Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 3 (2002), Heft 1


Mein Buch des Monats Januar 2002:

Hermann Kurzke „Thomas Mann. Das Leben als Kunstwerk“ Eine Biographie.

C.H.Beck Verlag, München 1999, 672 S., 40 Abb., DM 68, Euro 34,90; als Fischer TB Euro 12,90 (lieferbar ab Januar 2002).

Nach der Ausstrahlung des dreiteiligen Fernsehfilms von Heinrich Breloer und Horst Königstein über „Die Manns“ – ergänzt durch ihre ebenfalls dreiteilige Dokumentation „Unterwegs zur Familie Mann“ – begrüßte Marcel Reich-Ranicki das gelungene Vorhaben als die endgültige Heimkehr Thomas Manns zu den Deutschen. Zu wünschen bleibt jedoch, dass nicht nur die erstaunliche Geschichte dieser Familie sich einprägt: denn was wäre sie ohne das Werk, das im Film notwendig nur in Andeutungen und kleinen Ausschnitten sichtbar gemacht werden konnte.

Deshalb greife man nun nicht nur zu den „Buddenbrooks“, dem „Tod in Venedig“, der Josephs-Tetralogie und dem „Doktor Faustus“ (um nur einiges zu erwähnen), sondern lasse sich gründlich in Leben und Werk des „Zauberers“ einführen durch die Biographie Hermann Kurzkes, deren Lektüre vieles zurechtrückt und, weil sie das spannungsreiche Leben Thomas Manns als Kunstwerk würdigt, „Gerechtigkeit für den Dichter“ einfordert (Süddeutsche Zeitung, Ostern 1999).

Diese Biographie berücksichtigt wirklich alles, was man fast fünfzig Jahre nach seinem Tod über Thomas Mann wissen kann und beleuchtet das Werk – vor allem auch die Essays und Reden – im Zusammenhang mit der enormen Lebensleistung, die einer schwierigen Natur abgerungen wurde. Kurzke sieht ihn im Widerstreit der Kräfte: „Die Vaterwelt wird die der Pflicht und Verantwortung und der bürgerlichen Gesellschaft sein, die Mutterwelt die des Traumes und der Verlockung, der Liebe und des Todes. Zwischen beiden wird Thomas Mann die Hermesrolle zu spielen versuchen“ (S. 16), die des Vermittlers. Dieser Deutungsaspekt durchzieht die Darstellung des Autors leitmotivisch und wird in allen Lebensphasen durchgespielt.

Gegliedert ist die Biographie in zwanzig Kapitel, jeweils eingeleitet durch eine knappe Chronik des zu behandelnden Abschnitts – von den Anfängen „Kind und Schüler“ (I) bis zu „Die letzten Dinge“ (XX). Ein umfangreicher Anhang gibt vielfältige Aufschlüsse in den vergleichsweise knappen „Anmerkungen“ (fast ausschließlich Nachweise der Hunderte von Zitaten aus dem Werk, aus Briefen, aus den Tagebüchern und den Äußerungen Dritter), und den Verzeichnissen der Quellen, der Abbildungen, der erwähnten Werke Thomas Manns und der Personen.

Als wichtige Ergänzung zur Familiendarstellung im Fernsehen ist alles das zu lesen, was erst zur „Familie“ geführt hat, was also die Jahre 1875 bis 1918 umfasst, bis zu  dem Jahr, in dem der Film einsetzt, auch wenn in kurzen Rückblenden Früheres einbezogen wird. Es sind immerhin die ersten acht Kapitel unseres Bandes. Von besonderer Bedeutung sind u.a. die Einlassungen zu den „Betrachtungen eines Unpolitischen“ aus dem Ersten Weltkrieg und damit zum Verhältnis der Brüder Heinrich und Thomas Mann, diesem Verhältnis, das für das Leben beider eine so zentrale und eigentlich verhängnisvolle Rolle gespielt hat. Heinrich Mann ist jedenfalls im Film nicht angemessen dargestellt, vor allem wenn man an die Jahre in Kalifornien denkt, in denen immerhin seine Autobiographie „Ein Zeitalter wird besichtigt“ entstand (1943/44), die auch bei Kurzke nur  beiläufig erwähnt wird.

Verglichen mit früheren Versuchen, das Leben Thomas Manns darzustellen, gelingt es dem Autor durch sein Verfahren, bestimmte Themenbereiche herauszugreifen aus der Chronologie, z.B. das Kapitel „Die Juden“ oder „Republikanische Politik“ und „Hass auf Hitler“ sowie kleinere Einschübe, etwa „Rauchen“, „Dienstboten“, „Ein Trost: Hunde“ bzw. knappe Porträts von Zeitgenossen und den Familienmitgliedern zu verschiedenen Zeiten, sich kürzer zu fassen als der erste Biograph Peter de Mendelssohn auf 2550 oder Klaus Harpprecht mit 2253 Seiten. Es macht den Band bei aller Fülle von Fakten und Überlegungen überaus lesbar.

Höhepunkte sind jeweils die einzelnen Werken gewidmeten Analysen, in denen die versteckte Selbstdarstellung Thomas Manns aufgespürt wird, zumal im Hinblick auf die homoerotischen Züge: oft ein subtiles Spiel vertauschter Rollen, vor allem im „Joseph“, aber auch im „Doktor Faustus“ und dem Spätwerk. Überhaupt ist dies ein zentrales Thema dieses Lebens: Erklärung auch für die oft beklagte „Kälte“, die doch dem Schutz diente. Der Autor bezieht alle jetzt zugänglichen Quellen – besonders die Tagebücher – ein, um auch in diesem Bereich dem Dichter gerecht zu werden, mit einer gelungenen Mischung aus Offenheit und Takt. Manche der Selbstzeugnisse liest man gerührt, ergriffen und erbittert über die Intoleranz der Gesellschaft, der Thomas Mann doch als Repräsentant zu dienen bestrebt war. Das gilt etwa für die ausführlichen Zitate aus den Tagebüchern im Fall „Franzl“ (S. 566 ff).

Diese Tagebücher, um die sich Thomas Mann zu Beginn des Exil so sehr sorgte, sie könnten in unberufene Hände gefallen sein, und die wie durch ein Wunder dann doch in der Schweiz ankamen, nehmen breiten Raum ein: „Warum überhaupt schrieb er Tagebücher ?“ fragt der Verfasser und antwortet mit eigenen Worten des Dichters: „Ich liebe es, den fliegenden Tag nach seinem sinnlichen und andeutungsweise auch nach seinem geistigen Leben und Inhalt fest zu halten, weniger zur Erinnerung und zum Wiederlesen als im Sinn der Rechenschaft, Rekapitulation, Bewußthaltung und bindenden Überwachung ... (11. Februar 1934)“ (S.398). Zur Erinnerung freilich auch: so bezieht er sich z.B. bei den Vorarbeiten zum „Doktor Faustus“ ausdrücklich auf alte Tagebücher (s.S.496).

Unsere besondere Hochachtung gewinnt Katia Mann – die auch im Fernsehfilm die tragende Rolle spielt - ; die Rede Thomas Manns zu ihrem 70. Geburtstag fasst auf das Genaueste zusammen, welcher Anteil an der Lebensleistung ihres Mannes ihr gebührt: „Wenn dann die Schatten sich senken und all das Verfehlte und Ungeschehene und Ungetane mich ängstet, dann gebe der Himmel, daß sie bei mir sitzt, Hand in Hand mit mir, und mich tröstet, wie sie mich hundertmal getröstet und aufgerichtet hat in Lebens- und Arbeitskrisen, und zu mir sagt: ‚Laß gut sein, du bist ganz brav gewesen, hast getan, was du konntest’ [...] Was so gewesen ist, dem bleibt das Sein. Wir werden zusammen bleiben, Hand in Hand, auch im Schattenreich. Wenn irgend ein Nachleben mir, der Essenz meines Seins, meinem Werk beschieden ist, so wird sie mit mir leben, mir zur Seite.“ (S.596).

Sie war es auch, die die Familie zusammen hielt, und, wie es bei Kurzke einmal heißt: „Familie, auch kein Spaß“ (X. Kapitel). Das verdeutlicht er in unnachahmlicher Prägnanz z.B. noch am Schicksal von Thomas Manns Lieblingsenkel Frido: „Frido Mann lebt damit, daß sein Großvater ihn [im ‚Doktor Faustus’] so wirkungsvoll und gräßlich sterben ließ. Das wird nicht immer leicht sein. Es heißt, er fürchte seitdem den Sog des Todes. Umgeben von übermächtigen präfigurativen Modellen, von den Lebensläufen des Vaters, des Großvaters, des Großonkels Heinrich, der Onkel und Tanten Klaus, Erika, Golo, Monika und Elisabeth, hatte er es schwer, einen eigenen Lebenslauf zu finden. [ ...]  Sein reiches,  aber offenbar belastetes und von unerfüllbaren Forderungen umstelltes leben schilderte er in seinem autobiographischen Roman Professor Parsifal (1985)“.

Ausführlich dargestellt ist das Politische, die Entwicklung Thomas Manns vom Verfechter der deutschen Kultur im Kaiserreich in den „Betrachtungen“, in denen er seinen Bruder den westlichen Zivilisationsliteraten nennt, über die wirre Nachkriegszeit mit ihrer Unentschiedenheit zur Bejahung der Weimarer Demokratie und dem Kampf gegen den Faschismus. In dem Abschnitt „Sieben Gründe für die erstaunliche Politisierung Thomas Manns“ (S.358/59) arbeitet Kurzke heraus, dass dieser die „Problematik seiner Biographie auf das politische Geschehen“ übertragen habe: „wie er gegen die eigene innere Gefährdung durch Mutterbindung und Inzestwunsch, Bohème und Homosexualität die Schutzwehr der Bürgerlichkeit aufzurichten gelernt habe, so sollte ganz Deutschland handeln“.

Hinzu kam für seine unermüdliche Vortragstätigkeit im amerikanischen Exil, für seine Rundfunksendungen nach Europa sein scheinbar unerschütterliches Bewusstsein: „Wo ich bin, ist Deutschland“. Umso schmerzlicher dann nach dem Ende der Nazidiktatur die doppelte Heimatlosigkeit. Nach München konnte und wollte er nach den schmählichen Anfeindungen nicht zurück und in den USA nahm ihn das FBI ins Visier, als der Kalte Krieg alle Fronten verschob. Zwar wurde er im Goethejahr 1949 gefeiert, aber man nahm es ihm übel, dass er nicht nur in Frankfurt, sondern auch in Weimar sprach. So blieb nur die endliche Übersiedlung in die Schweiz, die ihn gastlich aufnahm.

Hier fand er noch einmal die Arbeitsbedingungen, die er brauchte, seinen Schreibtisch vor allem. Schon in der frühen Erzählung „Das Eisenbahnunglück“ ist von seinem Manuskript die Rede: „Da stand ich. Ganz für mich allein zwischen den Schienensträngen und prüfte mein Herz. Räumungsarbeiten. Es sollten Räumungsarbeiten mit meinem Manuskript vorgenommen werden. Zerstört also, zerfetzt, zerquetscht wahrscheinlich. Mein Bienenstock, mein Kunstgespinst, mein kluger Fuchsbau, mein Stolz und meine Mühsal, das Beste von mir. Was würde ich tun, wenn es sich so verhielt ? Ich hatte keine Abschrift von dem, was schon dastand [...] Was würde ich also tun ? Ich prüfte mich genau, und ich erkannte, daß ich von vorn beginnen würde. Ja, mit tierischer Geduld, mit der Zähigkeit eines tiefstehenden Lebewesens, dem man das wunderliche und komplizierte Werk seines kleinen Scharfsinnes und Fleißes zerstört hat, würde ich nach einem Augenblick der Verwirrung und Ratlosigkeit das Ganze wieder von vorn beginnen, und vielleicht würde es diesmal ein wenig leichter gehen ...“. Der Koffer ist dann doch heil geblieben, aber was hier ironisch im Ton ausgesprochen ist, kann für das ganze werkbezogene Dasein des Dichters gelten – weshalb es denn notwendig erscheint, sich über seine in manchen Zügen heroische Lebensgeschichte hinaus dem Werk zuzuwenden.

(Hermann Kurzke, geb. 1943 in Berlin, ist Professor für Neuere deutsche Literaturgeschichte in Mainz und u.a. Herausgeber der sechsbändigen Ausgabe der Essays Thomas Manns im S.Fischer Verlag.)

Renate Scharffenberg

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