Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 3 (2002), Heft 1


 

Leo Tolstoi: Anna Karenina, Hörspiel. Regie: Ludwig Cremer, Musik: Hans Martin Majewski, Sprecher: Johanna von Koczian, Hansjörg Felmy, Walter Andreas Schwarz u.a., 4 CD, Gesamtlaufzeit ca. 268 Minuten, Produktion: Westdeutscher Rundfunk Köln / Hessischer Rundfunk, 1967, der hörverlag, München 2001, ISBN 3-89584-546-9, 24,90 EUR

 

Wer heute die bedeutenden Schriftsteller des neunzehnten Jahrhunderts liest – etwa  Gustave Flaubert, Victor Hugo, Gottfried Keller, Wilhelm Rabe, und natürlich Dostojewski und Tolstoi, um nur einige zu nennen - , begegnet einer zunehmend fremden Welt. Die Bedingungen, unter denen die Figuren dieser Romane existieren, sind längst nicht mehr die unseren. Die Fremdheit jedoch, die wir angesichts vieler der dargestellten Denk- und Verhaltensweisen empfinden, erhöht gerade den Reiz der Lektüre, statt ihn abzuschwächen. Von der Literatur der Goethezeit sind wir durch eine größere Kluft getrennt. Was hingegen Emma Bovary, dem grünen Heinrich und dem Hungerpastor, Raskolnikow oder Anna Karenina widerfährt, fesselt uns auf eigentümliche Weise.

Wir spüren, wie hier Gesellschaftsmuster und wirkliche Individuen aufeinander treffen, ja wie sich die Psyche der Heldinnen und Helden in einem unlösbaren Konflikt zwischen persönlichem und allgemeinem Gesetz gerade formt, indem sie scheitert. Ob Emma Bovary an der kleinbürgerlichen Enge der französischen Provinz, oder Anna Karenina an der Doppelmoral des russischen Hochadels zu Grunde gehen, ist zwar nicht unwichtig, aber was uns daran erschüttert, ist mitzuerleben, wie ein Mensch von einem Strudel erfasst wird und versinkt. Offenbar begreifen wir noch beinahe instinktiv, dass in jener Epoche zwischen dem Einzelnen und der Gesellschaft Gegenkräfte wirksam sind, die das Individuum schnell genug an den Rand des Daseins drängen. Es mag dann vielleicht in der Begegnung mit dem Tod  erahnen, in welcher Tiefe sein Schicksal mit dem der anderen verknüpft ist.

Natürlich haben wir heute in dieser Form kein Schicksal mehr, und das mag durchaus zu begrüßen sein. Aber sein Echo existiert offenbar noch in uns. Deswegen verspüren wir die Sehnsucht nach ihm nicht als unmittelbaren Lebensimpuls, sondern gleichsam als Drang, uns zeitweise, wie zur Erholung, in die Scheinwelt der es darstellenden Kunst hineinzubegeben. Das ist keine Flucht, wie es vor dreißig Jahren eine politische Kritik der Literatur meinte, weil wir, ohne es zu artikulieren, genau wissen, dass uns die Rückkehr in diese Sphäre verwehrt ist. Wenn wir uns trotzdem auf sie einlassen, kann es uns vielleicht gelingen, ihre Ideen und Ideale in einem spezifischen Transformationsprozess in unsere Realität zu überführen.

Je genauer wir mithin die Fremdheit dieser Welt des vorletzten Jahrhunderts fühlen, umso deutlicher empfinden wir auch unseren eigenen Ursprung in ihr. Man kann sich also vorstellen, dass Bearbeitungen jener Stoffe und Charaktere, angeblich um den Gegenwartsbezug zu verdeutlichen, den Reiz und das Interesse an ihnen gerade vermindern, statt zu erhöhen. Manche Romanverfilmungen hingegen schwelgen in üppigen Dekors und verlieren über ihren zu schönen, aber oberflächlichen Bildern jeden Gehalt.

Ganz anders die Hörspielfassung der "Anna Karenina" von Palma (wie mir Frau Völker-Sieber vom Hörverlag mitteilt, handelt es sich das um das Pseudonym einer Bearbeiterin, die lange Zeit für den Hessischen Rundfunk tätig war und deren Schwerpunkt auf Klassikerstoffen lag). Es ist zweifellos äußerst schwierig, einen über neunhundertseitigen Roman mit unterschiedlichen Handlungssträngen so umzuformen, dass im Hörspiel einerseits der Eindruck einer kontinuierlichen, nachvollziehbaren Entwicklung entsteht, andererseits derjenige eines epischen Flusses des Geschehens und des Gesellschaftspanoramas erhalten bleibt. Palma gelingt dieser Balanceakt, indem sie die Kitty-Levin-Szenen, für Tolstoi das Gegenbeispiel einer gelingenden menschlichen Beziehung, nicht etwa eliminiert, aber doch nur einsetzt, um zusätzliches Licht auf die scheiternde Liebe Annas und Wronskijs zu werfen. Man versteht und billigt, dass so deren Eigengewicht hier nicht mehr spürbar ist - so fehlen etwa auch die berühmten Kapitel, in denen Tolstoi schildert, wie Levin sich an der Heumahd beteiligt und in der Entäußerung und Selbstvergessenheit der Arbeit erfährt, was eigentliches Glück ist.

Wie in der Buddenbrook-Bearbeitung, so fällt auch hier dem Sprecher (Walter Andreas Schwarz) eine wichtige, beinahe kommentierende Rolle zu, wenn er die wörtliche Rede der Protagonisten fortsetzt und erläutert. Die Regie setzt sparsam und  wohlakzentuiert akustische Mittel ein, etwa Walzermusik, um die Atmosphäre des Balls, auf dem Wronskij sich endgültig in Anna verliebt, wiederzugeben, oder die Arie einer Sängerin, um Annas für sie verheerenden Opernbesuch, sie lebt inzwischen in wilder Ehe mit Wronskij zusammen, darzustellen. Der Ball bildet vielleicht den Höhepunkt der ersten CD.

Alles kommt natürlich auf die stimmliche Präsenz der Hauptfigur an - und Johanna von Koczian erweckt sie auf eine Weise zum Leben, die ebenso fassettenreich, wie zwingend ist: man glaubt ihr in jedem Augenblick die langsame Wandlung von der überlegenen, aber melancholischen großen Dame der Gesellschaft in die von Eifersucht zerrissene, sich dem Wahnsinn bedrohlich annähernde Frau. Sie gestaltet den fortwährenden blitzartigen Umschlag von Liebe in Hass und Hass in Liebe, der das Ende der Beziehung Annas zu Wronskij charakterisiert, so, dass man auch in den Szenen der Auseinandersetzung zwischen beiden unmittelbar spürt, hier geht es um mehr, als um eine scheiternde emotionale Bindung. Die Gestalt der Anna Karenina ist tragisch, ihr Schicksal mündet in den Tod, der ebenso notwendig ein selbst herbeigeführter ist. Die letzten Monologe, in ihrer Verschränkung von Schizophrenie und Klarheit, werden von Johanna von Koczian nicht etwa dämonisierend und hysterisch, sondern ruhig, mit einer Steigerung nach innen, gesprochen. Aber so entsteht das gleichsam selber verrückte Bild eines reflektierenden, zuhöchst klarsichtigen Wahns, einer schrecklichen Lebensintensität, deren Gipfel die eigene Zerstörung ist.

Hansjörg Felmy spricht den Grafen Wronskij, vielleicht manchmal ein wenig schnell, als zunächst weltmännisch-gelassenen, dann erstaunt und ohne zu begreifen den herannahenden Untergang seiner Liebe mitansehenden Gegenpart dieser Frau durchaus gut. Möglicherweise fehlt der Stimme ein gewisser tragischer Unterton, aber es mag auch sein, dass hier weniger mehr ist, weil in der Struktur des Paares Anna sicherlich die aktive Rolle verkörpert, die Felmy in der eigenen Zurückhaltung mitschafft.

Wenn doch unsere heutigen Regisseure ihre Schauspielerinnen und Schauspieler in Stücken der Tradition auch - gar nicht einmal nur - auf eine vergleichbare Weise einsetzten! Welch eine andere Begegnung mit dem Theater würde dadurch besonders dem jungen Publikum ermöglicht. So gäbe es experimentelle und gegenwartsbezogene Aufführungen oder kritische Darstellungen des postmodernen Lebens, andererseits aber auch die differenzierte Gestik und Sprechkunst, die den älteren Werken entspricht. Angesichts der jetzigen Situation des Theaters bleibt, was ich hier schreibe, sicherlich ein Traum - umso wichtiger ist es, dass es die Möglichkeit gibt, herausragende Video- und Tonaufzeichnungen aus der Zeit vor dem großen Kahlschlag zu sehen und zu hören. "Anna Karenina" ist eine solche. Diese vier CDs umfassende Hörbearbeitung des Romans von Tolstoi ist ein Glücksfall und ohne jede Einschränkung zu empfehlen.

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