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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 3 (2002), Heft 1
Inszenierung: Gabriele Gysi
Ausstattung: Heike Scheele
Dramaturgie: Annelene Scherbaum
Der 25-jährige Goethe schrieb das Stück von dem wankelmütigen Karrieristen Clavigo, der seine Braut zweimal im Stich lässt und an dem Zwiespalt zwischen Erfolg und Liebe scheitert, in wenigen Tagen. Die Handlungsführung ist dynamisch und theaterwirksam, sie strebt geradewegs auf ihr katastrophisches Ende zu. "In einer intimen Welt vollzog sich die Tragik, die ganz in der gespaltenen Seele des Helden ihren Grund hatte (...). Als Systole [Zusammenziehung] bezeichnete der alte Goethe solche intimen Dramen im Gegensatz zur Diastole der Tragödien vom großen Helden" (Wolfgang Kayser, in: Goethes Werke, Hamburger Ausgabe, Band IV).
Bereits der Grundeinfall der Marburger Inszenierung, das Drama in einer modernen Bar spielen zu lassen, steht also konträr zur inneren Intention des Stücks. Seine Intimität bezeichnet den eigentlichen Schauplatz, die Psyche Clavigos, und seine "Tragik ist ganz im Innern der Individualität angelegt, im Wesen des Unbestimmten begründet" (Wolfgang Kayser, a. a. O.).
Jede Modernisierung, die nicht schlichtweg willkürlich vorgeht, muss die wirklichen Zentren eines Stücks aufspüren und sich an ihnen orientieren. Clavigo strebt zu Marie, die er doch verlassen will, hin und wird sich erst im Tod mit ihr vereinigen: "Ich hab ihre Hand! Ihre kalte Totenhand! Du bist die Meinige - Und noch diesen Bräutigamskuss". Am Samstag aber sahen die Zuschauer, dass Marie (Nadine Pasta), die sich offenbar mit einem hinter der Bar selbstgemixten hochprozentigen Cocktail vergiftet hatte - denn an gebrochenem Herzen konnte sie wahrlich nicht sterben - , von ihrem Bruder, Schwager, der Schwester, Buenco und dem unvermeidlichen Kellner oder Barkeeper hinausgetragen wurde. Clavigo jedoch (Michael Boltz) durfte sich mit einer langbeinigen "Herzogin" (Julia Siebert) vergnügen: es kam zur erwarteten und offenbar unverzichtbaren Koitus-Szene auf dem Tresen. Danach schien der Arme wahnsinnig zu werden. Sein Freund Carlos (Peter Meyer) sammelte noch seine letzten schriftlichen Äußerungen in einem Hut.

Das Team der Schauspieler hatte zwischen diesem Ende und dem gedehnten Beginn (dazu gleich mehr) vieles zu leisten. Es wurde deklamiert, immer wieder, viel zu viel!, mit äußerstem Stimmaufwand geschrien, gesungen, geweint und getanzt, natürlich auch auf den Tischen, man bildete ganze Kuss-Knäuel, schlug sich und wälzte sich auf dem Boden - und immer wieder zwischendrin vernahm man auch Passagen des goetheschen Clavigo-Textes. Ich komme also nicht umhin, die spielerische Präsenz der Darsteller von den Einfällen der Regie zu sondern. Die ersten haben ihre Sache gutgemacht; und es ist sicherlich nicht ihre Schuld, wenn diese Sache selber eben eine verfehlte war. Michael Boltz, der bereits in Horvaths "Geschichten aus dem Wienerwald" oder Strindbergs "Fräulein Julie" überzeugte, könnte einen wirklichen Clavigo abgeben, in einem Stück, das diesen Namen verdiente. Peter Meyer, der gezwungen war, einen Carlos zu spielen, dessen Auftreten dem von Goethe Intendierten gänzlich zuwiderläuft, überzeugte auch in dieser Rolle. Schwieriger ist es für die Frauen - Nadine Pasta und Iris Stibbe (als Sophie) - aus bloßen Klischees oder typisierten Gesten auszubrechen: denn sie sollten wohl eben dies und nichts anderes darstellen. Gabriel Spagna als Beaumarchais wirkte physiognomisch ein wenig unbeweglich und musste seinen Text des Öfteren regelrecht zerdehnt deklamieren. Alle diese jungen Leute jedoch waren mit vollem Einsatz dabei und haben gegeben, was sie geben konnten: der Applaus des Marburger Publikums galt denn wohl, vermute ich, auch vor allem ihnen.

Aber eher nicht der Regie. Man sah während der Aufführung, denn ich gestehe, nicht selten mit den Blicken herumgewandert zu sein, um mich ein wenig abzulenken, viele gelangweilte Gesichter. Der Kommentar einer Zuschauerin in der Pause: " so etwas war ja zu erwarten und zu befürchten" steht ganz sicher nicht allein. Die Art des Pop-Theaters, die hier geboten wurde, lässt von der Substanz der jeweils benutzten Stücke kaum etwas übrig. "Modern" - was soll das noch sein? - ist dergleichen auch nicht mehr, weil auf diese Weise seit nunmehr fünfundzwanzig Jahren die klassischen Stücke verhunzt werden. Selbst in diesem Genre war, was Gabriele Gysi bot, äußerst mittelmäßig. Die zerdehnten Phasen etwa, die immer wieder, wie gleich am Anfang, die "Action", das Geschrei und Gebalge, unterbrachen, waren in sich genauso spannungslos, wie diese. Und genügt es denn wirklich, im Fürstensaal des Schlosses eine Bar aufzubauen, um einen "Kontrapunkt" zu setzen? Das Gesamtkonzept der Aufführung unterschied sich in nichts von dem, was - leider - landauf landab auf den ‚großen‘ Bühnen gezeigt wird. Es ist meine feste Überzeugung, dass die Marginalisierung des Theaters, von der Gysi in der Einführung sprach, durch die beinahe totale Beliebigkeit des Umgangs mit den Stoffen nicht verhindert, sondern gerade herbeigeführt wird. Und ich freue mich ungemein, dass, was wir sonst vom Hessischen Landestheater zu sehen bekommen, nicht nur verantwortungsvoller, sondern auch besser gemacht ist.