Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 3 (2002), Heft 1


 

Einer flog über das Kuckucksnest von Dale Wasserman (nach dem Roman von Ken Kesey)

Deutschsprachige Erstaufführung der Neuübersetzung von Ingeborg von Zadow im Hessischen Landestheater Marburg am 09.02.02, Inszenierung:  Ekkehard Dennewitz

 

Menschen im überwachten Kühlhaus

Von Erika Schellenberger-Diederich

 

 Die Premiere des Schauspiels von 1963 mit dem bedrückenden Inhalt, der durch den Kinoklassiker von Milos Forman (1975) mit Jack Nicholson in der Hauptrolle quasi Allgemeingut ist, war am Faschingssamstag, der Zeit der Narren, ausverkauft.

Ein Narr, wer glaubt, "bedingungslose Solidarität" (so Dennewitz) schaffe Sicherheit. Es ist der Gruppenzwang unserer Gesellschaft, die entscheidet, wo drinnen ist und wo draußen, wer rein darf und wer nicht, und wer raus muss. Änderungen nicht erwünscht. Wassermans Psychiatrieschauplatz ("Medikamentenausgabe!", "Gruppensitzung!" ruft es durch das Mikrofon) ist eine Allegorie der modernen westlichen Gesellschaft.

Der von Axel Pfefferkorn hervorragend ausgestattete, weiße, kunststoffbeherrschte Bühnenraum, den eine Art Kontrollzentrum dominiert, ist durch einen durchsichtigen schwarzen Gazevorhang nach vorn begrenzt. Dieser Trauerflor symbolisiert den lauernden Tod mit seiner ganzen metaphorischen Spannbreite von Selbstmord, Mord, Angst, von totaler Ohnmacht und ist ein genialer Einfall.

Die Zuschauer im TASCH 1 (Theater am Schwanhof), dem Kinosaal mit der Guckkastenbühne beobachten somit regelrecht abgeschirmt immer den gleichen Spielort des Geschehens im Alltag einer Psychiatrischen Klinik. Dieser wird durch das Auftauchen von Randle P. McMurphy (ambitioniert gespielt von Peter Liebaug) gestört. McMurphys Idee vom Abfeiern seiner restlichen Haftstrafe in der "Klapse" wird ihn teuer zu stehen kommen. Den Machtkampf mit der Institution, die Schwester Ratched (Uta Eisold in lächelnder Eiseskälte) verkörpert, überlebt er nicht. Auch Billy Bibbit (Bernhard Hackmann) bleibt nur der Freitod, als er nach einem Liebeserlebnis zum ersten Mal für 3 Minuten aufrecht stehend, von ihr regelrecht zusammengefaltet wird. Bernhard Hackmann spielt den völlig verstörten Stotterer mit sparsamster Gestik, eine der herausragendsten Leistungen des Abends, die das Publikum mit besonderem Applaus honoriert.

Dennewitz hat auf die Dynamik der Auseinandersetzung der "Therapeutischen Gemeinschaft (...) als Abbild der Gesellschaft im Kleinen" mit der Macht und dem Wahnsinn der Gesellschaft an sich gesetzt, statt, wie im Film, eher auf den Konflikt McMurphy/Schwester Ratched abzuheben.

Foto: Martin Kreutter

Die elektronische Steuerung der Schaltzentrale von Schwester Flinn (Regina Leitner) auszuhebeln ist McMurphys (Peter Liebaug) Traum. Der junge Billy Bibbit (brillant gespielt von Bernhard Hackmann) und Cheswick (Thomas Streibig) sind skeptisch.

 

Selbst der Arzt, Dr. Spivey, den Peter Radestock vertrottelt aber zurückgenommen gibt, glaubt seine Lüge von der basisdemokratischen Station, "von den Patienten verwaltet", offenbar selbst nicht. Die Patienten-Figuren bekommenen in diesem Kontrast schärfere Konturen, werden menschlich und haben Persönlichkeiten, wie bspw. Martini, dessen Tumbheit auf einer Überdosis Güte zu basieren scheint, was Harald Schwamm im grauenhaften Trainingsanzug sehr fein hervorhebt. Die bewusst einfache Garderobe (Elisabeth Müller) ist prägnant auf die Charaktere zugeschnitten und überzeichnet nie, was bei der Kostümierung von Verrückten eine Kunst ist. Allein weiße Gummischuhe reichen als Zeichen und verbindendes Merkmal der Insassen. Cheswick im Hawaiihemd und Hütchen, unaufgeregt und mit verkniffener Mimik gespielt von Thomas Streibig, kaut und spuckt am Hölzchen herum, hört zu, denkt nach. Da doziert Dale Harding (sehr überzeugend Jürgen Helmut Keuchel), der eloquente und erstaunlich reflektierte Gruppenrat:"Verehrte Mitpsychopathen!... Dieser Ort ist ein Irrenhaus..." Der alte Scanlon (Fred Graeve), immer mit Fliege, werkelt, summt und brummt wie seine Maschine (Bombe), die er bei sich trägt. Ruckly der Mann im Morgenmantel, der an der Wand fixiert wird (werden will?), wie Jesus am Kreuz, ist nach einer Gehirnoperation jenseits von gut und böse. (Bernd Kruses Leistung als Souffleur und Katatoniker ist beachtlich.) Herausragend und beklemmend die Auftritte von Häuptling Bromden (Jochen Nötzelmann). Bromden spielt am Tag den Taubstummen. Seine vogelähnliche, kauernde Haltung beim hospitalistischen Schaukeln auf dem Boden oder der Treppe erinnert an die Pendelbewegung einer Uhr und steht für das unaufhaltsame Fortschreiten und Weglaufen der Zeit auch im abgeschlossenen System der Anstalt.

Tag und Nacht lösen einander ab. Ideen von Freiheit werden nur bei Mondlicht formuliert und ausgetauscht, beim Blick aus dem vergitterten Fenster, wenn die Gänse mitten durch den Mond fliegen. Das Spiel der Gruppensitzungen wirkt im ersten Teil der Inszenierung etwas zähflüssig, so als schüchtere die neonbeleuchtete und stark unterkühlte Atmosphäre sogar die Schauspieler selbst ein. Beklemmung wird da eher durch die Klanginstallationen und Videoprojektionen von Ronald Strauß erzeugt.

Eine der stärksten Szenen ist der (vorläufige) Sieg über Schwester Ratched um das Baseballspiel, dessen Übertragung im Fernsehen läuft, aber nicht zu Ende angeschaut werden darf, weil die Gruppenzeit abgelaufen ist. Die Institution wird frech und unerschrocken mit den eigenen Mitteln geschlagen: Ob da ein Spiel auf dem Bildschirm zu sehen ist, oder nicht, entscheiden schließlich die Zuschauer selbst und johlen und gehen mit, obwohl der Fernseher aus ist.

Kennt man den Film, denkt man unweigerlich immer an die Szene des Basketballspiels mit dem Häuptling als Spielmacher. Erfreulich, dass Dennewitz mit diesen beim Publikum (Durchschnittsalter bei der Premiere mindestens Mitte Vierzig) bekannten Bildern zu spielen weiß, und nach der Pause genau damit Bewegung ins Spiel bringt. Jochen Nötzelmann (hier als lebender Basketballkorb und –ständer: herrlich!) bekommt Szenenapplaus.

Die nächtliche Party ist der Höhepunkt des Stücks. Schön, wie aus dem Indianergesang des Häuptlings eine der eingeschleusten Freundinnen McMurphys, Sandra (Penelope Murdock mit toller Stimme) den Song "The lion sleeps tonight". herausimprovisiert. Der gemeinsame Tanz mit den Cocktails in den Urinalflaschen vor offenem Fenstergitter wird jäh zur Utopie. Danach gibt es kein Entkommen.

Die grünen Schilder mit der Aufschrift "Notausgang" leuchten nur für diejenigen, die schon oder noch draußen sind, auf den Zuschauerplätzen.

 

Nächste Aufführungen: 12. und 13. Februar

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