Marburger Forum    Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 2 (2001), Heft 6


Klingendes Mahnmal eines kritischen Pazifismus - Benjamin Brittens „War Requiem" in Marburg

Weder am Ostermorgen noch in der Christnacht finden annähernd so viele Menschen den Weg zur Lutherischen Pfarrkirche in Marburg; aber um großer Konzerte willen machen sie sich in hellen Scharen auf, spielt doch traditionell die Kirchenmusik im Marburger Kulturleben eine ganz besondere Rolle. Die erst 1992 gegründete Kurhessische Kantorei unter der Leitung von Landeskirchenmusikdirektor Martin Bartsch hat sich in den wenigen Jahren ihres Bestehens einen festen und bedeutenden Platz innerhalb der Marburger Kirchenmusik erobert, und dies nicht nur mit Konzerten, die dem allgemeinen Publikumsgeschmack entgegenkommen, sondern - ganz bewußt - auch mit der Aufführung von modernen Werken wie „Golgotha" von Frank Martin oder „A child of our time" von Michael Tippett.

Am letzten Sonntag des Kirchenjahres (25. 11. 2001) brachte die Kurhessische Kantorei wiederum ein berühmtes und doch selten aufgeführtes Werk moderner Chorliteratur zu Gehör, das „War Requiem" von Benjamin Britten, komponiert für die Wiedereinweihung der im Zweiten Weltkrieg durch deutsche Bomben zerstörten Kathedrale von Coventry im Jahr 1962. Dieses monumentale Werk, das neben 3 Solisten, einem Chor und einem Jugendchor auch ein großes Orchester mit 85 Instrumentalisten verlangt, konnte Martin Bartsch nur realisieren aufgrund seiner vielfältigen Kontakte und insbesondere durch Zusammenarbeit mit einem rumänischen Orchester, der Staatlichen Philharmonie Sibiu (Hermannstadt) in Siebenbürgen. Auf die Marburger Aufführung, der am Vortag eine öffentliche Generalprobe für Schulen vorausging, werden im Mai kommenden Jahres drei Aufführungen in Rumänien folgen - in nahezu identischer Besetzung.

Wie immer bei der Darbietung moderner Werke gab es im Vorfeld Befürchtungen, ob das Publikum denn auch wirklich kommen werde, und wie schon bei früheren Projekten der Kurhessischen Kantorei erwiesen sich die Befürchtungen als unberechtigt, es gab letztlich weitaus mehr Interessierte als Sitzplätze - aber niemand wurde abgewiesen, und so standen die Hörer, ungeachtet aller feuerpolizeilichen Bedenken, dicht bei dicht hinter und zwischen den Bankblöcken im Kirchenschiff der größten Marburger Kirche, und auch die Emporen waren eng besetzt.

Benjamin Britten (1913 - 1976) wollte sein „War Requiem" als Werk der Versöhnung verstanden wissen, bei der Uraufführung sang u.a. Dietrich Fischer-Dieskau als Solist. Das Werk umkreist die Themen von Krieg und Tod in der Spannung zwischen traditionell-christlicher Hoffnungsgewißheit und dem modernen Zweifel im Angesicht der Erfahrungen des 20. Jahrhunderts. Das Libretto nimmt das lateinische Totenoffizium als Rahmen, aber die lateinischen Texte des Requiems sind durchwoben mit englischen Gedichten von Wilfred Owen (1893 - 1918), dessen späte Lyrik in starken Worten und ergreifenden Bildern seine Eindrücke auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkrieges widerspiegelt: „Was für Totenglocken läuten denen, die wie Vieh sterben?" (What passing-bells for these who die as cattle?). Owens Gedichte (in einem Rezitationston vorgetragen von den männlichen Solisten) stellen die Requiem-Texte (gesungen von den Chören, z.T. im dramatischen Wechselgespräch mit dem Sopran) mehr als einmal in Frage, und aus dieser spannungsvollen Dynamik lebt das Textbuch, das Britten wiederum kongenial in ein modernes geistliches Musikdrama überführt hat. Im letzten Gedicht, gefolgt nur noch vom Gesang „In paradisum" begegnen sich zwei feindliche, gefallene Soldaten wieder, rachelos, emotionslos Rückschau haltend („Fremder Freund", sprach ich, „hier ist kein Grund zur Klage".), aber mit Mahnworten für die Zukunft:

Mit dem, was wir zerstörten, müssten die Menschen
zufrieden sein. Oder, wenn nicht, im Blut ersticken.
Schnell werden sie sein, schnell wie der Tiger,
keiner wird sich ausschließen,
wenn sich die Menschheit vom Fortschritt abwendet.

Wilfred Owen steht die Erfahrung des Krieges gegen die Hoffnungstradition des Abendlandes, gegen das jüdisch-christliche Menschen- und Gottesbild unserer Überlieferung. In einem Gedicht schreibt er die Geschichte von Isaaks Opferung um: Abraham hört wohl die Stimme des Engels, sieht auch den Widder, der sich im Dickicht verfangen hat, aber er läßt sich nicht mehr beirren und abhalten, auch nicht durch göttliche Stimme:

Doch der alte Mann wollte nicht
und erschlug seinen Sohn,
und die halbe Saat Europas, Mann um Mann.

Diesen Text setzt Britten in den Offertoriumsgesang, dorthin, wo von der Verheißung an „Abrahams Samen" die Rede ist. Die Erfahrung von Gegenwart und jüngster Geschichte steht auf gegen die überzeitliche Hoffnung der Totenmesse, stellt sie in Frage, läßt ihr aber doch das letzte Wort: Requiescant in pace. Amen.

Auch in der Partitur glätten sich am Ende des Werkes die Wogen, es erscheint Hoffnung, eine musikalische Vision von ewiger Ruhe und Klarheit entläßt den Hörer nicht in Aufruhr, sondern in (vielleicht kleiner, aber doch fester) Zuversicht.

Das „War Requiem" ist eines der berühmtesten Werke Benjamin Brittens, sicher zu recht. Souverän spielt der Komponist mit allen Möglichkeiten eines großen, modernen Orchesters, und erweist sich dabei als ein Meister auch der leisen Töne.

Martin Bartsch gelang es, die drei Ensembles (die Kurhessische Kantorei, das Orchester aus Sibiu und den Jugendchor, gebildet aus der Fuldaer Mädchenkantorei und den Fuldaer Domsingknaben) und die drei hervorragenden Solisten (Christine Wolff, Sopran, Henner Leyhe, Tenor und Mark Pancek, Baß) zusammenzuführen zu einer gemeinsamen Interpretation von Brittens Werk, die den Spannungsbogen über 85 Minuten Aufführungsdauer durchhielt und dem Marburger Publikum eines der herausragenden Konzertereignisse des Jahres bescherte.

Bei der Planung dieses Konzertes konnte niemand wissen, daß dem „War Requiem" im Herbst 2001 ungeahnte Aktualität zukommen würde. So aber hörte das Publikum gewiß auch die Kriegstrommeln unserer Tage im Orchester mit - und die Poesie Owens, gerade auch in seinem Ringen mit einem blinden Pazifismus, mit besonders aufmerksamen Ohren:

Erheb dich langsam, langer schwarzer Arm,
große, gen Himmel aufgereckte Kanone, bereit zum Fluch;
triff all den Hochmut, der deinen Schlag braucht,
wirf ihn nieder, ehe seine Sünden größer werden;
Doch wenn dein Werk getan und vorbei ist,
treffe dich Gottes Fluch und befreie uns von Dir!

Uwe Kühneweg

Diesen Beitrag im pdf-Format herunterladen