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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 3 (2002), Heft 1
Geh aber nun und grüße
Die schöne Garonne,
Und die Gärten von Bordeaux
Andenken, Friedrich Hölderlin
Vor 200 Jahren, am 10. Januar 1802 reist Hölderlin aus Straßburg kommend nicht wie geplant über Paris, sondern von Lyon aus weiter nach Bordeaux, seiner vierten Hofmeisterstelle entgegen. Der Dichter wird das Frühjahr in Südwestfrankreich verbringen. Seine Erfahrungen rund um diese Reise werden seine Leben und Werk nachhaltig verändern. – Grund genug, als wahrer Hölderlin Freund nach Bordeaux aufzubrechen, um dem Dichter und seinen Bildern aus Bordeaux nachzuschauen, hinterherzusehen oder wenigstens die schöne Garonne zu grüßen. – Auch Nichtgermanisten und sogar diejenigen, die ihren Literaturunterricht nur knapp unbeschadet überstanden haben, sind eingeladen, sich augenzwinkernd auf eine Pilgerreise einzulassen und „dieses Blatt nur gutmütig zu lesen“ (Friedensfeier) .
Nach achtzehntägiger Fahrt mit der Postkutsche kommt Friedrich Hölderlin am 28. Januar 1802 in den Allées de Tourny von Bordeaux an. Er wird vorübergehend im eleganten Haus von Konsul Daniel Christoph Meyer, einem reichen Weinhändler aus Hamburg, wohnen. Sofort macht der künftige Hauslehrer der Töchter des Hauses briefliche Meldung an seine Mutter. Offenbar recht abenteuerlustig gestimmt, dramatisiert Hölderlin die eben überstandene Reise ein bisschen: „auf den gefürchteten überschneiten Höhen der Auvergne, in Sturm und Wildnis, in eiskalter Nacht und die geladene Pistole neben mir im rauhen Bette – da hab ich auch ein Gebet gebetet“. Der Kenner von Entdeckern und Weltreisenden wie Vasco da Gama (1469-1524) und Lord George Anson (1697-1762) - beide später im Fragment Kolomb – explizit benannt, der Bewunderer seinerzeit moderner Abenteurer und Naturforscher wie Alexander von Humboldt, hat nun endlich selbst etwas einigermaßen Gefährliches zu erzählen und kostet dies aus. Auch wenn das etwas dicke Auftragen ganz und gar nicht ins Bild des immerhin nun 32jährigen genialen Denkers passt, seinem Format nicht zu entsprechen scheint, macht es ihn dennoch sympathisch. Dem Anspruch eines faszinierenden Erzählers, von dem man gern noch mehr hören möchte, wird er allemal gerecht. Hölderlin muss ein guter, weil neugierig machender Lehrer gewesen sein!
Mit der kleinen Schauergeschichte von Wildnis und Pistole will jemand aber auch der eigenen Mutter - quasi aus sicherer Entfernung - ein wenig Angst einjagen. Soll sie sich ruhig Sorgen um den schwierigen Sohn machen, der partout nicht Pfarrer werden wollte, aber immerhin mit Hofmeisterstellen bei feinsten Adressen (Charlotte von Kalb in Jena, Familie Gontard in Frankfurt) sein eigenes Geld verdient, den aber diese Freiheit schließlich teuer zu stehen kommen wird.
Die Stilisierung des Weges nach Bordeaux zur gefährlichen einsamen Wandertour durch den Dichter selbst hat lange Zeit auch zur Mystifizierung der Frankreichreise überhaupt beigetragen. „Wir sind aber nicht verpflichtet, ihm aufs Wort zu glauben“ so der französische Hölderlinforscher Pierre Bertaux. Des Dichters Reisezeit überprüft Bertaux nüchtern anhand eines „Carlsruher Conversations-Taschenbuches“ für Post-Reise-Routen durch Europa und räumt auf mit der Legendenbildung um die einsame, im übrigen völlig unrealistische, weil zu schnelle, Fußwanderung von Straßburg über Lyon nach Bordeaux. Bertauxs Berechnung bezieht sich auf die Fahrtstrecke Lyon-Bordeaux mit der Kutsche: Bei 72 Posten zu 2 Stunden kommt man auf 144 Stunden Weg. Bei angenommener Tagesfahrt von 8 Stunden entspricht die Reisezeit von 18 Tagen genau dem Fahrplan.
Relativ bequem gefahren ist unser Dichter also, haben wir eben gelernt, kleinere Fußmärsche bei entsprechend holprigen Wegen durch unwegsames Gelände und Übernachtungen in spelunkenhaften Poststationen miteingeschlossen. Schließlich befindet man sich 1802 doch noch in einer Zeit, die bezüglich größerer Reiseaktivitäten als prätouristische Epoche bezeichnet werden kann.
Das macht die Sache für uns heute einfacher.
Wir können getrost hinterherfahren, müssen auf der Suche nach Authentischem nicht alles zu Fuß erschließen. Gespannt sind wir, obgleich keine sensationellen Entdeckungen anstehen sollen. Frau Schütz, die freundliche Leiterin des Hölderlin-Archivs in Stuttgart hatte schon lächelnd vorgewarnt:
„In Bordeaux gibt’s nichts. Der Peter Härtling war auch schon da, hat auch nichts gefunden.“
Mit dem Auto braucht man über die Nationalstraße von Lyon über Clermont-Ferrand und Libourne einen Tag. Am besten, man fährt nach einer solchen Landstraßentour (weil man in unserem Falle die Familie dabei hat) zuerst mal an der Großstadt Bordeaux vorbei, noch weiter Richtung Westen. So geht es über Blanquefort, dem Weingut des Konsuls nämlich direkt ans Meer, die 60 km zum Lac du Lacanau auf einen ruhigen schattigen Campingplatz. Ein paar Tage später lässt man die Familie eben dort, um erneut – aber nun etwas erholt und an die große Hitze gewöhnt, aufzubrechen.
Während der neuerlichen Anfahrt mit dem Linienbus, Lacaneau Ocean - Bordeaux lässt sich eine Tagestour ohne Parkplatzsorgen angehen und der ausgeruhte Blick kann aus dem Fenster, auf die Landkarte, in die Texte der Gedichte und zurück schweifen, denn Bordeaux ist eine Stadt mir einzigartiger geografischer Lage.
Die Dordogne kommt,
Und zusammen mit der prächt’gen
Garonne meerbreit
Ausgehet der Strom. Es nehmet aber
Und gibt Gedächtnis die See
Andenken
Bordeaux liegt an der Garonne, südlich des Zusammenflusses von Garonne und Dordogne zur Gironde. Die Garonne, „ein Fluss, der zweimal am Tag rückwärts fließt“ trägt mit ihrem enorm hohen Tidenhub von 8 Metern von jeher riesige Schiffe in den Hafen. Heute ragt statt dem entlaubten Mast eines Segelschoners der rotierende Radarschirm eines Luxus-Kreuzers auf. Der Kontrast von Schiffs-Hightech und alter Stadtkulisse mit den großzügigen Alleen und Plätzen im Vormittagslicht versinnbildlicht die Zusammenschau von Heute und Gestern etwas zu dramatisch, zu übertrieben, aber in unserem Zusammenhang erscheint das Bild irgendwie passend. Die Luft riecht auch hier, eine Autostunde vom Meer entfernt, noch salzig, Möwengeschrei übertrumpft das Gehupe und Tatütata eines beginnenden Geschäftstages im heißen Juli. Man denkt, hinter der Stadt liege schon das offene Meer.
Bordeaux und die Landschaft der Gironde sind stark gezeitenbeeinflusst. Dem interessierten Beobachter bieten sich jetzt wie damals überwältigende Sinneseindrücke. Für Hölderlin, der Flüsse und ihre Verläufe poetisierte und als Medium des Transports für kultur- und weltgeschichtlichen Wandel verstand, muss das neue Naturphänomen ein tiefgreifendes Erlebnis gewesen sein. Hölderlin lernt hier einen Fluss kennen, der nicht stetig zum Meer hin, also in eine Richtung fließt, sondern mit den Gezeiten seine Fließrichtung und Tiefe ändert. Dieses Naturschauspiel bietet bis heute für große Teile der Menschen dieser Stadt die Lebensgrundlage. Das spektakuläre Gezeitenphänomen bietet dem Dichter neue Bilder zur Darstellung und Veranschaulichung seiner Ideen an: Dass ein Fluss rückwärts fließen kann, was einer Art „Umkehr“ gleich kommt, zeigt sich in Bordeaux zunächst nur dem interessierten Betrachter eines Gezeitenphänomens. Versinnbildlicht heißt dies aber, dass unter bestimmten Bedingungen durchaus Unmögliches möglich wird, ja riesige Flüsse rückwärts fließen und damit „umkehren“. Die Natur sieht also in ihrem Regelwerk und Zeichensystem auch das Undenkbare vor und präsentiert ein dynamisches Prinzip. Dies hat für Hölderlin eine enorme Erweiterung seines metaphorischen Spektrums mit sich gebracht. Als Dichter verwendet der neugierige wie scharfe Beobachter genau diese Betrachtung metaphorisch, was im Gedicht Der Ister, gemeint ist die Donau, so klingt: Der (Ister) scheinet aber fast / Rückwärts zu gehen und / Ich mein, er müsse kommen / Von Osten.
Bemerkenswert ist, das Hölderlin in seiner Funktion als Hauslehrer offenbar immer um Anschauungsmodelle bemüht war, die über ihre Funktion hinauswiesen und wie hier kultur- oder gar weltgeschichtliche Dimensionen haben konnten: In
„Das Nächste Beste“ wird von der Möglichkeit des Umkehren(s) des Vaterlandes, d.h. von der positiven Verwandlung vorgegebener, festgelegter Strukturen, von unmöglich Erscheinendem die Rede sein. Ein Modell der Hoffnung, das im Erleben des Naturschauspiels in Bordeaux offenbar seinen Ursprung hat.
Wenden wir uns nun endlich dem großbürgerlichen Wohnhaus von Konsul Meyer, und seinem Gast zu. Dies befindet sich direkt am Anfang der eleganten Allées de Tourny. Der Hinweis von Prof. Kurz auf eine eigens für Reisende wie uns von der Hölderlin-Gesellschaft angebrachte Gedenktafel sollte unsere Suche vereinfachen, führte aber zu einiger Verwirrung. Denn wegen der Renovierung der Außenfassade im Sommer 2001 war nun eben dies Schild abmontiert worden! Nach dem Motto: nur wo Hölderlin drauf steht, war er auch drin, lassen sich diesbezüglich verunsichert, einige Runden durch die breite Allée drehen, dabei alle vornehmen und polierten Schilder von Augenärzten, Rechtsanwälten und Versicherungsagenturen vergeblich studierend. Die Nachfrage beim Office de Tourisme ergibt schließlich, dass das Maison Meyer, von der Dame „Mejähr“ ausgesprochen und daher wiederum kaum zu identifizieren, genau das erste Haus Nr. 1 am Platze war, wo unsere Suche begann.
(Weil zu einer echten Pilgerreise auch gewisse Qualen gehören, fand das überflüssige Herumirren bei 34°C im Schatten statt.) Also machen wir das beste daraus und nutzen wenigstens die Ausnahmesituation durch die Baumaßnahmen im Maison Meyer, um einen Blick in die 3 offenen Stockwerke zu werfen und um ungestört im Treppenhaus herumzustehen und die Aussicht von oben zu bewundern.

Blick
vom Balkon des Grand Théâtre de Bordeaux zum Maison Meyer,
dem
Wohnhaus Friedrich Hölderlins im Frühjahr 1802
Aussichten haben Hölderlin bekanntlich bis ins hohe Alter inspiriert, sie bieten ihm mit der Möglichkeit des Perspektivenwechsels immer neue Blickwinkel an, was eine andere Sicht der Dinge im allgemeinen beinhaltet.
Uns interessiert, was Friedrich Hölderlin vor Augen hatte, wenn er z.B. seine Schüler unterrichtend am Fenster stand und hinausschaute. Hölderlins Wohnhaus ermöglichte ihm einen wundervollen Blick, nämlich die Aussicht auf ein grandioses Theater. Das Grand-Théâtre de Bordeaux ist ein typisches Beispiel klassizistischer Baukunst. Von dem Architekten Victor Louis (1731-1800) als „temple grec“ konzipiert, hatte es mit seiner Grundfläche von 88m x 47m seinerzeit sehr beachtliche Ausmaße und diente mit der findigen Glaskuppelkonstruktionen, die das Tageslicht in den Foyers nutzt, sogar der späteren Pariser Oper als Vorbild. Auf der Ballustrade des Balkons stehen 12 antike Statuen, 9 Musen und 3 Göttinnen. Sie bilden die Verlängerung der korinthischen Säulen an der Frontfassade am Place de la Comédie. Hölderlins Aussicht war also einmalig: „Der Anblick der Antiken hat mir einen Eindruck gegeben, der mir nicht allein die Griechen verständlicher macht, sondern überhaupt das Höchste der Kunst.“ Hölderlin sieht die Musen und Göttinnen vom Fenster des Maison Meyer aus, seine Perspektive wechselt aber auch zur Betrachtung aus nächster Nähe „ich lernte ihre Natur und ihr Weisheit kennen, ihren Körper,(...) wenn wir den heroischen Körper der Griechen begreifen...“ Diese Perspektive hat man nur vom Balkon des Grand-Théâtre. Die außerordentlich fein gezeichneten Gesichter der Statuen weisen sogar Grübchen auf.

Les Muses et les déesses saluent la ville
Hölderlin-Forscher gingen bislang davon aus, dass der Dichter auf dem Rückweg über Paris ging, und dort die Sammlung der Antiken besucht haben könnte. Dies erscheint vor dem Hintergrund des überstürzten Aufbruchs sehr unwahrscheinlich. Jemand, der fluchtartig reist, der also dringend nach Hause will, geht in kein Museum.
Im Ganzen betrachtet, symbolisiert der Theaterbau die Bedeutung der auch im europäischen Kontext einzigartigen französischen Theatertradition, für die ein derart großzügig angelegtes Theater (Baubeginn war 1773) selbstverständlich ist und das sogar in der Provinz des Südwestens. Dem Dichter Friedrich Hölderlin muss allein in Betrachtung dieses Bauwerks klar geworden sein, wie rückständig die deutsche Theaterkultur seinerzeit war. Der berechtigte Spott des Theaterkritikers Lessing mag Hölderlin, gerade eben selbst aus deutscher und schweizerischer Provinz angereist, eingefallen sein:
Der Franzose hat doch wenigstens eine Bühne; da der Deutsche kaum Buden hat.
Um mehr über die mögliche Bedeutung dieses Theaters zu erfahren, gehört dringend eine fachkundige Führung zum Programm unserer Sommerreise in Sachen Hölderlin. Karten (mit vorgegebener Uhrzeit) bekommen wir wiederum beim nur 100m entfernten Office de Tourisme in den Allées d’Orléans. Die Wartezeit lässt sich bei einem hervorragenden Mittagsimbiss im traditionsreichen wie noblen Grand Café überbrücken. Also machen wir eine wohlverdiente Pause und bestellen uns eine gekühlte und daher herrlich erfrischende Paté d’Asperge, viel eau minérale, aber auch einen leichten Rosé zur Feier des Tages.
Wir stehen nach der Mittagspause in einer kleinen Touristengruppe im Foyer und gehen zur Erklärung der Gesamtanlage nach draußen. Der ambitionierte Fremdenführer holt weit aus. Vom ehrgeizigen Bebauungsplan dieses Viertels sei aufgrund des Geldmangels rund um die Französische Revolution lediglich das Grand Théâtre in die Tat umgesetzt worden. Der Architekt entwarf das Theater demnach ausdrücklich als Tempel für Apoll, dem Gott der Musen. Die 12 antiken Statuen sollen die Verbindung zwischen Himmel und Erde, zwischen den Göttern und den Menschen herstellen . Musen und Göttinnen grüßen die Stadt Bordeaux – und auch das Maison Meyer.
In den Eingangsbereich zurückgekehrt, hält uns neben der großen Wirkung der kargen Sandsteine die raffinierte Beleuchtung des Grand Foyers gefangen. Was wie eine perfekte Lichtinstallation aussieht, ist jedoch keineswegs künstlich, sondern vielmehr Resultat von Stand und Einfallswinkel der Nachmittagssonne. Es hat den Anschein, als leuchte der Sandstein aus sich selbst und zwar in der Farbskala von apricot-beige-sand-bronze. Die Augen sind eher bereit, den Farben, Symmetrien und Linien zu folgen, als den Ausführungen des Museumsführers, der nun unbedingt die vielen Stufen im Theaterinnenraum besteigen will. Also brav hinterhergelaufen, um ganz oben, sozusagen auf den billigen Plätzen, fast unter der Decke einen Moment lang innezuhalten. Im hellblau-goldenen Rokkoko-Interieur, das eben frischbezogen scheint, nehmen wir auf Samtsesseln Platz und gehorchen wieder dem Fremdenführer, diesmal das Deckengemälde von 1780 von Claude Robin betrachtend. Die Ausführungen des Fremdenführers entsprechen den folgenden Textauszügen auf der Originalbeschreibung von Claude Robin von 1780:
„La ville de Bordeaux…fait son offrande à Apollon et aux Muses…Mercure, préside à celui de Bordeaux, des travailleurs au port, et un captain qui tient des négres à sa suite. Bacchus et ses attributs…L’architecture …commande à des ateliers des charpentiers… La Géometie et l’Arithmétique l’accompagment. Des nymphes, …des fleurs sur les bords de la rivière… «

Grand Théâtre de Bordeaux. Ausschnitt aus dem Deckengemälde von Claude
Robin, 1780. Motiv des Bacchus;
im Hintergrund: Segelschiff
und Arbeiter im Hafen von Bordeaux.
Es ist desweiteren von Apoll, der vom Himmel herunter, hier auch von der Decke zum Publikum nach unten, blickt, die französisch-englische Rede des Fremdenführers. (Apoll envers terre?). Von reichen Städten, (blütenbekränzten Straßen) mit Blumen geschmückt, von den Musen, von Bordeaux als Hafenstadt, vom Zimmermann mit seinem Werkzeug (Das Recht des Zimmermannes / Das Kreuz)...wird gesprochen, auch von Bacchus (Jo Bacche). Im Deckengemälde finden sich demnach zahlreiche Motive aus dem Gedicht „Das Nächste Beste“.
Auf seine Frankreich-Reise rückblickend schreibt Hölderlin an seinen Freund Casimir Ulrich Böhlendorff, dass er „die traurige einsame Erde gesehn (...) Das gewaltige Element, das Feuer des Himmels“ ihn ergriffen, ja, dass ihn „Apollo geschlagen“ habe. Apollo galt als schönster aller Götter und war der Gott der Musen, der Gott der Ordnung und Harmonie, der Künstler, der Inspiration und der Wahrheit, der Sonne und Jugend. Die Konzeption des Theaters von Bordeaux als Apollontempel und die zentrale Position von Apoll im Deckengemälde haben Hölderlin wahrscheinlich inspiriert und verdienen daher literaturwissenschaftliche Beachtung. Dass Apoll ihn geschlagen habe, sollte im Zusammenhang eines veränderten, weil, im weitesten Sinne durch die Semiotik des Theaters motivierten Kunstverständnisses, das vor allem während und nach der Frankreichreise Hölderlins entwickelt wurde, gesehen werden. Im Hinblick auf die Metaphorik des Lichts (das Feuer des Himmels …das Licht in seinem Wirken…das philosophische Licht um mein Fenster Bf. 240 An Böhlendorf) und der Beleuchtung, (offen die Fenster des Himmels Das Nächste Beste), die im Theater ja eine große Rolle spielen, wäre dies zu überprüfen.
Innerhalb der letzten großen Hymnen ist eine Art Vielstimmigkeit, ein gleichberechtigtes Nebeneinander von Versen festzustellen, die manchmal wie Sprechtexte für verschiedene Rollen wirken.
Mit der Hinwendung zum Theater mag Hölderlin letztlich auch einer gemeinsamen Vorliebe mit Susette Gontard Rechnung getragen haben. Diese war eine begeisterte Theaterbesucherin, zumal sie als geborene Borkenstein selbst einer Hamburger Theaterfamilie entstammte. Wenn Hölderlin in Das Nächste Beste von Frankfurt aber, ... ist der Nabel / Dieser Erde spricht, offenbart er den Grund für seine Rückkehr nach Deutschland. Denn, egal, wo er hinzugehen scheint, es finden sich überall Erinnerungen und Verbindungen zu Susette Gontard in Frankfurt.

Marmorbüste Susette Gontard um 1795
Der Anblick der Antiken, die vom Balkon zum Maison Meyer grüßen, gestaltete sich somit am Ende sogar zur Aufforderung, wieder in Richtung Heimat, zu gehen, denn in der Reihe der Musen und Göttinnen schien ihm Diotima, verkörpert durch Susette Gontard, zu fehlen.
Die Lektüre der Verse von Andenken und Das Nächste Beste in der authentischen Umgebung von Bordeaux mag nicht nur bei Germanisten Kribbeln im Bauch erzeugen. Die Ausdruckskraft von Hölderlins Sprache ist nach wie vor enorm groß. Seine Faszination für Naturphänomene, vor allem für den landschaftsgestalterischen Wandel durch Wind und Sonne, also durch Erosionsmechanismen, spiegelt sich in der Metaphorik nach 1802 immer deutlicher wider.
Das Grand-Théâtre war und ist ein der Antike verhaftetes Schmuckstück des mediterranen Bordeaux und hat Hölderlin sicher mehr in seinen Bann gezogen, als man bisher annahm, am Ende sogar den plötzlichen Aufbruch im Mai 1802 bestimmt. Theater gespielt wurde in der Saison 1802 wegen der politischen Situation allerdings nicht. Aber bemerkenswert ist, dass der Bau während der Revolutionskriege als Versammlungsraum und internationales Diskussionsforum für europäische Politik - also mit Sprachen viel - genutzt wurde. Vor dem Hintergrund der Vaterland-Diskussion Hölderlins eine wichtige Information.
Es liegt nahe, nach weiteren Assoziationsketten aus Bildern eben dieser Reiseerfahrung über die Auvergne und das Perigord in die Gironde zu suchen.
Nach seiner Reise lebt Hölderlin äußerlich das Leben eines Getriebenen. Die Klarheit seiner Gedanken findet sich in genialen, alle Formschemata sprengenden Hymnen, aus denen eine dramatische Vielstimmigkeit klingt, wieder.
Wer uns nachreisen will, nehme sich unseren Aufsatz, den Du Mont - Reiseführer Frankreich Südwest und Bordeaux, und die kleine feine Ausgabe Friedrich Hölderlin Gedichte von Gerhard Kurz, erschienen bei Reclam, mit.
Eindruck ließe sich machen, wenn man bei einem Spaziergang durch Bordeaux beiläufig zu erzählen beginnt:. „Liebling, wusstest du eigentlich, dass Hölderlin vor 200 Jahren hier in Bordeaux war? Mit der Postkutsche ist er angereist....“
Marburg, im Januar 2002
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