Marburger Forum    Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 2 (2001), Heft 6

Sean O’Casey: Das Ende vom Anfang

im Hessischen Landestheater Marburg (Premiere: 8. Dezember 2001)

Als Komödie zur Winterzeit hat das Marburger Theater ein Stück des großen irischen Dramatikers Sean O’Casey (1880 - 1964) herausgebracht, das sonst gemeinhin von professionellen Bühnen (wie auch von der Fachliteratur) übersehen wird, die Comedy in One Act „Das Ende vom Anfang" (The End of the Beginning), entstanden 1934 (oder etwas früher), uraufgeführt in Dublin 1937. Das kleine Stück gehört zur Gattung der Farce, die im englischen Theater des 18. und 19. Jahrhunderts einem längeren Schauspielabend als Ouvertüre (Curtain raiser) oder als satyrspielartiger Abschluß (After-piece) zugeordnet war. Neben George Bernard Shaw war es Sean O’Casey, der die Tradition der Farce hinübergerettet hat ins 20. Jahrhundert, wo sie sich wiederfindet bei Arden, Beckett oder Pinter. Eine zweifelhafte Auferstehung in amerikanischem Geist feiert das groteske Kurzdrama heute im Fernsehen in den sit coms der daily soap.

Unter den neun Einaktern, die O’Casey geschrieben hat, sind längst nicht alle so gut ausgearbeitet wie Das Ende vom Anfang (oder das zur selben Gattung zählende Ein Pfund abheben). O’Caseys kleine Stücke sind tatsächlich mit Klaus Völker als „Vorarbeiten oder auch Abfallprodukte seiner großen Dramen" zu bezeichnen. So erinnert das „panorama of ruin" im „Ende vom Anfang" in vieler Hinsicht an das spätere Stück „Purpurstaub".

Die Intention des Autors ist bei „Das Ende vom Anfang" schlicht die Unterhaltung des Publikums mit einem längeren, sehr bühnenwirksamen Sketch: „Das Lachen ist Wein für die Seele. (...) Das Lachen ist eine fröhliche Erklärung des Menschen, daß das Leben lebenswert ist", notiert O’Casey einmal.

Situation und Exposition sind einfach, aber effektvoll: Der Bauer Darry Berrill streitet, wie schon oft, mit seiner Frau Lizzie über die Frage, wer von ihnen die schwerere Arbeit zu leisten habe. Schließlich tauschen sie die Rollen: Lizzie geht die Wiese mähen, und Darry stürzt sich, unterstützt von dem mehr als kurzsichtigen Freund Barry in die wundersamen Abenteuer der „Arbeit des Hauses".

In Sean O’Caseys Dramen nehmen die Bühnen- und Regieanweisungen oft ebenso viel Raum ein wie die Dialoge, und auch „Das Ende vom Anfang" gewinnt seine bezwingende Komik eher aus der Gestik und der Mimik als aus dem gesprochenen Wort. Darry und Berry erinnern nicht ganz zufällig an das Filmkomikerpaar Laurel und Hardy, und die Ära des Tonfilms ist noch jung. Mit Jürgen Helmut Keuchel und David Gerlach stehen in Marburg zwei Schauspieler auf der Bühne, die mit ihrem komischen Talent dieser besonderen Herausforderung des Stückes ganz und gar gerecht werden.

Und so sieht man sie mit der Tücke des Objekts kämpfen, die bei O’Casey sehr oft die Menschen (insbesondere die männlichen Exemplare) in ihre Schranken weist. Der Untergang des Derrill’schen Haushalts vollzieht sich in Etappen, mit einem lawinenartigen Kumulationseffekt. Und wenn schließlich nach mancherlei Katastrophen und Blut- und Geschirrverlusten Darry im Schornstein hängt, um die draußen weidende Kuh vor dem Absturz vom Damm zu bewahren, dann leuchtet unmittelbar ein, was William A. Armstrong über dieses Stück geschrieben hat: es sei „one of the most brilliant sequences of comic peripeteia to be found in any farce written in English".

Die schauspielerische Leistung der beiden männlichen Darsteller ist kaum genug zu rühmen. Jürgen Helmut Keuchel spielt den Landwirt Darry als nicht ganz unsympathischen Rechthaber. David Gerlach verkörpert Barry, der als Typ vor allem durch seine Kurzsichtigkeit charakterisiert ist, so überzeugend, daß man sich noch beim Schlußapplaus fragt, ob er nicht am Ende wirklich eine Brille brauche. Natürlich sind die Rollen der farce Typen, keine Charaktere, aber der Zuschauer baut doch eine Beziehung liebevollen Mitleids zu ihnen auf. Yvonne Schuchhardt spielt die Ehefrau Lizzy und damit die eher undankbare Rolle nur in der Rahmenhandlung, aber sie spielt sie gut.

Das Stück ist ein Einakter, der in Marburg im Grunde in die Länge gezogen wird. Die im Programmheft angegebene Spieldauer von 1 Stunde 20 Minuten wurde bei der Premiere noch übertroffen, aber Langeweile kam keinen Moment auf. Das ist den beiden herausragenden Darstellern zu danken, die auch ihr musikalisches und artistisches Können beweisen dürfen, aber auch der Regie von Peter Radestock mit seinem feinen Gespür für Komik. Wenn ein Haushalt (und schließlich das halbe Haus) in die Brüche geht, dann sind Ausstattung, Requisite und Bühnentechnik besonders gefordert. Die Marburger Inszenierung kann auch hier überzeugen. Die Ausstattung stammt von Klaus Weber, naturalistisch und detailreich, wie es für ein O’Casey-Stück angemessen ist.

Selbst eineinhalb Stunden sind für einen Theaterabend aber doch ein wenig kurz, und so hat man sich in Marburg entschlossen, O’Caseys Stück als ersten Teil eines „Irischen Abends" zu geben. Nach der Aufführung (im TASCH 1) begibt sich das Publikum, so weit es möchte, hinüber in den als Club möblierten anderen Theatersaal (TASCH 2), wo es zunächst Landestypisches zu essen und (vor allem:) zu trinken gibt. Nach einer dreiviertelstündigen Pause schließt sich dann ein kleines Programm mit Liedern, Geschichten und Limericks an, dargeboten von den beiden Hauptdarstellern, begleitet von Reidar Seeling am Klavier. Mit derben Liedern und Versen, kleinen Geschichten von O’Casey, Flann O’Brien u.a., aber auch einem Auszug aus Bölls „Irischem Tagebuch" wird das Publikum in die grünen Gefilde irischen Lebensgefühls entführt, zu dem - wenigstens in männlicher Weltsicht - immer auch Whiskey, Weib und Gesang gehören.

So schließt ein wunderbarer Theaterabend, an dem der Zuschauer einmal richtig und unbeschwert lachen darf, mit einer guten Prise Fernweh. Und auf dem Heimweg durch das nächtlich-kalte Marburg fällt mir wieder der fast beschwörende Aufruf ein, der von O’Casey im Programmheft zitiert wird: „Darum lacht, soweit das in der Hast und Komplexität des Lebens möglich ist; lacht, wenn die Sonne scheint, wenn es regnet, oder sogar, wenn die Kälte unsere Haut berührt und das Herz erstarren läßt." In der Tat: Auch Lachen ist Läuterung und Therapie, wie wir sie in unserer Zeit bitter nötig haben.

Im Programmheft wird angemerkt, in Marburg sei O’Casey noch nie aufgeführt worden. Das stimmt für das professionelle Theater. Vor einigen Jahren hat aber die Oberstufen-Theater- AG des Gymnasium Philippinum im KFZ „Kikeriki" (Cock-A-Doodle Dandy) in einer recht überzeugenden Inszenierung auf die Bühne gebracht. Vielleicht ist ja der Erfolg von „Das Ende vom Anfang", das beim Publikum großen Anklang fand, für das Marburger Theater ein Anstoß, sich auch einmal eines der abendfüllenden, ungleich anspruchsvolleren Stücke O’Caseys anzunehmen.

Uwe Kühneweg

Diese Kritik im pdf-Format herunterladen