![]()
Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 3 (2002), Heft 1
Andreas Urs Sommer: Friedrich Nietzsches „Der Antichrist“. Ein philosophisch-historischer Kommentar, 783 S., geb., Basel: Schwabe & Co. 2000 (Beiträge zu Friedrich Nietzsche. Quellen, Studien und Texte zu Leben, Werk und Wirkung Friedrich Nietzsches, Band 2). ISBN 3-7965-1098-1, € 77.00, sFr 128.00
Wenn Kommentare, Klassiker- und Werkinterpretationen in der Philosophie zunehmen, ist dies wenigstens in der Vergangenheit meist eine Signatur epigonaler Zeiten gewesen. Im Falle eines wilden Denkers wie Friedrich Nietzsche in den Dschungel wild durcheinander wuchernder Interpretationsansätze mit der Machete der philologischen Genauigkeit einen Pfad zu bahnen, ist aber sehr zu begrüßen und höchst verdienstvoll.
Friedrich Nietzsches Schrift „Der Antichrist“ ist Jahr 1888 entstanden, ursprünglich geplant als das erste Buch der auf vier Bände angelegten „Umwertung aller Werte“. Im November 1888 identifiziert Nietzsche freilich die „Umwertung“ bereits mit dem vorliegenden Text des „Antichrist“. An eine sofortige Publikation dachte er nicht, obwohl das Druckmanuskript fertig war. Im Überschwang messianischer Selbstgewißheit wollte Nietzsche das Werk zunächst in sieben europäische Sprachen übersetzen lassen und erträumte sich in jeder Sprache als Erstauflage „c. eine Million Exemplare“ (Brief an Paul Deussen vom 26. 11. 1888, KSB 8,492). Eine solche Äußerung zeigt klar, daß Nietzsche mit dem „Antichrist“ nicht mehr eine philosophische Schrift schreibt, sondern einen Text mit ganz und gar performativer Absicht, dessen Wirkung nach seiner festen Überzeugung die absolute Umwälzung aller herrschenden Moral bringen wird, den Beginn des neuen, nachchristlichen und nachmetaphysischen Zeitalters. („Ich bereite ein Ereigniss vor, welches höchst wahrscheinlich die Geschichte in zwei Hälften spaltet, bis zu dem Punkte, dass wir eine neue Zeitrechnung haben werden: von 1888 als Jahr Eins an.“ (Entwurf eines Briefes an Brandes, KSB 8,500). Selbst wenn man mit einer gewissen maskenspielerischen Selbststilisierung rechnet (wie der Kommentator auf S. 49), - in der historischen Rückschau bahnt sich in solchen Sätzen der Zusammenbruch Nietzsches (am 3.1.1889) an, und man kann die Auffassung vertreten, daß seine Erkrankung und geistige Verfinsterung seit dem Jahr 1889 nichts anderes sei als die Rückseite oder die Konsequenz seiner messianischen Selbstüberschätzung.

Die Nähe zum Wahnsinn einerseits, andererseits die Tatsache, daß der „Antichrist“ (nebst seinem „Zwillingswerk“ „Götzen-Dämmerung“) der letzte von Nietzsches Hand durchgesehene und zur Veröffentlichung bestimmte Text ist, verschaffen der Schrift ein besonderes Interesse. Der „Antichrist“ stellt freilich auch besondere Schwierigkeiten der Interpretation, ist er doch alles andere als ein wissenschaftlicher Text mit ruhiger, auf Stringenz bedachter Argumentation, sondern vielmehr Parteischrift und Predigt, schrilles Pamphlet, streckenweise auch flammende Anklagerede und Urteil in einem. Eine solche Schrift Absatz um Absatz mit einem gelehrten Kommentar zu versehen, ist ein Wagnis, das Andreas Urs Sommer aber weitgehend gelingt.
Die Erforschung von Friedrich Nietzsches Leben, Werk und Denken hat in den letzten Jahrzehnten, insbesondere seit dem Erscheinen der großen Kritischen Gesamtausgabe, stürmische Fortschritte gemacht. Nicht zuletzt geht die Produktion von Spezialliteratur fast ins Uferlose. Sommer erweist sich als ein fleißiger Arbeiter, er führt die Auseinandersetzung auch mit entlegeneren Veröffentlichungen, das Literaturverzeichnis am Ende des Bandes umfaßt 36 Seiten in Petitdruck und hat damit schon eigenen bibliographischen Wert.
Der Kommentar, der den kommentierten Text an Umfang annähernd um das Zehnfache übertrifft, erläutert jeden Paragraphen nach einem festen Schema, indem zunächst (I) Skopos bzw. Hauptargument herausgearbeitet werden, sodann (II) die Detailanalyse (Stilistik, Rhetorik, Gedankengang) die Gedankenführung im einzelnen nachverfolgt; Detailerläuterungen zur Begriffsgeschichte, aber auch zu den benutzten Quellen schließen sich an (III). Der vorliegende Kommentar erweist seinen Verfasser als einen Mann von großem Fleiß, stupender Gelehrsamkeit und intimer Kenntnis der Philosophie, Theologie und Literatur nicht nur des späten 19. Jahrhunderts und eröffnet dem Leser viele aufschlußreiche Einsichten und Ausblicke, ohne sich - Gefahr jeder Philologie - völlig im Detail zu verlieren. Bei aller Wissenschaftlichkeit bleibt Sommers Text doch erstaunlich lesbar. Obwohl der Verfasser damit rechnet, daß ein Kommentar natürlich vor allem als Nachschlagewerk gebraucht wird, lohnt sich die Lektüre auch des ganzen Buches oder wenigstens größerer Zusammenhänge, zumal manche Passagen (und besonders auch die Fußnoten) ihren eigenen literarischen Reiz aufweisen, wenngleich sie an die ursprüngliche Vitalität von Nietzsches Texten doch nicht heranreichen.
Die entschieden parteiisch-perspektivische Denkweise Nietzsches widersetzt sich nun aber an vielen Stellen einem wissenschaftlichen Kommentar, und der Kommentator wird nicht müde, dem Verfasser des Antichrist seine Inkonzisitäten, argumentativen Fehler, Sprünge und Widersprüche anzukreiden.
Ein Kommentar lebt von den Einzelheiten, aber nicht allein. Sommer arbeitet in seiner Interpretation den § 54 als einen Wende- und Lichtpunkt der Schrift heraus, in dem Nietzsche, der bisher gegen den Dogmatismus so oft selbst dogmatisch argumentiert hat zum Skeptizismus als der Geisteshaltung Zarathustras und der wahrhaft freien Geister durchbricht. „Von § 54 aus gesehen plädieren die ‘Skeptiker’ keineswegs für den Glauben an all die historischen, dogmatischen, psychologischen und metaphysischen Sätze, die im Laufe des Antichrist gegen das Christentum mobilisiert worden sind. Es ist fundamental für das Verständnis des Antichrist, dass man die darin geäusserten Meinungen nicht für bare Münze, für das getreue Abbild einer neuen, antichristlichen Glaubenslehre nimmt. (...) Die Kampfschrift Der Antichrist steht unter der Präambel eines einzigen Zweckes, nämlich seine Leser an allem irre werden zu lassen, was ihnen bisher als fest und sicher galt. Genauso wie sie die christlichen ‘Wahrheiten’ hinter sich lassen müssen, steht es mit den antichristlichen Gegenwahrheiten.“ (S. 527) Diese Deutung versucht eine gewisse Ehrenrettung Nietzsches, aber selbst wenn man zugibt, daß dieser Paragraph „(...) die Struktur des Antichrist mit seinen binären Oppositionen (...)“ unterläuft und auf einer Metaebene spricht (S. 526), ist diese Interpretation mit ihrer Hypothese einer „Adaption der elenktischen Methode“ (S. 525) doch zu prüfen am übrigen Text, vor allem an seinem Schluß mit dem Urteil in § 62 und dem angehängten (möglicherweise später von Nietzsche wieder gestrichenen, von Sommer jedenfalls ausführlich mitkommentierten) „Gesetz wider das Christenthum“.
Am Ende des Kommentars meldet sich dessen Verfasser noch einmal selbst zu Wort in dem Abschnitt „Anstelle eines Nachwortes: 62 Mutmassungen“. Die meist kurzen Thesen (deren Zahl sicher nicht zufällig derjenigen der Paragraphen der kommentierten Schrift entspricht, ohne sich aber auf die einzelnen Textstücke zu beziehen), bieten in zusammenfassender Weise eine prägnante Formulierung der Grundsätze des Kommentars und der dabei gewonnenen Einsichten, aber auch der bleibenden Schwierigkeiten und Aporien: „Ohne Historie und Philologie ist Nietzsches Antichrist nicht beizukommen. Ohne Philosophie auch nicht. Vielleicht ist ihm gar nicht beizukommen.“ (Nr. 2) - Unter Nr. 42 notiert Sommer in skeptischer Selbstdistanzierung: „Die auf § 54 fussende Annahme, Nietzsches ‘Wenige’ schwängen sich zu einem skeptischen Metastandpunkt jenseits christlich-antichristlicher Grabenkämpfe empor, ist vielleicht nur eine Wunschprojektion des Kommentators. Dieser könnte den Antichrist pazifizieren und kanonisieren wollen.“
Nietzsches „Antichrist“ ist und bleibt eine sperrige, oft auch befremdliche Schrift, und der Kommentar von Andreas Urs Sommer arbeitet dies en détail unter gebotener Offenlegung von Distanz und Nähe zum Verfasser und zu seinem Anliegen heraus: „Der Antichrist fordert dazu auf, mit dem Nihilismus ernst zu machen. Ob wir uns aber damit abfinden können, obdachlos zu sein?“ „Positiv darf man die antichristliche Option für diese Welt, dieses Leben verbuchen. Sie zeigt, dass man so leben sollte, als ob es keine andere Welt, kein anderes Leben gäbe.“ (Mutmassungen Nr. 56 und 57, S. 691f.).
Andreas Urs Sommers Kommentar zum Antichrist ist ein monumentales, überaus anregendes Werk, das jedem Nietzsche-Leser zu empfehlen ist. Keine künftige Forschung zum Antichrist, dieser durchaus problematischen Spätschrift Nietzsches, wird an Sommers Arbeit vorbeigehen können.
Uwe Kühneweg
Diesen Artikel als Word-Dokument herunterladen