini-Krankenstation ist somit ein kleines, leistungsfähiges Krankenhaus geworden. Entsprechend haben sich allerdings auch die Baukosten erhöht. Sie liegen für den Endausbau insgesamt bei 230.000 Mark.

Diese enorme Summe konnte natürlich nur durch die tatkräftige Mithilfe vieler, vieler Sponsoren aufgebracht werden, und dafür bedanken wir, die Bolde-Freunde, wie auch die Bolde-Bewohner, uns herzlich.

Jetzt fehlen nur noch die "Feinheiten" des Projekts: eine Telefonverbindung - geplant ist eine Funkverbindung zum Mutter-Krankenhaus in Dhulikhel - , ein Medikamentenkühlschrank, einige wichtige medizinische Geräte und - was ganz wichtig ist - die Einrichtung eines Charity-Fonds für die Ärmsten der Armen. Eine Behandlung in der Krankenstation kostet zwar umgerechnet nur etwa 30 Pfennig, aber auch diesen Betrag können viele Patienten nicht aufbringen, und da soll der Charity-Fonds einspringen. Er soll gleichfalls die Kosten für Operationen übernehmen, die im Dhulikhel-Krankenhaus nicht durchgeführt werden können.

nepal6.jpg (51137 Byte)

Zusätzlich wird in Zukunft die Zusammenarbeit mit dem Mutterkrankenhaus verstärkt. Es sollen viele Arbeiten gemeinsam durchgeführt werden, die natürlich auch den Bolde-Bewohnern zugute kommen, beispielsweise ist geplant, eine sauerstoffproduzierende Anlage für die Asthma-Kranken anzuschaffen, auch das Mutterkrankenhaus soll um eine stationäre Abteilung erweitert werden, es platzt inzwischen aus allen Nähten.

Von den Bolde-Freunden ist also noch eine Menge zu finanzieren. Das größte Problem werden in Zukunft die Personalkosten sein. Sie liegen heute schon mit der jetzigen Besetzung bei 1500 DM im Monat. Wenn in ein bis zwei Jahren ständig ein Arzt in Bolde sein wird, werden sich diese Kosten auf weit über 2000 DM im Monat erhöhen.

Trotzdem sind wir guten Mutes. Wir hoffen weiterhin auf die Spendenfreudigkeit unserer Freunde und Bekannten und all der Menschen, die unser Projekt gerne unterstützen möchten. Wir sichern den Spendern weiterhin zu, dass jede Mark ausschließlich für das Projekt verwendet wird und dass die Verwaltung-Aufgaben und -kosten in voller Höhe von uns übernommen werden. Spendenquittungen stellen wir bei Bedarf aus.

Um unser Projekt auf Dauer abzusichern, haben wir im August 2001 eine Stiftung gegründet. Nach unserer festen Überzeugung soll und darf das Projekt kein Strohfeuer sein, die Bolde-Gegend braucht langfristige Unterstützung, ganz nach dem Motto der Bolde-Freunde: Nepal, eine Freundschaft fürs Leben.

Ansprechpartner:

Bolde-Freunde
Karl und Gisela Haberkorn, Tel. 089 – 799 677
Horst und Ursula Schmel, Tel. 08105 – 94 96
Sepp und Rosi Friedl, Tel. 08105 - 226 627
Klaus Schuler und Erna Scheuermann, Tel. 0881 – 41 415

 

Nachbemerkung der Redaktion

Was Karl Haberkorn hier mit einem gewissen Understatement beschreibt, stellt in Wirklichkeit eine einzigartige Leistung dar, die wir bewundern. Man mache sich nur einmal deutlich: die Initiative von acht Personen hat dazu geführt, dass in einem von 15.000 Menschen bewohnten Gebiet erstmals eine ärztliche Grundversorgung existiert. Das gesamte Projekt kommt ohne Verwaltungskosten aus, weil sämtliche damit zusammenhängenden Arbeiten von den Münchnern selber bewältigt werden. Die von ihnen aufgebrachten monatlichen Mittel bilden, bei aller wichtigen und notwendigen Unterstützung durch andere Menschen, nach wie vor die finanzielle Basis der Krankenstation in Bolde. Aber zusätzlich zur Bereitstellung des Geldes ist es vor allem auch das tiefgehende Engagement der vier Paare - gemeinsam mit gleichgesinnten Helfern in Nepal - , das zu diesem Ergebnis geführt hat.

Wir erkennen in diesem Handeln das praktische Beispiel einer nachmodernen Ethik: die solidarische Beziehung zu den Not leidenden Menschen einer anderen Weltgegend intensiviert durchaus das eigene Leben und stiftet einen Sinn, der unserem täglichen Dasein verloren zu gehen droht. Was die Münchner tun, hat eine große Bedeutung, für sie selber, und selbstverständlich und in ganz anderer Weise für die Einwohner von Bolde. Wer ihnen bei Ausbau und Unterhalt der Krankenstation helfen möchte, der überweise einen Betrag auf das folgende Konto:

Karl Haberkorn, Stadtsparkasse München,
Stichwort: Spende Nepal,
Kto-Nr. 69 105 880, BLZ 701 500 00

oder:

Horst Schmel, Raiffeisenbank Gilching,
Stichwort: Spende Nepal,
Kto-Nr.: 200 107 360, BLZ 701 693 82.


Erläuterungen zu den Bildern:

1) Auf dem Weg nach Bolde. Im Hintergrund die schneebedeckten Bergriesen des Himalaya.

2) Schwerkranke werden in stundenlangen oder sogar tagelangen Märschen auf Tragbahren zur Behandlung gebracht.

3) Die ersten medizinischen Eingriffe der Bolde-Initiative wurden unter primitivsten Arbeitsverhältnissen durchgeführt.

4) In der Mitte der Leiter des Krankenhauses Dr. Ram Shresta. Er bekam als einer der besten Abiturienten Nepals ein Stipendium für ein Medizinstudium in Österreich. Er war fünfzehn Jahre Arzt in Feldkirch, bevor er nach Nepal zurückkehrte und dort 1996 das Krankenhaus in Dhulikhel (finanziert von der Stiftung Nepalimed) baute. Rechts Tilak Lama, aus Bolde gebürtig, ebenfalls ein hervorragender Schüler des Bezirks, der auch ein Stipendium bekam. Er ist der unentbehrliche Organisator des Projekts.

5) Alles Baumaterial musste zur Baustelle hinauf geschleppt werden: Sand, Zement, die schweren und sperrigen Armiereisen...

6) Aus ganz Bolde und Umgebung strömten die Menschen zur Einweihung.

7) Während im Erdgeschoss der Betrieb uneingeschränkt weiterlief, wurde der erste Stock planmäßig draufgesetzt. Zur Zeit wird die Solaranlage auf der Terrasse installiert.

8) In der Krankenstation herrscht bei der Ärzte-Sprechstunde immer großer Andrang.


Diesen Bericht (ohne Bilder) als Word-Dokument herunterladen