Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 3 (2002), Heft 1


Alles ist im Fluss -
Eine philosophische Begründung des Postmaterialismus

 

Roland Benedikter, Mitarbeiter des „Instituts für Ideengeschichte und Demokratieforschung“ Innsbruck und des „Forums für Sozialästhetik“ Innsbruck-Bozen, hat schon häufiger den Zeitgeist untersucht und ihm sehr fruchtbare Erkenntnisse abgerungen. Diesmal versucht er in einem dreibändigen Werk zusammen mit anderen Autoren aus verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen, dem Postmaterialismus eine philosophische Begründung zu geben.

Ausgehend von dem Begriff, wie ihn der Soziologe Ronald Inglehard in den achtziger Jahren geprägt hatte, sieht Bendedikter in der Einleitung des ersten der drei Bände den Materialismus bezogen auf seinen Denkansatz gar nicht weit entfernt vom Kommunismus und vom Neoliberalismus. Allen dieser Ansätze liegt die Sorge um das leibliche Wohl, um den Lebensstandard des Staates und seiner Bevölkerung zugrunde. Im Kommunismus ist zwar das Verhältnis Staat-Bevölkerung anders definiert als bei den beiden anderen Ansätzen, aber die materielle Grundlage ist hier die gleiche.

Der Postmaterialismus, der deutlich wurde hierzulande in den Bürgeriniativbewegungen und weltweit in der civic society (Bürgergesellschaft) ist nach Benedikter aus einer besonderen Gefühlslage heraus entstanden. Es wuchs ein Misstrauen gegen die Unbeherrschbarkeit der Technik, das besonders bei der Atomwaffentechnik und bei Atomkraftwerken zu einer Protesthaltung führte. Heute ist es die Globalisierung in der Wirtschaft, die für viele Menschen auf der ganzen Welt Anlass zu Misstrauen und Protest gibt, und die solche Menschen in organisierten „Bürgergesellschaften“ zusammenführt. Die Postmaterialismusdebatte wurde deshalb weniger philosophisch als politisch-soziologisch geführt. Dies will die Autorengruppe um Roland Benedikter  nachholen.

Im ersten Band geht es dabei um eine Einführung in das postmaterialistische Denken. Es wird philosophisch identifiziert als die Abkehr vom Wert der Dauer, der Ewigkeit, der Haltbarkeit. Kennzeichen für die postmaterialistische Geisteshaltung sind  - Unschärfe im Denken,  -Konfliktualität, d.h. ständiger Konflikt wird als produktiv empfunden und einer Lösung, die zum Stillstand von innovativen Prozessen führt, vorgezogen,  - Offenheit, Unabgeschlossenheit, und, wie schon bei der Konfliktualität angedeutet, - Prozessualität. Kurz ausgedrückt: Alles ist im Fluss., Stillstand ist unerwünscht. Deshalb geltende bleibende Werte auch nichts mehr. Werte müssen täglich, ja stündlich, neu definiert werden.

Parallel dazu wird die Philosophie der Postmoderne herangezogen, die Wahrheit, Schönheit und Moralität nicht mehr als objektive Wertmaßstäbe anerkennen will. Daraus folgen Phänomene wie die Auflösung von Gesellschaften, Familien, konventionelle Sprech- und Denkweisen. Es bilden sich auf allen diesen Ebenen immer wieder vorübergehende Cliquen, die sich auch schnell wieder auflösen, um aus den aufgelösten Teilen wieder verschiedene neue vorübergehende Cliquen zu bilden. Das, was für den einzelnen noch zählt, ist nur noch sein Ego, und dieses will er im Leben in tausenderlei Situationen als aktiv erleben – nur so erfährt es seine eigene Bestätigung. Zygmunt Baumann, einer der Ko-Autoren im ersten Band, prägt bezogen auf die zeitgemäße Wirtschaftskultur den Begriff der „flüssigen Moderne“. In der heutigen Wirtschaft, ändern sich Unternehmens- und Kommunikationsstrukturen zusehends. Auch Produkte altern fast im Wochenrhythmus. Reichtum erkennt man in einer Zeit der flüssigen Wirtschaft nicht mehr an der Anhäufung von Werten, sondern am Überfluss. Wer viel zu viel hat, und sich täglich immer mehr von dem, was er gar nicht braucht, besorgt, ist reich und mächtig. Die Macht erlangt er dadurch, dass er das, was er zuviel hat, herschenkt. Er bekommt moralische Macht über die Beschenkten.

Im zweiten Band geht es um das Menschenbild im Postmaterialismus. Lorenzo Ravagli stellt fest, dass der Mensch als Individuum ständig seine Identität wechselt. Hat es in den sechziger Jahren noch bestimmte Rollen gegeben, derer sich ein Individuum je nach sozialer Situation bediente,, sich aber insgesamt selbst treu blieb, so tritt heute die gesamte Identität des Menschen an die Stelle der Rollen. Lebensläufe sind nicht mehr auf die Dauer eines ganzen Lebens angelegt, die Religiosität verschwindet aus dem Interessensbereich des Menschen – oder sie wird zu einer Kette abgebrochener Versuche, einen neuen Sinn zu finden. Ehen werden wie selbstverständlich geschieden, Kinder haben keine verlässlichen Bezugspersonen mehr, politischen Weltanschauungen werden ebenfalls beliebig gewechselt. Im Gegensatz dazu wird Ästhetik emblematisiert. Eine Toilettenbürste muss nicht nur praktisch, sondern auch schön sein, ein schöner menschlicher Körper wird zu einem hohen Ideal stilisiert. Die Schönheit der Seele wird unwichtig, statt der heiligen Hostie in der Kirche werden  im Fitnessstudio Anabolika eingenommen.

Für die Führungsstrukturen in Unternehmen bedeutet die zunehmende Individualisierung der Menschheit und die zunehmende Relativierung von Werten, dass Führungskräfte heute nicht mehr Unternehmensziele formulieren und anordnen können, sondern sie müssen eher die Möglichkeiten schaffen, das die individualisierten Arbeitnehmer die eher als Rahmenbedingungen skizzierten Unternehmensziele verwirklichen, mit einem starken Eigenanteil der Arbeitnehmer.

Im dritten Teil des Werkes wird die Arbeit im Postmaterialismus thematisiert. Anders als in den vorangegangenen Teilen wird hier weniger auf allgemeingültiges empirisches Material zurückgegriffen, sondern der Versuch gemacht, einige soziale und ökonomische Ideen Rudolf Steiners für die heutige Zeit neu aufzugreifen. Es geht hier um den gerechten Lohn und um die Trennung von Arbeit und Einkommen – um Themen also, die in der einschlägigen anthroposophischen Literatur schon häufiger behandelt worden sind.  Dieser dritte Band bietet gegenüber jenen anthroposophischen Büchern weitgehend keine neuen Erkenntnisse. Interessant wird wieder die Abhandlung von Stefan Brodbeck über eine neue Sicht des Zeitbegriffs. Er fasst die in der neuen Ökonomie entstehende freie Zeit, von der man im Postmaterialismus mehr zur Verfügung hat als im Materialismus, als Sozial- und Entwicklungszeit auf – als Zeit, die man für den Anderen, zum Verständnis des Anderen und für sich selbst, für seine Entwicklung zu einer neuen Geistigkeit hin, zur Verfügung hat.

Das Buch ist nicht einfach geschrieben und verlangt einen Leser, der viel Zeit und Verständnis aufbringt. Manchmal ist der Kern der Argumentation erst spät zu erkennen. Der Aufbau der drei Bände ist aber in sich logisch, wenn auch der Begriff „Arbeit“ als Untertitel für den dritten Band leicht irreführend ist. Um Arbeit handelt es sich eigentlich in allen drei Bänden. Das Werk ist insgesamt ein wichtiger Schritt zur philosophischen Begründung des Postmaterialismus, dem aber noch weitere Schritte folgen müssen.

Heinz Peter Hamacher

 

Roland Benedikter (Hg.) Postmaterialismus Band 1: Einführung in das postmaterialistische Denken, 142 Seiten, 39,12,- DM, Band 2: Der Mensch, 116 Seiten, 35,20 DM, Band 3: Die Arbeit, 141 Seiten, 39,12 DM.

Alle 3 Bände erschienen als Paperback im Passagen Verlag, Wien 2001.

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